Weiß man denn, ob nicht vielleicht mehr Firmen und Institutionen geschlossen als gegründet werden? Schließungen erfolgen selten über Nacht, sondern erstrecken sich über mehrere finale Stadien. Der Psychoanalytiker Adrian Gaertner hat sie generalisiert, weiß, wie die Betroffenen diesen Prozess erleben und wie sie sich dazu verhalten können.

Zur Psychodynamik sterbender Institutionen

Letale Affären

Von Adrian Gaertner

Natürlich gab es das schon immer, dass Institutionen das Schicksal alles Irdischen ereilt, nämlich unterzugehen, oft nach mehr oder weniger langem Siechtum. Und immer schon gab es Boomphasen im Abwicklungsgeschäft, oft als Reform apostrophiert, so wie jetzt. Parallel zum epochalen Kulturwandel stehen Institutionen auf der Streichliste, sei es, weil sie von smarter Technik oder neuen Verfahren verdrängt werden, sei es, weil sie nicht mehr in den Lebensstil, pardon: Lifestyle, passen, nicht mehr sexy sind. Zeitungssterben, Abschaltung von Kanälen und Sparten beim Radio und Fernsehen, Schließung von Theatern, Orchester, kommunale Einrichtungen, selbst ganze Krankenhäuser stehen auf den Streichlisten. Vielen Gesangs-, Sport- und anderen Vereinen, selbst den berühmten Kaninchenzüchtern geht der Nachwuchs aus. Erst unlängst hat der Intendant des ZDF verkündet, dass Kanäle des ZDF zur Disposition stehen, wobei natürlich der Kulturkanal und Neo, so ziemlich das Beste, was das ZDF zu bieten hat, betroffen sein dürften.

Der Nachwuchs tummelt sich, wie übrigens auch die Eltern, lieber in sozialen Netzwerken, bei Facebook, YouTube und Co., geht bei Zalando, Ebay oder Amazon shoppen, mit dem iPhone als Selbstobjekt und dem Leben in der virtuellen Welt als scheinbar besserem Substitut des Real Life.

Ich bin gebeten worden, aus sozialpsychologischer Perspektive die symptomatischen Prozesse zu skizzieren, wenn Institutionen und ihre Akteure zur Disposition stehen. Theoretisch ließe sich das nur sehr abstrakt vermitteln, deshalb möchte ich die betreffenden Prozesse mit mir an einem Beispiel nachzuvollziehen.

Bei der Institution geht es um eine ganze Hochschule, eine PH, die aufgelöst werden soll. Schön gelegen, in einer süddeutschen Kleinstadt. Lehrerinnen und Lehrer wurden dort von 30 ProfessorInnen und einer Schar wissenschaftlicher Assistenten sowie pädagogischen Anleitern ausgebildet. Die Studenten profitierten vom Engagement der Professoren und dem engen Kontakt zu den Schulen der Umgebung. Außerdem gab es einige interessante Forschungsprojekte und einen regen Austausch von Professoren und Studenten mit Ausbildungsstätten im nahe gelegenen Ausland. Dieses leistungsfähige Bildungsidyll war ein Dorn im Auge des Präsidenten einer großen, benachbarten Universität, in der es weniger gemütlich zuging. Er, ein eher „grauer Herr“, um Michael Ende zu zitieren, wollte die Mittel der kleinen Hochschule, und vor allem einen Teil der Professorenstellen requirieren, um sein Image ein wenig glanzvoller erscheinen zu lassen. Es gab indes noch jemanden, der seine Chance witterte: einen hohen Beamten aus dem zuständigen Ministerium. Er hoffte, sich durch die Abwicklung der Hochschule als Reformer zu profilieren und sich für Höheres zu empfehlen. Er sprach von Synergie und Kosteneffizienz und meinte damit die Einsparungen der Ausgaben für Gebäude, die Entlassung des gesamten Mittelbaus und die Frühpensionierung von Professoren.

Wenn Institutionen abgewickelt werden, gleichgültig, ob Hochschulen, öffentlich-rechtliche Anstalten, Stiftungen oder Unternehmen, ist es analytisch sinnvoll, grundsätzlich zwei Ebenen zu unterscheiden: das administrative Ablaufschema einerseits und die individuelle Ebene andererseits.

