Im Mai 2013 wurde er noch totgesagt: Die Jury, die seine CD »Szenen, Standbilder. Werke 1991-2009« auf die Bestenliste setzte, schrieb – infolge einer Verwechslung – vom »zu früh verstorbenen Komponisten«. Glücklicherweise lebt der heitere Komponist seriöser Musik, Michael Reudenbach, und kann Hans-Klaus Jungheinrichs Besprechung seiner Werke mit eigenen Augen lesen.

cd-kritik

Vexierspiele

Stücke von Michael Reudenbach als skelettierte Hörkunst

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Was bleibt, wenn Musik als ihr akustisches Substrat erscheint, also um all das beschnitten wird, was als „Drumherum“ gilt: das Sichtbare und Atmosphärische einer Aufführung „live“, ihr theatralisches oder performatives Element also, im Verlauf einer kompositorischen Entwicklung weg von jeglichem Akademismus ein sozusagen kompensatorisch Thematisches unter dem Stichwort „instrumentales Theater“ (bei Kagel, Schnebel, Ligeti) oder auch „Secret Theatre“ (bei Harrison Birtwistle)? Die „gesehene“ Musik von Michael Reudenbach würde Theatralisches genug enthalten. Die lediglich (auf Tonträger) gehörte lässt die Auffälligkeiten und Prozesse ihrer Hervorbringung nicht hervortreten, nimmt dabei den Charakter des Reduktionistischen, Asketischen, Skelettuösen erst recht an. Vielleicht steht da durchaus die Idee des „Essentiellen“ im Raum: das Hörbare als das Eigentliche, auf das die unabgelenkte Aufmerksamkeit fokussiert werden sollte. Die CD-Version wäre dann kein Notbehelf, keine bloße Ersatz-Dokumentation eines nicht jederzeit und überall möglichen Aufführungs-Ereignisses (so etwa die generelle ästhetische Einschätzung der Tonkonserven durch Sergiu Celibidache), sondern eine eigene rezeptive Qualität. Sie könnte mit der These fixiert werden, besonders oder erst als CD-Format käme die Musik von Michael Reudenbach zu sich selbst. Zu erleben, wie die Klänge hervorgebracht werden, sei in diesem Fall irrelevant. Sicher eine übertriebene Vermutung, aber dass man sie gerade bei Michael Reudenbach hegt, ist alles andere als ein Zufall. Reudenbach auf CD ist etwas Rätselhaftes, ein keine Ruhe gebendes Vexierspiel.

Celibidache verglich Tonträgermusik, ein wenig verächtlich, mit Fotografie. Die bisher geläufigen Musiksprachen (nennen wir sie, grob vereinfachend, die bis Henze reichende Generalbassmusik) ließen sich verhältnismäßig simpel auf diese Art abbilden. Eine Wagneroper auf CD vermittelt umstandslos den diskursiven musikalischen Werkinhalt. Bei Lachenmann oder Reudenbach ist es komplizierter; hier arrangiert sich das akustische Substrat infolge des Fehlens einer diskursiven „Tonsprachlichkeit“ zu einer neuen ästhetischen Einheit, die mit dem Phänomen der „abstrakten Fotografie“ koinzidiert, also gleichsam einen spezifischen Kunstcharakter annimmt. Auch bei Reudenbach kann sich die Phantasie des Hörers auf das verborgen bleibende Performative erstrecken. Sie wird jedoch, anders als bei Kagel oder Ligeti, nicht eigens dahin gelenkt. Vielleicht auch deshalb, weil der Komponist es auf unterschiedliche Weise unternimmt, instrumentale oder vokale Präsenzen zu verwischen, unkenntlich zu machen. Die beteiligten Instrumente oszillieren zwischen (seltener, manchmal plötzlicher) manifester Epiphanie, sozusagen methodischer Klangverfremdung und knapp am Rande des Verschwindens angesetzter Wahrnehmbarkeit. Zweifellos findet es Reudenbach interessanter, Klangquellen auf raffinierte Weise zu ersticken, als dass er sie zum ungehemmten Sprudeln bringen würde. Zu viel ist Musik immer schon glatt gesprudelt; ihr stockendes und mühsames Realisieren (mehr ein Verhindern) scheint dazu angetan, die Selbstverständlichkeit eines musikalischen Sprechens zu sabotieren. In seinem schönen, klugen, einlässlichen Booklettext beschreibt Raoul Mörchen die Musik Michael Reudenbachs insbesondere unter dem Aspekt des Zweifels. Der Zweifel, ein Begriff, der ebenso wie der (dann allerdings fast allzu prominent gewordene) Zufall lange ein Stiefkind für die künstlerische Reflexion war.

Die vorliegende Doppel-CD-Veröffentlichung präsentiert zwölf zwischen 1991 und 2009 entstandene Werke in (meist zusammen mit Rundfunkanstalten entstandenen) Wiedergaben, die als authentisch zu bezeichnen sind, und berührt die verschiedensten Facetten des Reudenbach’schen Komponierens. Bemerkenswert eine gewisse Konsistenz der Stückformate; mit Dauern zwischen etwa 10 und 15 Minuten bleiben das Aphoristische einerseits, das Epische andererseits so gut wie ausgegrenzt. Dass eine bestimmte „mittlere“ Zeitdauer nötig ist, um eine Typik oder ein Fluidum zu etablieren, war etwa auch an den Stücken von Hespos vielfach zu erfahren, mit deren anarchischem Habitus Reudenbach – trotz durchweg ruhigerer Temperierung – einiges gemeinsam hat. Wenn „Zweifel“ ein Schlüsselwort für Reudenbach ist, dann gilt das besonders für seine Vokalmusik – lediglich zwei der zwölf Stücke arbeiten (auch) mit der menschlichen Stimme, und, obwohl alte Musik als Bezugspunkt herangezogen wird, handelt es sich im „Choral“ (1991) oder in „kommen – überschreibungen“ (2001) um eine nicht nur „instrumentalisierte“, sondern tendenziell zum Verstummen gebrachte Vokalität. Radikaler am virtuosen Vorzeigestück einer wenn auch „ungebräuchlichen“ (Instrumental)-Technik vorbei geht nur – in ungewöhnlicher Kürze – „Mirlitonnades“ für Pikkoloflöte (1991). Demgegenüber ist das Trio 3 für Bassetthorn, Bassklarinette und Klavier (2009) eine klanglich schon fast „kernige“ Pièce, die den „zünftigen“ Instrumentalfarben wieder mehr Raum lässt. Ähnlich aggressive Tönungen in „Ahto“ (2008) und „Stratton“ (2009), zwei neueren Ensemblestücken. Gibt es bei Reudenbach eine allmähliche Wiederkehr der instrumentalen Gegenständlichkeit, des ausgreifend Gestischen? In Werken wie „Szenen, Standbilder“ aus den 1990er Jahren zeigt sich jedenfalls als Konstante eine aufs Plastische, geradezu Skulpturhafte hindeutende Haltung. So diskret und scheu die Klänge Reudenbachs in ihrem Erscheinen und Sich-Entziehen auch anmuten: ein Moment der Festigkeit, Bestimmtheit ist ihnen ebenso eigen. Das Flüchtige hat Halt, das sich Verfestigende bleibt flüssig – Reudenbachs Kunst löst ihre Rätsel und Paradoxa nicht auf.

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erstellt am 07.8.2013

Michael Reudenbach
Szenen, Standbilder – Werke 1991-2009
edition rz, Berlin