Was darf Kunst? Diese Frage müssen wir uns auch im Fall Bushido stellen. Michael Behrendt erläutert die Hintergründe zur aktuellen Debatte um den umstrittenen Rapper.

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Unglaubwürdig und lächerlich

Wie sich Bushidos umstrittener Song Stress ohne Grund künstlerisch einordnen lässt und warum Strafanzeigen gegen diesen Unsinn ins Leere zielen

Von Michael Behrendt

„Scheiße, leise sollst du sein, kleiner Stricher / Lächerliches Tröpfchen Pisse, hier kommt der Scheibenwischer / Ich entsicher’, spann’ und schieß’ / und mach dich weg, wie du hoffentlich siehst / Ich fließ’ wie ein Fluss, schieß’ wie ein Schuss, / bin positiv wie ein Plus und mache Schluss mit dem Frust / Also muss ich dich zerstör’n, kannste mich hör’n…“ Ein Rap-Text von Gewalt-Rapper Bushido? Nein, ein Rap-Text von der Frankfurterin Sabrina Setlur. In ihrem Stück Pass auf aus dem Jahr 1995 macht die im wahren Leben eher friedliche Ex-BWL-Studentin das, was viele Rapperinnen und Rapper traditionsgemäß gerne tun: Andere mit Worten attackieren, um sich selbst zum Besten, Größten, Härtesten zu stilisieren, was auf diesem Planeten gerade kreucht und fleucht.

Dissen, bis der Arzt kommt

Die Wurzeln dieser textlichen Strategie liegen in Amerika, in Metropolen wie New York, wo vor einigen Jahrzehnten rivalisierende schwarze Jugendliche anfingen, ihre Konflikte nicht mehr mit Fäusten und Waffen, sondern mit Worten, in Form von Tänzen und über Graffiti, kurz: über den künstlerischen Ausdruck auszutragen. Es ging darum, auf verschiedenen Gebieten die eigenen „Skills“, also Fähigkeiten, zu testen und den jeweils Besten zu ermitteln. Der Wettkampfaspekt, die „Competition“ – gern auch zur „Battle“, zur „Schlacht“ stilisiert – war von Anfang an ein wichtiger Aspekt der Hip-Hop-Kultur. Textlich äußert sich das auch heute noch neben einem möglichst originellen und kreativen Sprachgebrauch häufig im Prahlen und im verbalen Niedermachen des Kontrahenten, im sogenannten „Dissen“. Nur so ist es zu verstehen, wenn der Rapper Kool Savas 2005 in Das Urteil seinen ehemaligen Weggefährten Eko Fresh, der ihn zuvor in einem Track namens Die Abrechnung „gedisst“ hatte, mit Worten wie diesen belegt: „Meinen Flow übertriffst du nicht, nach dem Part übergibst du dich / Was du machst ist nicht korrekt wie Behindertenwitze / Alles, was du schreibst, ist für mich nicht mehr als Kindergekritzel / (…) / Fuck mich ab und ich mach dir Dampf, zerstör dich voll und ganz / EK, lutsch meinen Schwanz!“

Setlur und Kool Savas benutzen ähnliche Bilder, fast schon Standardfloskeln, es geht um die Zerstörung des Kontrahenten, womöglich mit einer Schusswaffe – wobei ausgerechnet der Text von Sabrina Setlur noch „krasser“ wirkt als der ihres männlichen Kollegen. Letztlich aber sind beide Raps, so brutal und hasserfüllt sie daherkommen, gleichermaßen harmlos. Denn die Künstler, die sie vortragen, sind im wahren Leben nicht für Mord und Totschlag bekannt – ihre Texte bieten lediglich eine derbe Wettkampfrhetorik, die versucht, an Drastik immer noch einen draufzusetzen. Dass dabei auch schwulen- und frauenfeindliche Parolen gedroschen werden, finde ich persönlich ziemlich beknackt, gehört aber in einigen Rapper-Kreisen offenbar dazu. Es ist leider auch Alltag auf vielen Schulhöfen, wobei die Spanne des Gebrauchs solcher Parolen je nach persönlichem Hintergrund vom „Nicht wissen, was man da sagt“ über das „So reden, weil man irgendwo dazugehören will“ bis hin zum tatsächlichen Schwulenhass reicht. Hier haben wir, nebenbei, ein gesamtgesellschaftliches Problem und keins, das im Hip-Hop begründet liegt.

