Opernkritik

Vor Verdi

„Guillaume Tell“ beim Rossini-Festival in Bad Wildbad

Von Thomas Rothschild

Fünf Stunden Wagner sind wir gewohnt. Aber fünf Stunden Rossini? Um genau zu sein: 75 Minuten für den 1. Akt, 25 Minuten Pause, 70 Minuten für den 2. Akt, danach, sehr zur Freude der lokalen Gastronomie – Umwegrentabilität ist das Stichwort – zwei Stunden Pause, 70 Minuten für den 3. Akt, 25 Minuten Pause, 45 Minuten für den 4. Akt. So ist der Ablaufplan für „Guillaume Tell“ in Bad Wildbad, und wenn kein Malheur passiert, erreicht man nach der Oper, die um 15 Uhr begonnen hat, bequem die Bahn nach Pforzheim. Damit man bis dahin nicht verdurstet, sind zwei Pausengetränke im Kartenpreis inbegriffen. Schließlich findet die Veranstaltung, bedeutungsschwanger, in einer restaurierten Trinkhalle statt, die allerdings für diesen Zweck nur bedingt geeignet erscheint. Freilich: der Kurpark rundherum sorgt für Ferienstimmung.

Im Kurpark wird man denn auch alle paar Schritte an Gioachino Rossini erinnert, der sich im Jahr 1856 in Bad Wildbad als Kurgast aufhielt. Man wuchert mit seinen Pfunden, und Rossini, der bekanntlich ein legendärer Feinschmecker war, wusste sicher, dass man, zumal in der Nachbarschaft einer Trinkhalle, mit Wasser kocht. Und so findet in diesem Jahr bereits zum 25. Mal in Wildbad das Rossini-Festival statt, das sich, nicht allzu bescheiden, „Belcanto Opera Festival“ nennt. Im Jubiläumsjahr hat es sich, wie gesagt, „Guillaume Tell“ vorgenommen, Rossinis letzte Oper, von der man gemeinhin nur die Ouvertüre kennt.

Die Länge der Vorstellung verdankt sich der Entscheidung, in Wildbad eine möglichst vollständige Fassung der Oper zu rekonstruieren, deren Entstehungs- und Aufführungsgeschichte mitsamt den freiwilligen und erzwungenen Veränderungen und Kürzungen das Programmheft ausführlich und kenntnisreich dokumentiert. Schillers populäres Drama, das eine der wichtigsten Quellen für das französische Libretto abgibt, war gerade 25 Jahre alt, als die Oper 1829 uraufgeführt wurde. Sie erinnert weniger an die übermütige Heiterkeit, die man mit Rossini assoziiert, als an Verdi, der zehn Jahre später die Opernbühne betrat. Sie ist, musikalisch wie im Handlungsablauf, hochdramatisch, leidenschaftlich, genregerecht. Die traditionellen Balletteinlagen, auf die man in Wildbad nicht verzichtet, wirken fast wie ein Fremdkörper.

Das vergleichsweise kleine Festival in Bad Wildbad, das gelegentlich als deutscher Verwandter des angesehenen Rossini-Festivals in Pesaro gewürdigt wird, kann sich über eine erstaunliche Erfolgsgeschichte freuen. Die Opernvorstellungen sind gut besucht, und der stürmische Applaus am Ende signalisiert Begeisterung. (In einem „Bravi“-Aufschrei meinte ich eine Stimme aus dem Publikum der Stuttgarter „Cenerentola“ wiederzuerkennen. Ob es Rossini-Reisende gibt wie es Fans gibt, die von einer Wagner-Inszenierung zur anderen pilgern?) In der Umgebung mangelt es ja nicht an Opernangebot. Karlsruhe und Stuttgart sind nicht weit. Aber die gezückten Handykameras während der Vorstellung, die belauschten Pausengespräche zeugen davon, dass hierher nicht nur (wenngleich auch) die habituellen Opernbesucher kommen. Wenn man, wie in Festtagsreden gerne verkündet wird, ein neues Publikum erreichen will, wenn man die ursprünglich feudale Kunstform wie etwa in Verona für „das Volk“ öffnen will, wenn man sich also, kurz, demokratisch verhalten will, muss man den einen oder anderen Regelverstoß in Kauf nehmen. Manche Konventionen sind ja auch überholt und ohne Funktion, andere wären erhaltenswert – so etwa jene, wonach man nicht quatscht, wenn die Musik spielt (aber an die hält man sich auch in den großstädtischen Opernhäusern immer weniger).

