Er war der Motor, Finanzier, Manager und Planer des Instituts für Sozialforschung und der Herausgeber der »Zeitschrift für Sozialforschung«. Wie Max Horkheimer der Rektor der Frankfurter Schule wurde, ist jetzt in der knappen, informativen Monographie von Rolf Wiggershaus zu lesen. Aus seinem Buch veröffentlichen wir das aufschlussreiche Kapitel »Wir sind die einzige Gruppe«.

Max Horkheimer. Unternehmer in Sachen »Kritische Theorie«

Wir sind die einzige Gruppe

Von Rolf Wiggershaus

Das Haus 429 West 117th Street wurde zu einer Art Redaktionszentrale, wo die Fäden für die Publikation der Zeitschrift und einen ersten Band mit Forschungsberichten des Instituts zusammenliefen und wo Horkheimer nach den ersten krisenhaften Wochen aufs Neue sein Talent als wissenschaftlicher Leiter bewies: seine Fähigkeit, Teilarbeiten auf ein zentrales Forschungsinteresse zu konzentrieren, dafür klare Orientierung zu liefern und einem Kreis enger Mitarbeiter Sendungsbewusstsein zu vermitteln, was gleichzeitig der Gewährung und dem Entzug von Anerkennung besondere Bedeutung verlieh. Die Chance zu solcher Ausübung von »autoritativer Macht« (Heinrich Popitz) war durch die Exil-Situation noch vergrößert worden. Vielschichtige Prozesse spielten sich ab, bei denen Sachliches und Persönliches, Vordergründiges und Hintergründiges sich teils mischten, teils widersprachen bzw. gegenseitig relativierten. Immer hatten Horkheimer und Pollock es anders machen wollen als ihre zur Unternehmerwelt gehörenden Väter. In der »Dämmerung« hatte Horkheimer sich als unbestechlicher Analytiker und scharfsinniger Kritiker des Bürgertums und der davon geprägten sozialen und ökonomischen Verhältnisse erwiesen. Wie sah nun in der Zeit, für die aufgrund der häufigen räumlichen Trennung der Beteiligten in großem Umfang briefliche Zeugnisse vorliegen, die vieles rekonstruierbar machen, die Praxis der Institutsleiter und vor allem Horkheimers aus?

Auffallend war, wie drastisch Horkheimer über Löwenthal sprach und wie er mit diesem in zentrale Institutsangelegenheiten eingeweihten und vielfältig einsetzbaren und äußerst ergebenen Mitarbeiter umging. »Die Entwürfe, welche Marcuse mitgebracht hat, scheinen mir ziemlich unbrauchbar«, schrieb er nach Marcuses Ankunft in New York an Löwenthal in Genf. »Im letzten Augenblick glaube ich noch entdeckt zu haben, dass der Plan für die Veröffentlichung dort [in Genf, R.W.] irrtümlich für die Familie überhaupt, anstatt für die Autorität in der Familie gemacht worden ist. Eine solche Veröffentlichung, aufgrund unsres Materials jeder Art, wäre mehr als unwissenschaftlich. « (Horkheimer-Löwenthal, 6. 7. 1934/HGS 15, S. 147 f.) Und einige Wochen später meinte er in einem Brief an Pollock: »Über die Prinzipien [des Literaturberichts, R.W.], welche mit denen der Hauptaufsaetze selbstverstaendlich identisch sein muessen, habe ich sehr praezise Vorstellungen; in dem von L. [Löwenthal, R.W.] angefertigten Schema, das Du mir damals mit den ›Notizen‹ uebersandt hattest, ist ueberhaupt nichts von dem enthalten, was wir brauchen, es ist purer rubish. Der Literaturbericht muss das bisherige Schrifttum unter dem Gesichtspunkt unserer eigenen theoretischen Hypothesen ueber die Familienautoritaet als Faktor des gesellschaftlichen Kitts umreissen. Es sind an Hand einer im engsten Zusammenhang mit unsrer eignen Auffassung verstandenen Geschichtstheorie die auch heute noch massgebenden Anschauungen mit ihren Veraestelungen kurz darzustellen. […] Waehrend der naturalistische Standpunkt die Einbeziehung der durch die Autoritaet umschriebenen Familienstruktur in die gesellschaftliche Dynamik verkennt, ueberspringt der Historismus die Psychologie. Gegenueber diesen beiden grossen Gruppen der herrschenden Ansichten, deren eine den Einfluss der gesellschaftlichen Entwicklung auf die Familie, und deren andere die Widerstandsfaehigkeit ihrer natuerlich gewordenen Struktur und der in ihr produzierten menschlichen Charaktere verkennt, haben wir die Wechselwirkung beider Momente in der gegenwaertigen Periode zu entwickeln. Dies ist wenigstens das Programm, das aus den drei Hauptaufsaetzen des Bandes gleichsam als Grundlage unserer kuenftigen Arbeit auf diesem Gebiet hervorgehen soll.« (Horkheimer-Pollock, 3. 8. 1934/MHA VI 31.34 f.) Um selber frei zu sein für die Arbeit an der »dialektischen Logik« hätte Horkheimer es gerne gesehen, wenn Löwenthal nach seinen Weisungen den soziologischen Hauptaufsatz schriebe, der das Autoritätsproblem unter dem gesamtgesellschaftlichen Aspekt theoretisch beleuchten sollte. Doch das dafür immer noch erforderliche Maß an selbständiger Arbeit traute er ihm dann doch nicht zu, und Marcuse war ihm wichtiger als Helfer bei der »dialektischen Logik«. Schließlich verfasste Horkheimer den einleitenden Hauptaufsatz selber, weil ihm klar wurde, die Arbeit über Familienautorität könne »eine für unseren Standpunkt recht wichtige Sache werden«. Wichtig musste sie aber auch ihm persönlich erscheinen – im Hinblick auf die eigene Biographie und im Hinblick auf das, was er in seiner Antrittsvorlesung über das Zusammenspiel von Sozialphilosophie und Forschungsarbeit des Instituts vorgetragen hatte.