Drastische Fiktionen

Warum bis heute nicht jeder zweite Rap-Song indiziert wird, hat verschiedene Gründe. Da ist die Flut an Songs, die nicht zu überblicken, geschweige denn zu bändigen ist und oftmals nur ein Nischenpublikum erreicht. Da sind der nachlässige Vortrag und der überladene Sound, der viele Texte erst beim zweiten, dritten Hören oder gar erst beim Mitlesen im Internet verständlich werden lässt. Und da ist die – unbewusste bis stillschweigende – letztliche gesellschaftliche Übereinkunft, dass Songs im Allgemeinen und Rap-Texte im Besonderen auch bei aller Drastik und Geschmacklosigkeit am Ende des Tages doch nicht mehr als Fiktionen sind.

Interessante Einblicke in die deutsche Hip-Hop-Kultur und den deutschsprachigen Gangster-Rap vermittelt die nach wie vor aktuelle Dokumentation And the Beef Goes On des Musiksenders MTV aus dem Jahr 2008. Die dreiteilige Reihe mit dem Untertitel Beats und Battles in Hip Hop Deutschland geht aus von den gewaltsamen Übergriffen gegen deutschsprachige Rapper, die damals für Aufsehen sorgten, und fragt einerseits nach den Ursachen der Gewalt, andererseits nach dem Wahrheitsgehalt in Texten deutschsprachiger Rapper. Mehrfach zu Wort kommen – zum Teil umstrittene – Hip-Hop-Stars wie Fler, der durch einen Schuss verletzte Massiv, B-Tight, Azad, der bereits zitierte Kool Savas, Sido, Marcus Staiger, Chef des Szenelabels Royal Bunker, und der aktuell wieder im Fokus stehende Bushido. Knapp und übersichtlich erzählt die Doku, wie Ende der 1980er Jahre Rapper von der amerikanischen Westküste aggressive Texte in die Hip-Hop-Kultur einführten: „Die Lyrics strotzten vor Gewalt, Sex und Kriminalität. Der Gangster-Rap war geboren.“ Und bald schwappte die Gewalt aus den Texten auf das wahre Leben über: Verfeindete Rapszenen lieferten sich blutige Auseinandersetzungen, in deren Verlauf es auch Schießereien mit Toten gab. Von solchen Auseinandersetzungen hört man heutzutage glücklicherweise kaum noch etwas. Allerdings, so die Macher von The Beef Goes On: „Die Gangster-Rap-Schiene fahren amerikanische Rapper weiter. Denn aggressive Beats, harte Lyrics und das Gangster-Image sorgen für extreme kommerzielle Erfolge. Gewalt bleibt Bestandteil des Rap!“

In Deutschland vollzog sich mit einigen Jahren Verspätung eine ähnliche Entwicklung. Spaßrapper wie Die Fantastischen Vier machten Hip-Hop Ende der achtziger Jahre hierzulande salonfähig. Mitte der Neunziger sorgten Frankfurter Rapper wie das Rödelheim Hartreim Projekt für die ersten aggressiveren Beats und Texte, woraufhin Ende der neunziger Jahre eine noch härtere Szene ins Spiel drängte: „Durch Kool Savas wird der deutsche Rap noch aggressiver, noch direkter und noch härter. (…) Spätestens mit Bushido, Sido & Co sind nun auch Gewalt und Gangster-Image im deutschen Rap angekommen“, so die MTV-Doku. Und, mit Blick auf die folgenden tatsächlichen Gewaltexzesse: „Die Entwicklung scheint wie in Amerika zu verlaufen. Hip-Hop trägt die Konfrontation in sich. Die Gewalt ist in den Texten und Images angekommen und schwappt über ins echte Leben.“

