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Es gibt wohl mehr Möglichkeiten, die sogenannte ernste Musik mit der sogenannten populären intelligent in Beziehung zu setzen, als die Vertreter der Monokulturen akzeptieren möchten. Thomas Rothschild zeigt sich im 3. Teil seines Berichts von den Ludwigsburger Schloßfestspielen von schwarzen Augen, der ungarischen Kargheit und dem Lächeln eines überirdischen Wesens angetan.

Ludwigsburger Schlossfestspiele

Kodály statt Orbán

Von den Ludwigsburger Schlossfestspielen, Teil 3

Von Thomas Rothschild

Das haben die Tschechen mit den Ungarn gemeinsam: Ihre maßgeblichen Komponisten, Smetana, Dvořák, Janáček bei den Tschechen, Liszt, Bartók, Kodály bei den Ungarn, haben sich reichlich und programmatisch bei der Volksmusik bedient. Und so bot es sich fast an, innerhalb eines kleinen Ungarn-Schwerpunkts bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen ein Symphonieorchester und ein Folkloreensemble zusammen zu spannen und so die bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein reichenden Inspirationsquellen komponierter Musik erfahrbar zu machen und zugleich die Distanz zwischen „volkstümlicher“ und angeblich „schwieriger“ Musik zu verringern. Thomas Wördehoff liebt Koppelungen dieser Art. So wurden vor zwei Jahren Darius Milhauds „Saudades do Brazil“ durch „Reflexionen“ des dem Jazz verpflichteten Quartetts um den brasilianischen Komponisten und Gitarristen Alegre Corrêa unterbrochen. Und auch jenseits von Ludwigsburg besinnt man sich auf die Querverbindungen zwischen „Klassik“ und Folklore – so etwa auf der großartigen CD der tschechischen Sängerin Iva Bittová und des Škampa Quartetts mit jenen mährischen Volksliedern, die Janáček bearbeitet hat.

Das Konzert des Orchesters der Ludwigsburger Schlossfestspiele unter der Stabführung von André de Ridder und des Ensembles Muzsikás plus dem Zymbalisten Kálmán Balogh und der rumänischen Sängerin Mária Petrás begann und endete mit Bartók, wobei Muzsikás sich unmittelbar in Bartóks „Rumänische Volkstänze“ einmischte. Für Kodály übernahmen gleich die Volksmusikanten die Verantwortung. Das 1951 komponierte „Concert Românesc“ des bedeutendsten ungarischen Avantgardisten der jüngeren Vergangenheit, György Ligeti, lässt noch nicht die Cluster und Klangflächen erahnen, die zu seinem Markenzeichen wurden. Noch überraschender dürften jedoch für die Zuhörer im Forum die Anklänge an traditionelle ungarische Melodien in einer Haydn-Symphonie gewesen sein, die Muzsikás wiederum durch ihre zwischengeschaltete Interpretation markierte.

Bartók und Kodály standen auch bei der Violinistin Viktoria Mullova und dem Cellisten Matthew Barley auf dem Programm, und auch sie wählten Stücke, bei denen der folkloristische Ursprung nicht zu überhören ist. Zwischen sieben von Bartóks 44 Duos für 2 Violinen, in deren Bearbeitung das Cello eine Violine ersetzt, improvisierten der Pianist Julian Joseph, der Vibraphonist Sam Walton und der Schlagzeuger Paul Clarvis über das Material des jeweils vorausgegangenen „Lieds“. Eröffnet wurde das Konzert – das vielleicht sympathischste dieses Festspielsommers, dem der Intendant Wördehoff allerdings nicht beiwohnen konnte, weil sein Vertrag gerade, nach allerlei Zwist und mit Lobreden eben derer, die ihn kurz zuvor noch verabschieden wollten, um drei Jahre verlängert wurde –, begonnen also wurde mit einem Stück aus dem Repertoire der Pariser Folkloregruppe Bratsch, die sich auf die Musik des Balkans und der Zigeuner konzentriert, aber auch Jazzanregungen aufnimmt.

