Das »Narrenstück«, das der Übersetzer und Journalist Jan Cornelius veröffentlicht hat, ist eine literarische Montage aus autobiographischen und fiktionalen Skizzen, in denen er die Wirklichkeit mit scharfer Feder beschreibt. Der besonderer Reiz dieses Romans entsteht aus der Mischung aus verzweifeltem Humor und komischem Realismus – wie dieser Auszug zeigt.

buchauszug

Polizeiliche Vernehmung

Von Jan Cornelius

Wir haben heute Donnerstag, den 6. Dezember 2012.
Zuerst werden die Fingerabdrücke des Mädchens genommen, danach werden ein Frontal- und zwei Profilfotos von ihm gemacht. Anschließend muss es seine hochhackigen Schuhe ausziehen, damit man seine Größe messen kann. Es ist 1,63 cm groß. Die Waage zeigt ein Gewicht von 48,3 Kilo. Hohe Stirn, Augen- und Haarfarbe: braun.

Dann verabschiedet sich der Kommissar von dem Kollegen, der die Messungen durchgeführt hat, und wir gehen zu dritt ins Erdgeschoss, zur Vernehmung: der Kommissar, das Mädchen und ich. Das Büro des Kommissars ist spartanisch möbliert: vier Stühle, ein Schreibtisch mit einem uralten PC und einem Drucker, zwei alte Schränke aus Spanplatten. Auf einem Schrank stehen drei Messingpokale, an der Tür klebt eine Zeichnung mit einem Luftballon-artig aufgeplusterten Schnellkochtopf, der fast explodiert, darunter der Spruch: Unter Druck kann man nicht arbeiten. Auf dem Tisch liegen verschiedene Akte und ein Familienfoto. Das Büro hat zwei Türen, die eine führt in den Flur, die andere ins Nebenbüro.

Der Kommissar sitzt am PC, das Mädchen und ich sitzen ihm gegenüber.
Der Kommissar erteilt dem Mädchen die Rechtsbelehrung: Es wird Ihnen Urkundenfälschung und der Versuch, die Behörde zu täuschen, vorgeworfen. Es steht Ihnen frei, sich zur Sache zu äußern oder nichts zu sagen. Zur Vernehmung können Sie einen Rechtsanwalt Ihrer Wahl als Beistand heranziehen.
Ich habe nichts zu verbergen, sagt das Mädchen. Ich möchte die Fragen beantworten.
Okay, sagt der Kommissar. Ich dolmetsche und er tippt.
Die Personalien des Mädchens werden aufgenommen: Vorname Alina, Nachname Petcu.
So wie es hier im Ausweis steht?
Genau.
Wohnort: Colentina-Straße 29, Tulcea, Rumänien.
Geburtsdatum?
Der 8. Juni 1995.
Der Kommissar zeigt auf den Ausweis: Hier steht: Geboren am 8. Juni 1994.
Das ist falsch, sagt das Mädchen. Ich bin erst 1995 geboren.
Monat und Tag stimmen?
Ja.
Ich dolmetsche, der Kommissar tippt.
Also, Sie geben zu, dass Ihr Ausweis gefälscht ist?
Ja.
Wo haben Sie diesen Ausweis her?
Von jemandem auf der Straße gekauft.
Wo wohnen Sie jetzt?
Bei einer Bekannten in Düsseldorf. Aber die Adresse kenne ich leider nicht auswendig.
Wieso wollten Sie sich denn älter machen?
Um eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. Dafür muss man mindestens 18 Jahre alt sein.
Als was wollten Sie arbeiten?
Als Prostituierte.
Haben Sie bereits als Prostituierte gearbeitet?
Ja.
Wo?
In einem Erotik-Club in Duisburg. Ich habe dort eine Woche lang gearbeitet, aber illegal. Dann bekam ich Angst und kam zu dieser Bekannten nach Düsseldorf und wollte mir eine Arbeitserlaubnis besorgen. Dabei wurde mein gefälschter Ausweis entdeckt, und ich wurde festgenommen.
Wissen Ihre Eltern, dass sie hier sind?
Meinen Vater kenne ich nicht. Meine Mutter denkt, dass ich bei einer Freundin in Bukarest bin.
Und was haben Sie nun für Absichten?
Nach Hause zurückzukehren. Schnellst möglich.
Und danach?
In sieben Monaten bin ich 18, dann komme ich wieder zurück nach Deutschland.
Wer hat sie zur Prostitution überredet?
Keiner.
Wirklich nicht?
Nein.
Sie sind also aus freien Stücken hergekommen?
Ja. Ich weiß, dass viele Mädchen einen Zuhälter haben. Aber ich habe keinen Zuhälter, ich bin unabhängig.
Und das soll ich Ihnen jetzt glauben?
Ich sage Ihnen die Wahrheit. Wieso sollte ich denn lügen, meint das Mädchen und schaut mich hilfesuchend an.
Nach einer halben Stunde ist die Vernehmung abgeschlossen. Ich übersetze das Protokoll ins Rumänische, das Mädchen nickt. Dann unterschreibt sie, und ich unterschreibe auch.

