Luke Pearson erschien – zumindest für alle Beobachter außerhalb des Vereinten Königreichs – aus dem Nichts auf der internationalen Comic-Bühne und wurde sofort in diesem Jahr für die Eisner Awards, die Oscars der Comicbranche, nominiert. Er erhielt zwar keinen der begehrten Preise, aber bereits die Nominierung zollt dem Talent des 25-Jährigen Tribut. Zu dieser Ehre verhalf ihm Hilda. Sie ist ein kleines Mädchen mit blauen Haaren und großen Schuhen und die Heldin einer Serie von Comic-Bänden, die in ihrer Heimat demnächst vier Bände umfasst. Luke Pearson zeichnet und illustriert auch andere Geschichten, doch seine kleine Heldin trat den Siegeszug an. Nicht nur in Deutschland beim Berliner Verlag Reprodukt, sondern auch im europäischen Mutterland des Comics, Frankreich. Dem Charme von Hilda entziehen sich weder Erwachsene noch Kinder. Dessen sind sich unter anderem die Frankfurter Allgemeine, der Spiegel und die Süddeutsche einig. Luke Pearson bleibt währenddessen bescheiden.

Interview mit Luke Pearson

»Ich zeichne gerne und ich erzähle gerne Geschichten«

Das Gespräch führte Thomas Scholz

Thomas Scholz: Luke Pearson, warum machen Sie Comics?

Luke Pearson: Wie die meisten Comic-Künstler habe ich schon immer gezeichnet. Also studierte ich nach der Schule Illustration an der Loughborough Universität. Natürlich habe ich auch schon als Kind Comics gelesen. Zwar nicht tonnenweise, aber so viele, dass ich schon damals Comiczeichner werden wollte. Seitdem ich 2010 mein Studium abgeschlossen habe, arbeite ich zwar die Hälfte der Zeit als Illustrator, aber irgendwo zwischen Universität und Berufsleben wurde mir klar, dass ich wirklich Comics machen kann. Also tue ich es.

Was fasziniert Sie derart am Medium „Comic“?

Ganz einfach gesagt: Ich zeichne gerne und ich erzähle gerne Geschichten. Im Comic kann ich gleichzeitig Zeichner und Autor sein. Dabei habe ich mir nie abstrakte Gedanken über „Storytelling“ gemacht. Wenn Sie Comics machen, wie ich es tue, passiert die Geschichte einfach.

Schreiben als unreflektierter Prozess?

Schon als Kind habe ich mir unzählige Geschichten ausgedacht. Es wäre mir nie im Traum eingefallen, dass ich dabei „schreibe“. Mittlerweile ist mir bewusst geworden, dass mir dieses Schreiben sehr wichtig ist. Nicht so sehr das Script eines Comics, sondern die Konsistenz meiner Erzählung. Ich will, dass sich alle Elemente nahtlos ineinander fügen. Diese Art zu Arbeiten ist für mich ein einzigartiger Schöpfungsakt, der sich bis zum Schluss zieht. Änderungen in letzter Minute gibt es daher bei mir immer wieder.

So auch bei „Hilda“?

Hilda hat eine ganz eigene Entstehungsgeschichte. Es gab zuerst den Entwurf des Charakters, aber keine Geschichte. Die habe ich mir erst überlegt, als ich gefragt wurde, ob es eine gibt. Dann kam eins zum anderen. Die Welt, in der Hilda zu Hause ist, ging mir sehr leicht von der Hand.

Diese Welt ist eine fantastische: Riesen, unsichtbare winzige Feen, flauschige Wolkenwesen, die nachts den Himmel durchwandern. Beim Lesen fühlte ich mich unweigerlich an die skandinavische Sagenwelt erinnert.

Viele Menschen sehen es so, aber das war nicht meine Absicht. Ich komme mir deswegen manchmal wie ein Betrüger vor, der sich an fremdem Material bedient. Aber die Geschichte geht eigentlich so: Auf einem Urlaubstrip habe ich vor Jahren Norwegen mit dem Schiff bereist. Die majestätische, wilde Landschaft hat mich beeindruckt und zu Geschichten angeregt. An der Universität sollten wir dann kurz darauf eine Landkarte illustrieren, und ich bekam Island zugeteilt. Also habe ich die Karte mit den Motiven der dortigen Märchen illustriert – immer noch unter dem visuellen Einfluss Norwegens. Vieles davon hat später seinen Weg in die Welt von Hilda gefunden. Aber besonders skandinavisch sollte sie eigentlich nicht sein. Dafür habe ich viel zu wenig Ahnung vom Land und den Menschen dort.

„Hilda“ wird als neuer Stern am All-Ages-Himmel angepriesen, nicht nur in Deutschland. Für welche Leser haben Sie sie denn geschrieben?