Die Geringschätzung, die Horkheimer Löwenthal im Wechsel mit wohldosierter Anerkennung spüren ließ und die im Briefwechsel mit Pollock deutlich zutage trat, nimmt sich wie das Komplement zu Löwenthals Verhalten gegenüber Horkheimer aus. Keine größere Freude könne Horkheimer ihm machen, als wenn er ihn sehr rasch hinüberbeordere, hatte Löwenthal im Juni 1934 sehnsüchtig aus Genf an Horkheimer in New York geschrieben. Das entspringe dem lebhaftesten Bedürfnis, den persönlichen und wissenschaftlichen Kontakt mit ihm, Horkheimer, so bald wie möglich wiederaufzunehmen, »kurzum mein eigentliches Leben fortzusetzen«. Er glaube, sich in der letzten Zeit ziemlich aufgerappelt zu haben, habe seinen Aufsatz über Dostojewski fertig und gehe »mit beständigem ›ästhetischen‹ Schielen mit einigem Elan an die Familienarbeit heran«, so dass es Horkheimer wohl auch einige Freude machen werde, wenn sie wieder zusammen seien. (Löwenthal-Horkheimer, 21. 6. 1934/Löwenthal, Schriften 4, S. 183) »Hatte ich Sie nicht einmal gebeten, mir unser Gespräch über Kunst bei jenem Spaziergang auf der rue de Lausanne so gut wie möglich aus dem Gedächtnis nachzuzeichnen?«, war Horkheimers Reaktion im Antwortbrief. »Löwenthals Artikel wird natürlich auf höchstens zweieinhalb Bogen von mir zusammengestrichen werden«, lautete seine Mitteilung an Pollock zu Löwenthals Manuskript über »Die Auffassung Dostojewskis im Vorkriegsdeutschland« (Horkheimer-Pollock, 12. 8. 1934/MHA: VI 31.25). Es war dann aber Löwenthal, der – offensichtlich erfolgreich – argumentierte, wenn man als Institut bald »einen dicken Band« herausbringe mit reichhaltigem Material an Literaturberichten, Daten und Hypothesen, verschaffe das Ruhe für die weitere Arbeit.

