Syrien. Literatur und Kunst

Seit Mitte September 2012 lebt die syrische Schriftstellerin Rosa Yassin Hassan in Deutschland. Die politisch engagierte Autorin hat von Beginn an die Ereignisse der syrischen Revolution dokumentiert und ihre Texte in arabischen Zeitungen und auf Websites veröffentlicht. Im Interview mit Larissa Bender erzählt sie über ihre Erfahrungen während der Revolution und erläutert, welche Aufgabe ihrer Meinung nach Schriftstellern und Intellektuellen zukommt.

Rosa Yassin Hassan, Foto: Larissa Bender
Rosa Yassin Hassan, Foto: Larissa Bender
gespräch mit Rosa Yassin Hassan

Literatur ist kein Zeitvertreib

Nachdem Anfang 2011 die Diktatoren in Tunesien und Ägypten gestürzt sind, begann im März 2011 auch in Syrien der Aufstand. Wie hat sich seitdem dein Schreiben verändert?

Rosa Yassin Hassan: Ich habe mir mit Beginn der Revolution geschworen, der Revolution zu dienen und in dieser Zeit an nichts anderem zu arbeiten. Deshalb habe ich versucht, mich direkt über die Ereignisse informieren, darüber, was mit den Menschen geschieht und ihre Geschichten und Erlebnisse aufzuzeichnen. Ich glaube, es ist meine Aufgabe als Schriftstellerin, alles, worüber nicht öffentlich gesprochen wird, also über die persönlichen Erlebnisse der Menschen, zu schreiben.

Woher nahmst du die Kraft, unter den schwierigen Umständen in Syrien in entfernte Regionen zu fahren und mit den Menschen zu sprechen. Du bist auch in Regionen gefahren, in denen Massaker stattgefunden haben.

Ich bin Teil doch dieser Gesellschaft, ich lebe dort. Das ist das Wenigste, was ich tun kann. Meist haben mich Freunde dorthin gebracht, die aus diesen Regionen stammen. Käme man als Fremder, würden die Menschen nichts erzählen. Meine Beziehungen zu vielen Menschen und ihr Vertrauen in mich haben mir seit Beginn der Revolution geholfen.

Eine andere Sache ist, dass ich das Gefühl habe, dass die syrischen Intellektuellen im Allgemeinen ihr Volk enttäuscht haben. Meiner Meinung nach hätten sie mutiger sein sollen, sie hätten den Leuten näher stehen sollen. In solchen Momenten sind politischen Standpunkte nicht mehr wichtig, wichtig sind die Menschen, die sterben. Das hat mir doppelten Mut gegeben. Wir – das heißt, ich und andere Intellektuelle, die dem Volk zur Seite gestanden haben und die es natürlich auch gibt, auch wenn sie eine Minderheit sind – wir wollten das düstere Bild aufhellen, das man von den syrischen Intellektuellen hat.

Das heißt, dass du jetzt die Revolution dokumentierst. Wirst du das Material später in einem neuen Roman verarbeiten?

Ganz sicher werde ich es für einen neuen Roman nutzen. Unter den aktuellen Umständen fällt es mir allerdings schwer, literarisch zu arbeiten, einen Roman zu schreiben, selbst wenn es ein dokumentarischer Roman ist. Aber ich habe Dutzende dokumentarische Artikel geschrieben und veröffentlicht, weil ich davon überzeugt bin, dass meine grundlegende Aufgabe als Schriftstellerin ist, zu schreiben. Und über diese Artikel kann ich meine Botschaft verbreiten. Ich möchte, dass die Welt die Wahrheit erfährt.

Was ist denn deiner Meinung nach allgemein die Aufgabe von Literatur?

Was mich persönlich betrifft, so habe ich meine Prinzipien, die ich nicht verraten kann. Zu den wichtigsten dieser Prinzipien gehört, dass ich auf der Seite meines Volkes stehe. Ich bin ein Mensch, der an das Volk glaubt und darüber schreibt, was nicht im Fokus steht. Für mich ist Gerechtigkeit ganz wichtig. Deshalb spornt mich jede Ungerechtigkeit an und ich schreibe darüber.

Wenn du nicht unter einem diktatorischen Regime gelebt hättest, wärst du dann vielleicht eine andere Schriftstellerin geworden?