Musikalisch kann Bad Wildbad sich durchaus sehen oder vielmehr hören lassen. Mit Andrew Foster-Williams verfügt die Festivalaufführung über einen Tell mit kraftvoller, wohlklingender und zugleich dramatisch expressiver Stimme. Michael Spyres als Arnold Melchthal, Nahuel Di Pierro als Walter Fürst sowie in der kleinen Rolle des alten Melchthal und Giulio Pelligra als Gesslers Handlanger Rodolphe können mithalten, nur Raffaele Facciolà in der Rolle des Gessler selbst schwächelt sowohl bezüglich des Volumens, wie auch bezüglich der Intonationssicherheit. Unter den Frauen überzeugen der Mezzosopran Alessandra Volpe als Tells Frau Hedwig und Tara Stafford als dessen furchtloser Sohn, während Judith Howarth in der aufgeblähten Rolle der Habsburgerprinzessin Mathilde eine zwar volle Stimme besitzt, aber die Töne verschleift und es bei den Koloraturen, die bei einem Belcanto-Festival nicht ganz nebensächlich sind, an Präzision und Glanz fehlen lässt.

Während man musikalisch, auch mit dem polnischen Chor und dem Brünner Orchester unter dem Dirigat von Antonio Fogliani, dem musikalischen Leiter des Festivals, zufrieden sein kann, sorgen die Inszenierung und die Choreographie doch für den provinziellen Touch. Der langjährige Intendant Jochen Schönleber wäre gut beraten, wenn er die Regie künftig an Kollegen abgäbe, die ihr Handwerk etwas origineller ausüben als er selbst. Was da auf der Bühne zu sehen ist, kann man im besten Fall als brav kennzeichnen. Wenn Schönleber etwas hinzu fügt, ist es läppisch, wie der Gessler-Hut, der als militärische Schirmmütze über einer verkehrten Kloschüssel plus zwei Klopapierrollen hängt, oder aufgesetzt, wie die Projektion aus „Panzerkreuzer Potemkin“, die das Schwarze Meer bei Odessa zum Vierwaldstättersee und die aufständischen Matrosen von 1905 zu den Schweizer Rebellen verwandeln soll. Besonders hilflos erweist sich die Regie bei den Chören, die meist auf der ohnedies sehr engen Bühne herumstehen „wie bestellt und nicht abgeholt“. Der Dilettantismus der Chorführung setzt sich in der Choreographie der tänzerischen Einlagen fort, nicht nur dort, wo er beabsichtigt sein mag, nämlich wenn dem Befehl des Tyrannen zum Tanz widerwillig nachgegeben wird.

Und wie verhält es sich mit der Aktualität des Stoffes? Können wir Tells Weigerung, Gesslers Hut, das Symbol der Willkürherrschaft, zu grüßen, noch etwas abgewinnen? Einer Thailänderin drohten 15 Jahre Haft, weil sie sich weigerte, in einem Kino während der königlichen Nationalhymne aufzustehen. Diese Meldung ist gerade fünf Jahre alt. Die Tochter des seit 67 Jahren regierenden thailändischen Königs Bhumibol Adulyadej, Ubol Ratana, hat wegen ihrer Ehe mit einem Bürgerlichen ihren königlichen Titel verloren. Fast wie Mathilde in „Guillaume Tell“. Ob sie deshalb eine der Aufständischen geworden ist, wurde nicht verlautet. Wer will schon die Touristen in Phuket erschrecken. Die baden und lesen abends vielleicht „Wilhelm Tell“.

Kommentare


Dieter Schoenfeldt - ( 17-07-2013 08:53:00 )
Sehr treffende Rezension. Ich habe diese Vorstellung ebenfalls besucht und stimme Ihrer Kritik voll und ganz zu.

Fritz Schiller - ( 28-04-2014 11:15:01 )
Die Touristen in Phuket lesen abends Wilhelm Tell - selten so gelacht.

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erstellt am 15.7.2013

Szenenfoto: Patrick Pfeiffer

Guillaume Tell – Wilhelm Tell
Opéra in vier Akten
Musik von Gioachino Rossini

Musikalische Leitung Antonino Fogliani
Inszenierung Jochen Schönleber
Bühnenbild Robert Schrag
Kostüme Claudia Möbius

Rossini in Wildbad

Szenenfoto: Patrick Pfeiffer

Szenenfoto: Patrick Pfeiffer

Szenenfoto: Patrick Pfeiffer