Straßenreporter

Trotz alledem sind es vor allem Sprüche und Images, um die es im Rap geht. Nicht um eine Eins-zu-Eins-Übertragung der eigenen Gefühle und Taten in Songs, sondern um ein möglichst taffes Show-Ich und eine starke, „krasse“ Performance, die dem Künstler beim Publikum, aber auch bei Kolleginnen und Kollegen Respekt verschafft. Was nicht ausschließt, dass sich Rap-Lyrics auch mit gesellschaftlichen Realitäten beschäftigen. Spannend ist, wie die in der MTV-Doku zitierten Rapper ihre eigene Arbeit charakterisieren. Von „verarbeiten“ und „widerspiegeln“ ist da die Rede und von einer eher „journalistischen“ Herangehensweise. „Armut, Arbeitslosigkeit, Kids ohne Perspektive, Viertel, in denen das Gesetz der Straße herrscht und wo Konflikte durch Gewalt gelöst werden“, fasst der Offkommentar zusammen, „davon berichtet Rap.“ Was der Rapper Fler folgendermaßen kommentiert: „Meinen Frust, den ich im Leben durchgemacht habe, und meine schlechte Zeit, die ich im Leben durchgemacht habe, verarbeite ich mit der Musik.“ Kool Savas: „Die Musik spiegelt eigentlich nur wider, was in dieser Gesellschaft abgeht.“ Azad: „Wir sind so eine Art Straßenreporter, die über die Dinge berichten, die Medien nicht berichten.“ Massiv: „Ich reflektiere die Straße. In diesem Moment sehe ich mich als Journalist der Straße.“ Ein Selbstverständnis, das weniger auf eine bedingungslose Identität von biografischem Ich und Song-Ich schließen lässt als auf die künstlerische, bearbeitende Umsetzung von dem, was „da draußen“ in der Welt vor sich geht.

„Persönlichere“ Töne

Das bedeutet nicht, dass Rapper nicht auch mal „persönlichere“ Töne anschlagen – ihre Song-Ichs näher an ihr biografisches Ich heranrücken lassen. „Vater du verleugnest deinen Jungen“, rappt etwa Bushido in Reich mir nicht deine Hand, „Ich möchte dir nichts beibringen / Und ich nenne dich nicht Feigling, aber / Wegen dir war ich ein Heimkind.“ Das sind Verse, die nah dran sind an Bushidos eigener Lebensgeschichte mit einem Vater, der früh die Familie im Stich ließ, und mit Erfahrungen als Insasse eines Heims für schwer erziehbare Jugendliche. Im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Song-Ich und Realität aufschlussreich ist, wie Bushido Reich mir nicht deine Hand in der MTV-Doku kommentiert: „Das war für mich auf jeden Fall einer der wichtigsten Songs, die ich bis jetzt gemacht habe. Diese Geschichte, die da erzählt wird, da weiß mein Vater von, meine Mutter weiß davon, und ich weiß davon. Natürlich trage ich das in die Öffentlichkeit. Aber im Endeffekt wissen wirklich wir drei, wie die Sache für uns gelaufen ist.“ Was heißt: Der Song bezieht sich durchaus auf persönliche Erlebnisse aus dem Leben von Anis Mohamed Youssef Ferchichi, der realen Person hinter dem Show-Ich Bushido. Aber in erster Linie erzählt er eine Geschichte – und die ist das Ergebnis künstlerisch bearbeiteter Erfahrung. Wie es wirklich war, das wissen nur die unmittelbar beteiligten Personen.

