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Jean-Philippe Toussaints Romane mit Marie

Wo ist der Anfang, wo ist das Ende?

Von Ruthard Stäblein

Kein Umschlag, kein Klappentext, keine Farben, kein Foto, das auf den Titel aufmerksam machen oder den Autor ausweisen würde. Jean-Philippe Toussaint veröffentlicht seine Romane im französischen Original beim kleinen, aber feinen Verlag „éditions de minuit“, der durch seine zurückhaltende, ja geradezu karge Aufmachung auffällt. Immer nur der gleiche weiße Paperback-Einband mit einem einzigen dunkelblauen Rahmen. Und als Signet ein einziger blauer Stern mit einem angehängten kleinen m. Als ebenso schnörkellos erweist sich auch der Stil zahlreicher Werke aus diesem Verlag von „Mitternacht“: ein sternenklarer „Minimalismus“. Bei „minuit“ erschienen die Werke der beiden französisch schreibenden Nobelpreisträger Samuel Beckett und Claude Simon. Und keine Geringerer als Beckett lobte auch den Erstling von Toussaint, „Das Badezimmer“ von 1985, mit dem Toussaint seinen internationalen Durchbruch erlangte. Der Figaro lobte das „Talent eines wirklich originellen Schriftstellers in Zeiten der Rückkehr zur Tradition“. Die New York Times schrieb: „Dieser düster komische Roman offenbart sich, wie bei einem Traum, bei jeder neuen Lektüre etwas mehr und bleibt doch wunderbar unentzifferbar.“ Und ein italienischer Schriftsteller erkannte im „Badezimmer“ die ‚“Radiographie der Generation der 30-Jährigen von heute, die am weitesten von allen in ihrer Unversöhnlichkeit, Ironie und im Solipsismus geht.“

Inzwischen ist Toussaint zwar etwas älter geworden, aber seinen Tonfall, oder wie man heute sagt, seinen sound, hat er beibehalten. Während andere dicke Wälzer produzieren, und sich dabei bequem der Computertechnik bedienen, bleibt Toussaint bei seinem Format. Seine Romane unterschreiten die Marke von 200 Seiten. Er beschreibt weiterhin die kleinsten Details des Alltagslebens und setzt in dieser Beziehung die Tradition der „école du regard“ fort, wie man den „nouveau roman“ à la Robbe-Grillet auch nannte. Und Toussaint erzählt auch weiterhin in Fragmenten, die in sich geschlossen sind, und die erst der Leser zusammensetzt. Aber von Solipsismus kann längst nicht mehr die Rede sein. Während sich die Hauptfigur im Debütroman noch im „Badezimmer“ oder im Hotelzimmer einschloss, und von Venedig so gut wie nichts sehen konnte oder wollte, treten die Figuren in seinen jüngsten Romanen ein in die globalisierte Welt.

Einige biographische Hinweise:

