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Todesarten

Drei Filme von Peter Greenaway

Von Thomas Rothschild

Der Soziale Realismus im Film hatte seinen Ursprung in Italien. Später zeichnete er vor allem den tschechischen Film aus. In den vergangenen drei Jahrzehnten aber war er nirgends so beheimatet wie in Großbritannien, und das vor allem dank den beiden Regisseuren Ken Loach und Mike Leigh. Sie haben weitgehend geprägt, was als zeitgenössischer britischer Film im öffentlichen Bewusstsein lebt. Dabei wird oft übersehen, dass England auch die Heimat des diametralen Gegenteils, des radikal stilisierten, artifiziellen Films ist, dem nichts ferner liegt als Abbildung der Wirklichkeit. Für ihn steht Peter Greenaway, und auf seine Art ist er für die Filmgeschichte nicht weniger bedeutend als seine Kollegen Loach und Leigh. Er ist zwar ein wenig aus dem Fokus der Wahrnehmung geraten, aber sein „Kontrakt des Zeichners“ war, als er 1982/83 die Festivals abgraste, allerdings ohne einen Preis zu erhalten, und 1984 verspätet in die deutschen Kinos kam, was man heute etwas läppisch „Kult“ nennt.

Während die Filme von Loach und Leigh im proletarischen Milieu der Gegenwart angesiedelt sind, spielt „Der Kontrakt des Zeichners“ im feudalen Ambiente des 17. Jahrhunderts. Die archaisierende Sprache, die gezierten Umgangsformen, die Perücken bieten Greenaway reichlich Gelegenheit für Manierismus und Preziosität, aber auch für surrealistische Einschübe und eine das Rokoko beschwörende Frivolität, die Loach und Leigh sich nicht gestatten würden. Zum Erfolg seines Films, der übrigens mit einem Minibudget von 300000 Pfund auskam und auf 16 mm gedreht wurde, hat ohne Zweifel die Musik von Michael Nyman wesentlich beigetragen, die auf Originalität zugunsten einer täuschenden Imitation von Komponisten der Epoche verzichtet. Sie schmiegt sich in eine Bildgestaltung, die – in der restaurierten Fassung noch deutlicher – hemmungslos „schön“ ist, von Malerei inspiriert, wie etwa Stanley Kubricks sieben Jahre zuvor entstandene Literaturverfilmung „Barry Lyndon“. Greenaways Drehbuch indes ist eine Eigenerfindung, also ein Fake insofern, als es sich den Anschein einer Patina gibt, die es nicht haben kann.

Sind die surrealen Elemente im „Kontrakt des Zeichners“ lediglich Beiwerk, so lässt sich Greenaways zweiter Film „Ein Z und zwei Nullen“ von 1985 insgesamt als surrealistischer Film in der Tradition Buñuels kennzeichnen. Gemeinsam haben beide Filme die Sorgfalt, mit der jeder einzelne Kader gestaltet ist. Wieder spielen malerische Anregungen eine wichtige Rolle, namentlich Vermeer und seine „Lichtregie“, die auch andere Filmemacher wie Jean-Luc Godard oder Jon Jost fasziniert hat. Auffällig ist die Vorliebe für Symmetrie – bei „Ein Z und zwei Nullen“ nicht nur in der Kadrierung, sondern auch im Motiv der Zwillinge. Greenaway gehört zu jenen Regisseuren, für die Film als Bildmedium kein Lippenbekenntnis ist. Die Handlung ist eher Anlass für visuelle Arrangements als eigentlicher Zweck. Es versteht sich, dass solche Filme es bei einem narrativ konditionierten Kinopublikum schwer haben. Dazu kommt bei Greenaway ein anarchischer Gestus, der im Gegensatz zu anarchischen Aktionen einzelner Figuren innerhalb einer Geschichte nach wie vor irritiert.

1988 drehte Peter Greenaway „Verschwörung der Frauen“. Wieder die schon vertrauten Stillleben, die Bilder von Verfall und Fäulnis, für die, wie bei „Ein Z und zwei Nullen“, der Kameramann Sacha Vierny verantwortlich zeichnet. Wirkt „Ein Z und zwei Nullen“ wie eine makabre Persiflage von François Truffauts „Jules und Jim“, so erinnert „Verschwörung der Frauen“ an „Die Braut trug schwarz“. Aber auch die Bildsprache des anderen großen Stilisten seiner Generation, von David Lynch, ist nicht weit entfernt. Der Film, der im Original witziger und zutreffender „Drowning by Numbers“ heißt, beweist einmal mehr Greenaways Obsession mit Zahlenreihen, mit seriellen Strukturen. Er übertrifft die beiden anderen Filme an Skurrilität – und darin ist er, bei allen Bezügen zu kontinentalen Vorbildern, sehr englisch. Zu seinen makabren Details gehören die aus dem Off im sachlichen Ton referierten Regeln von Kinderspielen, bei denen der Verlierer als Toter imaginiert wird. „Drowning by Numbers“ ist, wenn man denn will, die moderne Variante von „Ladykillers“. Die dogmatischen Anhänger des Realismus dürften derlei nicht nur als ästhetizistisch, sondern darüber hinaus als zynisch und geschmacklos verdammen. Schade. Denn die Kontrahenten markieren zwei Möglichkeiten der Kunst, auf die man ungern verzichten möchte. Sie schließen einander nicht aus.

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erstellt am 26.7.2013

Peter Greenaway
Peter Greenaway

Peter Greenaway
Der Kontrakt des Zeichners; Ein Z und zwei Nullen; Verschwörung der Frauen
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