Mir schien „all age“ der nahe liegendste Weg, nachdem ich meine ersten Zeichnungen betrachtet habe. Die ersten Bilder zeigen sie in einer Stadt voller Monster, da lag eine Kindergeschichte nahe. Ich wollte aber nie Geschichten ausschließlich für Kinder schreiben. Also habe ich sie so verfasst, wie ich Kindergeschichten für richtig halte: Thematisch habe ich nichts eingebracht, was einen kindlichen Horizont übersteigt und habe sehr konsistent erzählt. Wäre der Comic allein für Erwachsene gewesen, hätte ich der Konsistenz weniger Aufmerksamkeit gewidmet.

Und trotzdem lesen viele Erwachsene die Bücher.

Noch besteht die Mehrheit der Leser aus Erwachsenen. Mein Verlag Nobrow Press im Vereinigten Königreich ist ein Independent Publisher, dessen sonstiges Programm sich eher an ein erwachsenes Publikum richtet. Aber es wird bald ein neues Imprint (Flying Eye Books, die Red.) geben, durch das Hilda ihren Weg in die Kinderbuchhandlungen finden soll. Denn im vergangenen Jahr war ich beim British Comic Award in der Kategorie „Kindercomic“ nominiert. Abgestimmt haben die Kinder – und ich habe gewonnen. Das hat mir gezeigt, dass die Kids das Buch mögen. Es fühlt sich an, als habe ich etwas richtig gemacht.

Den Kindern gefällt ihre blauhaarige Heldin mit den großen Schuhen. Was macht Hilda so spannend für Sie?

Sie ist aufgeschlossen, furchtlos, naiv, gerecht und ehrlich. Sie stellt Dinge in Frage. In vielen Situationen verhält sie sich so, wie ich mich gerne verhalten würde, wenn ich mich nicht durch eine Million dürftige Gründe abhalten ließe. Dadurch ist sie ein gutes Vehikel, um die Welt zu erkunden, in der sie lebt.

Gibt es bei einer derart idealen Protagonistin noch Möglichkeiten der Entwicklung? In Großbritannien gibt es ja bereits drei Bände, weitere sind in Planung – wo ist Ihr Spielraum?

Hilda ändert sich unglaublich, von Band zu Band. Und das schlägt sich auch in den Zeichnungen nieder. In „Hilda und der Mitternachtsriese“ – Band 2, der in Deutschland als erstes erschien – wurde sie im Vergleich zu Band 1 sichtbar älter. Sie bekam Sommersprossen, ihre Schuhe wurden größer. Und plötzlich verhielt sie sich auch reifer. Mir gefiel sie so aber weniger gut, also habe ich die Änderungen im dritten Band rückgängig gemacht. Hier erscheint sie wieder etwas jünger, mehr wie im ersten Band. Das hat etwas mit meinem Lernprozess als Zeichner zu tun, aber auch mit meinen Absichten als Autor. „Hilda und der Mitternachtsriese“ richtet sich stärker an Erwachsene, während die dritte Geschichte weniger bewusst dieses Ziel verfolgt.

Irritieren diese Veränderungen nicht beim Lesen?

Von Anfang an wollte ich, dass jeder Band für sich steht. Am Ende von „Hilda und der Mitternachtsriese“ wird ihr Wohnhaus zertrümmert – ganz absichtlich. Ein Kapitel ist zu Ende. Als Leser fand ich es selbst immer frustrierend, wenn ich eine Geschichte nicht zu Ende lesen konnte, weil sie noch im Entstehen begriffen war. Das wollte ich vermeiden.

Hilda ist das Kind einer modernen Gesellschaft. Sie wächst ohne Vater auf…

… und niemand erwähnt jemals, wo er steckt. Ja. Ich wollte nicht, dass die Patchworkfamilie ein besonderes Thema ist. Sie ist ein kleines Mädchen, hat blaue Haare, sehr große Schuhe, wächst ohne Vater auf – und offensichtlich wird sie so von den Lesern akzeptiert. Zumindest hoffe ich das.

Thomas Scholz

Siehe unser Schwerpunkt GRAPHIC NOVEL

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erstellt am 06.8.2013

Luke Pearson
Hilda und der Mitternachtsriese
Aus dem Englischen von Matthias Wieland
Hardcover, 44 Seiten, farbig
ISBN 978-3-943143-57-7
Reprodukt Verlag, Berlin

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Band 1 der Serie, “Hildafolk”, erscheint als “Hilda und der Troll” im kommenden Herbst bei Reprodukt. Auf Englisch ist bereits der dritte Band, “Hilda and The Bird Parade”, vom britischen Verlag Nobrow erhältlich.

Abb. aus: “Hildafolk”

Abb. aus: “Hilda and the Midnight Giant”

Abb. aus: “Hilda and the Bird Parade”