Und was passiert jetzt mit mir? Darf ich jetzt gehen? Ich habe 100 Euro, ich kann den Bus nach Hause bezahlen.
Mädchen, sagt der Kommissar und seufzt. So einfach ist das nicht. Du bist noch minderjährig. Wir werden dich nicht einfach so auf die Straße setzen.
Wieso denn nicht? Ich habe doch keine Angst.
Pass mal auf, sagt der Kommissar. Wir müssen dich dem Jugendamt übergeben. Dort sorgen sie dann dafür, dass du gut nach Hause kommst. Eine Sozialarbeiterin wird sich um dich kümmern. Aber ich muss jetzt erstmal telefonieren.

Der Kommissar telefoniert ungefähr fünf Minuten lang. In dieser Zeit unterhalte ich mich mit dem Mädchen.
Mannomann, sage ich, das ist doch alles Mist, oder?
Sie schaut mich an und zuckt mit den Schultern. Ihr Haar ist zu einem Zopf zusammengebunden, sie trägt Blue Jeans, eine weiße Bluse und einen dunkelblauen Pullover mit V-Ausschnitt. Sie macht einen netten Eindruck, bis auf die extrem hochhackigen Schuhen wirkt sie völlig unauffällig.
Das muss doch furchtbar sein, sage ich.
Was denn?
All diese wildfremden Typen. Wie kann man nur so etwas aushalten.
Ach was. Ich schicke sie vorher duschen, sagt sie und winkt ab.
Ich denke einen Augenblick nach.
Ich hab’s nicht so mit der Liebe, sagt sie, als würde sie meine Gedanken erraten. Zuerst kommt bei mir der Magen, und erst danach der Rest.
Das klingt zwar ziemlich abgedroschen, aber sie schaut mir direkt ins Gesicht, und ich weiß, dass sie es genau so meint.
Hast du denn keinen Freund, frage ich.
Natürlich habe ich gute Freunde und auch Freundinnen. Eine ganze Menge. Aber das ist etwas ganz anderes.
Der Kommissar hat das Telefonat beendet, legt auf und sagt zum Mädchen: Gleich kommt eine Kollegin her. Sie möchte kurz mit dir reden, bevor man dich zum Jugendamt bringt.
Nach ungefähr zehn Minuten betreten eine Polizistin Mitte vierzig und ein junger Polizist den Raum.
Hallo, sagt die Polizistin und strahlt das Mädchen an. How are you? Do you speak English?
Very little.
What’s your name?
Alina Petcu.
Dann sagt die Polizistin zum Kommissar: Ich möchte mich mit dem Mädchen ein wenig unterhalten. Aber nur mit dem Mädchen, okay? Der Dolmetscher kann hier bleiben.
Der Kommissar, der gerade eifrig in den Akten kramt, verlässt leicht verstimmt den Raum, zusammen mit dem jungen Polizisten.
Neben dem Stuhl des Mädchens geht die Polizistin in die Hocke, dann legt sie dem Mädchen eine Hand auf die Schulter und sieht ihm fest in die Augen:
Hör mir jetzt mal zu, Alina. Ich darf dich doch duzen, oder? Du könntest ja meine Tochter sein.Wir sind hier ganz unter uns. Die Vernehmung ist jetzt vorbei. Kein er will dir was. Du brauchst keine Angst zu haben.
Ich habe keine Angst.
Wieso zitterst du dann so?
Ich zittere überhaupt nicht, sagt das Mädchen und hält die rechte Hand hoch.
Und was ist mit deinem Fuß?
Ich wippe immer so mit dem Fuß, wenn ich nervös bin.
Hat dich jemand bedroht?
Nein, wieso?
Und wer hat dich nach Deutschland gebracht?
Ich habe es bereits gesagt. Ich habe keinen Zuhälter, ich bin ganz allein gekommen, aus freien Stücken.
Die Polizistin steht auf, sieht das Mädchen komplizenhaft an: Und das soll ich dir jetzt alles glauben?
Ich sage Ihnen nur die Wahrheit.
Und du hast auch nie mitgekriegt, dass man andere Mädchen bedroht oder misshandelt hat?
Doch, schon, ich hab’s immer wieder gehört. Aber mir ist so etwas noch nie passiert.
Okay, sagt die Polizistin. Ich gebe dir jetzt eine Broschüre auf Rumänisch, sie ist ganz wichtig. Da drin steht alles, was man bei Gefahr tun muss. Und auch eine Telefonnummer. Man kann dort jederzeit vertraulich anrufen, auch nachts. Und hier ist meine Telefonnummer. Vielleicht fällt dir ja noch etwas ein. Und wenn du ein anderes Mädchen triffst, das vielleicht Hilfe braucht, dann erzähl ihm bitte von uns. Versprochen?
Okay.
Ich gebe dir noch ein paar zusätzliche Broschüren, okay?
Okay. Und was passiert jetzt?
Jetzt bringt man dich gleich zum Jugendamt. Darf ich dich dort morgen besuchen? Dann trinken wir zusammen einen Kaffee und rauchen eine, einverstanden? Um wieviel Uhr stehst du auf? Um neun, um zehn?
Egal.
Dann komme ich um halb zehn zu dir, okay?
Wie Sie wünschen.
Bis morgen also.
Bis morgen.

