Die Syrerin Anat Ismail arbeitet als Dolmetscherin an der kanadischen Botschaft in Damaskus. Dort übersetzt sie die Geschichten von Flüchtlingen, die in Kanada Asyl beantragen wollen. Zur gleichen Zeit befindet sich ihr Mann Daschawad im Gefängnis. Als politischer Aktivist sitzt er dort eine fünfzehnjährige Haftstrafe ab. Nach seiner Entlassung stellen jedoch beide fest, dass sie sich voneinander entfremdet haben. In dem Roman »Wächter der Lüfte« lässt Rosa Yassin Hassan den Leser aus unterschiedlichen Perspektiven am Schicksal von Menschen teilhaben, die aufgrund ihrer politischen Überzeugung oder wegen ihrer ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit Unterdrückung und Verfolgung ausgesetzt sind.

Romanauszug

Wächter der Lüfte

Von Rosa Yassin Hassan

Um zehn Uhr abends stand Anat wieder vor der Haustür, mit zersaustem Haar und verweinten, von Kajal verschmierten Augen. Die Tränen wollten einfach nicht zu fließen aufhören. Eigentlich hätte sie jetzt in Tartus sein müssen.

Vor wenigen Augenblicken hatten Hassan und Dschamila noch gemütlich vor dem Fernseher gesessen, auf dem man nur einen einzigen Kanal anschauen konnte, den syrischen Staatssender natürlich. Die algerische Sängerin Warda umschmeichelte gerade vielsagend ihren Handy und besang seine schönen schwarzen Augen. Als Dschamila aufschaute und gewahr wurde, in welchem Zustand sich ihre Tochter befand, sprang sie erschrocken auf und nahm sie in die Arme.

Alles sah danach aus, dass sich einer an ihrer Tochter vergangen haben musste. Alle möglichen schrecklichen Szenarien, all das Schlimme, was da draußen in den nächtlichen Straßen – nur wenige Schritte von ihrem Sofa entfernt, auf dem sie gemütlich ihren Matetee getrunken hatte – um diese Zeit einer jungen Frau passieren konnte, schoss ihr durch den Kopf. Die Verbrecher breiten sich überall aus wie Läuse, hocken in irgendwelchen dunklen Ecken der Nacht, und meine Tochter Anat, die so jung und unschuldig ist, hält sich zu dieser späten Stunde draußen auf …

Sie hielt Anat, die völlig in sich zusammengesunken war, fest in ihren Armen und führte sie mühsam aufrecht haltend, zum Sofa.

Die Unterhose hochgezogen und die Augen weit aufgerissen, stürzte Hassan, der Anats lautes Schluchzen und das aufgeregte Schreien seiner Frau gehört hatte, erschrocken aus dem Badezimmer.

„Sie haben Dschawad verhaftet.“

Keiner ihrer Eltern wagte zu fragen, wer dieser Dschawad sei.

Die halbe Nacht blieben wir wach. Ich erzählte mir die Seele vom Leib. Ich hatte die dünne Decke meiner Mutter über mich geschlagen und spielte an den beiden Schwälbchen herum, die darauf gestickt waren. Mein Koffer, den ich beim Eintreten irgendwo hingeworfen hatte, lag noch immer halb offen an seinem Platz, meine Kleider um ihn herum verstreut. Mein Vater drehte sich ohne Unterbrechung eine Zigarette nach der anderen, leckte jedes Zigarettenpapier mit seinem Speichel ab und ließ den ledernen Tabakbeutel die ganze Nacht offen liegen. Das Zimmer war ganz vernebelt von dem vielen Rauch. Der Dunst und meine zunehmende Müdigkeit ließen ihre beiden Gesichter immer mehr verschwimmen.

„Und was heißt das jetzt alles?“
„ … dass ich auf ihn warten werde!“
„Und wenn er sehr lange im Gefängnis bleiben muss, was dann?“, fragte mein Vater halb ängstlich, halb nervös. Dabei presste er immer wieder seine Hasenscharte zusammen und hatte seine Arme um meine Schultern gelegt.
„ … dann werde ich trotzdem auf ihn warten.“

Dschamila versuchte ihre Tochter davon zu überzeugen, dass nur Gott allein wissen könne, wann Dschawad aus dem Gefängnis entlassen würde. Vielleicht hielten sie ihn nur wenige Stunden gefangen, vielleicht musste er aber auch mehrere Jahre in Haft verbringen. Das hing einzig und allein von den Behörden ab. Sie warf Hassan einen auffordernden Blick zu, damit auch er ihre Worte unterstützte. Doch Hassan verharrte in seiner Schweigsamkeit und kaute in sich versunken auf seiner Zigarette herum.


