Der Lyriker, Übersetzer und Romancier Matthias Göritz wurde mit dem Roman „Der kurze Traum des Jakob Voss“ (2006) bekannt, aber auch mit seinen Gedichtbänden „Loops“, „Pools“ und „Tools“. In der Edition Faust erschien seine Erzählung Im Hospital. Im Mittelpunkt seines neuen Romans „Träumer und Sünder“ steht der alte und kranke Filmproduzent Helmut Erlenberg, der im Interview mit dem Ich-Erzähler, einem jungen Journalisten, Details über sein neues Film-Projekt „Gleiwitz“ erzählen soll. Der Film handelt von dem von Deutschen vorgetäuschten, polnischen Überfall auf den Radiosender Gleiwitz, der Hitler als Vorwand diente, Polen zu überfallen. Der Film soll mit Nicole Kidman unter der Regie von Ridley Scott realisiert werden. Der monologisierende Erlenberg aber spielt sein eigenes Spiel, das in eine merkwürdige Beziehung zwischen dem Filmsujet Zweiter Weltkrieg und dem zeitgenössischen Kulturbetrieb führt. Ein Kapitel aus diesem Buch verrät mehr.

Romanauszug

Träumer und Sünder

Von Matthias Göritz

I .

«Sehen Sie die Luft? Wie sich das Sonnenlicht in den Fasern, Pollen und Blütensamen bricht – wie in Tausenden von Diamanten? Man hat das Gefühl, durch die Gegend zu schwimmen. Dieses Licht gibt es nur in Italien. Hören Sie? Ein Möbelwagen fährt die Straße hinab, Traslochi, Traslochi steht auf den Türen und an den Seiten. Umzug. Ein scharfes Bremsen, Poltern, zwei Männerstimmen, die sich eher ansingen als anschreien, unverständlich. Für einen kurzen Moment ist die Luft über dem Platz in Bewegung geraten, man sieht, wie kleine Wirbel alles mit unsichtbaren Pinselstrichen verzieren, dann tritt der Staub wieder in seine fast fließende, zähe, stetige Bewegung zurück. Die Luft hat etwas von flockigem Wasser, ruhig und schön, das Licht zittert wie ein noch ganz junger Körper in der morgendlichen Kühle. Der Möbelwagen fährt weiter; das nur von den Vögeln und Handgriffen der Marktbeschicker unterbrochene bedächtige Schweigen nimmt wieder seinen kurzen, aber wichtigen Platz ein im Tagesverlauf. Ach. In so einem kleinen Bild steckt doch das ganze Leben, meinen Sie nicht?

Wussten Sie, dass in Griechenland auf den Möbelwagen Metafora steht? Das haut einen doch um. Umzug: die Metapher an sich. Wie kamen wir darauf? Ach ja, ich bin in die Nähe von Rom gezogen, weil ich es in letzter Zeit in Los Angeles und New York nicht mehr ausgehalten habe. Die Luft, der Verkehr, dauernd will jemand etwas von einem; mein Herz macht das nicht mehr mit. Immer das Zugpferd sein, immer die gleiche hoch trainierte Nummer. Nicht, dass Sie mich missverstehen: Ich bin diesen Monat noch in Cannes; vom Geschäft zurückgezogen habe ich mich nicht, nein, noch lange nicht. Aber ich brauche Veränderung, Wechsel, der nicht nur mit Kulissen, Badezeug, Morgenrock, Produktionsschlabberlook und Abendgarderobe für Partys und Premieren zu tun hat. Italien tut mir gut. Kann man durchatmen. Ich habe einen Freund hier gleich um die Ecke im nächsten Ort, Cy Twombly, kennen Sie den? Natürlich. Der lebt seit den Fünfzigern hier. Sagt, er könne ohne das Licht hier gar nicht mehr arbeiten.»

Der alte Mann hatte zu sprechen begonnen, und wie es schien, würde er so bald nicht mehr damit aufhören. Das Zimmer war dunkel, die Vorhänge aus schwerem rotem Samt schienen die durch den meterbreiten Spalt hereinströmende Luft zu erdrücken. Der Raum roch ranzig, nach den talgigen Ausdünstungen alter Haut, und die scharfen klinischen Gerüche, die er mit Krankenhausfluren und Medikamenten in Verbindung brachte, legten sich darüber. Der Interviewer hatte in einem Ledersessel Platz genommen und bemühte sich, still zu sitzen, kein Knarzen sollte später auf dem Aufnahmegerät, das er mit dem großen Mikrofon vor sich aufgebaut hatte, zu hören sein. Man wusste ja nicht, ob nicht auch ein Radiosender an seinem Beitrag Interesse zeigen würde. Jedenfalls wäre es dann besser, die Aufnahme käme klar und möglichst geräuschfrei rüber, wobei ihm der fröhliche Lärm des Platzes, den ihm der alte Mann gerade in so farbigen Worten beschrieben hatte, durchaus in den Kram passte. Atmo war immer gut.