Provokation als Entertainment

So verwundert es kaum, wenn die Macher von And the Beef Goes On zu dem Schluss kommen, dass es auch im Hip-Hop zu einem großen Teil um Show und Unterhaltung geht, um Entertainment! „Provozieren, schocken, übertreiben: Genau das ist es, was viele Rapper in ihren Tracks veranstalten“, hält der Offkommentar fest. „Es ist ein Spiel. Ein derbes Spiel, aber eben ein Spiel.“ Und die Szene bekräftigt. B-Tight: „Du kannst auch Sachen einfach ironisch meinen – sie hart sagen, aber ironisch meinen.“ Marcus Staiger von Royal Bunker: „Rap hat eben auch das Recht, Dinge zu dramatisieren und zuzuspitzen.“ Bushido: „Und dann spielst du mit der Musik, mit den Wörtern – mit der Sprache einfach auch.“ Kool Savas: „Rap ist teilweise maßlose Übertreibung.“ Staiger: „Sonst wär’s ja langweilig.“ Fler: „Es ist die Ironie. Ich nehme mich ja selber dabei nicht ernst. Ich achte darauf, dass meine Musik auch provoziert, weil’s alles Entertainment ist.“ Massiv: „Ich versuche, die Leute zu entertainen, ich versuche, sie zu unterhalten.“ Und noch einmal B-Tight: „Der Entertainment-Faktor, der ist ganz hoch.“

Aber genau dieses Oszillieren zwischen dem angeblichen Reporterblick, der Verarbeitung persönlicher Erfahrungen und dem unterhaltsamen krassen „Dissen“ anderer Menschen und sozialer Gruppen sorgt auch dafür, dass sich viele Gangsterrapper nicht festlegen lassen, dass eine Art Geheimwissen, bestimmte Codes etabliert werden, die nur Szene-Insider verstehen. Es ist zudem eine kunstvolle Fassade, hinter der man sich prima verstecken kann, à la: „Ich und frauenfeindlich, schwulenfeindlich oder gar gewaltverherrlichend? Wieso, ich hab doch nur wiedergegeben, was ich täglich auf der Straße höre. Das Ich im Text, das bin doch nicht ich!“ Oder einfach: „Danke für die Aufregung, kurbelt den CD-Verkauf an, aber ist doch alles nur Show!“ Die Frage ist, ob nicht auch die coolen Rapper, die sich mal als benachteiligte Opfer der Gesellschaft, mal als gutgelaunte Entertainer stilisieren und Respekt verlangen, eine Verantwortung für das tragen, was sie in ihren Texten von sich geben. Wo steckt vielleicht doch etwas von „mir“ in meinen Texten? Gibt es vielleicht doch Zusammenhänge zwischen dem Rap-Ich im Text und dem biografischen Ich des Künstlers, zum Beispiel durch Erfahrungen in kriminellen Milieus? Und: Wo hört die spielerische Geschmacklosigkeit auf? Wo wird wirklich eine Grenze zum nicht mehr Akzeptablen überschritten?

Böse Menschen haben keine Raps?

Hier macht es sich die MTV-Doku relativ einfach, indem sie versucht, Rapper und Gangster strikt voneinander abzugrenzen, ganz nach dem Motto: Wer Rapper ist, kann kein Gangster sein, und umgekehrt. So heißt es über den US-Rapper 50 Cent: „Er dealte mit Drogen, saß im Knast, wurde angeschossen. Aber für 50 Cent ist das Vergangenheit. Er ist kein Gangster mehr. Er ist eine Kunstfigur.“ Vor allem zur deutschen Szene bemerken die Macher: „Denn Rapper sind keine Gangster. Sie rappen über Gewalt, aber leben sie nicht.“ Und zur Rap-Ästhetik: „Gangster-Rapper ballern mit Worten. Ihre Waffen sind die Beats und Lyrics.“ In dieselbe Kerbe hauen die Szenevertreter, wenn sie wie Marcus Staiger formulieren: „Gangster arbeiten dann ja doch eher konspirativ… und es ist natürlich dann genau das Gegenteil, ins Rampenlicht zu gehen und zu sagen: Hey, yo, ich habe 10 Kilo importiert.“ Oder wenn sie wie B-Tight festhalten: „Du gehst nicht los als Rapper und erschießt jemanden. Und wenn doch, dann bist Du ein Gangster und kein Rapper. (…) Als Rapper spiegelst du vielleicht diese Welt wider, aber du bist nicht direkt in dieser Welt drin.“

