bad hersfelder festspiele

Auferstanden aus Ruinen und dem Zunder zugewandt

Zur Finissage der Bühnenfassung von Der Name der Rose bei den Bad Hersfelder Festspielen 2013

Von Bruno Laberthier

Im unterhaltungsindustriellen Zeitalter, in dem die technische Reproduzierbarkeit und das Simulakrum an die Stelle des auratischen Originals getreten sind, rückt auch derjenige Schauplatz nochmal neu in den Fokus, der seit der Romantik für Mittelaltersehnsucht par excellence steht. Ruinen sind zwar keine materiellen Träger (tatsächlicher oder angedichteter) historischer Bedeutungen oder Fix- und Festhaltepunkte einer nostalgischen Gegenwartsverklärung mehr, wie es eingangs des 19. Jahrhunderts europaweit der Fall war. Dafür eignen sie sich als Bühnen: Amphitheater und eingefallene Klosterbauten, Abteien und Stiftsruinen finden Verwendung als Bretter, die die Welt bedeuten.

Eine solche aus Ruinen auferstandene Bühne bildet seit mehr als sechzig Jahren das Rückgrat der Bad Hersfelder Festspiele: die Gemäuer eines alten Stifts, längst ohne Dach, dafür zentral in der mittelhessischen Stadt mit den vielen Logistikunternehmen gelegen. Über die Stiftsruinenbühne gehen Jahr für Jahr die unterschiedlichsten Aufführungen, in dieser Spielzeit etwa Nathan der Weise oder leichtverdauliche Kost mit viel schmissiger Musik wie Show Boat. Besonders gut mit dem besonderen Ambiente der größten romanischen Kirchenruine der Welt harmoniert allerdings Umberto Ecos Mittelalter-Krimi-cum-Geschichtsunterrichtsstunde Der Name der Rose. Die Gründe liegen auf der Hand, denn hier trifft die Publikumssehnsucht nach historischen Stoffen, wie man sie seit Sir Walter Scott kennt und im Literarturbetrieb zur absatzfördernden Masche ausgebaut hat, auf den ihr entsprechenden (und entsprechend aufgeladenen) Ort.

Gemessen an dieser Idealkonstellation, fielen die Premierenkritiken des erstmals in der 2011er Spielzeit von Festspieldirektor Holk Freytag inszenierten Stückes überraschend gemischt auf. Die Hersfelder Zeitung, in der die Besprechungen zusammengefasst wurden, wortwitzelte damals angesichts der titelgebenden Rose zutreffend über „dornige Kritiken“. Zur Finissage des in dieser Spielzeit wiederaufgenommenen Stücks – am 28. Juli lief bei warmem, aber dauerhaftem Sommerregen die letzte Vorstellung – bleibt festzuhalten: ganz unrecht haben die Kritiker von vor zwei Jahren zwar nicht. Dennoch ist ein wohlgesonnener Abgesang angebracht.

Nach wie vor hat das Stück Längen, wie der Kritiker vom Gießener Anzeiger schon damals befand, und auch der für die Bühnenadaption verantwortlich zeichnende Claus J. Frankl hätte seine Nase wohl besser ein wenig länger in den bis heute erhaltenen Teil der aristotelischen Poetik gehalten, um die tragischen Ereignisse in einem ligurischen Benediktinerkloster zu straffen, die einen als Zuschauer nicht immer ganz in ihren Bann zu schlagen vermögen. Zu Frankls Ehrenrettung darf aber nicht verschwiegen werden, dass die Längen um die Neunzigste Spielminute herum, also nach gut zwei Dritteln des auf gut zweieinviertel Stunden angesetzten Stückes, nicht zuletzt den Konventionen der einen der beiden Gattungen geschuldet sind, die Eco in seiner Vorlage aufruft.

