Der Briefwechsel zwischen Jacob Taubes und Carl Schmitt erregte die Gemüter. »Geschwätziger Irrtum« war Hans-Martin Lohmanns Besprechung überschrieben. Darin bezeichnete er den Religionswissenschaftler Taubes als Scharlatan, Hochstapler und Intrigant, dessen ›politische Theologie‹ eben ein grandioser, geschwätziger Irrtum und es an der Zeit sei, endlich Schluss damit zu machen. Alexandru Bulucz macht in seiner Replik eine andere Sichtweise geltend.

Entgegnung

Anmerkungen über Jacob Taubes

Eine Erwiderung auf den Beitrag »Geschwätziger Irrtum« von Hans Martin Lohmann.

Von Alexandru Bulucz

Frei von einem Anspruch auf Objektivität soll das Bild von Jacob Taubes, das Hans-Martin Lohmann in seiner Buchbesprechung nachzuzeichnen versucht und dessen Vollständigkeit er beansprucht, ergänzt werden. Noch einmal, anders: Ich erhebe Einspruch gegen Lohmanns Absolutheitsanspruch, den er auf Jacob Taubes‘ wissenschaftliche Tätigkeit erhebt, wenn Lohmann sagt: „es ist an der Zeit, endlich Schluss damit zu machen“. Er scheint, zu glauben, einen Menschen zu kennen, und nicht nur mit diesem, sondern, und das hat gravierende Folgen, auch mit dessen Denken Schluss machen zu können. Wenn es an der Zeit ist, mit etwas Schluss zu machen, dann mit Lohmanns Glauben selbst, was hieße, Schluss zu machen mit jeglichem Schluss, der negiert. Wie soll man Taubes‘ Anfälligkeit für Carl Schmitt verstehen, die eine Anfälligkeit für ein bekanntermaßen weit größeres und allgemeineres Problem ist als dasjenige eines Namens, wenn man sich ihr bereits im Ansatz verschließt. Lohmann hat keine Antwort darauf.

Ich gehe einen Schritt zurück, um meine Parteilichkeit zu erklären. Dabei bedarf es der Hervorhebung derjenigen Prämisse, von der ausgehend Lohmann folgert, Taubes sei „ein Scharlatan, ein Hochstapler und Intrigant“. Sofern ich hier Kritik an Lohmann übe, stehe ich, ob ich es will oder nicht, selbst in dessen Kritik – und ich werde nolens volens von derselben Prämisse ausgehen, wenn ich ihn kritisiere. Lassen wir also lieber einen Unparteilichen diese Prämisse formulieren, der wir, Lohmann und ich, gänzlich zustimmen.

Wer ist dieser Unparteiliche, wenn nicht die Dichtung? Sollte daher nicht sie selbst Richter über diese Auseinandersetzung sein? Da sie sich als Richter außerhalb jeglicher Ordnung von Urteilen befindet und sich nicht entscheidet, wird sie keiner ihrer Interpretationen erlauben, sich absolute Gültigkeit oder Eigentlichkeit zuzuschreiben. Dichtung ist das Außerordentliche, das Souveräne.

Im Falle dieses Streits wird unser Richter ein Gedicht Andrej Wosnessenskijs sein. Es ist nebensächlich, ob Lohmann sich mit den folgenden zwei Versen befasst hat, damit der Versuch gerechtfertigt ist, mit diesen an Taubes‘ Persönlichkeit und Texten etwas zu erschließen. Vielmehr kommt es darauf an, ein gewisses Sensorium für den außerordentlichen Menschen zu schärfen, der Taubes war – und zwar ausdrücklich außerordentlich, denn auch er war ein Dichter. Oder in Lohmanns Worten: „ein Scharlatan, ein Hochstapler und Intrigant“. Wosnessenskij beschreibt Taubes, ohne ihn gekannt haben zu dürfen, wie folgt: „Bin ein Jagdhund, der endlich erfuhr, was es heißt: nur zu laufen, zu laufen.“ „Doch ich suchte die Seele. Ich zerrte daran. Ich vergaß den höflichen Ton.“ Diese Verse sprechen von Taubes‘ ganzer akademischer Laufbahn. Ihnen eingeschrieben ist eine Unruhe, die nichts anderes ist als die Sprache oder die Mehrstimmigkeit eines Dichters, bezeichne man sie nun als polemisch, sarkastisch oder ironisch. Diese Unruhe, die vielleicht das Temperament eines „Judenchristen“ ausmacht, führt zu dem, was Taubes in Bezug auf Klaus Heinrich beklagt: „Das verbindende und verbindliche Wort wird zerstört.“ Muss man noch daran erinnern, dass alle Sprache, zumal die des Dichters, eine ironische Sprache ist, eine, die im Verhältnis zu sich selbst steht?