Den Gegenbeweis liefern Rap-Subszenen, quasi Rap-„Parallelwelten“, in Deutschland, für deren Protagonisten schwerere kriminelle Handlungen zum Alltag gehören. Eine davon ist die Köln-Bonner Szene um Rapper wie Bero Bass und Xatar. Allein oder im Rahmen von Projekten wie La Honda erzählen sie in ihren Texten, wie sie sich auf der Straße behaupten, wie sie ihre Gegner plattmachen, Überfälle begehen, Haftstrafen absitzen oder Verrätern drohen, die allzu eng mit der Polizei kooperieren. Das ließe sich leicht als das eben beschriebene hip-hop-typische Prahlen, Protzen und kategorische Übertreiben abtun – wäre nicht Bero Bass vor einiger Zeit wieder in eine blutige Messerstecherei mit anschließendem Gefängnisaufenthalt verwickelt gewesen und hätte nicht Xatar nach ähnlichen Körperverletzungs- und Drogenhandelsdelikten im Dezember 2009 zusammen mit sieben weiteren Tätern bei Ludwigsburg einen Goldtransporter überfallen. Die Beute von 1,8 Millionen Euro blieb verschwunden, Xatar selbst wurde ein halbes Jahr später gefasst. Bero Bass, La Honda und andere sind Thema in Peter Schrans sehenswerter TV-Doku Westside Kanacken, die 2009 auf 3Sat ihre Erstausstrahlung erlebte. Hier begegnen wir außerdem einem rappenden Kleinkriminellen, der sich einer Haftauflage entzieht, um schnell noch – das Subgenere klang ja schon an – ein rührendes Video zu einem vor Selbstmitleid strotzenden Rap-Song für seine kleine Tochter zu drehen, die er so schnell nicht wiedersehen wird. All diese Beispiele widerlegen die MTV-Doku And the Beef Goes On, indem sie hautnah zeigen, dass Rapper eben doch auch Gangster sein können – und umgekehrt.

Völlig von der Rolle oder: Blödes „Spiel“

Und hier schließt sich der Kreis zu Bushido: Er blickt nicht nur auf ein Vorleben zurück, zu dem Körperverletzung, Drogendealereien, besagter Aufenthalt in einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche und Gefängnis gehören, sondern soll auch aktuell Verbindungen zu Berliner Köpfen der organisierten Kriminalität haben. Hier haben wir es wieder, das unangenehme Oszillieren zwischen der nicht zu leugnenden künstlerischen Gestaltung im Rap, der Verfremdung, Zuspitzung, Übertreibung, bewussten Provokation auf der einen und klaren biografischen Bezügen auf der anderen Seite. Zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Zwischen Ernsthaftigkeit und Koketterie. Da möchte man dem einen oder anderen Künstler schon mal Scheinheiligkeit unterstellen. „Warum ist es plötzlich cool, dass man früher Koks vertickt hat und sich mit Kalibern auskennt?“, wird Bushido, dessen Leben inzwischen verfilmt wurde, in einem Beitrag von Eric Leimann für viva.de zitiert. „Ich empfehle das den Kids nicht, wenn ich sie persönlich treffe. Was ich mache, ist Kunst. In der Kunst ist manches überspitzt, und meine Rolle ist eben oft nur eine Rolle.’“

Und so kann sich Bushido auch in seinem umstrittenen neuen Song Stress ohne Grund erst mal prima hinter einer Rolle verstecken, die ganz bestimmt nicht seinem biografischen Ich entspricht. Denn der Sprecher in Stress ohne Grund scheint so etwas wie der Chauffeur einer erfolgreichen Geschäftsfrau zu sein, die er verachtet. Während sie in wichtigen Meetings sitzt, verbringt er die Wartezeit bis zum nächsten Fahrerjob und seine Freizeit mit halbseidenen Geschäften in ebenso halbseidener Gesellschaft. Das Ich feiert sich selbst als „Assi“ und zitiert genüsslich Frank Sinatra und Dean Martin, denen man einst eine Nähe zur Mafia nachsagte. „Peter-Pan-Syndrom, Bitch / Ich rauch Marlboro, Bitch / Du trinkst Aperol Spritz / Ich bin Fahrer, oh Bitch / (…) chill beim Geschäftsmeeting / Heartbreaker, Bartträger, steht in meinem Steckbrief / (…) / Ich bin Assi, aber dein Gesicht ist Asy- / -metrich, Bitch, du sammelst Briefmarken, ich sammel Kreditkarten / Yeah, Frank Sinatra chillt mit Dean Martin.“ Auffällig sind auch die ersten Worte des Raps, „Peter-Pan-Syndrom“. Mit diesem Begriff beschrieb der amerikanische Familientherapeut Dan Kiley „Männer, die nie erwachsen werden“ – und er dient Bushido hier offenbar als Mittel, seinen Song gleich im ersten Vers zu verharmlosen. So als wolle er sagen: „Ist doch alles nur ein Spiel, ich bin doch bloß ein dummer Junge, der nicht erwachsen werden will und sein Song-Ich noch mal ordentlich auf die Kacke hauen lässt.“

