Der österreichische Schriftsteller Gerhard Fritsch (1924-1969) hatte früh von den großen und wilden Gesängen des Thomas Bernhard geschrieben und, als Redakteur mehrerer Literaturzeitschriften, Berater von Verlagen und Mitglied in literarischen Jurys, kräftig an dessen Karriere mit gearbeitet. Jetzt ist beider Briefwechsel erschienen, der offenbart, wie alles anfing.

Thomas Bernhard

48 Briefe, Postkarten, Ansichtskarten umfasst die (überlieferte) Korrespondenz von Thomas Bernhard (1931 – 1989) und Gerhard Fritsch (1924 – 1969). Im Nachhinein betrachtet erweist sich der Kontakt zwischen 1956 und 1968 als entscheidend für beide: Der am Anfang seiner Laufbahn um Anerkennung ringende Bernhard hat in Fritsch die Person ausgemacht, die ihm behilflich sein konnte. Denn Fritsch saß an den Schaltstellen, an denen über Veröffentlichungen, Lesungen, Förderungen und Preise entschieden wurde: Er war Redakteur der für Österreich in den sechziger Jahren entscheidenden Zeitschriften Wort in der Zeit sowie Literatur und Kritik, beriet zeitgleich zwei Verlage und war Mitglieder der Jurys, auf die es ankam.

Thomas Bernhard zog seinen Nutzen aus der zentralen Position des Literaturbetriebs-Rastelli: Gedichten und Erzählungen verhalf Fritsch zum Druck, bei der Finanzierung des Hauskaufs in Ohlsdorf war er der ehrliche Makler eines staatlichen Darlehens. Für Gerhard Fritsch war Bernhard, dessen Lyrik wie Prosa er lobte, durch seine literarische Kompromisslosigkeit eine Art Vorbild für die eigene, nicht weniger gradlinige, literarische Arbeit.

Der Briefwechsel, den wir in Auszügen publizieren, zeigt, wie Bernhard zu dem international anerkannten Autor geworden ist und wie Fritsch die Förderung anderer zum Vorteil des eigenen Werkes wenden konnte.

briefwechsel

Thomas Bernhard − Gerhard Fritsch

Fünf Korrespondenzstücke

Salzburg 1. Mai [1957]

Mein lieber Gerhard,

ich danke Dir für die Zeilen – ich habe sie gar nicht verdient – in so einem freundschaftlichen Ton – wie ich in letzter Zeit überhaupt nichts Freundschaftliches mehr von Mitmenschen verdiene. Ich stehe außerhalb jeder Gesellschaft, und es wird noch eine Zeit dauern, bis ich wieder hineinfinde. Ich schreibe sehr viel – aber lauter Dinge, die für die Umwelt uninteressant sind, es treibt mich nur, vieles zu sagen, was mich bedrückt und glücklich macht. Und es ist viel, was sich zu täglichen Schmerzen und Wahrsagungen zusammenrollt. Ich möchte so gern ein Ziel erreichen. Im Grunde bedeutet es gar nichts, Autor, oder so ein Mann zu sein, der seine Schreibereien auf den Markt trägt. Mir wäre es lieber, ich könnte mit Butterstriezeln auf den Markt fahren – nicht, weil ich damit mehr verdienen würde; die Leute, die Butterstriezeln verkaufen, sind wichtiger – und es gehört viel Mut dazu, ein im Letzten sinnloses, unangebrachtes und täglich zehn- und tausendmal lächerliches Leben zu führen. Aber der Mut erhält mich aufrecht. Dazu kommt ein Maß Eitelkeit, das ich mir gezüchtet habe in dem traurigen Glashaus, in dem wir uns bewegen müssen. – Ich sage mir: wenn schon dieses mein Leben verpfuscht ist, so will ich es ganz ruinieren, denn die »völlige Zerstörung« ist der einzige Ausweg; der wird – vielleicht – ein paar saure Früchte tragen.

Lieber Gerhard, ich bin für viele Leute recht unverständlich – wenn die nur wüßten, wie wenig ich selbst über mich Bescheid weiß. Ich sehe nur eine Hölle, in die muß ich schaun, ob ich will oder nicht – das »Schöne« kommt immer dann, wenn ich die Absicht habe, Schluß zu machen. Das ist eins der irdischen – (oder überirdischen?) – Wunder. Also muß ich das alles, wonach ich mich vor meiner Geburt nie gesehnt habe!!, durchstehn.

Eins ist sicher: ich habe nie schreiben wollen! Ich beneide jeden, der neben mir – in unwiederbringlicher Ruhe – Schuhe macht, oder Käse glatt stampft. Aber, ich kann nicht mehr zu den Schuhen zurück. Die teuflischen Verse werden mich vernichten!
Ich quäle Dich, das ist nicht meine Absicht. Ich möchte allen Freude bringen, aber das ist das Schwerste, dazu bin ich nicht fähig – ich zerschlage immer den Leuten den Sonnentag – und bin am Ende selber zerschlagen.

