Auszug aus dem Roman

Die Wahrheit über Marie

Von Jean-Philippe Toussaint

Etwa zehn Minuten nach dem Start erlaubten es Marie die ruhiger gewordenen atmosphärischen Bedingungen, wieder zu Jean-Christophe de G. in die Pferdebox zu gehen. Das Pferd verhielt sich ruhig, es war festgebunden und wirkte niedergeschlagen, wie durch ein starkes Beruhigungsmittel betäubt. Marie schlängelte sich ins Halbdunkel der Box an dem Vollblut vorbei. Es war ein dunkler und enger Metallcontainer, dessen elegante, blau gesteppte Polsterung Feuchtigkeit ausschwitzte und dessen harter Gummiboden zum Teil mit einer dicken Schicht Stroh bedeckt war, in dem die Schuhe versanken. Das Flugzeug setzte seinen Anstieg fort, um seine Reiseflughöhe zu erreichen. Die Turbulenzen hatten noch nicht aufgehört, Jean-Christophe de G. musste sich, während er die Verletzung des Pferdes mit Hilfe einer Taschenlampe untersuchte, immer wieder mit einer Hand an der Wand der Box abstützen. Er besaß nicht wirklich die Kenntnisse eines Veterinärs, hatte aber früher schon das eine oder andere Mal selbst seine Pferde verarztet, einen Verband angelegt oder ihnen eine Spritze verabreicht. Der Vorderlauf von Zahir war aufgeschlagen, das Fleisch lag offen, die Haut war aufgeplatzt und hing in kleinen, gezackten Fetzen an der Wunde. Jean-Christophe de G. hatte ein Taschentuch aus seiner Tasche geholt und säuberte vorsichtig die Wunde, entfernte einige Haare, die um die Verletzung herum klebten, öffnete dann den Erste-Hilfe-Koffer, den der Japaner ihm anvertraut hatte, begutachtete den Inhalt, diverse Fläschchen, Dosen, Cremetuben, Kompressen, Mullbinden, Scheren. Er zog ein Brillenetui aus seiner Tasche und setzte seine Brille auf, Marie sah hier im Pferdecontainer zum ersten Mal, dass Jean-Christophe de G. eine Brille trug (vermutlich hatte er es bisher aus Eitelkeit vermieden, in ihrer Gegenwart eine Brille aufzusetzen, aber Marie fand es amüsant, diese so anrührende Entdeckung im Frachtraum eines fliegenden Flugzeugs zu machen), er studierte den langen kleingedruckten englischen Text auf dem Etikett eines der Fläschchen des Herstellers Schein Inc., hielt es nah vor die Augen und überflog es schnell: Povidon Topi cal Solution (ja, das ist Jodtinktur, sehr gut, sagte er, man kann ein paar Tropfen davon dazutun, um die Wunde zu desinfizieren).

Die Reisebox des Pferdes war einfach, aber mit allem ausgestattet, mit Vorräten an Futter und Stroh, mehreren Fünf-Liter-Kanistern mit Wasser. Jean-Christophe de G. hatte sich an der Seite des Containers niedergekauert und etwas Wasser aus einem der Kanister in eine Schüssel gefüllt, dann träufelte er vorsichtig ein paar Tropfen der Salzlösung in die Schüssel, fügte ein antiseptisches Präparat hinzu, bis die Mischung, die er vorsichtig mit seinem Zeigefinger anrührte, eine Farbe von leichtem Oolong-Tee angenommen hatte, mit einigen dunkleren Schlieren darin, die wie wellenförmig gewundene lakritzfarbene Blutgefäße aussahen. Wegen des turbulenten Flugs richtete er sich vorsichtig wieder auf, näherte sich schwankend dem Pferd, mit der Schüssel in der Hand, in der das Wasser laut plätschernd tanzte und in kleinen Wellen auf das Stroh schwappte. Die Schüssel an die Brust gepresst, um sie vor den Stößen des Flugzeugs zu bewahren, begann er, die Wunde zu reinigen, er rieb das abgestorbene Fleisch mit einer feuchten Kompresse ab, entfernte die Unreinheiten um die Verletzung herum, kleine Steinchen, Staub und andere Fremdkörper, die noch am lädierten Körperteil klebten. Das Pferd ließ es mit abwesenden Augen geschehen, es schien unempfindlich. Wich nur einmal heftig zurück, als Beweis, dass es jederzeit wieder gefährlich werden konnte.

