Es heißt, Gott habe den Menschen die Begenna – die Davidsharfe – gebracht, aber der Teufel habe ihn dabei beobachtet. Während die Lyra Gottes zum Lobe des Herrn im Umfeld des Königshofes erklang, schenkte der Teufel seine schlechte Kopie – die Leier Krar – den einfachen Menschen. Mit der Begenna hat sich auch Gott nicht als gewiefter Instrumentenbauer erwiesen. Über einen fellbespannten Resonanzkörper sind zehn Saiten gespannt, die im oberen Teil von einem Holzrahmen gehalten werden. Die Darmsaiten werden, mit Holzstiften fixiert, über den Querholm gewickelt und gespannt. Es gibt für die Musik auf der Begenna keine Skalen oder Tonnamen und keine Notenschrift. Man folgt der Überlieferung der Vorväter und spielt zum Sprechgesang fünf Töne auf jeweils zwei gleichgestimmten Saiten. In Äthiopien wird die Leier nur von den Kopten gespielt – in der wohl ältesten christlichen Gemeinde überhaupt. Alemu Aga ist heute der weltweit bekannteste Begennaspieler. Seit die Weltmusik der alten ethnischen Musik den Rang abgelaufen hat, ist es ein Ereignis, die Begenna live zu hören. Kürzlich war Alemu Aga in Köln zu Gast. Clair Lüdenbach hat ihn dort gesprochen.

Faust-Gespräch mit Alemu Aga

Für Gott und König – Die Davidsharfe aus Äthiopien

Welche Geschichte hat Ihr Instrument, die Begenna oder Davidsharfe?

Es ist ein sehr altes Instrument. Die früheste Erwähnung geht auf die Bibel zurück. Die Stelle, an der es in der Bibel erwähnt wird, ist in der Genesis 4, Nummer 26. Es ist da von den Vätern die Rede, die die Begenna und andere Instrumente spielen. Wenn man das in einen zeitlichen Zusammenhang setzt, dann gab es die Begenna schon 3800 vor Christus; und wenn man dann noch einmal mehr als 2000 Jahre hinzufügt, dann addiert sich das auf 5800 Jahre. Sie ist also sehr alt. Über die Herkunft gibt es zwei Annahmen: nach der einen Annahme ist sie ausschließlich ein äthiopisches Instrument. Es wurde in den Palästen Äthiopiens gespielt, über Tausende Jahre gespielt und von dort in andere Teile der Welt getragen. Nach einer anderen Überlieferung kam das Instrument von Israel nach Äthiopien. Sie geht zurück auf die Königin von Sheba (Saba), eine äthiopische Königin. Sie hörte von den Weisheiten des Königs Salomon und reiste zu ihm. Nach ihrer Rückkehr gebar sie einen Knaben, den sie Menelik nannte. Er wurde später König Menelik der Erste. Dieser Sohn Salomons ging nach Jerusalem, um seinen Vater zu sehen. Salomon wollte, daß sich seine Weisheit und Kultur auch in andere Länder verbreitet und schickte daher eine Begenna nach Äthiopien. In Äthiopien nennen wir dieses Instrument Begenna. Für andere ist es die äthiopische Harfe. Das Instrument gab es schon vor König David, aber er machte sie sehr populär. Er galt als der Auserwählte Gottes, deshalb gehen auf ihn die 150 biblischen Psalmen in der Bibel zurück. Deshalb spielen wir dieses Instrument ausschließlich in religiösen Kontexten. Was ich sagen möchte, ist: Es gibt einen Unterschied zwischen einer Harfe und einer Begenna. Wie man sehen kann, hat dieses Instrument keine Ähnlichkeit mit einer Harfe. Bei einer Harfe sind die Saiten unterschiedlich lang. Dieses Instrument ist weiter im oberen Bereich und enger unten. Bei einer Harfe ist der Resonanzkörper auf einer Seite.
Man kann bei der Begenna nicht von einer Harfe sprechen. Es ist eine Art Lyra.

Die Musik, die Sie spielen, ist sehr beruhigend und meditativ. Führen sie diese Klänge auch auf König David zurück, der – der Sage nach – mit den Klängen seines Instruments König Saul von der Schlaflosigkeit heilte?

Wir spielen es, weil es ein religiöses Instrument für Gebete, Meditation und zum Lobpreis Gottes ist. Wir spielen die Begenna nicht zur Beruhigung, wie es König David der Legende nach tat.

Wie entstand die Musik? Wer hat sie erdacht?

Wir führen unsere Musik auf König David zurück. Er war ein Schafhirte und suchte sich die Teile zusammen, die er brauchte, um ein Instrument zu bauen.

Es gibt Quellen, die die Musik für die Begenna ins 15. Jahrhundert datieren.

Das Instrument wurde schon lange vor König David gespielt. Für die christlichen Herrscher war das besonders wichtig, denn David war der Vater König Salomons. Weil Königin Sheba (Saba) einen Sohn von ihm bekam, stellten sich seither die nachfolgenden Dynastien als die Nachkommen Salomons dar, und somit als die Auserwählten Gottes. Wir glauben auch, dass die Musik von König David stammt und nicht von einem Komponisten späterer Zeit.

Wie entstand Ihre Faszination für das Instrument?