Man sehe mir folgende Stellungnahme nach, die mit derjenigen Emile Ciorans aus der Festschrift für Jacob Taubes übereinstimmt und die auf der Feststellung Lohmanns fußt, Taubes sei ein „Intrigant“. Sie lautet: „Kann man einen Besucher ertragen, der nach fünf Minuten uns noch immer nicht eine Neu-Entdeckung enthüllt hat, einen unbekannten Autor, oder eine Intrige, eine Geschichte, die ihn oder uns betrifft? Alles ist der Unparteilichkeit vorzuziehen. Die Objektivität ist tödlich! Kein Gleichgültiger soll jemals an meine Tür klopfen! Nur der Leidenschaftliche, den der Humor zügelt, ist ein angenehm willkommener Gast! Das trifft bei Jacob Taubes zu.“ Gewiss, auch Subjektivität ist tödlich, vielleicht ist sie tödlicher als Objektivität, aber in sogenannten postmodernen Gesellschaften, die unter Idealisierungstendenzen leiden, ist sie die Möglichkeit eines schöneren Todes.

Taubes‘ ausdrücklicher Kampf mit dem institutionellen Denken an Universitäten beginnt bereits im Jahre 1963 mit dem Aufsatz Die Intellektuellen und die Universität. Es folgen Das Unbehagen an der Institution (1969), Elite oder Avantgarde? (1982), Inmitten des akademischen Taifuns im Fachbereich ‚Philosophie und Sozialwissenschaften‘ der Freien Universität (1982) und Die ‚Aufhebung der Philosophie‘ – Karriere einer Metapher und einer Gesinnung (1982). In der letztgenannten Arbeit erinnert Taubes an die Zustände an der Freien Universität: „Was wir […] einst bekämpft haben: die Integration der Philosophie in die Sozialwissenschaften“. Mit Ähnlichem hat auch das Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Goethe-Universität zu kämpfen, dem seinerseits seit geraumer Zeit eine Integration in die Germanistik droht. Verkehrte Welt: In beiden Fällen wird ein Institut aufgrund sogenannter objektiver Maßstäbe, d.h. Statistiken, Haushaltsplänen und präsidialen Vorgaben, aufgefordert, sich unterzuordnen. Die unumgängliche Reaktion besteht dann sowohl in der sprachlichen wie auch der institutionellen Desintegration, die leicht zu Hohn und Spott werden können. Aber das Vergessen des institutionellen Tons, oder wie Wosnessenskij es formuliert, das Vergessen des „höflichen Ton[s]“, birgt einen Ernst, der die Suche nach einer „Seele“ der Institution umso stärker akzentuiert und die Abwesenheit der institutionellen „Seele“ umso deutlicher vor Augen führt. Der Ton ist zuweilen schrill und erpresserisch, ja fast schon kriminell, da er sich aufzwingt und bei jeder Gelegenheit wahrgenommen werden will. Er entspringt einem Aufruhr, der sich auf andere überträgt. Wenn dieser Ton sich erschöpft und man klanglos rufen muss, ist man bereits ein „Jagdhund, der endlich erfuhr, was es heißt: nur zu laufen, zu laufen“. Man ist zu einem Hund geworden, der nur noch laufen kann. In Eile, rasend, wird man das Weite suchen müssen. Schnell weg. Dieses Schicksal kennt keine allgemein verbindliche Norm und weiß sich nur der Auflösung verpflichtet. Das ist seine Verbindlichkeit und wohl auch seine größte Schwäche. Diese Schwäche besteht in der Verweigerung eines Wiederaufbaus. Dabei gibt es auch Unternehmungen, die diese Schwäche überwinden. So gründete Jacques Derrida vier Jahre vor Taubes‘ Tod (1987) in der Absicht, jedermanns Recht auf Philosophie zu bewahren, das Collège international de philosophie, das weder auf Staat noch auf Kirche zurückgeführt werden kann. Und hier die Bejahung: Man kann sich konformieren, auch ohne die alten Formen zu produzieren. Anders formuliert: Nur weil man eine alte Bezeichnung für etwas Neues verwendet, heißt es nicht, dass man mit dem alten Inhalt dieser Bezeichnung konform gehen muss.

