Wie inszeniert man die Präsentation eines Künstlers, auf dessen Werk der Nationalsozialismus eine Art Schmutzschicht hinterlassen hat? Wie geht man mit den naturalistisch-idealistischen Komponenten seines Œuvres um, die heute als kitschig und weltfern empfunden werden? Das Frankfurter Städel Museum versucht es mit Kunstrasen und knallig-violett- und -orangefarbenen Wänden. Isa Bickmann hat die Ausstellung besucht.

Ausstellung in Frankfurt

Hans Thoma (1839-1924)

Entthronung in Orange und Violett

Von Isa Bickmann

Aggressiv begegnet die Inszenierung des ersten Raumes der Hans-Thoma-Ausstellung im Städel Museum den BesucherInnen: Angesichts des kräftigen Violetts der Wände möchte man direkt wieder umkehren, doch ein markantes Selbstbildnis Hans Thomas lockt herein. Dann erspüren die Füße den nachgebenden Bodenbelag. Da liegt tatsächlich grellgrüner Kunstrasen! Derart farblich geblendet ist es schwer, sich auf die feine Malerei des Selbstportraits von 1899, „Bildnis vor Birkenwald“, zu konzentrieren. Das Inkarnat (die Hautfarbe) des Künstlers wirkt unter dieser Bestrahlung in Violett ungemein gelblich-ungesund. Die schreiende Farbigkeit setzt sich dann in den folgenden Räumen mit einem grellen Orange fort, als wolle man Thomas Werk der idyllischen Kraft berauben. Thomas liebliche Landschaften und Trachtenbilder, die fern jeglicher Lebensrealität stehen, seine Poesiealbenbildchen-Putti, seine Wagner-Motive repräsentieren Topoi einer künstlerischen Lebensflucht, die in jener Zeit nicht ungewöhnlich war. Doch eine heutige Rezeption – auch im Hinblick auf den Missbrauch durch den Kunstgeschmack der Nazis – bringen sie in eine Richtung, die von Ausstellungsmachern nicht erwünscht sein kann und dem hier zu begegnen versucht wurde. Der Kurator Felix Krämer spricht von einer Ausstellungsinszenierung, „die zu einem unvoreingenommenen Blick auf Thomas Werk einlädt“. (Kat. S. 25) Dabei lässt sich vor Ort doch die eine oder andere Äußerung der Besucher erlauschen, die voller Bewunderung sind und sich auch nicht durch die leitenden Wandtexte und die lodernde Farbigkeit der Wände von ihrer Bewunderung der handwerklichen Qualitäten abbringen lassen. Mit so viel Unempfindlichkeit gegenüber einer Ausstellungseinrichtung, die das präsentierte Objekt mit Distanz gesehen haben will, muss man wohl als Kurator rechnen.

Die radikale Frankfurter Ausstattung drückt das Unbehagen beim Umgang mit Thomas Œuvre aus. Obwohl Thoma selbst politisch wohl eher der Sozialdemokratie nahestand, hatte der Nationalsozialismus den 1924 im Alter von 84 Jahren Verstorbenen postum zu einem seiner Lieblingskünstler auserkoren. Der Untertitel der Ausstellung „Lieblingsmaler des Deutschen Volkes“ wurde einem Lexikoneintrag von 1909 entnommen. Der Beiname hat sich wie ein Schleier über die Thoma-Rezeption gelegt, auch über die wissenschaftliche Ignorierung seitens der Kunstgeschichte. Thoma leistete dem Vorschub, ließ er sich doch einordnen in den öffentlich ausgetragenen Streit jener Zeitgenossen über die Vorzüge der französischen und deutschen Malerei, die Julius Meier-Graefes Schrift „Der Fall Böcklin“ (1905) und der Vereinnahmung des Schweizer Künstler in das Schema „Deutsche Malerei“ für- und widersprachen. Thoma, dessen Werk mitten in dieser Diskussion stand, fügte sich selbst in ein „Deutschtum“ ein: „… daß wir uns deutsche Art und deutsches Wesen nicht wollen beschimpfen lassen durch Proklamierung einer in Paris schon abgewirtschafteten Mode, der wir besseres entgegenzusetzen haben.“ (Zit. nach Kat. S. 32. Allerdings ist er hier nicht immer eindeutig, wie Nerina Santorius mit anderen Zitaten in ihrem lesenswerten Katalogbeitrag belegen kann.) Zudem war er eng befreundet mit der Wagner-Witwe Cosima, deren Schwiegersohn sein größter Förderer wurde: Henry Thode, später Professor in Heidelberg, war zwei Jahre als erster Kunsthistoriker Direktor des Städelschen Kunstinstituts und verlor seinen Posten wahrscheinlich aufgrund seiner eigensinnigen Ankaufsvorschläge.