Das Instrument wurde schon in meiner Grundschule gelehrt. Der Musiker, der mich unterrichtete, war Aleqa Tessemma Welde Emmanuel. Er war ein Kirchenmann. In einer kirchlichen Zeremonie hörte ihn Haile Selassi spielen. Das war im Norden Äthiopiens. Dann bat der König ihn, nach Addis Abeba zu kommen und sein Instrument der jungen Generation beizubringen. Unsere Musik ist ein wichtiges Kulturerbe und muss von Generation zu Generation weitergegeben werden. Was es mir leichter machte, war, dass mein Lehrer auch unser Nachbar war. Ich war damals etwa 12 Jahre alt und konnte leicht zu ihm gehen, um ihm zuhören. So begann meine Faszination für das Instrument. Ich hätte nicht gedacht, dass ich jemals ein so berühmter Begennaspieler würde, aber so begann es.

Lernt ein Schüler zu Anfang bestimmte Skalen, oder lernt er gleich Melodien? Oder lernt zu improvisieren? Wie muß man sich den Unterricht vorstellen?

Für uns gibt es keine Lernmethode. Es ist nicht wie bei anderen Musikern, die Skalen und Töne lernen, die Noten lesen können und dann spielen. So ist es nicht. Wir schauen zu, wenn der Lehrer spielt und hören wenn er singt und versuchen, ihn zu imitieren. Dazu braucht man eine lange Zeit. Zum Beispiel legen wir unsere Hand auf die Hand des Lehrers. Natürlich sagt er uns, welche Saiten man anschlagen muss für eine bestimmte Melodie. Auf diese Weise lernen wir. Doch später, nachdem ich die Universität abgeschlossen hatte und Lehrer war an der einzigen Musikschule des Landes, habe ich zusammen mit anderen Instrumentalisten ein System entwickelt, das wir Zahlennotation genannt haben. Wir haben fünf Zahlen von 1 bis 5, und jede Zahl repräsentiert drei Dinge: Den jeweiligen Finger für den entsprechenden Ton und die Saitenzahl. Wenn wir neue Melodien aufschreiben, dann nutzen wir dieses Notationssystem. Das ist einfacher als schauen, hören, und dann anfangen zu spielen.

Die Begenna wurde für etwa 20 Jahre, in der Zeit der Diktatur, verboten. Geriet sie dadurch in Vergessenheit?

Nein. Sie ging nicht verloren. Da es vor allem ein Instrument für das Gebet ist, hatte man ein Instrument zu Hause und konnte es spielen. Es war verboten, es im Radio zu spielen. Vorher übertrug man in der Fastenzeit im Radio ausschließlich Begennamusik und klassische Musik. Eine andere Musik war nicht erlaubt. Unter dem Militärregime wurde die Fastenmusik verboten. Und auch die öffentliche Aufführung dieser Musik bei religiösen Zeremonien war verboten. Denn jede Religion war nach Auffassung der Kommunisten schlecht. Damals sah man das Instrument nirgendwo. Aber nach dem Sturz der Diktatur erschien die Begenna wieder im öffentlichen Leben. Es wurden auch wieder Schulen gegründet, um das Instrument zu lehren.

Die Begenna ist ein sehr archaisch aussehendes Instrument. Wie ist die Situation heute? Haben junge Leute daran Interesse, das zu lernen?

Ein sehr großes sogar. Es gibt eine Schule unter der Leitung der orthodoxen Christen. Manche meiner Schüler wurden selbst Lehrer und Instrumentenbauer. Während der Fastenzeit sieht man viele Begennaspieler, die vor allem zu den verschiedenen Kirchen gehen und dort spielen. Aber das geschieht nicht nur in der Fastenzeit, sondern sie spielen auch auf anderen religiösen Veranstaltungen. Auch ich bin viel gereist, vor allem in die verschiedenen europäischen Länder, um das Instrument bekannt zu machen.

Ein Instrument für religiöse Meditation gibt es nicht in anderen christlichen Kulturen. Weshalb in Äthiopien?

Meditation heißt: Die Begenna hat die Macht, seine Zuhörer zu bannen, und sie hilft, sich zu konzentrieren. Ihr Klang animiert nicht zur Bewegung, sondern zur Ruhe und Kontemplation. Deshalb ist sie auch beliebt in der Fastenzeit, wenn die orthodoxen Christen fasten und häufig in die Kirche gehen. In dieser Zeit hilft der Klang der Begenna den Gläubigen, konzentriert zu beten.

Zu den Klängen der Begenna wird immer gesungen. Manche Texte haben keinen religiösen Hintergrund, sondern erzählen von allerlei Begebenheiten. Ist das eine moderne Erweiterung?

Obwohl die Musik als Gebet gedacht ist, berührt sie doch Themen des alltäglichen Lebens. In einem Gebet bittet man Gott um Frieden und um Gutes. Dem Bedürfnis geben wir Ausdruck. In alter Zeit fragten die Herrscher ihre Informanten, was die Musiker gesungen haben. Die Lieder, nicht nur die der Begennaspieler, erzählen Begebenheiten des täglichen Lebens, von den Sorgen und Nöten der Menschen. Vieles wird metaphorisch oder in Worten mit einer Doppelbedeutung ausgedrückt. In meinem Spiel versuche ich, diese Tradition aufrecht zu erhalten. Man kann natürlich neue Lieder, neue Texte schreiben, aber sie bleiben immer im religiösen Kontext. Es ist nicht wie in der populären Musik.

Sie spielen also nicht im Kontext der „Weltmusik“?

Nein, überhaupt nicht. Man kann die Begenna überhaupt nicht mit anderen Instrumenten zusammen spielen, auch nicht in religiösen Zusammenhängen. Es ist ausschließlich ein Solo-Instrument.

Das Gespräch führte Clair Lüdenbach

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erstellt am 22.7.2013

Alemu Aga bei der Romanischen Nacht in Köln am 12. Juli 2013. Foto: Reinhard Doubrawa

Alemu Aga bei der Romanischen Nacht in Köln am 12. Juli 2013. Foto: Reinhard Doubrawa