Denn zu einem überzeugenden Krimiplot gehört der Entwurf einer Erklärung für die Verbrechen, die zwar der letztlich zutreffenden, „wahren“ diametral entgegensteht, aber in sich vollkommen rund, plausibel und stringent erscheint. Und an genau dieses Gebot halten sich Eco und in seinem Kielwasser Frankl, wenn sie den Inquisitor Bernard Gui auf die Bühnen schicken, um dem bemitleidenswerten Mönch Remigius ein Geständnis abzupressen. Demzufolge sind es nicht die zutiefst glaubenserschütternden Thesen des Aristoteles über die Komödie, die den dogmatischen Jorge von Burgos dazu treiben, die Seiten der einzigen erhaltenen Handschrift des griechischen Philosophen mit einem tödlichen Gift aus dem klostereigenen Kräutergarten zu präparieren, so dass es fünf neugierige Aristoteles-Philologen dahinrafft, weil sie sich zum Umblättern der Seiten die Finger befeuchten und auf diese Weise die tödliche Dosis in sich aufnehmen. Vielmehr soll es mit Remigius ein ehemaliger Anhänger des von der Amtskirche als Häretiker verdammten und zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilten Apostelbruders Frau Dolcino gewesen sein, der die fünf im Auftrag des Teufels gemeuchelt hat: als eine Art Rückfall in alte und doch noch nicht so ganz überwundene Gewohnheiten sozusagen, und in Fortführung der düsteren Prophezeiungen des greisen Alinardus (mal düster, mal komisch und so ein wunderbarer Kontrapunkt zur klaustrophobischen Enge des Klostermilieus: Uwe Schmieder). Remigius beugt sich dem Druck des Inquisitors und gesteht; die Szene könnte – vor allem von Thomas Gimbel als Remigius – kaum lebhafter gespielt werden und beendet entsprechend effektiv die „Länge“.

Möglich, dass sich Zuschauer und Kritiker auch von den ausführlichen kirchenhistorischen Darlegungen gelangweilt fühlen, die Eco in sein Werk eingewoben hat und die Frankl in der Bühnenfassung bewahrt. Bei diesen Stellen droht eine Aufführung gerne ins Deklamatorische abzugleiten, doch auch hier sind es – wie bei Remigius/Gimbel – die Schauspieler, die das in Wortgefechte übersetzte historische Geschehen so plastisch re-präsentieren, dass es einem die Augen eben nicht zufallen lässt. In der theologischen Debatte, zu der man sich eigentlich in dem norditalienischen Kloster eingefunden hatte, geht es um die Frage der Armut der Kirche. Unterstützt vom weltlichen Herrscher Ludwig IV., nehmen William von Baskerville (mit großer Präsenz, so dass man nicht ständig von Überblendungen mit Sean Connery aus der Verfilmung von 1986 heimgesucht wird: Bernd Kuschmann) und andere Franziskanermönche in der Auseinandersetzung einen Standpunkt ein, den sich der heutige Papst wohl auch zueigen machen würde – anders sein Vorgänger aus dem frühen 14. Jahrhundert, der auf Reichtum und Wohlstand für sich und den Klerus nicht verzichten mag. Und wie in der Auseinandersetzung mit Remigius glänzt auch hier Markus Gertken als Mundstück des Nachfolger Petrus, der mit Leichtigkeit auch und nicht zuletzt gegen den strömenden Regen anspielt, dem die Akteure auf der Bühne fortwährend ausgesetzt sind. Und der dabei zeigt, dass seine Stimme – und deren Ausbildung – den widrigen Umständen bestens zu trotzen vermag.

Die Fuldaer Zeitung kritisierte 2011 nicht nur die aufkommende Langeweile, sondern auch die Besetzung des blinden und wuteifernden Jorge von Burgos, dem die aristotelischen Auslassungen über die Komödie ein derartiger Dorn im Auge sind, dass er Morde begeht und am nicht nur die Rarität aus dem Fundus der Klosterbibliothek in Brand steckt, mit Emanuela von Frankenberg. Die Vorhaltungen mögen damals gerechtfertigt gewesen sein; zwei Sommer später sind sie hinfällig. Kritischer gesehen werden mag allerdings die nicht immer gegebene Kohärenz der Figur: mal tritt sie auf als blindwütiger Dogmatiker, mal – in einer ex cathedra- Ansprache von der Predigtkanzel an das Publikum – als apokalyptischer Seher, dem die Regie ein paar Anspielungen auf das Heute in den Mund legt (etwa zu den Kinderschicksalen in Syrien). Und mal als Bücherverbrenner im Finale furioso, das in einem ein Fanal ist und die Stiftskirche zu ihrer eigentlichen Bestimmung im Rahmen des Stückes zurückführt: als der Ort nämlich, der schon einmal – im 11. Jahrhundert – bis auf die Grundmauern niedergebrannt war.