Meine Zuneigung zu Menschen und Literaturen ist beständig – auch wenn ich für sie lange Zeit tot bin – soll ich Dir das sagen?

Ich habe viel Arbeit mit dem Theater, täglich 7 Stunden Nervenarbeit, die in 5 Wochen zum Zeugnis führt, zum Papier, an das 120 Prozent der Menschheit glaubt. Dann muß ich auf Reisen gehen und Geld verdienen – geschrieben habe ich seit Weihnacht täglich – neue Gedichte (die der Fischer-Verlag im Frühjahr 58 bringen will) und Romanarbeit, alles im Bewußtsein, daß es sinnlos ist! – | Hier schicke ich Märchen, und zwar schöne, unverbildete Geschichten, die ich zum Teil gelesen habe mit dem Gefühl, daß man sie in einem Buch sammeln sollte. Das ist es doch, was Kinder (und sogar ich) gern lesen! Wenn Du mir einen Gefallen tun würdest: Du weißt vielleicht den Weg zu ebnen! Die Autorin verdient sich ihr Brot am Zeitungsstand und schreibt – aus reiner Freude – nur Märchen. Du hast, glaube ich, Verbindung zu Jugendbuch-Leuten. Bitte korrespondiere mit Frl. Romana Mikulaschek persönlich!

Ich selber melde mich in einer Woche etwa mit dem seit Monaten Versprochenen. Ich muß es nochmal schreiben. Die Zeit eilt so gewaltig.

In guten Gedanken, Thomas!
Einen Gruß an Frau Busta –

Annotationen: Der Brief von Gerhard Fritsch an Thomas Bernhard ist nicht ermittelt. Im Oktober 1955 begann Bernhard ein Studium an der Salzburger Hochschule für Musik und darstellende Kunst, Mozarteum, in den Fächern Gesang, Musikwissenschaft und Musikgeschichte sowie Schauspiel, Regie und Dramaturgie. Am 18. Juni 1957 erkannte das Mozarteum ihm die »Bühnenreife« sowie die »Eignung zur Regieführung« zu. Die Abschlußarbeit bestand in einer Bearbeitung des 1948 posthum in Englisch, 1953 in deutscher Übersetzung publizierten Stücks von Thomas Wolfe, Herrenhaus. Bernhard hatte Anfang 1956 Gedichte an den S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, gesandt. Publiziert wurde dort das Ballett die rosen der einöde . Mit Romana Mikulaschek war Bernhard seit den Salzburger Tagen bekannt, sie publizierte unter dem Namen Romana Mikula Kinderbücher.

Wien, 29. Aug.[ust] [1958]

Lieber Gerhard,

ich fahre heute nach Frankfurt u. komme in 10 Tagen wieder zurück. An Prof. Vetter habe ich Bild u. Prospekt gerade abgeschickt. Mich freuts’ so, daß Du mir immer dann einmal unter die »literarischen Arme« greifst – sonst tut das sowieso niemand. Ich bin froh, daß es Dich gibt.

Nun, eine Frage! Ich hab ja große Lebens-Finanzierungs-Sorgen! Kann man die Hora mortis nicht, (das klingt jetzt deppert!) zu Allerheiligen im Radio lesen? Oder im Oktober-November halt?!!! Das wär’ herrlich – vielleicht könntest Du etwas unternehmen unter Deinen Bekannten. Ich kenne niemand vom Rundfunk.

Lieber Gerhard, ich melde mich gleich, wenn ich zurückkomme.

Vielen Dank
adieu,
Thomas

P. S.
Ich bin in mutiger Roman-Stimmung.
Aber:
Ich beneide Dich, denn du kannst Prosa schreiben – ich kann es nicht. Mir fehlt fast alles dazu! Ich kann sie nicht einmal mehr lesen.

Annotationen: Thomas Bernhard fuhr am 31. August 1958 mit Maja und Gerhard Lampersberg zu den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt (2. September bis 13. September 1958). Am 31. Oktober 1958 um 19 Uhr las Bernhard in der Volkshochschule Wien-West aus seinen zweiten ersten Gedichtbänden: Auf der Erde und in der Hölle (1957, Otto Müller Verlag, Salzburg) sowie Unter dem Eisen des Mondes 1958, Kiepenheuer & Witsch, Köln 1958). Gerhard Fritsch sprach zur Einführung. Franz Seraphikus Vetter 1956 bis 1962 nebenberuflich Direktor der einladenden Volkshochschule. Thomas Bernhard, In hora mortis, erschien im April 1958 im Otto Müller Verlag, Salzburg.

d[er]z[eit]t. Hallein, 6. 2. 1959

Lieber Thomas,

dankschön für Deinen Brief vom Jahresbeginn, den ich nachgeschickt erhielt. Ich habe mich sehr gefreut, besonders darüber, daß Du alle Zinkhaken vollhängen hast. Wie ich von Dr. Moissl erfuhr, kommst Du bei Fischer schon im Frühjahr heraus. Gratuliere!