«Übrigens haben wir gerade eine neue Produktion laufen in Cinecittà, ist aber noch geheim, kann ich Ihnen nichts drüber sagen. Na ja, in meinem Geschäft muss man flexibel bleiben.»

Der Interviewer bemerkte die Sauerstoffflasche, die der alte Mann in dem altmodischen Rollstuhl aus Holz neben sich stehen hatte. Sein Gastgeber nahm einen Zug aus der Atemmaske, drehte dann den Knopf zu und hängte die Maske über einen der Karrengriffe. Die Flasche auf der Sackkarre neben ihm wirkte wie ein roboterartiger stummer Diener, ein Zweitkörper, aus dem sich der Mann dann und wann bediente, um seine verfallende Hülle weiter wie einen alten Zeppelin oder etwas ähnlich Technisches in Form zu halten.

Diese ganzen Hilfsmittel passten nicht zu der kräftigen, singenden Stimme – es war so gar keine Altmännerstimme.

«Was meinen Sie, wollen wir? Ja, lassen Sie uns über die Arbeit sprechen. Wie wird man der gefragteste Fixer Hollywoods, der großen New Yorker Fernsehsender und der europäischen Filmzentren, das wollen sie doch wissen? Der ‹Größte›, das ist absolut realistisch, das können Sie ruhig so stehen lassen.»

Nein, eigentlich war die blaue Sauerstoffflasche kein Roboterzwilling des alten Mannes, eher kam es dem Interviewer so vor, als hätte die eben noch energisch gestikulierende Hand mit ihren riesigen, fast kontinentalen Altersflecken, die jetzt auf dem Gerät neben ihm zur Ruhe kam, ein überdimensioniertes Organ gestreichelt. Eine stählerne Niere vielleicht. Er versuchte, seine Konzentration wieder auf seinen Gesprächspartner zu lenken.

«Na gut, ein paar Konkurrenten gibt es schon, viele von uns sind ja inzwischen in die Vorstandsetagen aufgestiegen. Sie wissen, mit ‹Fixer› meine ich nicht irgend so einen neumodischen Schnupfer, Drücker, überdrehten Hyper, der Ihnen die Welt einmal bunt und dann übernüchtern zeigt, wenn die Party vorbei ist und der seine Sachen packt, wenn das Einspielergebnis der ersten Tage vorliegt. Ich mag den Ausdruck Vermarkter nicht, das klingt so, als handelten wir mit Fischen oder Versicherungspolicen. Nein, ich meine einen Kerl der alten Schule, einen, der an Filme glaubt, aber auch weiß, wie man sie in die Kinos bringt, verstehen Sie?»

Der Interviewer nickte und überprüfte noch einmal den Ladestand an seinem Gerät. Es war einer der neuesten digitalen Recorder, er hatte richtig etwas springen lassen. Und obwohl er kein Technikfanatiker war, hatte er sich nach dem Kauf einige Tage lang damit beschäftigt, sich von einem technisch begabteren Kollegen zeigen lassen, wie es funktionierte und wie man den Raumklang aussteuerte. Was das anging, war er guten Mutes nach Italien aufgebrochen. Es wäre zu ärgerlich, wenn er dieses Gespräch nicht perfekt auf die Speicherkarte bekam. Normalerweise hatte er immer ein Zweitgerät dabei, aber es war ihm letzte Woche bei einer Vernissage in München gestohlen worden, als er sich kurz umgedreht hatte, um ein Glas Sekt von einem Tablett zu nehmen.

«Da fängt nämlich das Problem an. Den Film in die Kinos zu bringen. Was nützt Ihnen ein Meisterwerk, wenn es keiner sieht? Tausende Meter totes Material, verschwendete Zeit, verschwendetes Geld. Eben. Meine Kampagnen haben fast so viele Trailer Awards und Schlüsselpreise der Industrie gewonnen wie die von Palen – und ich mache grundsätzlich keinen Horror. Haben sie den für Hostel gesehen? Igitt, Pornografie, reine Pornografie. Aber die Idee für das Rambo-Poster im letzten Jahr, Rambo als Che Guevara? Das war einfach genial. Ja, der kann was.»