  • Jean-Philippe Toussaint wird 1957 in Brüssel geboren. Ab 1971 lebt er in Paris. 1978 erhält er sein Diplom am Institut des Sciences Politiques de Paris, ein Jahr später sein DEA (Diplome d'études approfondies) in Neuerer Geschichte an der Sorbonne. Um dem Militärdienst zu entgehen, bewirbt er sich auf eine Stelle als Französischlehrer in Médéa (Algerien), wo er 1982 bis 1984 lebt. Hier lernt er seine Frau kennen. In dieser Zeit schreibt er den Roman Das Badezimmer / La Salle de bain, der erst von fünf oder sechs Verlagen abgelehnt wird, bis das Exemplar seines Manuskriptes, welches er Alain Robbe-Grillet zugeschickt hatte, ein paar Monate später Jérôme Lindon, dem Verleger der éditions de minuit, in die Hände fällt.
    1986 folgt der Roman „Monsieur“. 1987 realisiert er die Verfilmung von „La Salle de bain“. Zwei Jahre später erscheint „Der Photoapparat“ /„L'appareil-photo“, in etwa zeitgleich mit der Verfilmung von „Monsieur“. In Madrid schreibt er den Roman „Der Köder“ / „La Réticence“. Er ensteht in verdunkelten Räumen, gleichzeitig mit dem Versuch endgültig mit dem Rauchen aufzuhören. 1993 wird er vom DAAD für einen einjährigen Aufenthalt nach Berlin eingeladen, wo er den Film „Berlin 10H46“ realisiert und die Arbeit an seinem Roman „Fernsehen“ / „La Télévision“ aufnimmt. 1996 folgt er einer Einladung der Villa Kujoyama nach Kyoto zu einem längeren Aufenthalt.
    Seitdem lebt Toussaint immer wieder in Japan, wo er die größte Resonanz auf seine Bücher findet. Die fernöstliche Suche nach Einfachheit und Leere, Gesten die nur angedeutet werden, passen zum Lebensprogramm seiner Figuren und zum Schreibprogramm des Künstlers Toussaint.
    Daraus entwickelt sich 2000 sein “Reisebuch. Selbstporträt in der Fremde“ / „Autoportrait (à l´ètranger)“. und vor allem ab 2002 die Trilogie über Marie, die jetzt auch auf deutsch in der „Frankfurter Verlagsanstalt“ vorliegt.
    Möglicherweise handelt es sich gar nicht um eine Trilogie, denn bei diesem Autor weiß der Leser nie genau, wo etwas anfängt und wo etwas aufhört. Jedenfalls lohnt sich nach drei Bänden über Marie ein Blick auf das Ensemble.
    Zuerst publiziert Toussaint „Faire l'Amour“, ein Roman der in Frankreich zum Bestseller wird. 2006 gewinnt der Autor mit dem “Prix Médici” einen der wichtigsten Literaturpreise Frankreichs für den zweiten Marie-Roman „Fliehen“ / „Fuir“. Der Abschluss folgt 2009 mit „La Vérité sur Marie“. Soeben auf deutsch unter dem Titel „Die Wahrheit über Marie“ erschienen, wieder übersetzt vom Verleger der „Frankfurter Verlagsanstalt“, Joachim Unseld, der Toussaint von Anfang an die Treue hält.

Die Trilogie – ist es wirklich eine – beginnt mit dem Roman: „Faire l´Amour“ /„Sich lieben“, auf deutsch 2003 in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen.
„Sich lieben“ – der Titel hatte mich damals befremdet. Sich lieben für „faire l´amour“, das führt in die falsche Richtung. Sicher, die wörtliche Übersetzung „Liebe machen“ klingt im Deutschen neckisch. Aber „sich lieben“, dachte ich, hat einen egoistischen Aspekt. Für mich vermittelte sich das Bild eines einsamen Onanisten. Dann, die Überraschung. Das Liebespaar, das in einem Hotel in Tokyo eine längst zerbrochene, verzehrte Liebe noch einmal krampfhaft aufzucken lässt, liebt sich tatsächlich nicht als Paar, sondern als Mann und Frau getrennt, als je Einzelner. Der Erzähler wird sich im Rückblick auf sieben Jahre gescheiterter Liebe dessen bewusst:
„Es schien als vermiede sie sorgsam jeden überflüssigen Kontakt mit meiner Haut, lediglich ihr Geschlecht schien an unserer Umarmung teilzunehmen.“