Weitaus höher war Horkheimers Meinung von den intellektuellen Qualitäten Marcuses, der, so schrieb er an Pollock, »im Laufe der vielen wissenschaftlichen Gespräche, welche wir hier miteinander geführt haben, gut in unsere wissenschaftliche Welt hineinwächst« und mit dem er »bereits viel ueber die Anlage der Logik gesprochen und sogar schon einige Partien des Anfangs vorlaeufig skizziert« habe (Horkheimer-Pollock, 3. 8. 1934/HGS 15, S. 198). Auch in diesem Fall wirkte Horkheimers Einschätzung wie das Komplement zum Verhalten dieses Mitarbeiters, der, beschäftigt mit der wiederholten Überarbeitung seines für die Zeitschrift vorgesehenen philosophischen Aufsatzes »Zum Begriff des Wesens«, zum Jahresende 1935 an Horkheimer schrieb: »Ihr Wahrheits-Aufsatz ist das Beste, was Sie bisher geschrieben haben. Er enthält in nuce wirklich das Ganze der dialektischen Logik, – die Sie aber doch schreiben müssen! Ich möchte Ihnen am Ende meines ersten vollen amerikanischen Jahres sagen, wie sehr ich mich hier in einer menschlichen und wissenschaftlichen Gemeinsamkeit fühle. Ich glaube, einiges gelernt zu haben und möchte Ihnen dafür danken.« (Marcuse-Horkheimer, 13. 12. 1935/HGS 15, S. 437)

Von den dreien, die den »staff« bildeten, war Fromm nach wie vor der Einzige, den Horkheimer als Gleichrangigen wenn auch vielleicht nicht betrachtete, so doch behandelte. »Ich denke oft an diese vier Wochen«, schrieb Fromm im Juli 1934 im Zug nach Mexiko,wohin er für einige Zeit gesundheitshalber reiste, »und der Gedanke, daß wir Aussicht haben, sie fortzusetzen, stimmt mich sehr froh.« (Fromm-Horkheimer, 4. 7. 1934/MHA: VI 8.330) Bevor der intensive Briefwechsel mit Wiesengrund-Adorno einsetzte, war es der Briefwechsel mit Fromm, in dem Horkheimer ausführlich darlegte und theoretisch reflektierte, was ihn hinsichtlich der aktuellen politischen und historischen Entwicklung bewegte und beschäftigte.

»Mein ganzes Interesse«, gestand er Fromm, »gilt gegenwärtig aber keineswegs den politischen Ereignissen, welche mich vielmehr wie Variationen eines bekannten Themas anmuten, und an denen ich ja doch nicht mitwirken kann, sondern der Konzeption der dialektischen Logik.« Vor allem habe er sich mit dem Unterschied zwischen idealistischer und materialistischer Dialektik befasst, und weil bei seinen Überlegungen Psychologisches eine Rolle spiele, sei es ihm sehr wertvoll, Fromms Meinung dazu zu hören. »Der Idealist glaubt an diese Möglichkeit, Ideen zu denken, wie sie ein ewiges Bewusstsein dächte […]. Der Tod wird in Gedanken überwunden, aber weil diese Überwindung nur scheinhaft ist, bildet die idealistische Philosophie als Nachfolgerin der Religion, in welcher der Tod durch den Gedanken an ein ewiges Leben überwunden schien, durch ihr eigenes Wesen eine Gegenkraft gegen die den Tod in der Wirklichkeit bekämpfenden freiheitlichen Kräfte der Gesellschaft. […] Der echte Materialismus ist heute mit metaphysischer Ungläubigkeit, mit Atheismus verbunden, freilich nicht mit jenem satten bürgerlichen Atheismus, der das Jenseits verwirft, weil er im Diesseits schon alles in Ordnung findet und überhaupt unfähig ist, ein anderes Prinzip als das des beschränkten Egoismus zu fassen – mit diesem Atheismus und ›Materialismus‹ hat die materialistische Philosophie nichts gemein, sondern bei ihr entspringt aus der Einsicht in die Endgültigkeit des Todes der verzweifelte Wille, gegen ihn zu kämpfen. Deshalb zerstört er auch die idealistische Philosophie als eine Macht der falschen Beruhigung. Ich glaube, daß diese gesellschaftliche Funktion der idealistischen Philosophie, ja schließlich des Denkens überhaupt, die in der marxistischen Literatur zwar angedeutet, aber nirgends begriffen und jedenfalls viel zu leicht genommen ist, in ihrer Bedeutung für die Geschichte der Gesamtheit und der Einzelnen sehr hoch einzuschätzen ist.«