Die Einladung war überraschend gekommen. Schon lange hatte er versucht, den alten Mann für ein Gespräch zu gewinnen. Er galt als einer der Großen in seinem Geschäft, aber er war immer im Hintergrund geblieben, die Leute wussten wenig bis nichts über ihn. Es gab ein paar Fotos von Filmpartys, doch keine Klatschgeschichten dazu; nie war Privates nach außen gedrungen. Und dann, im Februar vor zwei Jahren, hatte sich plötzlich alles verändert. Skandalbilder waren vom Set von Quentin Tarantinos Inglorious Basterds aufgetaucht. Man hatte den Produzenten mit einer Handykamera aufgenommen, wie er Tarantino eine Ohrfeige verpasste. Es war der letzte Drehtag im Pariser Studio gewesen. Die Bilder kreisten eine halbe Nacht über Twitter und andere Netzwerke durch die Foren und Filmportale, zuerst hielt man sie für Fälschungen, aber dann klinkte sich die Murdoch-Presse ein und behauptete, Quentin habe zurückgeschlagen. Hiervon gab es allerdings kein Bildmaterial, zumindest war nie welches aufgetaucht. «Helmut hits» oder «Quentin’s newest hit» hatte nicht nur die Klatschpresse getitelt, auch seriöse Zeitungen zogen mit, und nun war die Story, die jeder hinter dem Bild witterte, für ein paar Tage weltweit in den Nachrichten. Der Kultregisseur, der sich von Helmut Erlenberg schlagen ließ. Von Helmut Erlenberg, dem alten deutschen Produzenten. Was hatte sich da hinter den Kulissen abgespielt, ausgerechnet als Tarantino an seiner Umdeutung der Geschichte bastelte, als er im Film Hitler im Flammeninferno sterben ließ?

Man verlangte Erklärungen. Man war schockiert. Nannte Erlenberg einen alten Geldsack, der das Ungeheuerliche angestellt hätte, indem er seinen eigenen Regisseur ohrfeigte. Und Erlenberg war ja noch nicht einmal Haupt-, sondern bloß Koproduzent des Basterds-Films. Über Facebook verlangte Tarantinos Fangemeinde wütend Satisfaktion. Drohungen wurden laut gegen den teutonischen Spinner: Man wolle ihn wegputzen, ihn flashmobben. Sogar die Polizei schaltete sich ein. Eine Weile kochten die Gemüter hoch, aber niemand konnte sagen, was eigentlich passiert war. Vermutungen waren höchsten für ein, zwei Ausgaben der Großpresse gut, für zwei, drei Talkshow-Runden. Dann wanderte die Geschichte auf die hinteren Seiten. Man brauchte Protagonisten. Tarantino war sofort nach Drehschluss abgereist; er hatte, abgesehen von einer kurzen, kryptischen Mitteilung, er sei eben ein sehr emotionaler Mensch und nicht besonders gut darin, auf Wiedersehen zu sagen, geschwiegen. Auch Erlenberg wusste sich abzuschotten. Und jetzt hatte ihn endlich jemand vor dem Mikrofon. Nein, nicht jemand. Er selbst. Er hatte ihn vor sich. In diesem zusammengefallenen Menschen, der da vor ihm saß, steckte eine Geschichte, die es wert wäre, erzählt zu werden. Da war er sich sicher. Mehrere Magazine hatten ihm eine Menge Geld angeboten, obszön viel, selbst für diese Branche. Einen Fotografen hatte er nicht mitbringen dürfen. Das hatte die Sekretärin in München ihm als Bedingung genannt. Sie hatte ihm eingeschärft, dass der alte Mann natürlich auf keinen Fall auf den «Vorfall», so die offizielle Sprachregelung, angesprochen werden dürfe, das sei ja auch selbstverständlich, hatte er geantwortet, insgeheim grinsend, denn ansprechen würde er ihn darauf nicht, aber das hieß ja noch lange nicht, dass der alte Mann die Geschichte nicht von sich aus erzählen würde. Wenn man ihn ließ. Und das würde er. Ihn erzählen lassen. Vertrauen schaffen. Ihm einen Platz für die Wahrheit anbieten. Selbst um das Aufnahmegerät hatte er kämpfen müssen, bis es ihm schließlich gelungen war, die Erlenberg-Crew zu überzeugen, dass er es lediglich als Erinnerungsstütze gebrauchen würde und als Hilfsmittel, damit überhaupt ein Gespräch in Gang kam. Ein Notizblock, ein Blatt Papier und ein Kugelschreiber zwischen ihnen, hatte er gesagt, das sei doch sehr künstlich. Da fühle er sich wie ein Sekretär. Und er hätte nicht tun können, was er am liebsten tat. Beobachten. Er nahm die geschnittene Kristallkaraffe mit dem frischen Orangensaft von dem Marmortisch und füllte sein Glas.