Aber vielleicht ist das zu voreilig gesprochen, vielleicht lassen sich alte Formen nie ganz auflösen, da sie sich durch einen nahtlosen Übergang im Neuen erhalten. Dann bleibt einem übrig, bis zu seinem eigenen Ableben unhöflich zu bleiben. So muss man wenigstens nicht seine Schwäche zeigen und sich höflich und dezent aus der Affäre ziehen, einer Affäre, an der man doch irgendwie beteiligt war. Und so hatte auch Jacob Taubes vielleicht das Glück, von seinem unhöflichen Ton nicht ablassen zu können. Solche Schicksale müssen um jeden Preis gewürdigt werden.

Deren Verzweiflung findet man an den unscheinbarsten Stellen. Ich zitiere aus der Kurzvita von Jacob Taubes, in der ich ihm das erste Mal begegnete und die dem Anhang zum Sammelbändchen Wer hat Angst vor der Philosophie? beigefügt ist, in dem auch der Aufsatz Die ‚Aufhebung der Philosophie‘ – Karriere einer Metapher und einer Gesinnung zu finden ist. Diese Vita, wie alles bei Taubes, fällt in allen Hinsichten aus dem Rahmen. Die Passage lautet: „Jede Generation teilt sich in die, welche die Glaubenskraft haben, sich täuschen zu lassen (sie meinen die Verwirklichung, also die Aufhebung der Philosophie stehe vor der Tür) und in die, welche die Kraft zur ausdauernden Skepsis haben (sie lassen sich nicht täuschen von den Zeichen der Zeit). Jene sind die besseren, diese die stärkeren Geister bis es einmal umgekehrt sein wird und der Glaube der gläubigen Geister zur Wahrheit und die Skepsis der nur interpretierenden Philosophen zur Lüge wird. Dies Schwert hängt über dem scheinbar gefahrenlosen Leben eines hermeneutischen Philosophieprofessors und nimmt ihm das gute Gewissen in seiner Arbeit.“ Taubes begegnet dem universitären Illusionismus qua Theatralik und Selbstinszenierung, einerseits als Intrigant, anders gesehen als Illusionist, der durch seine unverbindliche und subjektive Tonart den illusorischen Universalismus der Universität entkleidet. Nietzsche hätte Taubes gemocht, denn Taubes war eine Wandlungsfigur, die zwar die Universität an den Pranger stellen konnte, aber gewiss nicht den universalen Geist kompromittierte. Dieser Geist kann zweifellos auch ohne akademische Blässe auskommen. Dass Hans-Martin Lohmann diesen Aspekt leugnet, ist fatal. Um Taubes zum Schluss selbst noch einmal zu Wort kommen zu lassen: „Was als Kritik von Humboldts ‚Einsamkeit und Freiheit‘ begann, fällt nach vorn hinter sich zurück.“

Ins offene Damoklesschwert laufen, davon wissen.

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erstellt am 09.8.2013

Jacob Taubes
Jacob Taubes

»Nietzsche hätte Taubes gemocht, denn Taubes war eine Wandlungsfigur, die zwar die Universität an den Pranger stellen konnte, aber gewiss nicht den universalen Geist kompromittierte.«

Alexandru Bulucz

Briefwechsel Jacob Taubes und Carl Schmitt

Geschwätziger Irrtum

Es war der Rabbiner und Religionswissenschaftler Jacob Taubes, der die ›unmögliche Beziehung‹ zu dem katholischen Antisemiten und Staatsrechtler Carl Schmitt suchte. Aus welchen Motiven dies geschah, ist in ihrem Briefwechsel nachzulesen, den Hans-Martin Lohmann kommentiert.
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