Schauen wir uns am Beispiel der Auflösung der Hochschule zunächst das administrative Ablaufschema an. Es verlief in sechs typischen Etappen, die auch in vielen analogen Fällen so oder ähnlich beobachtet werden können – übrigens auch im gewerblichen Bereich, wenn Firmen zur Abwicklung anstehen.

1. Die klandestine Ouvertüre
2. Das Durchsickern von Informationen
3. Die Auflehnung gegen das Schicksal
4. Die paranoide Phase
5. Resignation und beginnende Agonie
6. Die letale Phase

Es ist von entscheidender Bedeutung, sich klar zu machen, dass, abgesehen von der ersten Phase, immer die institutionelle Leistungsfähigkeit unmittelbar betroffen wird, und zwar mit sich steigernder pathogener Intensität. Auf gut Deutsch: Es wird immer verrückter, auf Kosten der jeweiligen Klientel und der Mitarbeiter.

Eingefädelt wurde der Hochschulcoup, von dem später gesagt werden sollte, dass er ökonomisch bedeutungslos gewesen sei, von den beiden bereits genannten Protagonisten und einem weiteren Mitstreiter, einem Professor der betreffenden PH. Sie alle waren Parteifreunde, allerdings mit jeweils sehr privaten Interessen. Der Präsident der nahen Universität wollte ein wenig narzisstischen Glanz, der Staatssekretär strebte ein Ministeramt an, während der Professor der PH an einer hochkarätigen Stelle an der Universität mit eigenem Institut interessiert war. Für alle drei ging die Rechnung auf.

Nun zur institutionellen Auflösungsdynamik am Beispiel der pädagogischen Hochschule. Zunächst erfuhren weder das Rektorat, noch die Gremien, was sich auf der berühmten ’höheren Ebene‘, die zunächst nicht mehr als ein Zirkel von drei Parteifreunden war, zusammenbraute. Später wurde das so legitimiert, dass man keine Beunruhigung säen wollte, und dass ja auch noch nichts entschieden gewesen sei. Eine der üblichen Beschwichtigungslügen. Pikanterweise gelangten erste Informationen durch eine Indiskretion eines Ministerialbeamten gegenüber einem Professor, dieses Mal Parteifreunde der anderen Fraktion, an die betroffene Hochschule.

Die Nachricht wurde zunächst vom Rektorat und dem Kanzler ungläubig registriert und auf Nachfrage beim Ministerium dementiert. Folgerichtig wurde die Nachricht als Gerücht klassifiziert. Es sollte sich herausstellen: Sie war es mitnichten. Andere Hochschulpräsidenten und Rektoren hatten bereits mehr Informationen, so dass die Arglosigkeit in der beschaulichen Pädagogischen Hochschule nicht länger aufrecht zu erhalten war. Die klandestinen Vorarbeiten waren weit gediehen und wurden – mit strategischem Kalkül – in den Semesterferien erstmals offiziell kommuniziert.

Bei Institutionen, die zur Abschaffung ausersehen sind, sind geheime Vorentscheidungen – so meine Erfahrung – generell üblich. Man will ja keine schlafenden Hunde wecken. Die Alternative, entsprechende Ideen frühzeitig zu kommunizieren und kontroverse Diskurse zuzulassen, wird von den Machtkartellen deshalb so gut wie nie in Erwägung gezogen. Transparenz und Diskussionen sind die Feinde der Machtkartelle, die die Fäden ziehen.

Kommen wir zur nächsten Phase, zur „Auflehnung gegen das Schicksal“. Nach Bekanntwerden der Pläne brachen Wellen der Empörung auf allen Ebenen los. Protestversammlungen, Resolutionen, Gespräche mit Landtagsabgeordneten, Pressearbeit, das ganze Repertoire. Natürlich gab es auch Skeptiker, Zyniker und andere Nichtempörte, die schon immer mit irgend etwas gerechnet hatten. Psychoanalytisch spricht man bei den Aktionen der Empörten von „acting out“. Die Funktion des Agierens besteht wesentlich darin, Affekte der Wut, Gefühle der Machtlosigkeit und Entwertung sowie die Demütigungen aktionistisch abzuwehren. Die Auflehnung gegen das Schicksal ist ein verbreitetes Reaktionsmuster, das regelmäßig auch im gewerblichen Bereich, z.B. auch bei Werksschließungen, wie bei Opel in Bochum oder bei Arcelor in Frankreich und Belgien, beobachtet werden kann.