«Verzeihen Sie, dass ich Ihnen nicht selbst einschenke, aber ich bin, wie Sie sehen, wirklich noch nicht wieder richtig auf den Beinen. Operationen steckt man in meinem Alter nicht mehr so einfach weg.»

Höflich bot der Interviewer dem alten Mann ein Glas an, aber der lehnte ab, wie beim ersten Mal. Sie waren sich noch nicht wirklich nähergekommen in den fünfunddreißig Minuten, die der Interviewer jetzt schon im Kasten hatte, beziehungsweise auf dem Chip. Er konnte sich, obwohl er jung war und damit aufgewachsen, nicht an die Vorstellung gewöhnen, dass die menschliche Stimme, in Daten umgewandelt, auf so einem blauen Plastikding mit seinen miniaturisierten Platinen Platz finden konnte, wie in einem Käfig, dachte er dann, ausgestanzt. Aber es war Platz darauf, über acht Stunden, die er hier, heute mit diesem kranken Mann wohl nicht verbringen würde. Kein Tonträger, ein Speicher.

«Bedienen Sie sich! Die Säure vertrage ich nicht mehr so gut. Wo waren wir? Ach ja. Für die meisten Filme bleibt sowieso nur die Direktvermarktung auf DVD oder die Endlosschleife auf Hotelkanälen, obskuren Fluglinien oder im Sonntagsprogramm. So sieht das aus. Es macht müde, wenn man daran denkt, was aus unserer Branche geworden ist.»

Der Interviewer bemerkte die schlaffe Haut unter dem Kinn des alten Mannes, er wirkte ausgezehrt von der Krankheit. In Pressekreisen munkelte man allerlei über Krebs, aber niemand wusste etwas Genaues. Trotzdem war er, wie er dasaß, in seinem nachtblauen Anzug, mit der sorgsam gebundenen Krawatte und der weichen Decke um seine Beine, immer noch eine Macht, einer, mit dem zu rechnen war. Schlicht darum, weil er offensichtlich noch mit sich selbst rechnete. Der alte Mann räusperte sich leise, als wollte er sich vergewissern, dass er nun die volle Aufmerksamkeit seines Zuhörers und auch des eingebauten doppelten Mikrofons erhalten würde, sah den Interviewer mit einer fragend hochgezogenen Augenbraue an und fuhr fort.

«Und das ist ja noch nicht einmal alles. Jeder Film hat schon zahllose Schlachten hinter sich, bevor er in die Kinos kommt. Testvorführungen, Umschnitte, Nachdrehs. Und dann kommt das ganze Cocktailpartygedöns, wo man versucht, alle heiß zu machen, Stars, die nicht beim Casting waren, Produzenten, die nicht eingestiegen sind – innerindustrielles Rumoren –, das ist wichtig. Die Buschtrommeln schlagen. Da sollen einige Leute Bauchschmerzen bekommen, dass da etwas Großes auf sie zukommt, der Renner, der neue Saw, die neue Titanic, ein Splatterfest für die Gemeinde der Selbstzerfleischer. Oder ein Koser und Schmeichler für die romantische Gänsehaut, Low Budget oder Blockbuster, Hauptsache ein Streifen, der das Eröffnungswochenende abräumt, sodass die Kinos den Film jede Stunde in zwei, drei Theatern parallel laufen lassen! Sie glauben es vielleicht nicht, aber da steckt viel Arbeit dahinter. Das sind Botschaften für die Eingeweidewühler, die Hollywoodorakel, die Regenbogenjournalisten, die so was aufschnappen und dann, wenn man Glück hat, liest man das in Blogs und auf den bunten Seiten der Magazine. Gerüchteküche. Und dann geht es los.»

