Shirin Kumm

Erkläre mir die Welt

Ich kann nicht schlafen. Bin aufgewühlt. Hat sich Alfons mit Gilles
Deleuze verbündet? Gegen mich? Jetzt schläft er neben mir tief und
fest wie der Rumäne auf der Bahre im Film. Du brauchst die Welt nicht zu erklären, das macht schon Erika, lautet seine Bemerkung auf meinem Entwurf für eine neue Erzählung. Erika ist seine Nachbarin, die ihn nervt, nicht nur ihn, offenbar alle Hausbewohner meiden sie. Allein ihre Aura!, stöhnte Alfons, als ich ihn einmal fragte, was denn so furchtbar an ihr sei.

Ich stehe auf, wandere durch die Wohnung, komme wieder zurück und
setze mich aufs Bett.

Ich war heute mit Sabine und Bernd zum Kaffee verabredet. Danny, die
gerade bei ihnen zu Besuch ist, wollte mitkommen. Auch Alfons meldete Interesse an, er habe am Vormittag geschäftlich in der Nähe zu tun, danach komme er zu mir. Hin und wieder treffen wir uns in dieser Konstellation. Dann ist die Runde lebendiger und unterhaltsamer.

Auf dem Weg zum Stattcafé in der Grammstraße trafen Alfons und ich
auf eine Menschenansammlung. Alle starrten sie auf das gegenüberliegende Gebäude. Wir blieben mittendrin stehen. Zum ersten
Mal in meinem Leben sah ich lodernde Flammen direkt vor meinen Augen, kein Film, kein Fernsehbericht, echte Flammen. Die Luft roch ätzend.

Ein Kind hielt seinen Teddy fest im Arm und weinte, es war barfuß.
Ich zog Alfons am Ärmel, lass uns gehen, wimmerte ich. Vergeblich,
Katastrophen ziehen ihn sofort in Bann. Ich flüchtete, hielt dann
inne, das ist nun der dritte Brand in meiner nahen Umgebung, nicht
dass ein Fluch über diese Gegend läge. Ich eilte zurück, fragte
Alfons, ob er den Herd ausgemacht hätte.

Sabine, Danny und Bernd bahnten sich gerade einen Weg durch die
Schaulustigen. Wir entschieden uns für das Plazzcafé am Kirchplatz, die Luft dort würde wohl nicht so rauchig sein. Man redete über dies und das. Ich erzählte von dem Interview mit
Gilles Deleuze, das ich vor ein paar Stunden auf Arte gesehen hatte.
Über Literatur sagte er sinngemäß, Schreiben sei keine Privatangelegenheit, schließlich hatte jeder mal eine Liebesgeschichte, auch eine unglückliche Mutter oder eine skurrile Großmutter seien keine Seltenheiten, dennoch denken die Leute, es seien gute Themen für einen Roman. Nein, das sind sie nicht. Trotz aller Bewunderung kann ich ihm nicht ganz zustimmen, fügte ich hinzu. Der Überfluss an Angeboten beweise nicht zwangsläufig die schlechte Qualität. Früher habe der normale Bürger keine Zeit gehabt, musste ums Überleben kämpfen, dazu gab es selten die Möglichkeit, sich das nötige Rüstzeug anzueignen, um künstlerisch tätig zu sein, egal auf welchem Gebiet.

Heutzutage ist es kein Problem, an Wissen zu gelangen, du kannst dich frei und einfach und jederzeit über alle und alles informieren,
Bildung ist kein Privileg der Oberschicht mehr. Hungern muss auch
keiner, zumindest nicht in den westlichen Ländern. Man ist satt, hat
Zeit und macht etwas daraus.

Alfons meldete sich zu Wort, er wolle mir schon die ganze Zeit widersprechen. Weißt du, sagte er, ich komme aus der mittleren Unterschicht …

Bernd unterbrach ihn, er wiederholte einige Male schmunzelnd: Aha!,
mittlere Unterschicht.
Alfons ignorierte den Spott und fuhr fort, ja, aber in meiner Familie hatte fast jeder gemalt oder ein Instrument gespielt, das mit der Kunst als Privileg der Oberschicht stimmt so nicht.
Die Diskussion erhitzte sich. Bernd setzte an: Die Hartz-IV-Kinder können …

Ich unterbrach ihn, es heißt nun Hartz-V.

Gelächter.

Danny, die in Kanada lebt und nicht im Bild ist, schaute verblüfft.
Sabine weihte sie ein, weißt du, die Hartz-IV-Sätze sind um fünf Euro erhöht?
Fünf Euro? Pro Tag?, fragte Danny.

Die Diskussion verlor an Ernsthaftigkeit, man machte Witze, was auch
mir sinnvoller erschien.

Durch die transparenten Planen um das Raucher-Abteil konnte man in die Grammstraße sehen, die Menschenmenge hatte sich aufgelöst, das Feuer war gelöscht. Es war schon halbsieben. Zeit sich zu verabschieden.

Bei mir gab es Nudel mit Tomatensauce und Scampi. Zum Glück hatte
Alfons wieder einmal Lust zu kochen. Nach dem Essen sahen wir uns
einen rumänischen Film an, die letzte Stunden eines kranken Mannes,
der von Krankenhaus zu Krankenhaus gescheucht wird. Ein
preisgekrönter Film, ergreifend.

Jetzt schläft Alfons unbeweglich neben mir wie der Rumäne auf der
Bahre. Meine müde Augen verweigern sich noch immer dem Schlaf. Es war zu viel für mich, eine brennende Wohnung, Nachdenken über Gilles
Deleuze These, Alfons zynische Notiz, ich bräuchte die Welt nicht zu
erklären. Und später dieser eindringlicher Film.

Ich bleibe im Dunkel sitzen. Alfons schnarcht jetzt, ein merkwürdiges Schnarchen, eher ein Pusten als ein Dröhnen, leise rhythmische Piff-Paff-Laute. Ich beuge mich über ihn und schaue ihn lange an. Was hat er damit gemeint, er stamme aus der mittleren Unterschicht? Was sind das für Leute?

Shirin Kumm

erstellt am 02.11.2010

Foto: Ursula Bausch