Dem aristotelisch geschulten Zuschauer von heute wird hierbei das Gefühl vermittelt, sich über sein Einfühlungsvermögen nicht nur in die Figuren hineinzuversetzen, sondern auch und in einem in das Innere des ligurischen Klosters, das auf einmal in Flammen steht. Dass zum Schluss unter den Außensimsen der hohen Fensterbögen die Feuerflammen züngeln, ruft also einen interessanten Invertierungseffekt hervor: außen fackelt es, im Innenraum sitzt man und weiß in der Vorstellung, die sich aus Stiftsruinenbühne und dem dargebotenen Stoff ergibt, dass es in der Logik dieser Bühnenerzählung eigentlich andersherum sein müsste. Das Kloster in Ligurien, das in Bad Hersfeld seine kongeniale Entsprechung als zugleich Bühne und Zuschauerraum hat, brennt. Und man sitzt mittendrin.

Auch sonst kommt reichlich Bühnentechnik zum Einsatz, um die Stiftsruine zu illuminieren oder in Nebelschwaden zu hüllen, wobei glücklicherweise weder die gregorianischen Mönchgesänge vom Band kommen, noch alles Scheinwerferlicht ist: die Leselämpchen und Feuerkelche hält eigenhändig der kauzige Salvatore (eine dankbare Rolle für Lars Weström) am lodern. Und auch sonst wirkt – mit Ausnahme des Finales – alles passgenau und gerade nicht auf Biegen und Brechen bombastisch.

Was im Umkehrschluss heißt, dass die Ruine als Bühne ideal inszeniert wird. Der kluge Umgang mit diesem Standortvorteil ist es denn auch, der es Der Name der Rose-Aufführungen an anderen Orten schwer macht, mit Bad Hersfeld mitzuhalten. In der Stiftskirche in Quedlinburg beispielsweise findet Anfang August ebenfalls eine Finissage des Stücks statt. Ordentlich Zunder wird man dort nicht geben können.

Kommentare


Claus J. Frankl - ( 13-08-2013 06:10:13 )
Sehr geehrter Herr Laberthier, es gibt zu Ihrer Kritik nur eine Frage zu stellen, die ich auch regelmäßig der Fuldaer Zeitung gestellt habe: Haben Sie denn das Textbuch der Bühnenfassung selbst gelesen? Sehen Sie, ich kenne die Aufführung nicht und auch nicht die Fassung der Regisseurs. Aber, wie ich erfuhr, hat er sich seine eigene Fassung erstellt, d.h. er hat wichtige Teile weggelassen (leider z.B. die theatralischen Visionen) und hat dafür andere Textteile hinzugefügt, z.B. für den blinden Jorge. Genau aus diesem Grunde ist es müßig, eine Fassung, die seit 13 Jahren in mehr als 25 eigenen Inszenierungen lief, heute noch zu beurteilen. Sie verkauft sich, gottlob, sehr gut. Vielleicht mögen Sie die Besprechungen von Ötigheim zur Kenntnis nehmen. Alle guten Wünsche und vielen Dank, Ihr Frankl

Bruno Laberthier - ( 28-11-2013 12:01:14 )
Sehr geehrter Herr Frankl, vor einiger Zeit hatte ich geantwortet; scheinbar hat die Technik nicht mitgespielt und die Replik auf Ihre berechtigte Nachfrage ist im Orkus des WWW stecken geblieben. Deswegen in aller Kürze: Mir haben die "Längen" durchaus gefallen; dass sie dramaturgisch notwendig sind, ist auch klar. Ihre Fassung kenne ich nicht, zugegeben - und habe ich entsprechend auf die Angaben im Beiheft verlassen. Es wäre schade, wenn die Besprechung daraufhin schieflagig geworden sein sollte. Die Ötigheimer Aufführung ist sehr gut besprochen worden, das sehe ich, wobei auch hier die Komplexität von Stoff und Figurenarrangement angesprochen wurde (etwa von der Kollegin Jennifer Warzecha). Auch in diesem Sinn, nichts fuer ungut. Ihr Laberthier

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erstellt am 01.8.2013