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Faust-Interview: Doron Rabinovici im Gespräch mit Stefana Sabin
Video von Harald Ortlieb litchannel.tv

Langfassung des Interviews am 7.10.2010 – Buchmesse

Faust-Interview mit Doron Rabinovici

Literaturkritikerin Stefana Sabin spricht mit dem Schriftsteller Doron Rabinovici über seinen neuen Roman „Andernorts“ (Suhrkamp Verlag 2010), der für den Deutschen Buchpreis 2010 nominiert war.

Auch wenn man den Preis nicht bekommt, für den man nominiert wurde, ist man manchmal ein Star, sind Sie also ein Star auf dieser Buchmesse?

Mir ging es gar nicht darum, selber ein Star zu sein, sondern einen Text abzugeben, der stimmt und der für mich wasserfest ist. Manchmal ist es ja so, dass man ein Buch abgibt und man ist mit diesem Text ganz im reinen und das bin ich. Ich freue mich, dass dieser Text anerkannt worden ist, gewürdigt wurde. Und ich freue mich über die Siegerin, Melinda Nadj Abondji, die ich sehr sehr sympathisch finde und ich finde die Entscheidung der Jury gut. Das Wichtigste ist, dass wir weiter schreiben.

Sind Ihnen Besprechungen bzw Lob-Rezensionen aus Deutschland oder aus Österreich lieber?

Natürlich kommt es auf die einzelne Person an. Es gibt Leute, wie zum Beispiel früher Wendelin Schmidt-Dengler: wenn WSD etwas nicht so gut oder besonders gut an einem Buch fand, das war nicht so wichtig, wichtig war, WSD sagt es. Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen Deutschland und Österreich. In Österreich bin ich auch immer der engagierte Intellektuelle, als solcher werde ich wahrgenommen, als solcher werde ich auch teils kritisiert. Wohingegen in Deutschland mein Engagement kaum wichtig ist, in Deutschland geht es um den Text und das ist natürlich ein Gewinn – dass man sozusagen zwei Augen drauf hat. Ich habe jetzt auch ein bisschen Reaktionen aus Israel und die sind auch sehr schön, und das ist dann noch ein drittes Auge, das rundet für mich das Bild ab.

Das Buch ist doch gar nicht ins Hebräische übersetzt.

Das sind aber Leute, die auf Deutsch lesen, (ah) und die dann manchmal sagen, es handle sich um ein hebräisches Buch auf Deutsch.

Es geht im Buch auch um das mögliche und das unmögliche Klonen des Messias. Ich nehme deshalb an, dass es eher säkulare Reaktionen waren und nicht religiöse oder orthodoxe.

Aus Israel waren es Kulturleute, die meistens auch politisch, gesellschaftlich kritisch sein können und die Religion nicht so bitter ernst nehmen, dass man keinen Witz darüber machen darf. Ich habe auch religiöse Freunde in Wien, die bisher mir nichts Negatives gesagt haben. Ich weiß nicht, wie sehr ihnen diese Witze gefallen, aber darauf konnte ich keine Rücksicht nehmen.

Würden Sie sagen, das es mehr ein Familienroman ist oder ein eher ein Roman über eine Identitätskrise, über eine innere Zerrissenheit?

Ich glaube, das ist es, es ist ein Buch über die verschiedenen Formen von Herkunft und die Mythen der Herkunft. Das Buch lässt eigentlich niemanden aus und jede Person, die darin vorkommt, wird auf die Schaufel genommen, gleichzeitig aber bleibt sie über, also: es gibt niemanden, der seine Würde nicht bewahren darf, sogar der Rabbiner, der den Messias klonen möchte, hat im Grunde eine Verzweiflung als Motiv und ist mir sehr sympathisch.

Ist die Suche nach einem Identitätsbeweis nicht sowieso eine Verzweiflungstat?

Jede Suche nach Wurzeln führt uns letztlich zur Amputationsnarbe, wir kommen nie zurück, es gibt keine Rückkehr und die voll ausformulierte Identität ist die Grabesinschrift. Bis dahin habe ich ein Wörtchen mitzureden und ich werde es tun. Das macht uns zum Menschen, dass wir die Möglichkeit haben etwas fortzuschreiben und nicht nur das zu sein, was das Gewesene war.

Ist jeder Roman eine Suche nach Identität?

Ja, absolut.

Ist auch deshalb ein Roman notwendig?

Für mich ist ein Text eine Notwendigkeit, und der Text sollte uns gescheiter machen…und das ist einer der Gründe, warum die verschiedenen einzelnen Romane auch anders sind. Ich habe etwa bei meinen Romanen ohnehin etwas anderes verarbeitet: meine politische Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus zum Beispiel. Dieses Mal ging es mir wiederum um etwas anderes, um dieses komische Wechselspiel innerhalb der Kulturen und der Sprachen, wo jeder Text im Kontext etwas Anderes bedeutet.

Ist es Ihre jüdische kulturelle Herkunft, die sie über alles, was sie verzweifelt, lachen läßt, Witze machen lässt?

Ich glaube, dass meine jüdische Tradition, die Kultur mir sicherlich sehr viel an Kraft gibt, aber gleichzeitig denke ich, wenn es nur etwas Jüdisches wäre, dann würden nicht einmal die Juden darüber lachen, es muss etwas Universalistisches auch sein.

Man kann das Jüdische transzendieren…

…genau, dieses Allgemeingültige ist es, was die Leser anspricht und es ist auch das, was mich anspricht… Das ist eines der Vorzüge…so erklär ich mir das, aber ich habe es nicht geschrieben, um Erfolg zu haben, sondern ich glaube, für mich brauchte es diesen Text und er spricht was an, was relevant ist. Der Jüdische Humor ist eigentlich immer das Lachen über sich selbst und wir erleben uns selbst als einen Anderen, und es ist auch ein Lachen, dass sehr modern ist, deswegen funktioniert es so gut, weil der urbane Humor letztlich eben auch Selbstironie ist.

Erleben wir nicht eigentlich gerade das Verschwinden der Ironie?

Ich glaube, der Humor, mein Humor ist eine Gegenstimme zu einer Entwicklung – wir haben zuvor über fundamentalistische Entwicklungen gesprochen, die sind nicht sehr ironisch. Immer dann, wenn die Religion jeglichen Humor verliert, wird sie fundamentalistisch und eifert. Und auch in einer medialen Welt, die wenig Platz für Ironie hat, wirkt dann so ein Buch wie meines ganz gut.

Und zum Schluss noch zwei FAUST-FRAGEN:

Würden Sie lieber den Faust oder den Mephisto spielen falls Sie Schauspieler wären und auftreten müssten?

Ich glaube, es ist viel interessanter, den Bösen zu spielen, und ich fürchte, der Regisseur würde das nicht verstehen und würde mich als Faust einsetzen.

Und zum Schluss die Gretchenfrage: Nun sag, wie hältst Du es mit der Religion?

Ich bin ein orthodoxer Atheist, ich habe schon als Kind nicht an Gott geglaubt, aber der Gott, an den ich nicht glaube, sage ich mit Ben Gurion ist ein jüdischer. Die Religion beeinflusst mich, ich lebe zu einem Teil in der Tradition, ich feiere mit meiner Tochter manche jüdischen Feste. Ich glaube, dass Religion etwas Menschliches ist, nicht etwas Göttliches, deswegen interessiert sie mich.

erstellt am 02.11.2010

Doron Rabinovici
Doron Rabinovici
Stefana Sabin
Stefana Sabin