Vor diesem Hintergrund heißt es dann in Stress ohne Grund, übrigens eine Phrase, die man schon aus früheren Songs von Bushido alias Sonny Black kennt, über einen realen Rivalen, den Rapper Kay One, mit einem Seitenhieb auf den Bürgermeister von Berlin: „Halt die Fresse, fick die Presse / Kay, du Bastard bist jetzt vogelfrei / Du wirst in Berlin in deinen Arsch gefickt wie Wowereit“. Weiter geht es gegen Nordeuropäer, Spaßmoderatoren und zwei weitere führende Köpfe aus der Politik, die Grünen-Politikerin Claudia Roth und Serkan Tören, den integrationspolitischen Sprecher der FDP: „Du versteckst dich, doch ich finde dich wie Google Maps / Ich verkloppe blonde Opfer so wie Oli Pocher / Ich mach Schlagzeilen, fick deine Partei / Und ich will das Serkan Törun jetzt ins Gras beißt / Yeah, Yeah, was für Vollmacht?, du Schwuchtel wirst gefoltert / Ich schieß auf Claudia Roth, und sie kriegt Löcher wie ein Golfplatz.“

Songs sind keine Bekennerschreiben – aber ernstzunehmende Kunst hört sich anders an

Ganz klar: Songs sind keine Pressemitteilungen, keine öffentlichen Bekanntmachungen und Verlautbarungen, auch keine terroristischen Bekennerschreiben oder Bekennervideos. Songs sind mehr oder minder kunstvolle künstlerische Gebilde, angesiedelt im Bereich der Fiktion, der Bearbeitung von Erfahrungen und von Welt. Insofern gehen die erschütterten Stellungnahmen, die angesichts von Bushidos Song Stress ohne Grund von einer ernstzunehmenden Todesdrohung und vom definitiven Aufruf zum Mord sprechen, entschieden zu weit. Es wäre schön, würden Staatsanwaltschaften verstärkt mit Soziologen, mit Kunst-, Kultur- und Literaturwissenschaftlern zusammenarbeiten, um zu besonnenen Einschätzungen umstrittener „Kunstwerke“ zu gelangen. Wohin Zensur führen kann, ist hinlänglich bekannt. Nichtsdestotrotz ist Stress ohne Grund an Dumpfheit und pubertärem Schwachsinn kaum zu überbieten. Von der Verantwortung, die ein Künstler trägt für das, was er als Kunst präsentiert, ist hier keine Spur. Dass ausgerechnet einer wie Bushido, der inzwischen Familienvater, reicher Geschäftsmann und vom gesellschaftlichen Establishment hofierter Künstler ist, noch einmal in die Rolle eines dumpfe Parolen schwingenden Asso-Kriminellen schlüpft, ist absolut unlustig, zudem unglaubwürdig, auch wenn an den Verbindungen zur organisierten Kriminalität etwas dran sein sollte. Ich würde sagen: Credibility ver-„spielt“.