Das laufe aber keineswegs auf ein Plädoyer für die Abschaffung der Philosophie hinaus. »Sie wissen, daß sich diese Feindschaft gegen das Denken häufig auch bei uns nahestehenden Kreisen findet, und es erscheint mir nicht ganz nutzlos, die Engstirnigkeit und Gefährlichkeit dieser Versuche aufzudecken. […] Das Denken ist nicht bloß dadurch eine Produktivkraft, daß es unmittelbar der Technik oder der politischen Strategie dient, sondern auch indem es die wichtigsten gesellschaftlichen Antriebe zur Veränderung der Wirklichkeit erneuert und steigert. Dies gilt keineswegs bloß bis zum Augenblick der entscheidenden Umwälzung, sondern fast noch mehr, wenn diese geschehen ist. Zu den Elementen des früheren Zustandes, welche mit hinübergenommen werden, und dort erst ihre wahre Fruchtbarkeit erweisen, gehören bestimmt viele Produkte des bürgerlichen und spätbürgerlichen Denkens, mit denen die heutige Welt nichts mehr oder noch nichts anzufangen weiß.« (Horkheimer-Fromm, 29. 7. 1934/HGS 15, S. 179, 183 ff.)

Fromm seinerseits bekundete Wertschätzung, ja Bewunderung für Horkheimers philosophische Perspektive bei der Betrachtung aktueller Entwicklungen und für Horkheimers philosophisches Vorhaben. »Ich hoffe sehr, daß alle diese Dinge in der ›Logik‹ vorkommen; der Gedanke daran, daß Sie diese schreiben werden ist eine der wenigen schönen Vorstellungen, auf deren praktische Erfüllung man noch zu hoffen wagt.« (Fromm-Horkheimer, 3. 8. 1934/HGS 15, S. 209) Auch wenn Horkheimer bei Fromm eine entschiedenere exklusive Bindung ans Institut vermisste, war er für ihn doch in mehrfacher Hinsicht noch lange unersetzlich. Dass es eine bleibende Basis gegenseitiger Wertschätzung gab, machte Jahre später ein Brief Fromms an Horkheimer deutlich, in dem er den Satz zitierte: »Wer sich mit den Einzelwissenschaften abgibt, aber keine Philosophie treibt, der gleicht den Freiern der Penelope, die sich mit den Sklavinnen einließen, da sie die Herrin nicht gewinnen konnten.« (Fromm-Horkheimer, zwischen 28. 2. und 4. 3. 1938 im Zug geschrieben /MHA: VI 8.111)

Worum es bei seinem Projekt einer »dialektischen Logik« gehen sollte, schilderte Horkheimer am anschaulichsten in einem Brief an Landauer, der nach Holland emigriert war. Die »wichtigsten Kategorien unserer Anschauungen, wie Denken, Wissenschaft, Wirklichkeit, Ursache, Gesellschaft, Wirtschaft, Religion, Kunst, Kultur, Familie, Autorität, Geschichte usf.« sollten in einem fortlaufenden Gedankenzusammenhang nach dem Stand der gegenwärtig erreichbaren Erkenntnis entwickelt werden. (Horkheimer-Landauer, 18. 3. 1935/ HGS 15, S. 334) Durch solch eine Klärung der Begriffe wollte Horkheimer zeigen, dass eine anti-metaphysische Haltung der Verschlungenheit der Dinge besser gerecht werden könne als idealistische Entwürfe. Gleichzeitig sah er darin offenbar eine Vorarbeit oder sogar eine vorläufige Form für die mit der Zeitschrift und den Forschungen des Instituts anvisierte Theorie des gesamtgesellschaftlichen Verlaufs. Als Mitarbeiter bei diesem anspruchsvollen Unternehmen schien keiner so geeignet wie der vielfältig talentierte Wiesengrund, der in Frankfurt zurückgeblieben war.