Zu Deinen Fragen: Ich bin nicht mehr in der Bibliothek, sondern ab Jahresbeginn sozusagen freier Schriftsteller.

Ich bin durchaus gesund und schreibe: 1. meinen zweiten Roman fertig und 2. allerlei Einträgliches für Rundfunk und Fernsehen etc.

Ab 10. Feber bin ich wieder in Wien, ich würde mich sehr freuen, wenn sich unsere Wege baldigst wieder kreuzten. Mir geht es recht gut, ich hoff Dir auch! Hoffentlich bist wieder ganz gesund! Paß auf Dich auf!

Alles Gute und viele Grüße
von Deinem Gerhard

Grüße Gerhard Lampersberg.

Annotationen: Gerhard Fritsch gab zum 31. Dezember 1958 seine Tätigkeit bei den Wiener Städtischen Bibliotheken auf, in denen er seit 1951 gearbeitet hatte und übernahm die Redaktion der einflussreichen Literaturzeitschrift Wort in der Zeit. Fasching, der zweite Roman von Fritsch, erschien 1967 im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, der erste, Moos auf den Steinen, 1956 im Otto Müller Verlag, Salzburg.

Wien, am 9. Sept. 1961.

Lieber Thomas,

ich muß sagen, daß schon eine ziemliche Weile nichts von Dir zu hören war. Ebenso, daß mir das auch leid tut. Von Otto Müller erhielt ich neulich das Manuskript eines neuen Gedichtbandes von Dir, worüber ich gerne mit Dir reden möchte. Noch dringender ist dies im Fall »Tamsweg«, da der Stiasny Verlag diesen Band 62 bringen will und ich diese Bindungen fixieren möchte. Oder hast Du damit schon wieder anderes vor?

Ich weiß nicht, wo Du Dich im Moment aufhältst, schreibe aber auf gut Glück an die Döblinger Adresse. Ich habe lange gewartet, daß Du Dich telefonisch rührst, da es so ausgemacht war. Wir waren die meiste Zeit in Wien, sind aber zwischen 22 .9. und 7. 10. und ab 29. 10. dann ca. vier Wochen nicht daheim. Solltest Du jetzt in Wien sein, ruf am besten gleich an.

In Salzburg wurde mir neulich – brühwarm – erzählt, du hättest meine Auswahl Deiner Gedichte in »Wort in der Zeit« blöd gefunden und das Heft wütend an den Verlag zurückgeschickt. Ich weiß nun nicht, ob das wahr ist. Wenn ja, find ich es etwas komisch, da ich diese Gedichte mit Dir gemeinsam ausgesucht habe.

Laß bald von Dir hören und sei herzlich gegrüßt
vom Gerhard F.

Annotationen: Thomas Bernhard, Tamsweg, geschrieben 1960, ist bis heute nicht veröffentlicht. Bernhard sandte Mitte 1961 ein Gedichttyposkript mit dem Titel Frost an den Otto Müller Verlag, der die Publikation, trotz eines positiven Gutachtens von Fritsch, der als Außenlektor für den Verlag tätig war, ablehnte.

Bonn, 18. IX. 1961

Lieber Gerhard,

danke für Deinen mir nachgeschickten Brief!

Zuerst muß ich Dir sagen, daß ich Dich immer gern habe und immer gern gehabt habe und Dich weiterhin gern haben werde, besonders, recht gern!

Ich habe immer gehofft, Du würdest mich einmal angerufen, nachdem immer ich Dich angerufen habe! das hätte mich natürlich besonders gefreut!