Das Flugzeug war in eine neue Zone mit Turbulenzen geraten. Es wurde jetzt immer stärker durchgerüttelt, die Wasserkanister aus Plastik schlugen am Boden aneinander und die Halteriemen tanzten an den Wänden, schließlich rutschte der Erste-Hilfe-Koffer zu Boden und sein ganzer Inhalt verteilte sich auf der Streu, umgekippte Phiolen und kleine Scheren landeten im Stroh. Die Situation in der Pferdebox begann kritisch zu werden, Marie musste sich am Futtertrog festhalten, um nicht gegen das Pferd geschleudert zu werden, und aus den Lautsprechern des Flugzeugs waren ferne und verschwommene Echos dringender Cockpitansagen zu hören, die sie nicht verstanden, nur erraten konnten, man forderte sie auf, wieder ihre Sitzplätze einzunehmen und sich anzuschnallen. Die Lichter waren plötzlich überall angeschaltet, die Deckenleuchten des Frachtraums warfen grelles, rohes Licht auf die Stapel von Paletten, die man durch die geöffnete Tür der Pferdebox undeutlich sehen konnte, dann flackerten die Neonröhren an der Decke ein letztes Mal und erloschen, kein einziges Licht brannte mehr im Frachtraum, selbst die Notleuchten waren ausgegangen. Das Pferd lauerte, spürte die es umgebende Nervosität, wurde immer unruhiger in seiner Box, begann auf der Stelle zu stampfen, trat zurück, zerrte in allen Richtungen an seiner Leine, die Ösen des Futtertrogs, an denen es angebunden war, klirrten. Es versuchte eine Drehung, bäumte sich auf in der Box, stellte sich wieder gerade und fing an zu wiehern, mit offenem Maul und gebleckten Zähnen, ließ plötzlich im Dunkel das Zahnfleisch sehen. Marie, die glaubte, dass das Pferd sich losgerissen hatte, bekam Angst und verließ überstürzt den Container.

Sie hatten beide überstürzt den Container verlassen, in der gleichen Aufwallung von Panik, in dem Durcheinander war die Taschenlampe zu Boden gefallen, sie hatten sie nicht einmal mehr aufgehoben, waren an den Wänden entlang hinausgekrochen, ohne innezuhalten oder zurückzugehen, hatten die brennende Taschenlampe einfach im Stroh liegen gelassen, ein winziges Lichtbündel zwischen den Pferdehufen. Sie hatten sich nach draußen gerettet und fanden sich plötzlich in der absoluten Finsternis des Frachtraums wieder, wo das Brummen der Triebwerke in vervielfachter Stärke dröhnte. Das Pferd schlug weiter wild im Container, bewegte sich auf der Stelle vor und zurück, trat auf die Taschenlampe und zerstampfte sie wie eine Nussschale mit seinem Huf, pulverisierte sie mit einem Geräusch von zerbrechendem Glas, löschte mit einem Tritt das letzte noch verbliebene winzige Licht im Frachtraum. Die Box war jetzt in vollkommene Dunkelheit gehüllt, ausgefüllt mit der schwarzen Silhouette des Pferdes, nervös, unsichtbar, angsteinflößend bewegte es sich schnaubend in seinem engen Verschlag.