Komm, wir gehen, ruft die Polizistin ins Nebenbüro.
Die Polizistin und der junge Polizist verlassen den Raum. Der Kommissar kommt wieder zurück, setzt sich an seinen Tisch und beginnt zu telefonieren. Dann legt er auf und sagt:
In fünfzehn Minuten kommt der Fahrer und bringt dich zum Jugendamt. Und jetzt hör mir mal bitte gut zu! Ich gebe dir einen Tipp: Nicht dass du wieder auf die Idee kommst, Mist zu bauen! So etwas könnte schlimm für dich ausgehen. Man hat hier deine Fingerabdrücke und alles. Wenn man dich noch einmal mit so einem Ding erwischt, darfst du nie wieder nach Deutschland einreisen.
Machen Sie ihr das bitte ganz deutlich, sagt er dann zu mir.
Ich tue mein Bestes und rede auf das Mädchen ein.
Das Mädchen schaut mir in die Augen und nickt.
Nach zehn Minuten geht die Tür wieder auf. Ein Mann um die fünfzig betritt den Raum. Er wird von einer jungen Frau begleitet.
Hallo, sagen die beiden. Wir sind da.
Hallo, antworten der Kommissar, das Mädchen und ich.
Das Mädchen sieht mich komplizenhaft an. Über ihr Gesicht huscht ein kindliches Lächeln:
Die kommen ja hier immer nur zu zweit, wie?

Aus: Jan Cornelius, Narrenstück oder das Wundern des Dolmetschers beim Betrachten der Welt

Mit freundlicher Genehmigung © Horlemann Verlag, Berlin, 2013

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erstellt am 04.8.2013

Jan Cornelius
Narrenstück oder Das Wundern des Dolmetschers beim Betrachten der Welt
Roman
Gebunden mit Schutzumschlag, 232 Seiten
ISBN 978-3-89502-348-4
Horlemann Verlag, Berlin 2013

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Jan Cornelius liest aus seinem neuen Roman vor: „Narrenstück oder das Wundern des Dolmetschers beim Betrachten der Welt” auf den Düsseldorfer Literaturtagen 2013