Etymologie

Unser heutiger Wortschatz besteht zu großen Teilen aus Wörtern, die vor langer oder kürzerer Zeit aus anderen Sprachen übernommen worden sind. Warum und wie sich die Bedeutung dieser Wörtern wandelt, erzählt der Sprachwissenschaftler Gerhard Stickel in kleinen etymologische Anekdoten.

etymologie

Fisimatenten und andere etymologische Kuriositäten

Von Gerhard Stickel

Um es gleich zu sagen: Die Herkunft von Fisimatenten ist bis heute nicht restlos geklärt. Schön ist immer noch die verbreitete Legende, nach der Fisimatenten auf Visitez ma tent zurückgeht, mit dem französische Revolutionssoldaten Mainzer Mädchen in ihr Zelt einluden oder, eine Legendenvariante, nach der es eine Ausrede war, mit der sich ein solcher Soldat bei seinem Offizier verabschiedete, um seine Tante zu besuchen (visiter ma tante). Beides ist hübsch ausgedacht, stimmt aber nicht. Der Ausdruck visemetent ist schon Ende des 15. Jahrhunderts belegt. Eine wahrscheinlichere Deutung ist, dass Fisimatenten auf eine alte kanzleisprachliche Wendung zurückgeht, nämlich visae patentes literae (= 'ordnungsgemäß ausgestelltes Patent oder Privileg'). Mit der Ausstellung war eine umständliche bürokratische Prozedur verbunden. Die lateinische Wendung ist möglicherweise im Volksmund mit visament (=Zierrat) vermengt worden. visament bezeichnet im spätmittelalterlichen Deutsch unter anderem einen bedeutungslosen Zierrat an einem Wappen. Diese Kombination würde die heutige Verwendung von Fisimatenten als Kritik an umständlichem Verhalten oder Ausflüchten plausibel erscheinen lassen. Doch ist auch die Herleitung von Fisimatenten aus visae patentes und visament nicht gesichert.

Aber auch andere Wörter, die alltäglich gebraucht werden, haben eine unklare Herkunft. Kaputt zum Beispiel. Dieses Wort hat auch in anderen europäischen Sprachen Karriere gemacht, so im Englischen, Polnischen, Italienischen und Niederländischen, wo es besonders seit dem letzten Weltkrieg populär geworden ist (Hitler kaputt!). Kaputt stammt aus der Soldatensprache. Es wurde wahrscheinlich schon im 30-jährigen Krieg aus dem Französischen entlehnt, wo faire capot, être capot im Kartenspiel über jemanden gesagt wurde, der ohne Stich geblieben ist, also verloren hat. capot wiederum wird auf das Verb capoter ('kentern') zurückgeführt, das heute noch die Bedeutung 'sich überschlagen' hat. Es gibt noch andere Herkunftsdeutungen, nach denen kaputt auf jiddisch kapores ('entzwei, tot') zurückgeht, das wiederum von hebräisch kapparah ('Sühneopfer') abgeleitet ist. Auch ein mittellateinisches caput esse ('unbrauchbar sein') wird als Vorform angenommen. Mir erscheint aber die Herleitung aus dem französischen faire capot als plausibler.

Noch immer gesucht wird auch nach der 'wahren' Herkunft von Kokolores zur Bezeichnung von Unsinn, Unfug oder dummem Geschwätz. Zu den Hypothesen, die in verschiedenen Wörterbüchern (Kluge, Duden, Röhrich) angeboten werden, gehört die Herleitung aus mittelniederdeutsch gokeler (Gaukler), gokelare (Gauklerei). Es wird auch in Verbindung zu einem pseudolateinischen cockalorum gebracht. Darin steckt das englische Wort cock. Im „Illustrierten Wörterbuch der deutschen Umgangssprache” von Heinz Küppers wird vermutet, dass Kokolores ironisch auf die Wendung per omnia saecula saeculorum aus der lateinischen Messe anspielt. Besonders abwegig ist die in Wiktionary im Internet angebotene Herleitung aus der Berliner Drogenszene der 30er Jahre, wo man den Redefluss nach Kokaingenuss als Kokolores bezeichnet haben soll. Das hat man vielleicht sogar gesagt, ist aber etymologisch zu kurz gesprungen, weil das Wort schon im 17. Jahrhundert belegt ist. Kurzum, an der Etymologie von Kokolores ist noch zu arbeiten.