Begleitet wird die Auflehnung von einer gemeinsamen Vorstellung, nämlich der, dass überall bedrohliche Dinge geschehen, die Verantwortlichen in Hochschule und Politik werden unter Generalverdacht gestellt, sie erscheinen als gefährliche Agenten undurchschaubarer Mächte. Psychoanalytisch spricht man von einem paranoiden Modus, der die Institution erfasst hat. Das Misstrauen sickert allmählich auch in die Beziehungen untereinander ein, und es beginnt ein spalterisches Spiel.

Im Falle der Pädagogischen Hochschule traf es den Rektor: Kollegen streuten das Gerücht, dass er bereits seit langem versucht habe, die PH der Universität einzugliedern. Und es gab eine weitere Mutmaßung, nämlich dass der besagte PH-Professor die Zerschlagung der Hochschule mit dem Staatsekretär hinter dem Rücken des Ministers eingefädelt habe. Alles paranoide Ideen, so könnte man denken, aber eben nicht nur. Oft haben paranoide Vorstellungen ein fundamentum in re. Im Fall des Professors passten die Gerüchte, er hat den Coup ja tatsächlich mit den Parteifreunden, dem Staatsekretär und dem Uni-Präsidenten ausgeheckt. Weder der zuständige Minister noch der Ministerpräsident waren zunächst involviert, sie ließen sich aber von Kosteneffizienz und Synergie gerne überzeugen. A propos Paranoia: Der besagte Professor, Mitglied der Regierungspartei und einiger wissenschaftspolitischer Gremien war tatsächlich ein übler Judas, über dessen Machenschaften der „Spiegel“ mehrmals größere Artikel brachte. In der Zeit der Empörung akquirierte dieser Herr zwei Studenten, die kritische Redebeiträge auf den Protestveranstaltungen dokumentieren sollten. Der Lohn für die Spitzeldienste waren Stipendien der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Ganz anders war die Sachlage in Bezug auf den Rektor der Hochschule. In seinem Fall handelte es sich definitiv um üble Nachrede. Er war verständlicherweise von den ehrenrührigen Unterstellungen tief getroffen.

Wenn der Aktivismus in sterbenden Institutionen erfolglos bleibt und die paranoiden Tendenzen das Klima vergiftet haben, stellen sich Resignation und beginnende Agonie ein. Der Protest wird leiser und verwandelt sich schließlich in Klagen und Anklagen. Im Rahmen dieses Klagemodus macht sich eine Art Schicksalsergebenheit breit, eine gemeinsame unbewusste Phantasie, in der die Gegenwart grau und die Zukunft zumeist noch dunkler erlebt wird. Man kann sich leicht vorstellen, dass der depressiv-resignative Modus zu einer Lähmung der Aktivitäten führt: Die institutionellen Aufgaben werden nur noch im Notlaufprogramm wahrgenommen, nicht selten ganz eingestellt. Im Kollegium machen sich Rückzug, innere Kündigung, passiver Widerstand und ähnliches breit.

Damit hat bereits die Agonie der Institution begonnen, und die dissoziativen Prozesse sind in vollem Gange. Am Beispiel unserer Hochschule: In den letzten beiden Semestern wurde zwar ein volles Vorlesungsverzeichnis angeboten, es fanden aber weniger als die Hälfte der angekündigten Vorlesungen und Seminare statt, was erhebliche Probleme für den Studienverlauf der Studenten zur Folge hatte. Die Forschungsprojekte wurden verlagert, Nachfolgeprojekte nicht beantragt.

Und dann die letale Phase: Ausräumen der Dienstzimmer, Tränen bei den einen, Zynismus bei anderen, Schwüre, dass man Kontakt halten werde, Reminiszenzen an alte Zeiten und immer wieder Klagen über die falschen Entscheidungen. In den späten Phasen des Niedergangs perfektionieren die administrativen Funktionsträger bestimmte Fähigkeiten, die ihnen auch vorher schon nicht fremd waren. Sie entwickeln verstärkt protektive Strategien. Damit ist gemeint, dass sie nun große Teile der Arbeitszeit dazu verwenden, Entscheidungen zu vermeiden, eigene Verantwortung abzuwehren und in unvertraulich vertraulichen Gesprächen Schuldzuweisungen, Mythen über den Niedergang und falsche Legitimationen zu streuen.

