Szenenfoto: A.T. Schaefer
Szenenfoto: A.T. Schaefer
opernkritik

Rachmaninov trifft Ustwolskaja

Eine Sternstunde an der Stuttgarter Oper, konzertant

Von Thomas Rothschild

Rachmaninov als Opernkomponist? Wer, außer ein paar Spezialisten, hat das wahrgenommen? Vier Opern hat der Russe geschrieben, zwei davon auf der Grundlage von Werken Alexander Puschkins. In den vergangenen fünf Jahren wurden sie weltweit gerade 20 Mal auf die Bühne gebracht, 15 von diesen Inszenierungen galten allein „Aleko“ nach Puschkins Poem „Die Zigeuner“.

Nun hat uns die Stuttgarter Oper zum Saisonende im Rahmen einer fünftägigen „Russischen Woche“ – der russische Kalender zählt eben anders – eine musikalische Sternstunde beschert, allerdings nicht im traditionellen Sinn eines Opernerlebnisses. Sie tat gut daran, Rachmaninovs „Francesca da Rimini“ konzertant aufzuführen. Denn der Stoff, eine Episode aus Dantes „Göttlicher Komödie“, gibt für eine szenische Interpretation nichts her. Zudem ist das Werk so kurz, dass man es mit einem zweiten Stück kombinieren müsste, wie es Jossi Wieler und Sergio Morabito schon mit Schönbergs „Glücklicher Hand“ und Janáčeks „Schicksal“ taten. Zu viel Aufwand für zwei Aufführungen – und das ist auch schon der einzige Schönheitsfehler: dass dieser Abend vom Spielplan verschwindet, ehe die Rezensionen erschienen sind. Insofern war es eine freundliche Übertreibung, die allenfalls der Statistik dient, wenn der Intendant von einer „Premiere“ sprach. Ein Konzert, das nur ein Mal wiederholt wird, nennt man gemeinhin nicht Premiere.

Als Konzert freilich – welch eine Glückseligkeit. Die Solisten waren allesamt in Höchstform. Und doch möchte man Olga Mykytenko in der Titelrolle und Dmytro Popov als deren Geliebten Paolo hervorheben. Dass der Sopran und der Tenor aus der Ukraine die Sprache beherrschen, die sie singen müssen, ist nicht von Nachteil. Es ist aber die Fülle des Klangs, die Treffsicherheit der Intonation, die ihre Partien zum ungeminderten Genuss werden lassen. Dennoch wäre es ungerecht, würde man nicht den in Leningrad geborenen Bariton Sergej Leiferkus erwähnen, der in der Rolle von Paolos älterem Bruder Malatesta kein Sympathieträger sein darf. Shigeo Ishino als Vergil und Stanley Jackson als Dante Alighieri haben dem gegenüber das Handicap, dass sie nur im Prolog auftreten dürfen.

Die überragende Interpretation, zu der Chor und Orchester ohne Abstriche beitragen, ist aber nur ein Aspekt dieses beglückenden Konzerts. Der Generalmusikdirektor Slyvain Cambreling hatte nämlich die Idee, Rachmaninovs Kurzoper mit der dritten Sinfonie von Galina Ustwolskaja von 1983 zu montieren. Ustwolskaja wurde in den vergangenen Jahren als eine der bedeutendsten russischen Komponisten der Generation nach Schostakowitsch entdeckt und gewürdigt. Dennoch dürfte ihr Werk ebenso wie das ihrer etwas jüngeren Kollegin Sofia Gubaidulina bei uns nur einem kleinen (das doppeldeutige Attribut „beschränkt“ wollen wir lieber vermeiden) Publikum bekannt sein. Zwar schließt ihre Tonsprache nicht bruchlos an die noch dem 19. Jahrhundert verpflichtete Rachmaninovs an – immerhin liegen zwischen ihrer Sinfonie und seiner Oper fast achtzig Jahre –, aber die beiden Kompositionen „passen“ erstaunlich gut zusammen, selbst in der engen Verzahnung, die Cambreling ihnen angedeihen lässt.

Allenfalls ein Einwand, wenn es denn einer ist, ließe sich vorbringen: Der aufdringlich religiöse Charakter von Ustwolskajas Sinfonie – ein Text fleht darin Gott um Rettung an – „infiziert“ auch den durchaus weltlichen Stoff der Rachmaninov-Oper, ihre vitale, hochdramatische Musik. Das kommt wohl einem Russland-Klischee entgegen. Aber es liefert auch eine Deutung, die für „Francesca da Rimini“ nicht verbindlich sein kann. Rachmaninov hat zwar auch geistliche Musik komponiert, aber er war nur bedingt religiös und kein Kirchengänger. Was Cambreling versucht, ist zwar nicht so krass, als würde man Tarkowski-Szenen in einen Eisenstein-Film einbauen, aber es geht in diese Richtung. Wie sehr ist Cambreling da ein Kind seiner, unserer Zeit, die, zum Beispiel, Arvo Pärts kontemplativer Gläubigkeit zu geradezu sensationeller Popularität verholfen hat? Vielleicht kümmert es ihn auch nicht. Vielleicht zählt für ihn nur die Schönheit der Musik. Und die ist beträchtlich. Bei Ustwolskaja wie bei Rachmaninov. Franz Grillparzer lässt seinen „armen Spielmann“ sagen: „Sie spielen den Wolfgang Amadeus Mozart und den Sebastian Bach, aber den lieben Gott spielt keiner.“ Galina Ustwolskaja spielt den lieben Gott. Aber Rachmaninov? Egal. Wie man es nennt, liegt wohl im Auge des Betrachters. Man trifft sich in der Musik. Ob sie von Gott ist, von Mozart oder Bach (auch keine schlechten Adressen), von Rachmaninov oder Ustwolskaja.

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erstellt am 22.7.2013

Francesca da Rimini

Sinfonie Nr. 3

Konzertante Aufführung

Sergej Rachmaninov / Galina Ustwolskaja
In russischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung Sylvain Cambreling
Chor Christoph Heil

Oper Stuttgart