Auch die Herkunft von palletti in der Wendung alles palletti ist nicht oder nur ungenau bekannt. Versuche, palletti aus dem Italienischen oder Hebräischen herzuleiten, haben nicht überzeugt. Unklar ist auch die Herkunft von etepetete, in der Bedeutung von 'geziert, zimperlich'. Der Versuch, dieses Wort auf französisches être peut-être ('vielleicht') zurückzuführen, ist nicht einleuchtend. Die Bedeutungen von etepetete, also 'übertrieben vornehm, empfindsam' und peut-être , 'vielleicht' liegen einfach zu weit auseinander. Möglicherweise geht es auf eine spielerische Verdopplung des niederdeutschen öte / ēte mit der Bedeutung 'geziert, überfein' zurück. Der Etymologe Wolfgang Pfeifer sieht es auch in Verbindung mit sinnlosen Spielwörtern wie ötepetöte und etepetete in alten Kinderreimen.

Etwas weniger dunkel ist die Herkunft von Pumpernickel, also der Bezeichnung für besonders dunkles Roggenschrotbrot, eine Spezialität meiner westfälischen Heimat. Auch zu diesem Wort gibt es unter anderem eine abenteuerliche historische Deutung. Danach soll Pumpernickel auf den Ausspruch eines verwöhnten französischen Reiters der Napoleonszeit zurückgehen. Der soll nach dem Genuss dieses schweren Brots gemeint haben, das sei nur bon pour Nickel, nur gut für Napoleons Pferd mit Namen Nickel. Dass Napoleon ein Pferd mit diesem Namen hatte, ist aber nicht belegt. Sein Lieblingspferd hieß Marengo. Wahrscheinlich ist die Geschichte von Pumpernickel viel schlichter. Pumper ist eine regionale Bezeichnung für Flatulenz, und Nickel ist ähnlich wie Klaus eine Kurzform des Namen Nikolaus. So könnte man also Pumpernickel mit Furzklaus übersetzen. Noch im 17. Jahrhundert ist Pumpernickel belegt als Schimpfwort für einen groben Menschen. Später wurde es dann auf das grobe schwarze Brot übertragen, vielleicht wegen dessen blähender Wirkung. Es gibt noch weitere Deutungen, auf die ich aber nicht weiter eingehen möchte.

Der Zweig der Sprachwissenschaft, der sich mit der Geschichte von Wörtern befasst, heißt Etymologie. Um auch gleich die Etymologie dieses Wortes anzugeben: Es wurde etwa im 16. Jahrhundert aus dem griechisch-lateinischen etymologia übernommen. Im Griechischen hat etymos die Bedeutung wirklich, wahr. -logie verweist auf das griechische logos, also 'Wort'. Und so hat man unter Etymologie die Suche nach der wahren Bedeutung von Wörtern verstanden. Heute bezeichnen wir damit die Herkunft von Bedeutung und Form von Wörtern und deren Erforschung. Wir glauben damit aber nicht, die wahre oder eigentliche oder gar ursprüngliche Bedeutung eines Wortes in seiner Geschichte finden zu können, sondern nur seine frühere. Ich selbst bin gar kein Experte in Etymologie. Ich habe mich nur hin und wieder damit befasst; denn zu den besonders häufigen Anfragen beim Institut für Deutsche Sprache in Mannheim gehört die Frage, was ein bestimmtes Wort eigentlich bedeutet, wobei mit „eigentlich” meist die Bedeutung gemeint ist, die das betreffende Wort früher einmal tatsächlich oder vermutlich gehabt hat. Linguisten reagieren auf solche Fragen gern lakonisch mit der Auskunft, dass das Wort eigentlich genau die Bedeutung hat, mit der es heutzutage verwendet wird. Und die lässt sich aus der Geschichte des Wortes oft gar nicht herleiten. Wir halten es lieber mit Ludwig Wittgenstein, der in seinen „Philosophischen Untersuchungen” schrieb: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.” Und das bezieht sich nicht auf einen früheren, sondern den heutigen Sprachgebrauch. Wir sagen auch: Etymologie ist die Wissenschaft von den Bedeutungen, die die Wörter nicht mehr haben.

