Das Dilemma der Wahl zwischen prekärer Intelligenz und bezahltem Stumpfsinn betrifft insbesondere die Geisteswissenschaftler. Andrea Roedig hat die Lebenswirklichkeit von Kopfarbeitern mit spitzer Feder nachgezeichnet und strukturelle Eigenarten in Universitäten, Verlagen und Medien herausgestellt. In ihrem Essay zeigt sie, welchen Wert inhaltliche Arbeit in der viel beschworenen Wissensgesellschaft hat.

essay

Bildung schadet

Zur Wertentwicklung akademischer Arbeit in der Wissensgesellschaft

Von Andrea Roedig

„Wissensgesellschaft“ ist ein hübsches Wort. Es klingt sauber, friedlich, nach einer Welt, in der die Menschen mit Büchern oder Laptops unter dem Arm wie in einer großen Bibliothek dahingleiten und den lieben langen Tag nichts anderes tun, als Wissen zu erwerben und Wissen zu produzieren. Es klingt, als sei die Gesellschaft zuletzt im Elysium legitimer Glasperlenspiele angekommen, als sei es mit dem Dreck der Industrie- und Arbeitsgesellschaft endlich vorbei, als gelte das Privileg geistiger Arbeit nun für alle. Es klingt nach Wertschätzung von Klugheit und Intelligenz. Es klingt richtig gut.

Viele Utopien knüpfen sich an die Idee der „Wissensgesellschaft“, die zuerst in den 1960er Jahren aufkam und sich damals noch eng am rein technologischen Fortschritt ausrichtete. Im Kern besagt die Idee nichts anderes, als dass der Wohlstand der ersten Welt künftig auf „knowledge based economies“ beruhe, in denen „Wissen“ zu einer Schlüsselressource wird, zur neuen Produktivkraft schlechthin. Wissen schafft Mehrwert, Wissen tritt an die Stelle von Arbeit – Wissen ist die neue Arbeit.

Folglich steigt auch der Wert von „Bildung“, sie wird zum unverzichtbaren Gut. Politiker, Wirtschaftsexpertinnen, Soziologen, Pädagoginnen und vor allem die OECD schreiben daher seit Jahren schon den generalisierten Bildungsimperativ deutlich auf jedes verfügbare Banner: „Bildung, Investition in Wissen, ist die Zukunft.“ Zunächst gilt dieser Satz unspezifisch für jedes erworbene Wissen. Eine Bildung ist besser als keine Bildung. Die Statistiken belegen klar, dass AkademikerInnen seltener arbeitslos werden und mehr verdienen als die einfacher ausgebildeten KollegInnen, und dass – traurige Kehrseite dieser Medaille – Menschen ohne Schulabschluss kaum mehr eine Chance haben. Der Run auf die Universitäten hält ungebrochen an, doch immer noch ist die OECD in ihren jährlichen Berichten Education at a Glance nicht zufrieden, als gelte es eine vollständige Durchakademisierung der Gesellschaft zu organisieren.

Die Eloge auf den generellen Wert der Bildung ist allerdings so glatt, dass Zweifel und Verwerfungen nicht aus bleiben. Wenn alle studieren, wird über kurz oder lang der exklusive Wert der akademischen Ausbildung sinken, beziehungsweise ein Verdrängungswettbewerb nach unten stattfinden. Bourdieu nannte das die „Bildungsillusion“. Nicht ins schöne Bild passt auch, dass bei den Sozialprotesten der „Indignados“ in Spanien vor allem gut ausgebildete junge Menschen auf die Straße gingen, weil sie keine Chance auf Arbeit haben. Nicht ins Bild passen die frischgebackenen AkademikerInnen, die hierzulande als „Generation Praktikum“ monate-, vielleicht auch jahrelang unbezahlte Dienste leisten um irgendwann vielleicht auf einen festen Posten zu rutschen. Nicht ins Bild passen die prekären Arbeitsverhältnisse neuer Selbständiger und „atypisch Beschäftigter“, von denen man weiß, dass sie zunehmend auch am oberen Ende der Bildungsskala anzusiedeln sind. Der beschworene „Akademikerbedarf“ auf der einen und der „Rückgang der Normalarbeitsverhältnisse“ auf der anderen Seite ergibt zusammengenommen keinen, oder wenn, einen recht bedenklichen Sinn.