Du bist verstimmt und ich versuche, diese Verstimmung wegzuwischen: mit Dr. Moissl hat folgendes »Gespräch« stattgefunden:

Dr. M.: ah, da hab ich ihre Gedichte im W.i.d.Zt. gelesen!
ich: aso!?
Dr. M.: die haben mir gut gefallen!
ich: zu blöd … (ärgerliches Gesicht, weil mir die Sachen damals im Moment, und auch jetzt noch immer, nicht gefallen haben)
Dr. M.: die hat doch der Gerhard Fritsch ausgewählt?
ich: ja, zu blöd, nicht gut ausgewählt, zu blöd, ich hab mich recht geärgert!
Dr. M.: geht auf ein andres Thema über …

Nun, so beinah im Wortlaut, wars! Da ich kein Funzerl Bösartigkeit in dem, was ich gesagt habe, wahrgenommen habe, und ich weiß, daß ich Dich und den Dr. Moissl und der Dr. Moissl Dich und mich gern hat, und beide kennt, gut kennt, hab ich mir bei der Sache nichts gedenkt! hätt ichs bösartig oder ganz ernst gemeint, hätt ichs ihm nicht gesagt, das ist klar. Nun? Du solltest mich kennen, wie mir vor meinen Sachen immer wieder graust, das sagt aber gar nicht, daß ich garnichts mehr von ihnen halte, nein, sie sind mir einfach zeitweilig vergraust und ich geb das von mir: für die, die mich, wie ich glaube (auch bei Dir!) verstehen; ungefähr sehen, wie ich bin, wo ich dahinschwimme, wie ich mich herumschlage, was für ein Trottel ich bin … Das ist alles natürlich nicht für die Öffentlichkeit, also andere, außenstehende Leute, bestimmt.

Also ich hab Dich sehr gern, lieber Gerhard – gekränkt hat mich immer, daß Du mich nie angerufen hast – ich wiederhol diese Kränkungsäußerung!

Nun? Wenn ich gesagt hab: blöd! so hat sich das im Moment restlos auf mich, auch auf Dich, aber schließlich auf keinen von uns beiden bezogen! Gott ja, bitte versteh mich Trottel! |u. verzeih, daß ich den lieben Dr. Moissl, der mir immer ein Kumpan schien, !, einbezogen habe! |

Schon von Frankfurt aus, wo ich beim Wieland [Schmied] war, wollte ich Dir schreiben, denn Du hast ihm geschrieben, ich wäre auf Dich bös usf., also: Nieundneinnein!

Moissl kann das ja auch nicht ernstlich gesagt haben! ich komme in etlichen Tagen sowieso zu ihm, da will ich das ganze retour konstruieren, aber jetzt ists auch schon lächerlich!

Tamsweg gebe ich von Herzen gern Stiasny!!!!!!!, das würde mich, wie Du weißt – es hat sich nichts geändert – sehr freuen! Du hast freie Hand, hier ist es schriftlich, denn Anlaß hättest Du, an mir zu zweifeln, nicht aber, wenn Du mich so kennst, wie ich mir das wünsche! und erhoffe! – und alle andern Leute, die dummes Zeug reden, gehn mich nichts an! die fangen eben etwas auf und blasen es in die bösartige Richtung.

Also Tamsweg 62 im Stiasny?

Und die Müller-Gedichte?

Ich komme vor Ende September nach Wien, habe viel zu arbeiten, da könnten wir uns ausreden, treffen, ich Dich und Deine Frau!
Ich wüßte gern, wie es Dir geht.

Für die Verse in W.i.d.Zt. dank ich Dir, ich bin nie glücklich, wenn was erscheint, aber ich freu mich doch sehr, das ist eine unbegreifliche, komische, desparate Mischung, Du sollst mich nie bös nehmen, ich bitte Dich, und meine »unglückliche Hand oft« verschmerzen! Nimm mir nicht Deine Freundschaft und radier auch das F. nach Deinem Gerhard aus!

Dein (Euer) Thomas

P.S. mit Piperbest stehe ich sehr gut, ich hab bei ihm gewohnt und es entsteht mit ihm etwas, aber es ist noch nichts endgültig fixiert. (Roman, Piperbücherei).
P.S.II. Ich freue mich, daß Dein Roman zuende geht und bin gespannt drauf!
P.S. III. Verzeih den Bleistift
P.S. IV. Aus diesem Wirrwarr sollst Du mich heraussehen

Annotation: Otto F. Best, in den sechziger Jahren Lektor im Piper Verlag, München, lehnte die Publikation von Bernhards Roman Der Wald auf der Straße, entstanden 1961 eine Frühform von Frost ab.

Briefe aus: Thomas Bernhard – Gerhard Fritsch. Der Briefwechsel. Mit freundlicher Genehmigung © Korrektur Verlag, Mattighofen

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erstellt am 24.7.2013

Thomas Bernhard, Foto: Andrej Reiser/Suhrkamp Verlag
Thomas Bernhard, Foto: Andrej Reiser/Suhrkamp Verlag

Thomas Bernhard – Gerhard Fritsch
Der Briefwechsel
Mit zahlreichen Abbildungen und einem Nachwort der Herausgeber Raimund Fellinger und Martin Huber
ISBN 978-3-9503318-1-3
Umfang 108 Seiten
Korrektur Verlag, Mattighofen, August 2013
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Thomas Bernhard – TV-Dokumente 1967-88