Die Untersuchung der Herkunft von Wörtern ist damit nicht nutzlos. Der Wandel von Form und Bedeutung von Wörtern neben ihrer relativen Konstanz macht die Geschichtlichkeit der Sprache besonders deutlich. Sprach- und kulturgeschichtlich ist es durchaus wichtig zu wissen, dass viele Wörter, die wir heute benutzen, aus anderen Sprachen übernommen worden sind. Und damit meine ich nicht nur die vielen Anglizismen, also die Entlehnungen aus dem britischen oder amerikanischen Englisch, von denen manche uns heute auch ärgern. Schon immer waren die Sprecher und Schreiber des Deutschen gegenüber anderen Sprachen sehr gastfreundlich. Wörter wie Fenster, Pforte, Markt, Straße, Spiegel, Keller, Mauer, Wein und andere, die auf die lateinischen Wörter fenestra, porta, mercatus, via strata, speculum, cellarium, murus, vinum zurückgehen, lassen unter anderem den zivilisatorischen Einfluss erkennen, den das alte Rom auf unsere germanischen Vorfahren hatte. Ähnliches gilt für die Gräzismen, die Entlehnungen aus dem Griechischen wie zum Beispiel Alphabet, Charakter, Dialog, Energie, Grammatik, Organ, Technik und manche andere, die zum Teil über das Lateinische ins Deutsche übermittelt worden sind. Viele solcher Wörter haben aber trotz ihres lateinischen oder griechischen Aussehens nur eine relativ kurze Geschichte. Sie sind erst in neuerer Zeit von Gelehrten oder Technikern gemacht worden. Ein Automobil zum Beispiel hat es weder im alten Griechenland noch im alten Rom gegeben. Es ist eine verkürzte Zusammensetzung aus griechisch autós ('selbst') und lateinisch mobilis ('beweglich'). Ins Deutsche ist Automobil aus dem Französischen übernommen worden, wo es im 19. Jahrhundert neu gebildet worden ist. Ähnliches gilt für viele moderne Latinismen und Gräzismen, die es in den alten Sprachen nicht gegeben hat, wie Astronaut, Telegraf und Telefon. Ziemlich neu sind zum Beispiel auch Telematik und Telekratie. Bei ihnen nach der eigentlichen Bedeutung im Lateinischen oder Altgriechischen zu fragen, hätte wenig Sinn. Viele dieser Wörter bezeichnen wir auch als Internationalismen, das heißt, es gibt sie in ähnlicher Form und Bedeutung auch in anderen Sprachen.

So besteht unser heutiger Wortschatz zu großen Teilen aus Wörtern, die vor langer oder kürzerer Zeit aus anderen Sprachen übernommen worden sind, viele mit Bedeutungen, die sie in den Gebersprachen haben. Manche haben aber im Deutschen eine andere oder engere Bedeutung erhalten. Ein geradezu klassisches Beispiel ist die Serviette, mit der im Deutschen ein Mundtuch bezeichnet wird, im Französischen aber ein Handtuch oder eine Aktentasche. Ein weiteres Beispiel für eine kuriose Entlehnung aus dem Französischen ist das Adjektiv rasant. Das Wort ist tatsächlich im 18. Jahrhundert aus französisch rasant ins Deutsche gelangt, aber als Fachwort der Ballistik zur Bezeichnung der flachen Flugbahn bestimmter Artilleriegeschosse. Im 19. Jahrhundert wurde es in Zusammenhang mit dem deutschen Verb rasen gesehen und bedeutet seitdem 'sehr schnell, schnittig'. Mit der Artillerie hat es aber im heutigen Deutsch nichts mehr zu tun.