Das Kullmann-Dilemma

All die Unstimmigkeiten lassen sich auf eine recht simple Frage reduzieren: Welche Kopfarbeit wird in der Wissensgesellschaft eigentlich bezahlt, und warum wird manche besser bezahlt als andere? – Im letzten Jahr hat Katja Kullmann mit ihrem Buch Echtleben dargestellt, was es heißt, dem Bildungsversprechen blind zu trauen. Das Buch mag Mängel haben und an manchen Stellen zu selbstmitleidig die alte Bundesrepublik zurückwünschen. Doch es trifft exakt die Situation gebildeter Mittdreißiger, deren Lebensentwürfe ins Leere zu laufen drohen. Die seiltanzend unsichere Situation von freien Kulturschaffenden, Journalistinnen, Designern, Architektinnen oder auch Wissenschaftlern auf befristeten Stellen ist längst zu einem allgemeinen, wenn auch ungern offen thematisierten Phänomen geworden. Kullmann beschreibt dabei ein sehr typisches Dilemma: Sie konnte sich entscheiden, entweder auf dem Niveau einer Hartz IV-Existenz gute Texte zu schreiben oder in prächtig bezahlter Position schlechte, die weit unter ihrem intellektuellen Niveau lagen. Dazwischen gab es nichts.

Das besagte Dilemma gewinnt unter der gegenwärtigen Ideologie persönlicher Erfolgsverantwortung noch an Schärfe: Steh zu dir! Greif nach den Sternen! Verfolge deinen Traum! Einen unterqualifizierten Job anzunehmen bedeutet, die erlangten Bildungserfolge teilweise aufzugeben. Die Abwärtsbewegung der De-Qualifizierung ist damit in Gang gesetzt.

Studien zum Verbleib von GeisteswissenschaftlerInnen sehen die Lage nicht ganz so kritisch. Einer Auswertung der Hochschul- Informations-System GmbH (HIS) zufolge, nehmen beim Berufseinstieg rund 40 Prozent der GeisteswissenschaftlerInnen nicht adäquate Arbeit an – im Gegensatz zu 20 Prozent inadäquater Anstellung bei UniversitätsabsolventInnen insgesamt. Die Quote sinkt in der Folge auf ein Drittel nicht-adäquat beschäftigter Geisteswissenschaftlerinnen. Kolja Briedis, Projektleiter des Arbeitsbereichs Absolventenforschung an der HIS, würde daher auch nicht von einem generellen Trend zur Prekarisierung sprechen. „Das geben die Zahlen nicht her“, sagt er. Allerdings sind GeisteswissenschaftlerInnen häufiger als andere nur auf Honorar- und befristeter Werkvertragsbasis beschäftigt, der Anteil der Selbständigen unter ihnen wird wachsen, und das durchschnittliche Jahresbruttoeinkommen von 22.500 Euro liegt ein Drittel unter dem der UniversitätsabsolventInnen insgesamt. Selbständige müssen im Schnitt mit 18.500 Euro im Jahr auskommen, das liegt exakt zwischen dem vom deutschen statistischen Bundesamt angegebenen Bruttojahresgehalt einer Friseuse (15.000 Euro) und dem eines Wurstwarenherstellers (23.000 Euro). „Nun“, wird man sagen, „mit Geist ließ sich noch nie viel Geld verdienen.“ Erstaunlich ist aber, dass sich das unter den Bedingungen der Wissensgesellschaft nicht grundlegend zu ändern scheint.

BMWs ewigneue Scheibenwischer

Dass geisteswissenschaftlich fundierte Arbeit es schwer hat, Mehrwert zu erzielen, liegt einerseits an einer historisch gewachsenen monetären Überbewertung des technischen, wirtschafts- und (bedingt) naturwissenschaftlichen Sektors und, andererseits, an einer Entwicklung, die man neudeutsch als „Outsourcing von Content“ bezeichnen könnte.