„Sich lieben“ von Toussaint zeichnet die fortgeschrittene Phase einer „Ent-Liebung“ nach, in der sich der Erzähler mitten in der Tokioter Nacht in einem leeren „health-club“ allein im Weltall fühlt. Diese Ausgangslage – mit dem Hauch existentialistischer Geworfenheit – ist dem Leser von Toussaint vertraut. Aus den Kurzromanen „Das Badezimmer“, „Monsieur“ „Köder“ und „Selbstportrait in der Fremde“. Aber anders als die früheren Hauptfiguren von Toussaint, die sich eine verschlossene Innenwelt aufbauten, aus der sie kaum herauskamen, findet jetzt der Erzähler einen Weg ins Freie. In die Realität der Außenwelt. Dabei hilft ihm zum einen seine Geliebte Marie, eine Pariser Modemacherin, die einen Auftrag in Tokyo hat und den Erzähler mit nach Japan nimmt. Zum anderen sucht der Erzähler von Anfang an den harten Zugriff auf die Wirklichkeit. Er trägt nämlich eine Phiole mit Salzsäure bei sich. In jedem Augenblick könnte er diese Salzsäure aus der Tasche ziehen und so ein Attentat auf jede beliebige Person oder auch nur auf einen Ausschnitt aus der Welt vollziehen. Diese permanente Drohung verleiht dem Text und der Hauptperson eine aggressive Allmacht und bodenlose Verzweiflung, die mich bei diesem Autor überraschte. Dieses Ätzende, Schneidende und Gefährliche der Salzsäure schaffte indessen als Metapher genommen die schnellste Verbindung zwischen der japanischen Umgebung und der Selbstauflösung der Liebe. So konnte Toussaint erstmals, wie ich finde, die Realität scharf fassen, zwischen Innen- und Außenwelt hin- und herspringen, indem er die „kalte Seele“ Japans und die Erkaltung einer Liebe aufeinander bezog. Zur Schlüsselszene wurde der Ausbruch eines Erdbebens in Tokyo, an einem frühen Morgen, den Toussaint in einem drei Seiten langen Satz beschrieb, auf den ein kurzer Satz von zwei Zeilen folgte. Das Beben dauerte etwa fünf Minuten, der erstickte Schrei von Marie, der darauffolgte, war genauso kurz wie der Satz. Eine Atem- und Schnitttechnik, wie man sie aus dem Film kennt.
Das Erdbeben in Tokyo löste die Erschütterung der Liebe aus, das herzzerreisende Ende einer siebenjährigen Beziehung, aber auch die eruptive Lust im Moment der Trennung.
Bewundernswert, wie minutiös Toussaint die Details der Innen- wie der Außenwelt erfasst. Das liegt auch an seiner Japanbegeisterung. Wie dem französischen Semiotiker Roland Barthes sind auch Toussaint die Zeichen Japans, der „Anflug eines Lächelns“ im Umgang mit den modernsten Techniken, vertraut. Im „Reich der Zeichen“ – so der Essay von Roland Barthes – kann ein Fax mit dem Pinsel kalligraphiert werden. Künstlichkeit und Leben werden ununterscheidbar. So weiß auch der Erzähler in einer weiteren Schlüsselszene nicht mehr genau, ob seine Geliebte Marie in einem Museum von Tokyo, in dem ihre Modeentwürfe ausgestellt werden, wirklich auftaucht oder nur virtuell in einem Video erscheint.
„Sich lieben“ ist ein grandios erzähltes Buch mit wechselnden Rhythmen aus komplexen Sätzen und lakonischen Kürzeln, mit einem unterschwelligen Humor, dem „Anflug eines Lächelns“. Es ist die Geschichte über eine „Ent-Liebung“, in der die sexuelle Anziehungskraft noch einmal mit einem exzesshaften Ungestüm ausbricht bis sie sich in Gleichgültigkeit verflüchtigt.
Ist das nun das Ende einer Liebe oder nur eine Momentaufnahme der Erstarrung.