Wiesengrund war damals der Name, mit dem Adorno angeredet wurde und mit dem er auch seine Briefe unterschrieb. Als nicht zum Institut Gehöriger war er bei dessen Flucht nicht informiert worden. Es war aber wohl auch nicht zu erwarten gewesen, dass er selber an Flucht dachte. Zum Beleg für Horkheimers personalpolitisches und unternehmerisches Geschick wurde seine Wiederaufnahme der Beziehung zu Wiesengrund-Adorno. Er appellierte an dessen Bedürfnis, einem sendungsbewussten kleinen Kreis anzugehören. »Wenn es gegenwärtig überhaupt Beziehungen zwischen theoretisch arbeitenden Menschen gibt, die fruchtbar werden können, dann zählt die regelmäßige Zusammenarbeit zwischen Ihnen und dem Institut dazu«, schrieb er im Oktober 1934 an Wiesengrund-Adorno, dem in Frankfurt die Lehrbefugnis entzogen worden war und der sich um eine Fortsetzung seiner akademischen Karriere in England bemühte. Und nach Adornos erster, über mangelnde Informiertheit klagender Reaktion noch drängender: »Wenn Sie sich nicht sehr verändert haben, dann sind Sie einer der ganz wenigen Menschen, von denen das Institut und die besondere theoretische Aufgabe, die es zu erfüllen sucht, geistig etwas zu erwarten haben. Aus denselben Gründen und im gleichen Maße, wie die Zahl dieser Menschen und das Verständnis, auf das sie im Augenblick rechnen dürfen, zusammenschrumpft, werden die Verpflichtungen größer, bei der Stange zu bleiben und die eigene Position weiter zu entwickeln. Wir sind die einzige Gruppe, deren Existenz nicht von einer fortschreitenden Assimilierung abhängt, sondern welche den in Deutschland erreichten relativ hohen Stand der Theorie halten und weiter erhöhen kann.« (Horkheimer-Adorno, 16. 11. 1934/HGS 15, S. 265) Ohne finanzielle Zusagen zu machen gelang es Horkheimer, Adorno als begeisterten und engagierten Mitarbeiter für sich und das Institut zu gewinnen bzw. zurückzugewinnen.

Er hatte sogar Mühe, den Feuereifer Wiesengrund-Adornos zu dämpfen, der sogleich Anspruch auf die Leitung der Londoner Zweigstelle des Instituts erhob, sehr von oben herab alle möglichen Personen als Verbrecher und Betrüger abkanzelte oder gestrenge Urteile über ihre Qualifikation für eine Instituts-Mitarbeit fällte und seinerseits Horkheimer zu verstehen gab, dass er in ihm den einzigen Menschen sah, »mit dem ich mich in solcher Breite einig weiß, daß ich in voller Gemeinschaft mit ihm arbeiten könnte« (Adorno-Horkheimer, 13. 5. 1935/AHB I, S. 64). Für Walter Benjamin z. B. setzte Wiesengrund-Adorno sich vehement ein mit dem Argument, nach eingehendem Studium des Exposés zur Passagenarbeit sei er zu der Überzeugung gekommen, »daß diese Arbeit nichts enthalten wird, was sich nicht vom Standpunkt des dialektischen Materialismus aus wird verantworten lassen«, und dass der Verzicht auf metaphysische Improvisation ein Positivum »für die Verwertbarkeit der Arbeit im Arbeitsplan des Instituts« sei. Er halte die Arbeit für einen ganz außerordentlichen Beitrag zur Theorie, und es sei unverantwortlich, nicht alles zu ihrer Ermöglichung zu tun, »wenn einmal uns wirklich eine Produktionskraft von dieser Gewalt begegnet – die schließlich auch wir, durch unsere Produktionsverhältnisse, nicht fesseln sollten« (Adorno-Horkheimer, 8. 6. 1935/AHB I, S. 74). Die Position Marcuses sah er ganz anders. Es mache ihn traurig, schrieb er an Horkheimer, »daß Sie philosophisch unmittelbar mit einem Mann arbeiten, den ich schließlich für einen durch Judentum verhinderten Faszisten halte; denn weder konnte er sich über Herrn Heidegger Illusionen machen, dem er laut Vorwort des Hegelbuches alles zu verdanken hat, noch etwa über seinen Verleger, Herrn Klostermann aus dem Tatkreis. Nun hat mich Pollock dahin aufgeklärt, daß die Stelle Marcuses für mich nicht in Betracht käme, weil sie eine subalterne Assistenten- und Hilfsarbeiterstelle sei, während man mich nur inter pares akzeptieren und mir selber einen Marcuse beigesellen könne. I take it for granted.« (Adorno-Horkheimer, 13. 5. 1935/AHB I, S. 64)