Ein modernes Beispiel ist Handy, von dem oft behauptet wird, dass es diesen Ausdruck im Englischen gar nicht gebe. Das englische Wort handy gibt es schon, aber ohne Beziehung zu einem mobilen Telefon. Es ist ein Adjektiv mit der Bedeutung 'praktisch, geschickt'. Übrigens hat es in Deutschland ein Handy schon in der Vorkriegszeit gegeben, und zwar als Warenname für eine Taschenlampe der Firma Daimon. Handy hat wie viele andere moderne Werbewörter einen schicken englischen Klang und erinnert zudem an das deutsche Wort handlich.

Ein Beispiel für eine Bedeutungsverengung ist der Computer. Wir bezeichnen damit lediglich eine programmgesteuerte Rechenanlage. Im Englischen kann aber auch ein rechnender Mensch, einer, der rechnet, ein computer sein, in einer sehr speziellen Lesart sogar jemand, der Berechnungen für die Kartographie macht. Das deutsche Wort Rechner mit seiner menschlichen und maschinellen Lesart kommt deshalb dem englischen computer semantisch näher als der deutsch gewordene Computer.

Wenn es um die Bereicherung des deutschen Wortschatzes aus anderen Sprachen geht, denkt man neben den Entlehnungen aus den alten Sprachen besonders an die aus dem Französischen und Englischen, aber auch an die aus dem Italienischen. Dies unter anderem wegen des Wortschatzes der Musik, aber auch wegen der heutigen Gastronomie. Pizza ist ja längst ein deutsches Wort, wenn es auch noch Unsicherheiten in der Pluralbildung gibt. Neben zwei Pizzas, hört man auch zwei Pizzen. Eine Pluralform zwei Pizze nach italienisch due pizze ist aber ungebräuchlich. Deutsche Etymologen mag es trösten, dass auch die Etymologie von pizza im Italienischen nicht geklärt ist. Zu den verschiedenen Hypothesen gehört die Herleitung aus einem erschlossenen langobardischen Wort, das dem althochdeutschen bizzo oder pizzo „Bissen, Happen“ entspricht. Damit hätte die Pizza vielleicht sogar einen germanischen Hintergrund, was Neapolitaner aber sicherlich nicht glauben würden.

Weniger bekannt ist die Herkunft mancher deutscher Wörter aus dem Jiddischen und Hebräischen. Kurios ist zum Beispiel das Wort Pleitegeier in Wendungen wie Über dieser Firma kreist schon der Pleitegeier, womit auf den drohenden Bankrott der betreffenden Firma angespielt wird. Mit dieser heutigen Bedeutung wird das Wort manchmal auch ironisch auf die Pfandsiegel angewendet, auf denen ein Bundesadler abgebildet ist. Seiner Herkunft nach hat aber der -geier in Pleitegeier gar nichts mit einem aasfressenden Vogel zu tun, sondern geht auf die jiddische Entsprechung von -geher zurück. Pleite kommt vom hebräischen pelejtá, mit der Bedeutung 'Flucht'. Ein Pleitegeier war also früher einmal jemand, der Pleite geht und der vielleicht aus Geldnot flüchten muss. Zum Verständnis des heutigen Wortgebrauchs hilft diese etymologische Herleitung nicht. Es ist lediglich ein Beispiel für viele andere deutsche Wörter, die aus dem Jiddischen übernommen sind so wie Ganove, Kaff, Knast, mies, Macke, Maloche, Schlamassel, Reibach, zocken, auch Hals- und Beinbruch (< hebr. hazlóche un bróche = 'Glück und Segen') und andere. Ich könnte deren Herleitung freilich nicht aus dem Stand angeben, zumal die entsprechenden jiddischen Wörter meist auch auf hebräische zurückgehen. Interessant ist, dass manche dieser Jiddismen heutzutage wieder gebräuchlicher werden, und zwar oft, ohne dass die Sprecher ihre Herkunft kennen. Sie waren ja schon vor dem Dritten Reich und erst recht währenddessen als „undeutsch” verpönt, dies auch unter dem Einfluss mancher Germanisten (wie Alfred Götze). Darauf will ich aber nicht weiter eingehen. Die Sprachpolitik im Dritten Reich wäre wie auch die der DDR ein Thema für einen anderen Artikel.