Natürlich verdienen nicht alle AkademikerInnen schlecht. Es ist banal zu erwähnen, dass Maschinenbauingenieure laut Statistik 70.000 Euro Jahresbrutto nach Hause bringen, Chemiker 75.000, Unternehmensberater 82.000. Warum ist das eigentlich so? Ein gängiges Argument hierfür ist das von Angebot und Nachfrage, und in gewisser Weise leuchtet das ein. Denn ohne den Ingenieur können wir keinen Schritt tun, und die Menschen sind eher bereit, Geld für die Steuerberaterin oder ein neues I-Pad auszugeben als für ihr Zeitungsabo oder einen wissenschaftlichen Vortrag. Offenbar lässt sich mit technischer Innovation und Business-Dienstleistungen wesentlich mehr erwirtschaften. Logisch ist diese Marktlogik allerdings nur als rein selbstbezügliches Wertsystem. Die angebliche Nachfrageorientierung treibt bekanntlich absurdeste Blüten. Niemand will alle verfügbaren Sonderfunktionen im Handy wirklich haben und angesichts des technischen Innovationswahnsinns plus Folgekosten ließe sich mit Fug und Recht fragen, warum die 50.000ste Verfeinerung der elektronisch gesteuerten Scheibenwischanlage am BMW so viel mehr wert sein soll als das 200ste Buch zur mittelalterlichen Münzprägung – „gebraucht“ wird im Zweifelsfall beides nicht.

Kopfarbeit am Fließband

Der zweite Systemfehler, der geistige Arbeit in Bedrängnis bringt, ist die wachsende Tendenz von Organisationen, Inhalte auszulagern. Dieser Trend wird über kurz oder lang nicht nur die Geistes- und Kulturwissenschaften betreffen, sondern Wissensarbeit generell. In den letzten Jahren hat sich die fest angestellte Beschäftigung zunehmend auf reine Managementfunktionen konzentriert, das gilt für Zeitungen, Verlage, Universitäten und Bildungseinrichtungen genauso wie für Industriebetriebe. Angestellte Redakteure kommen in der Regel nicht mehr dazu, selber zu schreiben, sie redigieren und koordinieren vornehmlich die Beiträge der frei zuarbeitenden JournalistInnen, deren Honorare drastisch gesunken sind. Für Buchverlage besteht die Hauptbeschäftigung in Programmplanung, Marketing und Vertrieb, das ehemalige Kerngeschäft „Lektorat“ ist nahezu komplett an freie MitarbeiterInnen oder gleich an die AutorInnen selbst ausgelagert. Bildungsträger wickeln ihr Kursprogramm gänzlich über freie Lehraufträge und so genannte „Trainings“ ab. An den Universitäten sind Forschungs- und Lehrstellen immer befristet ausgeschrieben, während es unbefristete Positionen in den neuen Arbeitsbereichen wie „Qualitätsmanagement“ und Forschungsförderungsberatung gibt. Was geschieht da? Nicht Inhalte werden bezahlt, sondern die Verwaltung von Inhalten, nicht Wissen, sondern Wissensmanagement.

Der Verdacht liegt nahe, dass mit dem produktiven Wissen in der „informationellen Gesellschaft“ (Manuel Castells) nicht das gemeint ist, was man sich üblicherweise unter „Bildung“ oder fundierter Fachkenntnis vorstellt. Wissen, gut bezahltes Wissen, ist Strukturwissen. Die Inhalte aber, von denen man eigentlich meinen könnte, es käme auf sie an, produzieren oft jene Personen, die auf prekären Stellen sitzen oder überhaupt freiwillig und unbezahlt „Content“ erstellen. Der böse Hintersinn jener Entwicklung, in der Wissen zu Arbeit wird, ist nämlich, dass über kurz oder lang die Produkte der Wissensarbeit in genau derselben Profitlogik zerrieben werden wie alle anderen Waren auch: Sie verlieren an Wert. Das Kapital setzt auf Masse, den höchsten Profit garantiert Steigerung der Stückzahl bei Verringerung des Einzelpreises. Das bekommen alle Kopfarbeiter zu spüren, die nicht unter der Kategorie „Celebrity“ rangieren. Ihre Arbeit – vom Pressetext bis zur wissenschaftlichen Publikation – gerät notwendig unter die fordistischen Räder. Schneller produzieren für weniger Gewinn. Absurderweise ist es also ausgerechnet die so genannte Wissensgesellschaft, die eine vermehrte Produktion, aber auch eine unglaubliche Entwertung geistiger Arbeit zulässt.

Eine weitere Parallele zur Herstellung von materiellen Gütern fällt auf, denn den Mehrwert des Produktes schöpfen nie die ProduzentInnen ab. Insofern unterscheidet sich die Autorin eines Buches nicht vom kolumbianischen Kaffeebauern, der an seinen Bohnen auch weniger verdient als der Händler. Ein Ghostwriter erhält (Honorar eines großen österreichischen Verlages) für ein ganzes Buchmanuskript 5.000 Euro. Jeder im Verlag, von der Programmleiterin bis zum Vertreter, verdient mehr an dem Buch als der Autor, obwohl doch ohne ein Manuskript der Verlag weder etwas zu verlegen noch etwas zu verkaufen hätte.

