Es war der Rabbiner und Religionswissenschaftler Jacob Taubes, der die ‚unmögliche Beziehung’ zu dem katholischen Antisemiten und Staatsrechtler Carl Schmitt suchte. Aus welchen Motiven und mit welchen Argumenten dies geschah, ist in dem Briefwechsel Jacob Taubes – Carl Schmitt nachzulesen, den Hans-Martin Lohmann kommentiert.

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Geschwätziger Irrtum

Der Briefwechsel zwischen Jacob Taubes und Carl Schmitt

Von Hans-Martin Lohmann

Die Beziehung zwischen Jacob Taubes (1923-1987) und Carl Schmitt (1888-1985) ist bis heute umwoben von Gerüchten und Legenden. Dieser Legendenstatus, von den einschlägigen Verehrerkreisen sorgfältig gepflegt, entspricht ziemlich exakt dem Habitus zweier Gestalten, die es zu ihren Lebzeiten liebten, sich in Andeutungen und Mehrdeutigkeiten zu zelebrieren und um sich herum die Aura eines Geheimnisses zu verbreiten, zu dem nur die wenigsten Zutritt haben. Der Staatsrechtler galt nach dem Krieg als das Orakel von Plettenberg, immer für einen enigmatischen Spruch gut, während der Berliner Religionswissenschaftler die ständige Camouflage und Maskerade für seine Auftritte wählte. Mehr als einmal ist bei Taubes und Schmitt von „arcana“ die Rede, und der jetzt publizierte Briefwechsel wimmelt von gelehrten esoterischen Anspielungen – gerne im lateinischen Idiom –, die ein Wissen suggerieren sollen, welches höher ist als alle Vernunft.

Man muss die Frage so krass in den Raum stellen: Was wollte der „Erzjude“ (so die Selbst-bezeichnung) Jacob Taubes von dem rasenden Antisemiten Carl Schmitt? Was wollte einer, der im Weltbild Schmitts zu den „Feinden“ zählte, die es zu vernichten galt, von einer abgründig sinistren Figur, die die Shoa geistig mitvorbereitet hatte und sich nach der Shoa zum Opfer der Geschichte stilisierte? Kann man Taubes zugute halten, dass er die postume Veröffentlichung des berüchtigten Schmittschen Glossariums (1991) nicht mehr erleben musste, in dem es heißt: „Denn Juden bleiben immer Juden. Während der Kommunist sich bessern und ändern kann…Gerade der assimilierte Jude ist der wahre Feind“? Es war ja auch vor dem Glossarium alles bekannt über Schmitts Antisemitismus, und Taubes kannte es. Was also trieb ihn?

Im Nachwort des Herausgebers Martin Treml findet sich ein denkwürdiger Hinweis auf Taubes’ Judentum und Schmitts Verhältnis zu demselben. Zu Schmitts „Judeophobie“ notiert Treml, diese sei „nicht persönlich, sondern vielmehr systematisch begründet“ gewesen, und beruft sich dabei ausdrücklich auf Raphael Gross’ Studie über Carl Schmitt und die Juden (2000). Soll heißen: Schmitt habe „persönlich“ nichts gegen Taubes gehabt, weshalb dessen geplanter Besuch in Plettenberg auch kein Problem war, und „selbstverständlich“ habe Schmitt jüdische Freunde und Schüler in Deutschland, den USA und Israel gehabt. Diese offenbar apologetisch gemeinte Bemerkung ist in doppelter Hinsicht perfide: zum einen nimmt sie einen Autor in Anspruch, der mit dem Nachweis der Systematik von Schmitts Antisemitismus gewiss anderes im Auge hatte als eine Ehrenrettung des furchtbaren Juristen; zum andern wird so getan, als sei dieser unpersönliche Antisemitismus noch das geringere Übel – das Gegenteil ist wahr. Gerade weil Schmitt in seinem Judenhass von allem Persönlichen absah, wiegt sein Antisemitismus umso schwerer.

Mitte der Fünfzigerjahre, noch von Amerika aus, wandte sich Taubes erstmals brieflich an Schmitt, dem er „in Fragestellung und Perspektive“ viel verdanke. Als Herausgeber einer Reihe bei Beacon Press plante er einen Band über „Conservative Tradition“ mit katholischen Autoren des 19. Jahrhunderts wie de Maistre, Bonald, Donoso Cortés und erbat Schmitts Meinung dazu. Dessen Antwort ist nicht überliefert. Von einigen marginalen Annäherungsversuchen Taubes’ abgesehen, folgt eine mehr als zwanzigjährige Pause in der Korrespondenz, ehe diese zwischen 1977 und 1980 ihre Fortsetzung findet. Gleich im ersten Brief vom 17. November 1977 macht Taubes Schmitt vorbehaltlose Avancen, indem er ihm „die Hand über einen Abgrund“ reicht.