Der Interviewer zog ein Päckchen Camel aus seiner Jacketttasche und hob es fragend in das Sichtfeld des alten Mannes. Sie beobachteten einander noch, wie zwei Raubtiere, er, der katzenhafte kleine Luchs, und der alte Mann da vor ihm im Rollstuhl, dem er immer noch nicht traute, einer, der das Warten gewohnt war, die Reglosigkeit, eine Position, wo er, nur immer wieder die Zunge bewegend, wartete, bis er eine Stelle gefunden hatte, an der er zuschlagen würde, plötzlich nach vorne schnellend. Ein zügelloser, kalter Waran. Er merkte, wie es ihm bei diesem Gedanken merkwürdig warm wurde im Rückgrat. «Nein, es stört mich nicht, wenn Sie rauchen, ganz im Gegenteil, ich rieche das gern. Ich darf ja leider nicht mehr. Wie man an die richtige Story kommt? Ahhh. Was meinen Sie, wie viele Bücher eingekauft werden, nicht nur Romane. Ich erinnere mich noch, vor ein paar Jahren gab es da eine Biografie: Eine britische Entwicklungshelferin verliebt sich in einen Guerillaführer im Sudan, wirklich, eine authentische Story. Sie setzt sich für Kinder ein, nutzt ihre Macht, um das ganze Fass aufzumachen, legt sich mit allen an, auch mit der UN, die sich nicht in die inneren Angelegenheiten eines souveränen Staates einmischen will, in der auch religiöse Konflikte und im Hintergrund die Ölgesellschaften ihre schmierige Rolle spielen. Sie wird schließlich ermordet.

Nicole Kidman wollte diese Frau unbedingt spielen, ihr Agent hat mich sofort angerufen, als das Buch bei ihm auf dem Tisch lag. Ein Film mit humanitärer Botschaft, politischer Aussage, Stammesfehden, wir haben da zu lange weggesehen, diese ganze Sudanscheiße, das hatte großes Potenzial. Für den Vermarkter ein Traum. Weibliche Emanzipation trifft Afrika, es geht um das Gute, es geht um Liebe, um das Retten von Kindern, ja, und um das Versprechen von ungezügelter Leidenschaft im Angesicht des Todes. Danke, es geht schon, ich habe mich nur verschluckt. Dieser Husten ist hartnäckig. Ein, zwei Züge aus dem Inhalator, gleich vorbei.»

Der Interviewer stand kurz auf, um den Aschenbecher mit der rasch wieder ausgedrückten Zigarette auf den großen Palisandertisch am Eingang zu stellen. Er würde dem alten Mann Zeit geben müssen. Der Interviewer fühlte kurz einen Stich, als er sich erinnerte, dass weder die Sekretärin in München noch, augenscheinlich, der alte Mann gewusst hatten, wer er war. Doch er schluckte diesen Gedanken herunter. Zeit war der Schlüssel. Diese Leute waren komisch, man durfte ihnen nicht zu früh zu nah kommen wollen. Allerdings – er fuhr sich kurz mit dem Finger unter den Kragen seines Hemdes und wischte den Schweiß fort – fühlte er sich so, als würde er noch immer am Fuß der Treppe vor dem alten Haus am Marktplatz von Sperlonga stehen, im Taxi auf dem Weg hierher sitzen, in der Bahn, auf dem Termini vor dem morgendlichen Cappuccino, in der Bahn von Fiumicino, wirklich erst in der Ankunftshalle vom Flughafen, wo nicht der versprochene Fahrer auf ihn gewartet hatte, sondern eine Alitalia-Mitarbeiterin, die ihm einen Umschlag übergeben hatte, mit der bedauerlichen Auskunft, er müsse sich leider doch selbst um die restliche Anreise kümmern. Abgründe. Für einen Moment war er unsicher, ob er nicht doch zuerst hätte fragen sollen, was für eine Krankheit Erlenberg habe. Aber die Gelegenheit war vorbei. Vor zwanzig Minuten hätte er sie vielleicht noch gehabt. Hatte der alte Mann nicht gerade von «Timing» gesprochen?

[…]

Auszug aus: Matthias Göritz, Träumer und Sünder, Roman, C.H. Beck Verlag, München 2013

Mit freundlicher Genehmigung © C.H. BECK Verlag

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erstellt am 29.7.2013

Matthias Göritz, Foto: Wolfgang Becker

Matthias Göritz
Träumer und Sünder
Roman
Gebunden, 238 Seiten
ISBN 978-3-406-65282-0
C.H.BECK Verlag, München 2013

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