„Ich warte auf ihn.“

Dann sagte Hassan:
„Wer hineingeht, ist verloren, wer herausgeht, neu geboren, mein Kleines.“

Wieder warf sie Hassan rasch und heimlich einen Blick zu, um ihn dazu zu bewegen, Anat umzustimmen. Endlich fuhr er fort: „Außerdem darfst du nicht vergessen, dass seine Familie vielleicht gar nicht zulässt, dass er ein alawitisches Mädchen heiratet. Du weißt doch selbst, dass sie immer nur Mädchen aus ihrer eigenen Konfession heiraten dürfen.“

„Das ist uns egal … Wir haben uns schon geeinigt, Papa.“

Ihr schoss durch den Kopf, dass er nun sicher fragen würde, wie es überhaupt angehen könnte, dass sie sich geeinigt hatten, ohne sie auch nur ein einziges Mal nach ihrer Meinung zu fragen. Doch der Vater sagte nichts.

„Ich liebe ihn, Papa! Außerdem, seit wann kümmert es dich überhaupt, wer welche Konfession hat. Dein ganzes Leben hast du voll Abscheu über diese ganze Sache mit der Religion geredet. Gerade du fandst es doch immer das Letzte, wenn jemand sich durch dieses Konfessionsgehabe in die Schranken weisen ließ. Du warst es doch, der dieses Denken immer bekämpft hat.“

Wieder fehlten ihm die Worte.

„Wenn ihr ihn erst mal kennen gelernt habt, werdet ihr sehen. Ich bin mir sicher, dass ihr ihn sofort gern habt. Er ist wirklich ein wunderbarer Mensch.“

„Beruhige dich, mein Kleines, beruhige dich erst einmal.“

Dann kamen sie nicht mehr darauf zu sprechen.

Für mich war ihre Reaktion eine wirkliche Überraschung. Ich hätte nie damit gerechnet, dass sie sich verständnisvoll und freundlich verhielten, wenn ich ihnen so etwas erzählen würde. Sie bemühten sich aufrichtig, mir das Gefühl zu geben, dass sie für mich da sind, dass ich bei ihnen in Sicherheit wäre. Irgendwann stand meine Mutter auf und küsste mich auf die immer noch von Tränen und Kajal verschmierte Wange. Nachdem sie den Fernseher ausgemacht hatte, in dem ein Sprecher gerade den Sendeschluss verkündet hatte, ging sie in die Küche. Zuvor war wie jede Nacht begleitet vom Hissen der syrischen Flagge „Hüter der Heimat“ abgespielt worden, die syrische Nationalhymne.

Sie wird diese lange Zeit nicht warten können. Ich kenne doch meine Tochter, versuchte sich Dschamila insgeheim zu beruhigen, während sie starken Tee mit Zimtstangen zubereitete.

Ich kenne sie, das Fenster der Geduld wird sich schnell schließen. Sie liebt das Leben und den Trubel doch mehr als irgendetwas sonst auf der Welt. Wenn ihr Freund ein Jahr oder länger eingesperrt bleibt, wird sie nicht mehr auf ihn warten wollen. Der Drang nach Leben in ihr wird sicher stärker sein.

Dann erschrak sie bei dem Gedanken, dass auch Anat verhaftet werden könnte. Sie lief, das Tablett mit den Gläsern darauf in der einen Hand und dem Teekrug in der anderen, wieder ins Zimmer. Immer mehr Fragen kamen ihr in den Sinn. Wer ist denn dieser Dschawad überhaupt? Woher kommt all diese mit solcher Bestimmtheit zum Ausdruck gebrachte Liebe? Sie würde niemals einer Heirat mit einem Drusen zustimmen, das wusste sie. Sie wollte nicht, dass Anat leiden müsste. Wie würden ihre Verwandten auf diese Geschichte reagieren? Wahrscheinlich würden sie den Kontakt zu ihnen abrechnen – obwohl sie das eigentlich gar nicht schlimm fände, wie ihr dann unmittelbar bewusst wurde. Die Verwandten hatten seit geraumer Zeit nichts mehr von sich hören lassen. Und zu guter Letzt müsste dieser Dschawad es wagen, seine eigene Familie davon zu überzeugen, ein Mädchen heiraten zu dürfen, das keine Drusin wäre. Daran hatte sie ihre Zweifel.