Interessant ist die Etymologie nicht nur von Wörtern, die ganz oder in Teilen erkennbar aus anderen Sprachen entlehnt sind. Vielen Wörtern, die für Sprachpuristen ein germanisches Gütesiegel zu haben scheinen, ist ihre Herkunft nicht ohne weiteres anzusehen. Manches, was recht deutsch klingt und aussieht, erweist sich dann doch als irgendwann einmal aus anderen Sprachen entlehnt. So zum Beispiel Gurke und Grenze, die beide westslawischen Ursprungs sind, aus ogurek (polnisch ogórek) und granica, das im Slawischen früher ein Grenzzeichen bedeutete. Um zu nachweislich Germanischem zu kommen, zwei entsprechende Beispiele. Dass das einfache Wort Messer auf eine Wortzusammensetzung zurückgeht, ist heute nicht mehr zu vermuten. Es ist aus dem althochdeutschen Kompositum mezzisahs entstanden. Mezzi ist verwandt mit Mast und engl. meat und bedeutete 'Speise' und sahs 'Schwert'. Ein Messer wurde also im Mittelalter als eine Art Speiseschwert gesehen. Um ihre gelegentliche Nutzung als Waffen zu verhindern, wurden Jahrhunderte später Messer für den Tischgebrauch mit abgerundeter Spitze eingeführt. Das geschah meines Wissens unter französischem Einfluss, gehört aber nicht zur Etymologie.

Das zurzeit wieder akute Wort Urlaub hatte in alter Zeit noch nichts mit arbeitsfreier Zeit oder gar einer Ferienreise zu tun. Es hängt historisch mit dem Verb erlauben zusammen und bezeichnete im Mittelalter als urloup eine Erlaubnis, sich zu entfernen, die etwa ein Fürst oder eine edle Dame einem Ritter gewährte. Urlaub konnte man früher also nicht nehmen, er wurde gewährt oder auch verweigert. Einen tariflichen Anspruch gab es nicht. Urlaub ist also ein interessantes Beispiel für den Wandel einer Wortbedeutung, die durch die Arbeiterbewegung bewirkt worden ist und dessen Denotat heute unter anderem in Tarifverhandlungen präzisiert wird.

Zu meinen Lieblingsbeispielen für die neuere Geschichte einer Wort form, also nicht der Bedeutung, gehört das Adverb nichtsdestotrotz. Ich lasse die etwas komplizierte Geschichte seiner Teilwörter nichts, desto und trotz beiseite. Bemerkenswert finde ich den häufigen, meist unironischen Gebrauch von nichtsdestotrotz in Fällen, wo es ein schlichtes trotzdem auch tun würde: in Zeitungsartikeln etwa oder Seminararbeiten. Studenten, die ich dazu befragt habe, meinten, nichtsdestotrotz sei eben etwas gehobener als trotzdem. Dies wäre also dem Gebrauch von Problematik und Thematik vergleichbar, wo Problem und Thema ausreichten. Das Besondere an nichtsdestotrotz ist seine unrühmliche Vergangenheit. Es ist eine spaßhafte Wortbildung, ein so genanntes Kofferwort aus nichtsdestoweniger und trotzdem. Es ist im 19. Jahrhundert in der Studentensprache entstanden ähnlich wie das nicht mehr gebräuchliche studentische Scherzwort selbstverfreilich. Vermutlich wurde es zunächst in der Berliner Umgangssprache verbreitet. Dort ist es jedenfalls seit Ende des 19. Jahrhunderts belegt. In der heutigen Standardsprache hat nichtsdestotrotz fraglos Karriere gemacht. Kofferwörter sind verkürzende Mischbildungen aus zwei oder mehr Wörtern wie z.B. Demokratur aus Demokratie und Diktatur, Jein aus Ja und Nein, Teuro aus teuer und Euro oder Bionik aus Biologie und Technik. Als spaßhaftes Kofferwort wird gelegentlich der Opernstecher erwähnt, eine Zusammensetzung aus Opernglas und Feldstecher.