Auf all diese Dinge reagierte Horkheimer teils gar nicht, teils beschwichtigend und dämpfend. Gleich zu Anfang der Korrespondenz betonte er, dass Adorno wohl ein etwas zu großartiges Bild des Institutsbetriebs habe und der organisatorische Apparat, zu dem auch die Repräsentation gehöre, nur eine geringe Rolle spiele. Auf Adornos Angebot von Arbeiten für die Zeitschrift antwortete er knapp und reserviert. »Dass die ›lange prinzipielle Einleitung‹ und der ›fortlaufende kritische Kommentar‹ zu einem M.’schen [Mannheim’schen, R.W.] Vortrag im Augenblick besonders dringend seien, vermag ich kaum einzusehen. Im Gegenteil! Auch die Arbeit über Husserl scheint mir bei der ersten Überlegung nicht gerade ein Schlüsselproblem der gegenwärtigen Lage zu betreffen, es sei denn, dass die Verbindung mit unserer Realität durch den Stil unzweideutig hervorträte.« Beide Arbeiten wurden trotz Adornos mehrfacher Umarbeitung nie in der Zeitschrift publiziert. Nach einem Zusammentreffen mit Adorno in Paris während einer Europareise meinte Horkheimer schließlich gegenüber Pollock: »Trotz einer Reihe stoerender Momente, die in seiner Persoenlichkeit begruendet sind, scheint es mir notwendig zu sein, dass ich mit ihm zusammenarbeite; er ist der einzige Mensch, der ausser der Assistenz Marcuses an dem Zustandekommen der Logik mitarbeiten kann.« Das zu organisieren sei aber noch nicht dringend. Vielleicht gehe er nach weiteren mit Marcuse durchgeführten Vorarbeiten zu gegebener Zeit nach Europa. »In der Zwischenzeit soll jedoch T. [Teddy, d. i. Theodor Wiesengrund- Adorno, R.W.] seine Verbundenheit mit dem Institut dadurch dokumentieren, dass er einen Plan ausarbeitet, wie der Besprechungsteil auf ein hoeheres Niveau gehoben werden kann. Auch fuer den Aufsatzteil soll T. einiges tun.« (Horkheimer-Pollock, 26. 12. 1935/MHA: VI 31.3)

Als Leiter des Instituts, das ein weites Spektrum von Mitarbeitern unterschiedlicher Qualifikation in unterschiedlichen Situationen für längere oder kürzere Zeit für Aufgaben unterschiedlicher Art beschäftigte, entschied Horkheimer laufend über die Qualität von Personen und ihrer Arbeit und über ihre Verwendung und Bezahlung. Das klang zum Teil dirigistisch und zeugte von keinerlei Bereitschaft, sich mit der betroffenen Person zu verständigen. »Ich denke, daß sich die kleine Mendelsohn [sic!] [Margot von Mendelssohn, Sekretärin des Instituts in Paris und später in den USA, R.W.] zum Korrekturenlesen erziehen laesst«, meinte Horkheimer, als es darum ging, die Aufgabenverteilung zwischen New York und den europäischen Zweigstellen zu regeln. »Honigsheim [Paul Honigsheim, 1933 – 36 Direktor der Pariser Zweigstelle, R.W.] muss sich daran gewoehnen, dass sie meistens fuer die Zeitschrift zu tun hat« und er selber in Zukunft hauptsächlich für die technische Redaktion der Zeitschrift zur Verfügung stehen müsse. »Wenn er in dieser Hinsicht nicht ausgezeichnet funktioniert und vor allem den Verkehr mit Alcan aufs Beste besorgt – so wuerde ich durchblicken lassen – koennen wir ihn spaeter nicht mehr brauchen. Macht er aber diese Sachen richtig, dann wird Paris wohl unser wichtigster Stuetzpunkt drueben bleiben. Honigsheim’s eigene Elaborate interessieren uns schliesslich recht wenig, denen soll er seine schoepferischen Naechte widmen.« (Horkheimer-Pollock, 6. 8. 1934/MHA: VI 31.26 f.)