Auf Bratsch folgte in einem eigenwilligen Arrangement „Django“ von John Lewis, das aber insofern gut zum Ensemble passt, als das Modern Jazz Quartet, zu dessen Hits der tausendmal gecoverte Titel über Jahrzehnte gehörte, selbst die Grenzen zur klassischen oder auch barocken Kammermusik überschritten hat. Ebenfalls auf dem Programm stand Joe Zawinul, der große Wiener Jazzpianist und Komponist, der nicht nur mit Miles Davis, sondern auch mit Friedrich Gulda musiziert hat. Und mit Wehmut und Groll denkt man an jene Tage, als Gulda ausgepfiffen wurde, weil er es wagte, in einem Konzert Beethoven und Jazz neben einander zu stellen. Manches ändert sich doch zum Besseren. Das Konzert von Viktoria Mullova und ihren Freunden beweist es. Als Zugabe spielten sie das russische Lied von den schwarzen Augen, das irrtümlich für eine Zigeunerweise gehalten wird und in unzähligen Versionen existiert. Es ist der ideale Schlusspunkt für einen musikalischen Sommerabend, der unter anderem durch die totale Absenz von spekulativer Show bestach.

An Kodály, nämlich an dessen „Psalmus Hungaricus“, wagte sich auch das Ensemble heran, das unter der Leitung der Argentinierin Constanza Macras einen Abend über Roma unter dem Titel „Open for Everything“ gestaltet hat – und das hätte es lieber bleiben lassen sollen. Es zeigt sich hier der Zwiespalt zwischen dem sozialen Anspruch, diskriminierten Minderheiten die Möglichkeit der Selbstdarstellung zu bieten, für deren Sorgen und Probleme Aufmerksamkeit zu erlangen, und dem ästhetischen Anspruch eines Bühnenereignisses. Gustavo Dudamel zum Beispiel ist es gelungen, sein Simón Bolívar Symphony Orchestra, für das Kinder aus der Unterschicht Venezuelas gesucht werden, die ansonsten kaum eine Chance der gesellschaftlichen Integration hätten, zu einem hochprofessionellen Orchester zu machen, das sich mit jedem bürgerlichen Orchester messen kann. Wo der Professionalismus fehlt, wandelt sich die Sympathie schnell in Überdruss. Was als Zeitungsartikel oder auch als Dokumentarfilm Interesse zu erregen vermag, kann kläglich scheitern, wenn es vorgibt, zu sein, was es nicht ist: Kunst. Ein schlecht – um nicht zu sagen: falsch – gesungener Kodály ist nur quälend. Das gilt leider auch für die dilettantischen Choreographien und das infantile Bühnengeschehen von „Open for Everything“. Für die Beteiligten mag das ja lustig sein – aber wenn man so etwas vor Publikum aufführt, sollte schon mehr dahinter stecken als bei einem Break Dancer an einer New Yorker Straßenecke.

Dem gut gemeinten Deklarationstheater mit Authentizitätsanspruch, dieser weiteren Station im Rimini Protokoll der Verdrängung von Kunstanstrengung durch Betroffenheitspathos steht diametral ein weiterer Ungarn-Abend gegenüber: die „Kafka-Fragmente für Sopran und Violine op. 24“ des bedeutendsten lebenden ungarischen Komponisten György Kurtág. Mit Christine Schäfer, die mit einer CD-Aufnahme dieses Werks von Juliane Banse konkurriert, welche, wie man früher zu sagen pflegte, auch nicht von schlechten Eltern ist, und Isabelle Faust war für eine hochkarätige Besetzung gesorgt. Der Liederzyklus, dessen Modell Schubert mit der „Schönen Müllerin“ und mit seiner „Winterreise“ geprägt hat und der im 20. Jahrhundert seine grandiosen Realisierungen etwa in Mahlers „Kindertotenliedern“, in Alban Bergs „Orchesterliedern nach Ansichtskarten von Peter Altenberg“ oder in Hanns Eislers „Zeitungssausschnitten“ fand, gelangt in diesem Werk von 1985-1987 nach kürzen und kürzesten Texten von Franz Kafka zu einem weiteren Höhepunkt. Der konzentrierte Gestus der auf einen Sopran und eine Solovioline reduzierten Kompositionen entspricht dem aphoristischen, oft rätselhaften Charakter der Textstellen, die ja, wie auch Eislers Zeitungssausschnitte, nicht im entferntesten für eine Vertonung gedacht waren. In Ludwigsburg hatte man den auch rezeptionstechnisch klugen Einfall, Kurtágs Lieder durch weitere Kafka-Texte zu unterbrechen, die Sandra Hüller wohltuend zurückhaltend und ohne falsche Bedeutungshuberei las. Und es ergibt sich die Frage, ob diese Fragmente, diese verstörenden Intervallsprünge und abrupten Schlüsse, die keine sind, nicht mehr aussagen über den Zustand einer Welt, in der Roma beleidigt und verfolgt werden, als der hilflose Versuch, sich mit untauglichen Mitteln an die scheinbar fröhliche Ästhetik eines Fernsehballetts anzubiedern. Eins von Kafkas Text-Fragmenten lautet: „Nichts dergleichen, nichts dergleichen.“