Wenn man die Briefe liest, stößt man einerseits auf eine Fülle von interessanten Einzelheiten – von Lektüren, Ideen, Namen und Zitaten. Andererseits fällt auf, wie wenig substanziell der Austausch in der Sache ist. Zwar betont man die Wichtigkeit eines „Gesprächs“, aber dieses will über die Präliminarien hinaus nie so recht in Gang kommen. Es bleibt bei bloßen Beteuerungen. Taubes war strukturell nicht in der Lage, seine Gedanken zu diskursivieren, Schmitt war zu alt dazu und hatte wohl auch keine Lust mehr.

Eine wichtige Rolle in der Korrespondenz spielt der Brief Walter Benjamins an Schmitt vom 9. Dezember 1930, den Taubes in den Siebzigerjahren namentlich gegen Adorno skandalisierte und der Schmitt auch für die linksintellektuelle Szene akzeptabel machen sollte. Schmitt wiederum hatte den Benjamin-Brief, strategisch geschickt, bereits 1956 in seinem Hamlet-Buch erwähnt, in welchem er sich auch mit Benjamins Ursprung des deutschen Trauerspiels beschäftigt. Die Zitierung Benjamins sollte Schmitt dazu dienen, seine geistige Isolation zu durchbrechen und Anschluss an die akademische Welt zu finden, von der er sich nach 1945 ausgeschlossen sah.

Schließlich wollte Taubes den Staatstheoretiker für ein Zeitschriftenprojekt gewinnen, für das er sich den Namen „Kassiber“ ausgedacht hatte. Schmitt winkte schon im Vorfeld ab, war ihm, dem Juristen, doch der Kassiber keineswegs geheuer, so wenig wie Hans Blumenberg, der über das Projekt in Kenntnis gesetzt worden war. Man kann sicher sein, dass Taubes auch hier bewusst den Skandal suchte: Der Nachrichtenschmuggel erfüllte nicht zuletzt im Verkehr zwischen den RAF-Häftlingen und ihren Anwälten in den Siebzigerjahren eine wichtige politische Funktion, und ausgerechnet im „Deutschen Herbst“ 1977, als sich die Situation dramatisch zuspitzte und die Hauptfiguren der RAF am Ende Selbstmord begingen, auf eine Zeitschrift mit dem Titel „Kassiber“ zu verfallen, konnte nur jemandem in den Sinn kommen, der um jeden Preis auf Krawall aus ist. Taubes war ein Krawallmacher.

Wie man überhaupt sagen muss, und erst recht nach der Lektüre dieses Briefwechsels, dass Taubes zwar in einem bestimmten Sinne vielleicht „interessant“, zugleich aber von einer frappierenden Unseriosität war. Name-dropping und Gerüchtestreuen gehörten zu seinen Spezialitäten, und die Bücher, die er gelesen haben wollte, hatte er sich, wie Henning Ritter einmal bemerkte, eher durch Handauflegen angeeignet. Taubes war, sorry, ein Scharlatan, ein Hochstapler und Intrigant – sein Lehrer Gershom Scholem hat das früh beklagt. Sein Medium war die Apokalypse, und es mag sein, dass ihn die Zwangsvorstellung von der Ankunft des Messias und dem bevorstehenden Ende der Zeit mit dem katholischen Entscheidungstheoretiker Schmitt verband. Beide nannten das Politische Theologie. Das alles war ein grandioser, geschwätziger Irrtum, und es ist an der Zeit, endlich Schluss damit zu machen.

Hans-Martin Lohmann

© Hans-Martin Lohmann, zuerst veröffentlicht in der SZ vom 30.1.2012

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erstellt am 26.7.2013

Jacob Taubes
Jacob Taubes
Carl Schmitt
Carl Schmitt

Herbert Kopp-Oberstebrink, Thorsten Palzhoff, Martin Treml, Hrsg.
Jacob Taubes – Carl Schmitt
Briefwechsel mit Materialien
Festeinband mit Schutzumschlag, 327 Seiten
ISBN: 978-3-7705-4706-7
Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2012

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