Interessant ist, dass die Ablaufmuster von den Akteuren zwar irgendwie wahrgenommen werden, nicht aber bewusst gesteuert werden können. Es handelt sich bei den institutionellen Ablaufschemata eben nicht um Prozesse, die es einem möglich machen, sich z. B. dafür zu entscheiden, die Paranoia oder die Resignation einfach mal beiseite zu lassen. Die Ablaufmuster sind gleichsam zwingend, weil sie letztlich auf stabilen, unbewussten Dispositionen der Interaktanten beruhen. Interessant ist weiterhin, dass die in Abwicklung befindlichen Institutionen in der Regel die Muster nacheinander gleichsam abarbeiten: Erst der paranoide Modus, dann der depressive, schließlich die dissoziativen Prozesse. Das unbewusste handlungsleitende und orientierungsrelevante Ablaufmuster wird bereits in der Phase des Durchsickerns von Informationen und Gerüchten, spätestens aber im Aktionismus aktiviert und läuft dann autonom ab.

Es ist nicht verwunderlich, dass das Binnenklima im Prozess des Absterbens von Institutionen erhebliche Auswirkungen auf die Individuen hat. Wir kommen also zur zweiten Ebene und beschäftigen uns kurz und knapp mit dem individuellen Erleben und den psychischen Folgen für die Betroffenen. Unsere individualisierenden, westlichen Denktraditionen verweisen in diesem Zusammenhang gerne darauf, dass jedes Individuum derartige Ereignisse anders erlebt und verarbeitet. Das stimmt und stimmt nicht, schließlich haben wir kulturelle Muster des Erlebens und Verarbeitens internalisiert, außerdem sind wir mit Modellen für psychische Reaktionen identifiziert. Aus diesen Gründen lassen sich individuelle, psychische Prozesse des Erlebens und der Erfahrungsverarbeitung typologisch differenzieren.

Wenden wir uns also dem ersten Typus zu, und zwar den hochidentifizierten Leistungsträgern. Im Fall des Absterbens staatlicher Institution werden sie, wenn sie älter sind, zu Versorgungsfällen, zu etwas, was so in ihrer beruflichen Karriere nicht vorgesehen war. Sie konnten darauf bauen, mit 65 oder 67 ehrenvoll in den Ruhestand verabschiedet zu werden. Die vorzeitige Ausmusterung ist nicht gerade förderlich für die Selbstwertregulation. Ist damit doch die implizite Botschaft verbunden, dass man eigentlich überflüssig war. Oft wird das als eine retrograde Entwertung der gesamten Berufsbiographie erlebt.

Die Jüngeren können sich wenigstens noch wegbewerben, wenn sie erfolgreich sind, ist das ein ehrenvoller Karriereschritt. Wenn sie indes als Unterbringungsfall an die Universität, die die PH kannibalisiert hat, wechseln müssen, ist das peinlich. Der Ruf, ein Unterbringungsfall zu sein, eilt ihnen voraus, und sie werden ihn nicht mehr los. Spürbar wird das, wenn sie sich z. B. bei der Vergabe von wissenschaftlichen Hilfskräften, von Sach- oder Forschungsmitteln ganz hinten anstellen müssen. Das ist nicht nur beschämend, sondern mündet nicht selten in psychosomatischen Krankheitskarrieren. Viele ehemalige Leistungsträger erleben den Niedergang und die Abwicklung ihrer Institution als persönliche Katastrophe, wobei sich häufig eine Parallelität zwischen dem Niedergang der Institution und dem der Person beobachten lässt. Die ehemals hohe Identifikation mit der Gestaltung der Institution setzt sich fort im Miterleiden, in der unbewussten Identifikation mit ihrem Untergang. Diese Identifikation ist ein weitgehend unbewusster Prozess. Die Krankheitskarriere beginnt, ohne dass die Betroffenen sie bewusst beeinflussen können.

