buchkritik

Wir haben nur Worte

Erstmals auf Deutsch: Raymond Carvers literarische Essays und letzte Gedichte

Von Peter Henning

Berühmt, ja legendär wurde er durch seine Stories, welche ihm Ende der Siebzigerjahre den Ruf des Erneuerers der zeitgenössischen amerikanischen Short Story eintrugen. Seine erste und letzte Liebe schriftstellerischer Art aber galt dem Schreiben von Gedichten: wunderbar knapp gefügten Alltagsbildern, die sich rückblickend betrachtet lesen wie ein poetisches Konzentrat seiner Geschichten. Carver hatte als Lyriker begonnen, und sich anschließend erfolglos als Autor von Science-Fiktion-Romanen versucht. Bis er in der Short Story die für sich adäquate Ausdrucksform fand, und seine ersten Geschichten in „Esquire“ publizierte. Das Schreiben von Gedichten aber gab er nie auf.

Carvers letztes, zu Lebzeiten verfasstes Buch, der nun erstmals auf Deutsch vorliegende Band „Ein neuer Pfad zum Wasserfall“, versammelt gut fünfzig Poeme aus der Feder des 1988 im Alter von 50 Jahren an Lungenkrebs verstorbenen Amerikaners. Der Band vereint durchweg zwischen blanker Todeserschrockenheit und der unbändigen Sehnsucht nach noch ein bisschen mehr Leben oszillierende Texte, die quasi am Vorabend seines Todes entstanden, also gewissermaßen „gegen die Zeit“. Und so wirken sie denn auch wie unter Schmerzen hervorgestoßen aus einer entsetzlichen Dunkelheit, in der es alleine den Worten vorbehalten bleibt, wenigstens die Illusion von einer Art trostspendendem Restlicht zu erzeugen. Immer wieder wird die vielfach beschworene Liebe zur letzten sinnstiftenden Utopie für diesen todgeweihten Dichter, der nicht fassen kann warum plötzlich alles zu Ende sein soll. Doch so sehr er sich auch an Bilder von Liebe und Heilwerdung zu klammern sucht, so bewusst ist ihm doch, dass es am Ende nur Worte sind, die er dem ihm bevorstehenden Sterben entgegenzustellen vermag. Und so heißt es dann auch an einer Stelle des Gedichts „Verschwörer“: „Liebste, es ist so weit“, denn „die weiße Decke unseres Zimmers hat sich mit der Dunkelheit beunruhigend gesenkt“, und es kommen „Spinnen heraus und hocken sich auf alle Kaffeebecher.“ So verdichten sich Carvers letzte Gedichte zum poetisch-lyrischen Vermächtnis eines Autors, der sich zuletzt – wie es seine Ehefrau Tess Gallagher in ihrem feinen Nachwort zu der Sammlung ausdrückt – „mit zunehmender Intensität darum bemühte, dieses Buch zu Ende zu bringen.“ Es ist ihm bravourös gelungen. Denn „es war“, so heißt es weiter, „ein Gesetz Carvers, die Dinge nicht für eine ersehnte Zukunft aufzusparen, sondern das Beste, das ihm jeden Tag gegeben war, aufzubrauchen.“ Jedes der in dem schmalen Band versammelten Gedichte macht diesen Anspruch eindrucksvoll spürbar.

Mit den Worten „Mit Carvers Geschichten kam das erste mal schmutzige Wäsche in die amerikanische Literatur“ beschrieb einst der Schriftsteller Jay McInerney den neuen, besonderen Ton, den Carver in seinen Geschichten anschlug: ein knappes, an Vorbildern wie Tschechov und V.S. Pritchett geschultes Erzählen, das durchweg alleralltäglichste Situationen umkreist: Männer und Frauen im alltäglichen Kampf um ein bisschen Glück – oder gar ums Überleben. Auf engstem Raum arrangierte Szenarien, die im Bestfall ganze Leben umkreisen.

Carver hat lange daran gearbeitet hat, seine Texte, die Gedichte ebenso wie seine Stories, von störenden Schlacken zu befreien. Sein bemerkenswerter Essay „Schreiben“, der sich neben anderen theoretischen Texten Carvers sowie ersten und letzten Erzählungen in dem nun ebenfalls erstmals auf Deutsch veröffentlichten Band „Call If You Need Me“ findet, gibt eindrucksvoll wieder, wie der Amerikaner sein Schreiben bis zuletzt verstand: als eine Art Einübung in Demut, gelenkt von dem Wissen, „dass wir nur Worte haben, und dass es dann im Bestfall die richtigen sein sollten.“ Denn Carver hasste „schlampiges, planloses Schreiben“, hasste Tricks und ein Schreiben, dass sich ausschließlich um sich selber dreht. Dabei berichtet er von Karteikarten, die an der Wand seines Arbeitszimmers hängen, Karten, auf denen Sätze stehen wie „Kein Eisen kann mit solcher Kraft das Herz durchstoßen wie ein genau an der richtigen Stelle gesetzter Punkt“ oder „Und auf einmal wurde ihm alles klar.“ Bis zuletzt ist Carver diesen seinen Leitsprüchen gefolgt – als Lyriker wie als Prosaist.

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erstellt am 15.7.2013

Raymond Carver
Raymond Carver

Raymond Carver
Ein neuer Pfad zum Wasserfall
Gedichte
Aus dem Amerikanischen von Helmut Frielinghaus
Gebunden, 160 Seiten
ISBN: 978-3-596-95005-8
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013

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Raymond Carver
Call if you need me
Erzählungen und Essays
Aus dem Amerikanischen von Helmut Frielinghaus und Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
Broschiert, 400 Seiten
ISBN: 978-3-596-90486-0
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013

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