In anderen Fällen bewies Horkheimer durchaus einen eigenen Sinn für in Schwierigkeiten steckende oder geratene ›kleine Leute‹. »Lass dir, bitte«, schrieb er in demselben Brief, in dem er sich zu Mendelssohn und Honigsheim geäußert hatte, »bevor Du weggehst Fraeulein Isch [Gertrude Isch, Sekretärin Horkheimers in Genf, R.W.] noch einmal kommen. Sie hat noch immer nichts gefunden und vielleicht kann sie sich beim Umzug und auch nachher durch manche Hilfsarbeit bei uns etwas verdienen. Ich bin ihr ein wenig dankbar, dass sie mein Verhaeltnis zu Genf verstanden hat. Ihr Sinn fuer meine Art zu arbeiten wiegt fuer mich ihre Unzulaenglichkeit in anderer Hinsicht auf.« (A. a. O., 28 f.) Ähnlich klang es, als er Fromm Dr. Abrahamson ansHerz legte, von dem später in den »Studien über Autorität und Familie« ein Bericht über »Die Familie in der deutschen Sozialpolitik« aufgenommen wurde. »A. [Hubert Abrahamsohn, R.W.] besitzt meiner Meinung nach keine große wissenschaftliche Qualifikation, aber er ist ein braver Kerl, der nichts zu beißen und zu nagen hat. Es wäre vielleicht nicht nutzlos, wenn man ihn in Paris in einigen der Milieus, aus denen wir Antworten von Jugendlichen bekommen, einige Untersuchungen anstellen ließe. […]Wenn Sie meiner Meinung sind, könnten Sie am Ende gleich einen Brief an A. […] schicken, in dem Sie ihn um näheren Aufschluß bäten und gleich einige Direktiven gäben. Ich werde dann mit Pollock darüber korrespondieren, ob wir dem armen Teufel einen kleinen, natürlich befristeten, Auftrag geben können.«

Aus welcher Perspektive man sich Mitte der 1930er Jahre dem Phänomen Horkheimer auch näherte, er bildete den Mittelpunkt. Aufträge verteilen, Absprachen treffen, routinemäßige Aufgaben in Organisationen und Institutionen wahrnehmen und Vermögen verwalten – das tat auch oder vor allem Pollock. Doch nur einer wusste, worum es eigentlich ging und gehen sollte und entschied darüber, was zählte und was nicht – das war der offiziell und ebenfalls gemäß interner Absprache der beiden Freunde als wissenschaftlicher Leiter des Instituts fungierende Horkheimer. Und er war es, der im engsten Kreis, dem des Île heureuse-Trios, dafür sorgte, dass es nicht zum Stillstand kam und die Gestaltung und die Arbeit des Instituts immer wieder neu auf die Ziele des Dreierbundes abgestimmt wurde, der »little community«. Er sah dadurch Triebkraft und Ziel ihrer Freundschaft berührt. Es beunruhige ihn, schrieb er an Pollock, »dass Du den unmoeglichen Plan von Loewenthal, den ich nicht etwa stiefvaeterlich behandelt, sondern als puren Mist bezeichnet habe, immer noch ernst nimmst«. »Die Behauptung irgendwelcher Leute, auf die Du Dich mir gegenüber berufst, kann mich keineswegs darueber troesten, dass es sich bei diesem Plan um eitles und geistloses Zeug handelt, um eine wissenschaftliche Betriebsamkeit, mit der jedenfalls ich nicht das Geringste zu tun haben will. Die Tatsache, dass Dir hier die Unterscheidung zwischen unserer eigenen und einer uns fremden Gedankenwelt abgeht, gehoert zu den Punkten, ueber die wir uns sehr ernsthaft unterhalten muessen.« (Horkheimer-Pollock, 12. 8. 1934/ MHA: VI 31.25)

Kapitel IX aus: Rolf Wiggershaus, Max Horkheimer. Unternehmer in Sachen »Kritische Theorie«

Mit freundlicher Genehmigung © S. Fischer Verlag, Frankfurt 2013

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erstellt am 29.7.2013

Max Horkheimer zu Marx und zur Kritischen Theorie

Max Horkheimer in den USA
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Rolf Wiggershaus
Max Horkheimer
Unternehmer in Sachen »Kritische Theorie«
Broschur, 240 Seiten
ISBN 978-3-596-19574-9
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013

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Rolf Wiggershaus studierte Philosophie, Soziologie und Germanistik in Tübingen und Frankfurt am Main. Seine große Studie zur Geschichte der Frankfurter Schule ist zu einem vielfach übersetzten Standardwerk geworden. Darüber hinaus hat er mehrere Werke über Adorno, Wittgenstein und Habermas verfasst. Er lebt als freier Publizist bei Frankfurt am Main.