Im zweiten Roman mit Marie und dem Titel „Fliehen“/ „Fuir“ tauchen die Pariser Designerin und der herumschweifende Künstler als Ich-Erzähler wieder auf. Und die Liebe geht den umgekehrten Weg. Eine Fernbeziehung erhält durch eine unvorhersehbare Wende eine geradezu dramatische Nähe. Im ersten Roman führte der Erzähler immer ein Fläschchen Salzsäure bei sich. Jetzt hat er immer ein Handy dabei, das sich als gefährlicher erweist.
Der Plot von „Fliehen“ beginnt wie im Kino. Genre Mafiafilm. Der Ich-Erzähler überreicht am Flughafen von Shanghai einem unbekannten, zwielichtigen Chinesen ein Päckchen seiner Liebhaberin Marie mit Geldscheinen. –Er fährt mit dem Nachtzug nach Peking und kommt auf der Zugtoilette einer smarten Chinesin näher. In diesem Augenblick klingelt sein Handy. Marie teilt ihm mit, dass ihr Vater auf Elba gestorben sei. Marie telefoniert von Paris aus, wo sie gerade den Louvre besucht und soeben die Nachricht ebenfalls über Handy erfahren hat. An dieser Stelle setzt Toussaint fast unmerklich einen literarischen Trick ein. Die Ich-Erzählung geht nahtlos über in die inneren Erlebnisse, die Marie im Louvre macht, zeitgleich mit den Schweißausbrüchen des Ich-Erzählers im Nachtzug nach Peking. Der Leser weiß nicht mehr, wo er dran ist. Spricht er, spricht sie? – Sie müsste es sein, denn man ist gerade in Paris. Er könnte es auch sein, denn er reist gerade in Gedanken nach Paris. Toussaint verschränkt die „Wirklichkeiten“ und Wahrnehmungen seiner Personen. Toussaint dürfte eine der ersten Schriftsteller sein, der die Technik des Handys auf die Kunst des Romans überträgt. En passant, im Vorübergehen, teilen zwei Personen einander mit, was sie gerade im Moment beobachten, erleben, erfahren, sich wünschen, sich vorstellen. Zwei völlig verschiedene Räume – und im Fall von Zugfahrt nach Peking und Flanieren im Louvre: zwei völlig verschiedene Zeitebenen – werden aufeinander bezogen und gleich getaktet. Der Roman „Fliehen“ besticht durch seine Technik der Zeit- und Raumverschiebungen. Vermittelst des Handys wird eine unmögliche Fernliebe verwandelt in eine dramatische Nahliebe. Alles geschieht unmittelbar. Die Entfernung wird aufgehoben. Die Intimität wird gesteigert (wobei Toussaint noch nicht beschreibt, dass diese Szenen der Intimität zur Szene werden, zu einer Bühne mit unbeteiligten Zuhörern, die eine Hälfte des Dialogs miterleben dürfen.)
Toussaint inszeniert eine überraschende Ubiquität seiner Figuren. Sie sind zugleich im Nachtzug nach Peking und tagsüber im Pariser Louvre.

Im dritten Roman mit und über Marie scheint der Titel das Ende des Spuks anzukündigen: „Die Wahrheit über Marie“/„La Vérité sur Marie“ klingt nach einer Absage an all die Täuschungen und Phantasmagorien, die die Ticks und Clicks der neuesten Techniken hervorzaubern können. Die Wahrheit in der Einzahl wird aber schon mit dem ersten Satz des Romans ausgehebelt. „Später, als ich an die dunklen Stunden dieser glutheißen Nacht zurückdachte, wurde mir bewusst, dass wir beide, Marie und ich, damals im gleichen Augenblick, Liebe gemacht hatten, nur nicht miteinander.“
Die Gleichzeitigkeit von Unvereinbarem wird noch dadurch gesteigert, dass der Leser (später) erfährt, die andere oder neue Liebhaberin des Ich-Erzählers heißt ebenfalls Marie. Mit der doppelten Marie wird die Scheinhaftigkeit strapaziert, die Verwirrung komplett. Zugleich beschreibt Toussaint bis ins winzige Detail den Ort des Geschehens, eine Pariser Wohnung mit Blick auf die Statue von Ludwig XIV auf der place des Victoires, mitten im Modeviertel von Paris. Er wechselt wie beim Zoomen mit der Kamera zwischen Schärfe und Unschärfe, Vagem und Präzisem, Fern- und Nahsicht. Wenn der französische Philosoph Jacques Derrida einmal von der „indécidibalité“, von der Unentschlossenheit und Ununterscheidbarkeit gesprochen hat, die den heutigen Menschen charakterisiert, im Gegensatz zu dem Heideggger-Typus der „Entschlossenheit“, so nimmt Jean-Philippe Toussaint dieses Programm auf und wendet es als Romantechnik an. In seinem dritten Roman über Marie bleibt er indessen nicht dem Vagen verhaftet. Im Gegenteil. Er lädt die Personen emotional auf. Eifersucht und Todeskampf wechseln einander ab. Es kommt zu dramatischen Szene, ja zur klassischen Klimax, wenn etwa eine Figur auf dem Tokioter Flughafen mit bloßer Hand ein fliehendes Rassepferd einfängt. Und es gibt auch ein wirkliches Ende. Aber das soll nicht verraten werden. Es ist in jedem Fall nicht die letzte Wahrheit über Marie. Denn der Autor hat schon mündlich bekundet, dass er weiter schreiben will an dieser Marie.

erstellt am 02.11.2010

Jean-Philippe Toussaint
Jean-Philippe Toussaint, fotografiert von Andrea Pollmeier