Wenn man sich fragt, was genau psychisch untergeht, stößt man auf eine existentielle Dimension. Ein tragender Pfeiler der Persönlichkeit, die berufliche Identität, ist entwertet und wird – gleichsam offiziell – als überflüssig und nutzlos erachtet. Mit dem letalen Ausgang ist ein zentraler, vielleicht der zentrale Bereich des Lebenswerks, das dem Betroffenen Bedeutung und dem Leben Sinn verliehen hat, zerstört. Die Lebensbilanz wird überschattet von der biographischen Degradierung. Interessant ist, dass sich analoge psychische Abläufe nicht nur bei den professoralen Leistungsträgern, sondern auch auf mittlerer und unterer Ebenen abspielen, eben bei allen, die mit ihrer Einrichtung hoch identifiziert sind. Etwas anders verhält es sich bei Leistungsträgern, die sich z. B. in ihre hochbesetzte wissenschaftliche Arbeit zurückziehen können oder noch ein zweites berufliches Engagement haben, z. B. eine Kanzlei, ein Ingenieurbüro, eine Praxis oder ein hochbesetztes Hobby, sie werden von der Degradierung weit weniger betroffen.

Exakt die gleichen Prozesse konnte ich bei Geschäftsführern und Direktoren von Unternehmen beobachten, die im Rahmen von freundlichen oder feindlichen Übernahmen abgewickelt worden sind. Wobei sie, im Unterschied zu Professoren, auch noch den statusrelevanten Titel und die berufliche Absicherung verloren haben. Allerdings kann diese Gruppe mit der Abfindung, so sie hoch genug ist, die Degradierung teilweise kompensieren.

Das häufige Auftreten von psychischen und psychosomatischen Symptomen kann man in einem Syndrom zusammenfassen, das ich als Degradierungssyndrom bezeichne. Gehäuft lassen sich die folgenden Symptomkonstellationen beobachten: Häufig treten zunächst Dysphorie und Gereiztheit in Kombination mit Schlafstörungen und vermindertem Antrieb auf. Verbreitet sind Freudlosigkeit und Rückzugstendenzen, nicht selten auch sexuelle Störungen.

Das Degradierungssyndrom triggert immer, so meine Erfahrung, somatische Symptome, und zwar als Intensivierung von Missempfindungen an den körperlichen Schwachstellen, die man bereits hat. Verbreitet hat man als Betroffener auch den Eindruck, dass man einen Alterungsschub erlebt. In klinisch-diagnostischer Perspektive kann dieser Zustand, je nach Ausprägung, als subdepressiv oder, bei stärkerer Beeinträchtigung der Lebens- und Arbeitsfähigkeit, auch als reaktive, depressive Episode bezeichnen, wobei anzumerken ist, dass Depressionen häufig rezidivieren und zur chronischen Depression werden. Ein relativ weit verbreitetes Folgesymptom des Degradierungssyndroms ist auch das Abgleiten in die Sucht, also Alkoholismus, und/oder Medikamentenmissbrauch, neuerdings auch Computersucht. Es ist unmittelbar einsichtig, dass die Symptombildungen massive Auswirkungen auf das Sozial- und Privatleben haben, Freundschaften zerbrechen, Zerwürfnisse mit Partnern, manchmal Trennung und Scheidung.

Kommen wir nun zu der Frage, wie sich der institutionelle Zusammenbruch auf nicht abgesicherte, jüngere Mitarbeiter auswirkt. Im Fall unserer Hochschule auf den Mittelbau, in anderen Bereichen auf die Leute mit befristeten Verträgen. Hier lassen sich zwei Typen unterscheiden. Die eine Gruppe mobilisiert spontan, bereits in der Auflehnungsphase, Fluchttendenzen nach dem Motto: Ich rette meine Haut, so schnell ich kann. Der Stellenmarkt wird sondiert, Bewerbungen verschickt und vor allem Kontakte aktiviert. Wenn die Jobsuche relativ bald erfolgreich ist und keine Degradierung darstellt, trägt die Flucht zur narzisstischen Stärkung bei, das Gefühl dominiert, das Richtige im richtigen Moment gemacht zu haben.