Eilig entfernten sie sich, wussten aber nicht, wohin sie sich wenden sollten, fanden die Leiter nicht mehr, die zu der Luke nach oben führte, irrten Seite an Seite durch die Dunkelheit auf der Suche nach einer Zuflucht oder irgendeinem Griff, an den sie sich hätten klammern können. Sie stolperten über Schienen, glitten auf Kugellagern und Laufrollen aus, konnten die Abstände der auf dem Boden montierten Walzen nicht mehr unterscheiden, sie verpassten die markierten Wege, wagten sich in die Mitte der Rollen, die nicht blockiert waren, sondern begannen, sich unter ihren Schritten zu drehen, und mit einem wahnsinnigen Getöse setzte sich der Mechanismus der Walzen in Bewegung. Sie tanzten auf der Stelle, auf dem unsicheren Boden, der unter ihnen auf Rollen fortbewegt wurde, machten weit ausholende Armbewegungen, um das Gleichgewicht zu halten, sie klammerten sich schwankend aneinander, stützen sich mit den Händen am Boden ab, Jean-Christophe de G. ließ schließlich seine Schüssel fallen, sie sahen, wie sie auf dem Boden wegrollte, vom Metall des Bodens wieder hochsprang, scheppernd hochgeschleudert bei jedem Stoß des Flugzeugs. Mühevoll suchten sie in der Dunkelheit den Weg zurück, nach vorn gebeugt, als würden sie gegen starken Wind ankämpfen müssen, sie orientierten sich an der Außenwand, an der eine Art natürlicher, enger Weg durch das Flugzeug führte. An der Frachtraumtür, die mit lautem Gerassel vibrierte, hielten sie inne. Bis in ihre Körper hinein spürten sie die Erschütterungen des Flugzeugs, all seine Schwingungen und seine Vibrationen unter dem Druck der Luftmassen und entfesselten Winde, gegen die die Maschine ankämpfte, und sie wussten, dass auf der anderen Seite der Bordwand, zehn, höchstens zwanzig Zentimeter von ihnen entfernt endgültige Nacht herrschte.

Sie hatten sich hingekauert und bewegten sich nicht mehr. Vor ihnen schaukelten die auf Paletten gelagerten Container mit beängstigendem Knarren und Kreischen der Metallbänder. Durch die Fensterluken erblickte man die regelmäßigen vom Flugzeug in die Nacht geschleuderten Blitze der Stroboskopleuchten, kurz, weiß, geräuschlos. Sie hatten vergessen, wo sie sich befanden. Durch die Dunkelheit hörten sie Zahir nur ein paar Meter von ihnen entfernt stöhnen, das Pferd hatte sich beruhigt, es gab nur noch wenige gedämpfte, heiserklagende Geräusche von sich. Nur mit Mühe hielt es sich auf den Beinen, vor seinem Maul stand Schaum, der Speichel lief ihm hinunter, es versuchte nicht einmal, ihn zurückzuhalten, weißlich tröpfelte er seinen Kiefer herunter. Es schien unter Drogen gesetzt, derart wechselten sich die Zustände der Erregung und der Mattigkeit ab. Möglicherweise hatte man ihm direkt nach seinem Ausbruchsversuch ein Beruhigungsmittel gespritzt, das konnte sehr schnell geschehen sein, auch ohne Wissen von Jean-Christophe de G., intravenös, versteckt vor den Blicken anderer, ein Wattebausch getränkt mit Alkohol um die Einstichstelle am Hals, ein diskreter, kurzer Stich mit der Nadel in die Vene. Sein Puls, der beim Start auf über zweihundert Schläge angestiegen sein musste, schlug weiterhin unregelmäßig, obwohl er im Ruhezustand war, keine Anstrengung unternahm, nur in seiner Box das Gleichgewicht halten musste, sich nach jedem neuen Stoß des Flugzeugs wieder in Position bringen, wieder aufstellen, sich auf den Hinterbeinen abstützen musste, um die Stöße abzufedern. Zahir fühlte sich schlecht, es war ihm übel, er war vom Speichel besudelt. Unbeweglich und niedergeschlagen stand er da, mit geöffneten Augen und geblähten Nüstern. Armselig scharrte er mit der Spitze des Hufs im Stroh, grub sich ein Loch in den Boden, monoton, sinnlos. Er machte nichts, er litt, ein ungewisses Leiden, leicht, widerwärtig, und nicht einmal ein Leiden, nur eine einfache Übelkeit, eben, unbeweglich, unendlich. Nichts ereignete sich. Nichts, nur die Wirklichkeit dauerte an.

Mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Verlagsanstalt.

erstellt am 02.11.2010

Jean-Philippe Toussaint
Die Wahrheit über Marie
Roman. Deutsche Erstveröffentlichung
Aus dem Französischen von Joachim Unseld

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