Vielleicht, ich weiß es nicht. Aber wenn ich zum Beispiel in einem kapitalistischen Land leben würde, wäre vielleicht das kapitalistische System und die Unmenschlichkeit des Kapitalismus das Motiv für mich, gegen das ich anschreiben würde.

Der wirkliche Autor schreibt die heimliche Geschichte der Menschheit, er schreibt über das, was nicht im Rampenlicht steht, über das Innere des Menschen, das Abwesende, Verborgene und bringt die Dinge ans Licht. Der wahre Schriftsteller schreibt die Geschichte des Besiegten, nicht die des Siegers. Der wahre Schriftsteller zahlt immer einen hohen Preis.

In deinem Roman „Wächter der Lüfte“, der bald auf Deutsch erscheinen wird, erzählst du die Geschichte einer Gruppe von Menschen, die politisch aktiv waren, über Männer, die im Gefängnis sitzen, über das Warten der Frauen. Sie alle gehöre einer anderen Generation an, sie sind zehn, zwanzig Jahre älter als du. Warum hast du dich mit diesem Thema auseinandergesetzt?

Vielleicht hat das mit meiner Überzeugung zu tun. Da ist etwas in mir, das mich zu solchen Dingen führt. Ich komme aus einer Oppositionellenfamilie, und es gab ganz viele Beziehungen zuhause zu solchen Menschen aus der oppositionellen Szene. Hinzu kommt, dass mich diese Geschichten, als ich mich damit näher beschäftigt habe, erschüttert haben. Es stimmt, ich habe diese Geschichten nicht selbst erlebt, es war diese Erschütterung die mich darüber hat schreiben lassen.

Hat es keine Zensur gegeben? Dein Roman Ebenholz ist immerhin zensiert worden, wenn auch nicht politischen Gründen.

Ebenholz ist in Syrien erschienen, es ist ein syrisches Buch. Alle anderen Bücher von mir sind dann außerhalb Syriens erschienen und in Syrien verboten, man kann sie nur heimlich kaufen.

Dein Roman „Negativ“ handelt im Gegensatz zu „Wächter der Lüfte“ von realen Personen, von Frauen, die aus politischen Gründen im Gefängnis saßen. War es nicht ein Risiko, diesen Roman zu schreiben, für dich und die Frauen?

Die Arbeit an dem Roman „Negativ“ war für mich sehr beschwerlich. Ich hatte unter anderem auch wegen dieses Romans Ausreiseverbot. „Negativ“ handelt von der Erfahrung inhaftierter Frauen in der Zeit von Hafis al-Assad, und es schien mir, oder zumindest habe ich das später so verstanden, dass man in der Zeit von Baschar al-Assad ein kleines bisschen ein Auge zugedrückt hat bei Dingen, die über die Zeit seines Vaters geschrieben wurden. So könnte man es vielleicht ausdrücken.

Ich habe den Roman kostenlos über das Internet veröffentlicht. Mir war einfach wichtig, dass dieses Buch seine Leser findet. Ich wollte unbedingt die Geschichten von diesen inhaftierten Frauen, die furchtbar gelitten haben, öffentlich machen. Einigen Frauen sind ganz schreckliche Dinge widerfahren, und niemand weiß davon.

Du bist sehr aktiv, du hast auch mit einigen Aktivistinnen einen zivilgesellschaftlichen Verein gegründet, „Frauen für Demokratie“. Du willst etwas in der Gesellschaft, in deinem Land verändern. Möchtest du auch durch deine Literatur eine Botschaft verbreiten?

Ich glaube, dass die Literatur viel erreichen kann. Ich bin sicher, dass der Leser gute Literatur nicht vergisst. Sie verändert ihn nicht unbedingt, aber es bleibt etwas hängen, was ihn Fragen stellen lässt.

Meiner Meinung nach hat die Literatur durchaus eine Aufgabe. Ich zum Beispiel möchte den Leser über etwas informieren, was er nicht weiß, und ihn dazu bringen, Fragen zu stellen. Aber ich biete keine Antworten. Das geht sogar so weit, dass mir viele Menschen sagen, sie seien verärgert, wenn sie meinen Roman fertig gelesen haben. ‚Da stört mich etwas, deine Romane haben keine Antworten, sie bestehen nur aus Fragen, aus ärgerlichen Fragen.’ Genau das ist es, was ich will. So etwas schärft das Bewusstsein. Mich interessiert kein Text, den ich nach drei Minuten vergessen habe. Oder ein Text, der mir die Zeit vertreibt. Ich glaube nicht, dass Literatur ein Zeitvertreib ist. Literatur ist Genuss, aber kein Zeitvertreib.