Warum protestiert niemand, warum steht die Maschinerie nicht lang schon still, warum schreiben Autoren noch, warum hangeln sich Dokumentarfilmerinnen von einer wackeligen Förderung zur nächsten, warum decken Privatdozenten für eine erbärmliche Aufwandsentschädigung einen großen Teil der universitären Lehre ab? Es trifft sich gut, dass inhaltlich orientierte AkademikerInnen eine hohe intrinsische Motivation mitbringen. Sie passen perfekt ins „Regime der Selbstführung“, wie es unter anderen Jan Masschelein und Maarten Simons in ihrem Buch Globale Immunität beschreiben. Der Imperativ, möglichst viel aus dem eigenen Leben herauszuholen, lässt die neuen Selbstständigen wie am Schnürchen laufen, sie funktionieren als gut geölte Gratis-Maschinen kultureller Wissensproduktion.

Bologna-Joghurt

Im großen Wort von der Wissensgesellschaft schwang immer auch vage Hoffnung fürs Geistige und Kulturelle mit. Als ob der alte Gegensatz von Geist und Markt sich aufheben ließe. Als ob die Wirtschaft den Sinn der Qualität vor dem der Quantität entdeckte. Als ob genau jene Werte, die lange nicht für ökonomisierbar galten – Bildung etwa – durch die List der Vernunft der Geschichte doch noch in die Gewinnzone kommen könnten und neben der kulturellen auch eine wirtschaftliche Legitimation erhielten. Diese Rechnung ist in gewisser Weise aufgegangen, doch die Bilanz sieht weniger gut aus als erhofft, vor allem für die „inhaltliche“ Arbeit.

Unterdessen wächst der Bildungsmarkt, das heißt der Verkauf der Ware „Bildung“, und absurderweise verdient mancher Geistes/Kulturarbeiter damit Geld, Menschen in etwas zu unterrichten, das ihn selbst nicht ernähren kann – Schreiben zum Beispiel. „Wissen hat immer Konjunktur“ wirbt das österreichische Berufsförderungsinstitut Bfi, und wie wahr, unter den Bologna- Reformen haben sich die Studiengänge diversifiziert wie Joghurtsorten im Supermarkt. „Caritaswissenschaft“ oder „Digital Humanities“ sind im Angebot, „Text- und Kultursemiotik“, „Kulturwirtschaft“ oder „Hospitality Management“. In Österreich lassen sich auch „Pferdewissenschaften“ und „Wildtiermanagement“ studieren. All das mag zwar wenig nachhaltig sein, aber arbeitsmarkttechnisch angepasst ist es. Der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck, der sich schon im vorletzten Jahrhundert vor einem gefährlichen akademischen Proletariat fürchtete, wäre beruhigt gewesen zu wissen, dass im Jahr 2012 promovierte SozialwissenschaftlerInnen als meinungsforschende „Senior Research Manager“ eine Anstellung finden, um „internationale ethnografische Automotive-Forschung“ durchzuführen oder „semiotische Gebrauchsgüteranalysen“.

Wie dumm sind wir denn? Das Kullmann-Dilemma der Wahl zwischen prekärer Intelligenz und bezahltem Stumpfsinn bleibt. Der beschworene „Akademiker- und Fachkräftemangel“ meint nicht die Geisteswissenschaften, das ist klar. In diesem Bereich gibt es offenbar mehr kluge Menschen als kluge Arbeitsstellen. Das heißt aber auch, dass die Wissensgesellschaft nicht auf Höhe ihrer geistigen Potentiale agiert. Denn Qualität verkauft sich schlecht, und man könnte Georg Seeßlens schönen Begriff der „Blödmaschinen“ bemühen, um festzustellen, dass Bildung hier nur schadet.

Essay aus: »Über alles, was hakt.« Mit freundlicher Genehmigung des Klever Verlags

Andrea Roedig

Siehe auch:
Die Wissensgesellschaft und ihre freien Idioten

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erstellt am 26.7.2013

Andrea Roedig
Über alles, was hakt. Obsessionen des Alltags
Klappenbroschur, 256 Seiten
ISBN 978-3-902665-59-1
Klever Verlag, Wien 2013

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