Auf der anderen Seite spürte sie deutlich die tiefe Zuneigung, die von Anat ausging und die dem Haus Wärme und neues Leben einflößte. So sehr fühlte sie sich von dieser Liebe geborgen, dass sie bisweilen das Gefühl hatte, sie selbst hätte sich Hals über Kopf in diesen Dschawad verliebt, der so plötzlich in ihr Leben eingedrungen war und dieses auf den Kopf gestellt hatte.
Ihre Tochter schien wie von einer Art Aureole umgeben. Saß sie auf dem Sofa, kam es Dschamila vor, als ob das Sofa zu leuchten begänne. Erstaunlich, was die Liebe alles vermag, dachte die Mutter im Stillen.

Schon begann Hassan, Liebesgedichte von Madschnun Leila und anderen Klassikern zum Besten zu geben:

Bei Gott, bei Gott, ich schmelze dahin vor Liebe und sinne, was mag ich bloß an dir begangen haben und weiß doch keine Antwort

Als Dschamila in das Wohnzimmer trat, sah sie, dass Hassan seine Tochter fest in seinen Armen hielt. Obwohl Hassan nicht müde wurde, ein altarabisches Gedicht nach dem anderen auf die Liebe anzustimmen, wusste sie, dass er, wenn er erst einmal in Ruhe über die ganze Angelegenheit nachdachte, mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nicht zustimmen würde. Jetzt lässt er sich noch von seinen Gefühlen leiten, und den Tränen seiner Tochter, dachte sie skeptisch.

Soll ich das Band der Liebe etwa trennen, wo selbst der Tod ihr unterlegen ist? Soll ich von eurem Kelche trinken, den bislang keiner kostete? Soll ich in die Ferne fliehen, wo keiner mehr mir Beistand leistet? Was soll ich tun? Etwa gestehen, dass ich besiegt wurde?

Durch das Aufsagen der Gedichte bewegt ließ Hassan seinen Tränen freien Lauf, während Dschamila tief in ihrem Inneren ein für sie unnennbares Glück und zugleich ein Schaudern der Lust zu fühlen begann, was sie sich selbst aber nicht eingestehen konnte. Und da war auch ein Anflug versteckter Eifersucht in ihr, ausgelöst durch den verführerischen Zauber und die überbordende Weiblichkeit, die die Liebe, einmal entfacht, gewöhnlich in alle Poren einer Frau einzuflößen pflegt, und die selbst noch aus Anats verquollenen Augen strahlten.

Auszug (Seite 59-66) aus: Rosa Yassin Hassan: Wächter der Lüfte. Aus dem Arabischen Stephan Milich und Christine Battermann
Mit freundlicher Genehmigung © Alawi Verlag, Köln 2013

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erstellt am 29.7.2013

Rosa Yassin Hassan
Wächter der Lüfte
Aus dem Arabischen von
Stephan Milich und Christine Battermann
Leineneinband mit Prägung, fadengeheftet mit Lesebändchen
342 Seiten
ISBN 978-3-941822-10-8
Alawi Verlag

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Rosa Yassin Hassan wurde 1974 in Damaskus geboren und studierte dort Architektur. Seit den 1990er Jahren schreibt sie Kurzgeschichten und Romane. Sie arbeitet für mehrere syrische und arabische Zeitungen und Magazine als freie Literaturjournalisten. Hassan ist Aktivistin in der Frauenbewegung und Gründungsmitglied des Vereins Frauen für Demokratie.

Auch auf Deutsch erhältlich:

Rosa Yassin Hassan
Ebenholz
Roman
Aus dem Arabischen von Riem Tisini
Leineneinband mit Prägung
fadengeheftet mit Lesebändchen
300 Seiten
ISBN: 978-3-941822-02-3
Alawi Verlag

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