Welche Art von Leser schwebt dir während des Schreibens im Kopf?

Es ist ein sehr kluger Leser. Und er erinnert mich immer wieder daran, dass ich seine Klugheit nicht enttäuschen will. Deshalb erkläre ich nichts. In meinem letzten Roman zum Beispiel, „Probe“, ist der Leser ein zweiter Autor. Ein Roman lässt sich nicht schreiben, ohne einen klugen Leser. Ich habe eine Technik angewandt, die mit Fußnoten arbeitet. Der Roman hat zwei Ebenen, eine normale Erzählebene, und eine zweite Ebene, die die Geschichte teilt. Zum Beispiel beschreibe ich eine Szene, und in der Fußnote wird das Geschrieben dann in Frage gestellt. Auf diese Weise ist es der Leser, der schreibt. Ohne klugen Leser ist mein Roman „Probe“ kein Roman. Mir ist wichtig, dass der Leser nicht einfach nur Rezipient ist. Er ist beim Lesen aktiv. Es ist ein wirkliches Zusammenspiel zwischen mir und meinem Leser.

Du bist vor ein paar Tagen aus Syrien gekommen, wo die Gewalt eskaliert, und lebst jetzt für einige Monate als Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung im Böll-Haus in Langenbroich. Bist du jetzt ein wenig erleichtert, der Gewalt dort entkommen zu sein?

Nein, nicht erleichtert. Ich fühle mich zwar jetzt sicher, aber meine Gedanken sind dort, bei den Menschen, bei meiner Familie.

Das Gespräch erschien erstmals in den LiteraturNachrichten Nr.114

Larissa Bender

Einen Romanauszug aus »Wächter der Lüfte« von Rosa Yassin Hassan finden Sie hier

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 29.7.2013

Rosa Yassin Hassan wurde 1974 in Damaskus geboren und studierte dort Architektur. Seit den 1990er Jahren schreibt sie Kurzgeschichten und Romane. Sie arbeitet für mehrere syrische und arabische Zeitungen und Magazine als freie Literaturjournalisten. Hassan ist Aktivistin in der Frauenbewegung und Gründungsmitglied des Vereins Frauen für Demokratie. Zuletzt erschien ihr Roman »Wächter der Lüfte« auf Deutsch beim Kölner Alawi Verlag. Ein Kapitel daraus lesen Sie hier:

Romanauszug

Wächter der Lüfte

Um zehn Uhr abends stand Anat wieder vor der Haustür, mit zersaustem Haar und verweinten, von Kajal verschmierten Augen. Die Tränen wollten einfach nicht zu fließen aufhören. Eigentlich hätte sie jetzt in Tartus sein müssen …

mehr

Weitere links zu Rosa Yassin Hassan

Heinrich Böll Stiftung
Interview mit Rosa Yassin Hassan
“Kultur war immer ein essentieller Faktor der demokratischen Arbeit”

Interview in www.zenithonline.de
Rosa Yassin Hassan über den Krieg in Syrien

WDR 5
Scala, 12. Februar 2012
Wächter der Lüfte – Die syrische Autorin und Journalistin Rosa Yassin Hassan

adopt a revolution
Drei deutsche Fragen
Rosa Yassin Hassan über eine Diskussionsrunde in Deutschland

ARD
ttt, 7. April 2013
Erzwungenes Exil – Die syrische Schriftstellerin Rosa Yassin Hassan

medico international
Rosa Yassin Hassan: Nur Syrer werden zweimal getötet Das Massaker von Daraya

Frankfurter Allgemeine Zeitung
Syrien Ein Sumpf aus Gerüchten
13.08.2012 · Rosa Yassin Hassan schreibt von Damaskus aus einen Blog über den Alltag der Menschen in Syrien. Ihr Tagebuch ist eine Momentaufnahme des Bürgerkriegs.

Siehe auch:
SCHWERPUNKT SYRIEN