Das Städel Museum verfügt über ein großes Thoma-Konvolut: mehr als 80 Gemälde und Hunderte von Papierarbeiten. Wenn auch vieles nicht von bester Qualität ist, konnten die Kuratoren aus dem Vollen schöpfen, ohne dass das Budget durch teuren Leihverkehr belastet wurde. Als zweites Haus verfügt die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, die frühere Großherzogliche Gemäldegalerie Karlsruhe, als deren Direktor Thoma in einer Doppelfunktion als Professor an der Großherzoglich-Badischen Akademie der Künste 1899 berufen wurde, über eine Sammlung von über 50 Gemälden. Dazu die 1909 zum 70. Geburtstag eingeweihte und heute noch existierende „Thoma-Kapelle“. Und dann gibt es das Hans-Thoma-Museum von Sofie Bergman-Küchler, Tochter von Eduard Küchler, der neben Otto Eiser zu Thomas wichtigsten Frankfurter Sammlern zählte, in Bernau, im Schwarzwald, gegründet, dem Geburtsort des Künstlers. Dort wird seit 1950 der Hans-Thoma-Preis, Staatspreis des Landes Baden-Württemberg, mit einer Dotierung von 25.000 Euro an bereits etablierte Künstler verliehen wird (Der diesjährige geht an den Bildhauer Werner Pokorny)

Hans Thoma war zu Lebzeiten einer der bekanntesten Künstler Deutschlands, zahlreiche Hans-Thoma-Straßen künden noch davon. Dass das Städel Museum über eine derart große Sammlung verfügt, deren Papierarbeiten – so steht zu vermuten – noch einer vollständigen wissenschaftlichen Aufbereitung harren (die ausgestellten Ölgemälde wurden gerade einer Restaurierung unterzogen) ist der Schenkung jener Sofie Bergman-Küchler von 1939 zu verdanken und noch kurz vor Kriegsende, 1944, als Frankfurt schon in Schutt und Asche lag, getätigten Ankäufen. Allein Letzteres ist Symptom der Verherrlichung des Werkes im Nationalsozialismus, was den rasanten Niedergang seiner Popularität in den Nachkriegsjahren zur Folge hatte.
1877-99 lebte Thoma in Frankfurt. Er war Freund und Nachbar von Wilhelm Steinhausen in der Wolfsgangstraße. Immer wieder hat sich Thoma sehr negativ über die Frankfurter geäußert, obwohl der Frankfurter Kunsthandel ihn durchaus gut ernährte, was seine Standortwahl ja begründete. Frankfurt sei „recht langweilig“, die Stadt sei eine „Stätte des Götzen- und Mammonsdienstes“. Er lästerte 1892 in einem Brief an Thode: „Das öde Frankfurt, wir kennen es. Der Maßstab, den es an alles legt, heißt Geld – und was sich damit nicht messen lässt, ist töricht, sogar wenn es ihnen sonst gefallen könnte. – Werte, die man nicht in Geld umsetzen kann, kennt diese Öde nicht.“ (Zit. n. Kat., S. 140)

Es ist die Lieblichkeit seiner Motivik, die in der Fülle genossen, für unser heutiges Auge zu viel des Guten sein mag, sie steht dennoch, und das wäre einmal ausführlicher zu untersuchen, auch im Dialog mit dem internationalen Kontext. Thoma befindet sich, 1839 geboren, mitten zwischen den Stilepochen: Das Ende der Romantik und des romantischen Realismus zeigt sich in Fensterbildern und dem eindrucksvollen Portrait „Knabe mit totem Reh“, 1868, das – im Gegensatz zu den Sujets des Jagd-Fans Gustave Courbet – den stillen Moment der Trauer des Jungen einfängt. Thoma hatte Courbet auf einer Parisreise 1868 persönlich kennengelernt, was sein Werk deutlich beeinflusste. Dann gibt es wieder Bilder, die sehr nah am Impressionismus sind, dem er ja auch mit Worten gelegentlich huldigte – und da sind die Bilder und Arbeiten auf Papier, die sich bezüglich des Bildvokabulars durchaus in die Reihe der französischen Idealisten einreihen ließen. Böcklin, Hans von Marees, der Jugendstil sind auch nicht fern. Und manchmal überzuckert Thoma noch mit Putten auf Delfinen und Nymphen am Bach. Dabei weisen einige spätere Bildmotive auf die folgenden Epochen der besonders aus der Karlsruher Akademie hervorgegangenen Künstler der Neuen Sachlichkeit voraus. Thoma war nie Avantgarde. Hierin scheint der Grund aller Überhöhung und des späteren Vergessens zu liegen.

Hans Thoma. 'Lieblingsmaler des deutschen Volkes'

Bis 29. September 2013

Städel Museum, Frankfurt am Main

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erstellt am 20.7.2013

Hans Thoma
Selbstbildnis vor Birkenwald, 1899
Öl auf Leinwand, 94 × 75,5 cm
Städel Museum, Frankfurt am Main
Foto: Edelmann – Städel Museum – ARTOTHEK

Ausstellungsansicht “Hans Thoma. 'Lieblingsmaler des deutschen Volkes'” Städel Museum, Frankfurt am Main, 2013
Foto: Norbert Miguletz

Hans Thoma
„Die Öd“. Blick auf den Holzhausenpark, 1883
Öl auf Leinwand, 85,5 × 117 cm
Städel Museum, Frankfurt am Main
Foto: Städel Museum – ARTOTHEK

Hans Thoma
Bildnis Henry Thode, 1890
Öl/Pappe, 74,5 × 61,2 cm
Städel Museum, Frankfurt am Main
Foto: U. Edelmann – Städel Museum – ARTOTHEK

Ausstellungsansicht “Hans Thoma. 'Lieblingsmaler des deutschen Volkes'” Städel Museum, Frankfurt am Main, 2013
Foto: Norbert Miguletz

Hans Thoma
Der Krieg, 1907
Öl auf Leinwand, 72 × 64 cm
Städel Museum, Frankfurt am Main
Foto: Städel Museum – ARTOTHEK
Dieses Bild gehört zu den 1944 für das Städel angekauften Werken.

Hans Thoma
Ritt auf dem Vogel, 1885
Öl auf Leinwand, 36,5 × 28,2 cm
Städel Museum, Frankfurt am Main
Foto: Städel Museum – ARTOTHEK