Seine Rapperkollegen zu dissen, ist das eine. Aber das drastische Spiel völlig grundlos und ohne Argumente auf führende Politikerpersönlichkeiten zu übertragen, entbehrt jeder Grundlage. Echte Sozialkritik und Diskussionsbeiträge zur Integrationspolitik sehen anders aus, wie vor nicht allzu langer Zeit das französische Hip-Hop-Trio Sniper bewies. Die drei Rapper wurden 2005 vor Gericht von dem Vorwurf freigesprochen, ihr Song La France aus dem Jahr 2001 enthalte einen Aufruf zum Politikermord. Das Gericht bewertete den Song letztlich als Kunst und als poetisch zugespitzten Ausdruck der Verzweiflung marginalisierter und ständig kriminalisierter ausländischer Ghetto-Kids. Die Strafanzeige war vom damaligen Innenminister Nicolas Sarkozy gekommen. Klaus Wowereit wäre gut beraten, nicht mit einer Strafanzeige zu reagieren, die doch Bushido nur noch mehr Publicity und ihm selbst weitere unliebsame Diskussionen beschert. Er sollte andere, intelligentere Mittel und Wege finden, dem Herrn Gangsterrapper aufzuzeigen, wie lächerlich seine Kunstfigur wirkt und wie künstlerisch wertlos seine Tiraden eigentlich sind.

Kommentare


Ingrid Vonrhein - ( 18-07-2013 03:59:28 )
Weder unglaubwürdig noch lächerlich. Selbst unter Berücksichtigung der Wurzeln und Entwicklung des Rap und des Hip Hop, die M.Behrendt sehr gut aufgezeigt hat, bin ich unzufrieden damit nun all das auf Fiktion, Entertainment, künstlerische Freiheit zu reduzieren - ja, zu reduzieren, denn die Herren "Peter Pan" haben zu große Wirkung auf ihr Klientel darußen auf der Straße. Dort wird die Stimmung nicht nur weiter aufgeheizt, es wird auch der Anschein erweckt es sei völlig korrekt gewaltverherrlichend, sexistisch, schwulen- u. frauenfeindlich zu sein. Das Klientel ist jung, es mangelt an Bildung - kritische, distanzierte Reflektion ihrer Rap Vorbilder wird bestimmt nicht betrieben. Ich hege den Verdacht, dass die Herren "Peter Pan" längst erkannt haben, dass sie - solange sie sich brav auf Fiktion, Provokation, Entertainment berufen - durch kommen. Ich aber glaube ihnen ihre Texte und Attitüde und finde sie nicht lächerlich, denn das wird (teilweise) auch gelebt! Ihre üble Stimmungsmache einfach zu ignorieren und nicht ernst zu nehmen bereitet mir Unbehagen.

R.R - ( 19-07-2013 08:30:14 )
Ihr Text hat mir eigentlich gut gefallen außer, dass Sie bezeugen, dass ein Großteil der Rapper, und gerade der Newcomer, ihre Texte nicht nur aus kriminellen Erfahrungen, die der Vergangenheit angehören, inspirieren, sondern, dass diese meist selbst noch kriminell aktiv sind. Aber wenn Sie sich Vorstellen, dass einer der zurzeit erfolgreichsten Rapper "Kollegah", der mit seinem neuen Album "JBG2" auf Platz 1 der Charts landete, im 7ten Semester seines Jurastudiums ist und sein Abitur in der Tasche hat, gerät ihr Klischee doch leicht ins Wanken. Überzeugen Sie sich selbst: http://www.youtube.com/watch?v=TLKbiwuWO0E
MfG, R.R

Michael Behrendt - ( 23-07-2013 11:15:58 )
Sehr geehrte(r) R.R., vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich habe aber nicht geschrieben, dass ein Großteil der Rapper meist selbst noch kriminell aktiv ist, sondern dass es vereinzelt kriminelle Subszenen gibt. Der Großteil der Rapper scheint mir nur zu kokettieren oder zu "spielen", also eine krasse Form von Entertainment zu betreiben. Und der Herr Kollegah scheint das zu bestätigen. Ist vielleicht wichtig, das noch mal klarzustellen. Beste Grüße, M. Behrendt

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erstellt am 16.7.2013

Bushido mit dem Bambi für Integration
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