Aber was geschieht mit denen, die nicht erfolgreich sind. Je länger die Suche dauert, je länger die Liste der Absagen, umso mehr schwinden Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. Es entsteht eine psycho-sozialer Krisenzirkel, der sich auf allen Ebenen bemerkbar macht. Beruflich als Dequalifizierung, im sozialen Leben als Rückzug und Isolation und im Privatleben als Einschränkungen der Beziehungsfähigkeit. Wenn im Frühstadium der Krise keine Umsteuerung, eventuell sogar berufliche Umorientierung, erfolgt, kommt es in vielen, viel zu vielen Fällen zu einer biographischen Fallkurve. In Fall unserer Hochschule endeten einige Assistenten als ewige Projektspringer, mit kurzen Beschäftigungsverhältnissen in Forschungsprojekten und langen Phasen der Arbeitslosigkeit, andere wurden Taxifahrer. Bestenfalls führt eine solche Existenz zu permanent dysphorischen, unzufriedenen Persönlichkeiten, weit häufiger stellen sich aber psychische Erkrankungen ein, vor allem Depressionen mit den oben erwähnten Symptomen, aber auch Sucht, gelegentlich schwere Persönlichkeitsstörungen oder sogar Psychosen. Es versteht sich, dass unter diesen Bedingungen das soziale- und intime Leben zusammenbricht. Natürlich gibt es noch andere typische Gruppen, interessant wären z. B. die Zyniker oder die Verleugner, aber dazu fehlt die Zeit. Stattdessen möchte ich kurz andeuten, was man tun könnte, damit es nicht so weit kommt.

1. Totalidentifikationen mit einer Institution sind immer problematisch, auch wenn sie nicht untergeht. Bei derartigen Identifikationen werden Selbstwert und Selbstbewusstsein, letztlich also die gesamte narzisstische Regulation aus der prekären Abhängigkeit von einem heteronomen System bezogen.

2. Es ist sinnvoll, mindestens eine zweite, hochbesetzte biographische Perspektive zu entwickeln. Sie ist in mehrfacher Hinsicht hilfreich: In stabilen Zeiten erweitert sie das vitale Repertoire, im Falle eines Falles hilft sie, die Identität zu stabilisieren.

3. Wenn maligne institutionelle Entwicklungen sich andeuten, sollte man so schnell wie möglich nach Alternativen suchen und nicht das eingangs skizzierte Ablaufschema durchleiden. Sollte einen die psychische Abwärtsspirale bereits erfasst haben, ist es sinnvoll, frühzeitig therapeutische Hilfe oder intensives Life Coaching aufzusuchen. Alle vier Wochen eine Coaching-Sitzung reicht mit Sicherheit nicht aus, um aus der Krise herauszukommen. Dazu sind die biographischen Zerstörungen, die sterbende Institutionen anrichten können, viel zu groß.

Pioniere der psychoanalytischen Institutionsanalyse:

Bion W. R. (2001): Erfahrungen in Gruppen und andere Schriften, Klett-Cotta

Foulkes S. H., (1992): Gruppenanalytische Psychotherapie. Pfeiffer

Kets de Vries, M. F. R. / Miller, D. (1984): The Neurotic Organization – Diagnosing and Changing Counterproductive Styles of Management, Wiley Verlag

Lapassade G. (1975): Groupes, organisations, institutions, Gauthiers-Villars

Mentzos S., (1984): Interpersonale und institutionalisierte Abwehr, Suhrkamp

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erstellt am 12.8.2013

Abwicklung: »Zeitungssterben, Abschaltung von Kanälen und Sparten beim Radio und Fernsehen, Schließung von Theatern, Orchester, kommunale Einrichtungen, selbst ganze Krankenhäuser stehen auf den Streichlisten.«

Auflehnung: »Wenn der Aktivismus in sterbenden Institutionen erfolglos bleibt und die paranoiden Tendenzen das Klima vergiftet haben, stellen sich Resignation und beginnende Agonie ein. Der Protest wird leiser und verwandelt sich schließlich in Klagen und Anklagen.«

Ablaufschemata: »Interessant ist, dass die Ablaufmuster von den Akteuren zwar irgendwie wahrgenommen werden, nicht aber bewusst gesteuert werden können. Es handelt sich bei den institutionellen Ablaufschemata eben nicht um Prozesse, die es einem möglich machen, sich z. B. dafür zu entscheiden, die Paranoia oder die Resignation einfach mal beiseite zu lassen. Die Ablaufmuster sind gleichsam zwingend, weil sie letztlich auf stabilen, unbewussten Dispositionen der Interaktanten beruhen.«

Biographischen Degradierung: »Das Degradierungssyndrom triggert immer, so meine Erfahrung, somatische Symptome, und zwar als Intensivierung von Missempfindungen an den körperlichen Schwachstellen, die man bereits hat. Verbreitet hat man als Betroffener auch den Eindruck, dass man einen Alterungsschub erlebt.«