Wenn es um Etymologie geht, besteht die Gefahr, dass man vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt, also vom Hundertsten ins Tausende. Es gibt ja so schrecklich viele Wörter. Doch auch zu dieser Wendung möchte ich anmerken, dass sie im Hochdeutschen noch gar nicht alt ist. Sie ist aus dem Niederdeutschen übernommen worden. Im Westfälischen z.B. sagt man noch heute Hei kümt vam Höltken upt Stöcksken. Die Bedeutung dieser Redewendung ist aber in beiden Sprachvarianten gleich.

Nur noch eine Schlussbemerkung: Es gibt recht zuverlässige Nachschlagewerke, in denen man über die Herkunft von Wörtern und Wendungen erfahren kann. Für einzelne Wörter ist das Standardwerk: Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, bearb. v. Elmar Seebold. 25. Aufl. Walter de Gruyter: Berlin 2011 (auch als E-Buch). Für Sprichwörter und Redewendungen ist leicht erreichbar: Lutz Röhrig: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. 7 Bde. (Taschenbücher). Herder: Freiburg, 1994 (auch als gebundene 3-bändige Ausgabe), das neuerdings im modernen Antiquariat sehr billig angeboten wird. Aber man kann auch das betreffende Wort oder die Redewendung bei Google oder einer anderen Suchmaschine eingeben. Was man dort findet, ist philologisch nicht immer zuverlässig, reicht aber meist aus, um die akute Neugierde zu befriedigen.

Kommentare


Ulrich Neumann - ( 07-03-2015 08:10:07 )
Zum "Urlaub":
Bin zwar kein Germanist, verweise aber - in Schulzeiten vor VIELEN Jahren kennengelernt - auf den "Lorscher Bienensegen" (IX/10.Jhdt. im Kloster Lorsch verfasst). Hier heißt es in der 7.Zeile: "Hurolob ni habe du ....", und damit ist gemeint, dass die schwärmenden Bienen nicht die Erlaubnis haben, sich zu entfernen, d.h., fortzufliegen - also genau so gemeint wie in den o.a. Ausführungen von Herrn Stickel. Nur, dass der Begriff "Hurolob" sprachgeschichtlich wohl noch einige Jahrhunderte weiter zurückreicht als "urloup".
Ansonsten danke auch ich Herrn Stickel für seine interessanten und anregenden Kommentierungen ! U.Neumann

Johannes Winter - ( 08-08-2013 12:34:56 )

Anregender Text. Und eine Frage an den Autor: was halten Sie von der wunderbar absurden deutschen Erfindung des Begriffs "LaOla"? Was bekanntlich aus dem Spanischen stammt und "die Welle" bedeutet. Und ein Ritual in deutschen Sportarenen bezeichnet. Mit der Folge, daß der gemeine deutsche Reporter im Stadion von einer "Diewelle" spricht, wenn die Zuschauer auf den Rängen massenhaft in ein Auf-und-Nieder verfallen. Also: wieso nicht einfach "die oder eine Ola"?
Zugegeben eine eigenwillige Anverwandeung.

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erstellt am 05.8.2013

»So besteht unser heutiger Wortschatz zu großen Teilen aus Wörtern, die vor langer oder kürzerer Zeit aus anderen Sprachen übernommen worden sind, viele mit Bedeutungen, die sie in den Gebersprachen haben. Manche haben aber im Deutschen eine andere oder engere Bedeutung erhalten. Ein geradezu klassisches Beispiel ist die Serviette, mit der im Deutschen ein Mundtuch bezeichnet wird, im Französischen aber ein Handtuch oder eine Aktentasche.«

»Wenn es um die Bereicherung des deutschen Wortschatzes aus anderen Sprachen geht, denkt man neben den Entlehnungen aus den alten Sprachen besonders an die aus dem Französischen und Englischen, aber auch an die aus dem Italienischen.«

»Vielen Wörtern, die für Sprachpuristen ein germanisches Gütesiegel zu haben scheinen, ist ihre Herkunft nicht ohne weiteres anzusehen. Manches, was recht deutsch klingt und aussieht, erweist sich dann doch als irgendwann einmal aus anderen Sprachen entlehnt. So zum Beispiel Gurke und Grenze, die beide westslawischen Ursprungs sind, aus ogurek (polnisch ogórek) und granica, das im Slawischen früher ein Grenzzeichen bedeutete.«