Wenn Architektur, entsprechend einem geflügelten Wort, zu Stein gewordene Musik ist, dann gibt es für Telemann keinen harmonischeren Ort als den Ordenssaal des barocken Ludwigsburger Schlosses. Man sollte die Bedeutung des Ambientes bei der Wahrnehmung von Musik nicht unterschätzen. Hier jedenfalls finden akustische und visuelle Sensation zu einer seltenen Übereinstimmung. Musiker des für die Ludwigsburger Schlossfestspiele zusammengestellten Orchesters spielten unter der Leitung des Violinisten Rüdiger Lotter auf alten Instrumenten eine Auswahl unterschiedlich besetzter Stücke aus Telemanns „Musique de table“. Dabei widerlegte die Spannbreite zwischen Orchesterouvertüre und Trio, zwischen dem brüchigen Klang zweier Naturhörner und der sprudelnden Eleganz der Barockoboe das gängige Vorurteil, dass alte Musik doch immer gleich klinge. Mit Telemanns Tafelmusik jedenfalls ließ sich der nicht immer ausverkaufte Ordenssaal gleich zwei Mal füllen.

Und dann – Jane Birkin, die Sängerin des einen Hits. Sie kann nicht singen – verglichen mit ihr hat Kate Bush eine große Stimme. Sie hat eine Frisur, die keine Frisur ist, aber in der sich herrlich wühlen lässt. In ihrer schwarzen Hose, die ihre androgyne Erscheinung unterstreicht, präsentiert sie einen Abend mit Chansons ihres 1991 verstorbenen langjährigen Lebenspartners und künstlerischen Mentors Serge Gainsbourg. Als Zugabe singt die Diseuse sein „Chanson de Prévert“, das an „Les feuilles mortes“ von Kosma und Prévert erinnert, aber auch daran, dass Gainsbourg selbst mit seinen Chansons nicht einmal andeutungsweise an Kosmas Kompositionen und erst recht nicht an Préverts Dichtungen heranreichte.

Aber auf all das kommt es nicht an. Beim Chanson zählt allein die Ausstrahlung. Und die macht den Abend zu einem Erlebnis. Wiederum ist es die absolute Künstlichkeit, der radikale Gegensatz zur Wirklichkeitsimitation, was fasziniert. Jedes Detail ist einstudiert, im Zusammenspiel mit den vier hervorragenden japanischen Musikern, die Jane Birkin bei diesem Gainsbourg-Programm seit zwei Jahren begleiten und nur kurz zeigen dürfen, was sie sonst noch können – etwa „Armando's Rhumba“ von Chick Corea. Und das Verblüffende bei solche Artifizialität ist, dass wir uns als Zuhörer darauf einlassen wie Kinder auf ein Märchen. Diese Jane Birkin wird zu einem überirdischen Wesen, dem man nicht zutraut, dass es aus dem Mund riecht, wenn es Zwiebel isst, oder dass es eine Kaffeetasse auf den Boden schmeißt, wenn es zornig wird. Es wird nicht zornig. Es lächelt. Und wir genießen dieses Lächeln. Einen Abend lang. Morgen denken wir wieder an die Steuererklärung und an den tropfenden Wasserhahn.

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erstellt am 15.7.2013

Orchester der Ludwigsburger Schlossfestspiele © Reiner Pfisterer

Muzsikas © Tamas Opitz

Viktoria Mullova und das Matthew Barley Ensemble © Nick White

“Open for Everything” © Thomas Aurin