Der Zeichner, Maler, Graphiker, Bildhauer, Steindrucker und Verleger Sascha Juritz war nicht nur mit vielen Autoren befreundet. Er gestaltete die Bücher von Heinrich Böll, Bertolt Brecht, Max von der Grün, Peter Härtling, Marie Luise Kaschnitz, Stephan Hermelin, Karl Krolow, Peter Rühmkorf, Werner Söllner, Wolfgang Weyrauch, Thaddäus Troll, Siegfried Lenz, Martin Walser, Hanne Juritz oder Hilde Domin. Harry Oberländer erinnert an den Künstler, der vor zehn Jahren starb.

Sascha Juritz. Foto: Harry Oberländer
Sascha Juritz. Foto: Harry Oberländer
Erinnerung an Sascha Juritz

Im Dickicht der Linien

Von Harry Oberländer

Über Sascha Juritz zu schreiben, der vor zehn Jahren, 2003, gestorben ist, möchte ich mit dem Krabat beginnen. Denn Sascha Juritz wurde am östlichsten Rand Sachsens geboren und ist Sorbe, und der Krabat ist eine sorbische Sagengestalt. Die Sorben, heute etwa 60 000, die in ihrem Siedlungsgebiet in der Ober- und der Niederlausitz leben, sind ein slawisches Volk, etwa 20 bis 30 000 von ihnen sprechen noch ihre sorbischen Sprachen. Seit Mitte des 19. Jahrhundert sind viele Sorben in die Emigration gegangen, in die USA, nach Australien oder einfach auch nur in andere Teile Deutschlands. Sascha Juritz, geboren 1939 in Rietschen im Landkreis Görlitz emigrierte 1956 nach Westberlin, er emigrierte also nicht nur als Sorbe, sondern auch aus der DDR. Der Krabat aber, denn über ihn möchte ich zuerst sprechen, der Krabat ist eine sorbische Sagengestalt, die schlechterdings nicht emigrieren kann.

Es wird erzählt, dass Krabat als Stiefsohn armer Eltern am Rand der sorbischen Heide aufwuchs. Schon als Kind musste er sich sein Brot als Hirtenjunge selbst verdienen. In den Wintermonaten war er gezwungen, sogar betteln zu gehen, so groß war die Not. Als er wieder einmal durchs Land streifte, überraschte ihn die dunkle Nacht und er verlief sich in der Wald- und Teichlandschaft um Hoyerswerda. Nach langer Wanderung erreichte er eine Mühle, die man die „Schwarze Mühle“ nannte. Dem Schwarzen Müller und bösen Zauberer gefiel der wissbegierige Krabat, und er nahm ihn auf, um ihn das Müllerhandwerk und manches Andere zu lehren.

Krabat bemerkte bald, dass der Müller mehr konnte als nur Korn mahlen. Er wurde vom Meister in allerhand Beschwörungen, Formeln und Hexereien eingeweiht und schon bald war der wissbegierige Lehrling seinem Meister in Stärke und Wissen überlegen. Krabat wusste nun, dass ihm der Tod blühte. In der Vergangenheit waren solche ungehorsamen Lehrlinge im Mühlbach ertrunken oder in das Wasserrad gefallen.

Krabat aber kannte einen Schutz gegen die Macht des Zauberers. Die Liebe einer Mutter – dagegen kann kein Zauberer etwas ausrichten.

Krabat reiste schnell nach Hause und weihte seine Mutter ein. Diese war zwar erst entsetzt von der Wandlung ihres Sohnes, willigte aber ein, ihm zu helfen. Krabat wusste, dass ihn der Meister in eine Krähe verwandeln würde und gab der Mutter einen Hinweis.

Als sie die „Schwarze Mühle“ erreichte, musste sie mit ansehen, wie der Zaubermeister alle Müllerburschen in zwölf schwarze Raben verwandelt hatte, unter denen sie ihren Sohn erkennen sollte.
Schaffte sie es, waren beide frei, schaffte sie es nicht, war Krabat dem Tod geweiht. Die Mutter erkannte ihn sofort an dem vereinbarten Zeichen (Krabat steckte seinen Kopf unter den linken Flügel) und erlöste ihn.

Der Müller musste beide wohl oder übel ziehen lassen, und Krabat floh so schnell wie nur möglich mit seiner Mutter nach Hause.

Erst später bemerkte der Meister, dass Krabat ihm das Zauberbuch gestohlen hatte. Doch da war es schon zu spät und Krabat war über alle Berge. In seiner Heimat wurde er als guter Zauberer bekannt und trat nach vielerlei Abenteuern dem „Schwarzen Müller“ in einem Zweikampf gegenüber, den er gewann. Von nun an half er den Armen, indem er karges Ackerland wieder fruchtbar machte, und indem er es bei Dürre regnen ließ, und indem er den Regen anhielt, wenn er zu heftig wurde. Wie wir wissen, scheint ihm letzteres nicht immer zu gelingen, oder man hat ihn geärgert, und er hat zurzeit einfach keinen Bock mehr, wie man so sagt.

Eine sehr schöne und ausführliche Version der Krabatsage hat Ottfried Preußler geschrieben, sie ist verfilmt worden, und sie gehört seither auch zum Unterrichtsstoff in vielen deutschen Schulen. Aber was hat der Krabat mit Sascha Juritz zu tun? Meine Antwort darauf ist, dass Sascha Juritz, als er nach Westberlin ging, den Krabat schon in sich trug, dass er die weiße Magie des Krabat aus sich heraus entwickelte, als er 1957 sein Studium der freien Graphik in Offenbach begann, das er 1967 mit einem brillanten Staatsexamen abschloss. Er hat von Beginn an seine unverwechselbaren Zeichnungen, die Magie seiner Linien, und seine einzigartige Kalligraphie nicht als Werk eines elitären Einzelnen und seinem Eigentum betrieben, sondern sich in die Mitte einer großen Gruppe von Künstlern, vor allem von Lyrikern gestellt, die er um sich zu versammeln wusste und denen er, ganz wie der Krabat den armen Leuten, ein großer Ideengeber, Anreger, Freund und Verleger war.

Pawel Pan Presse hieß das Projekt, das Unternehmen. Pawel ist nun nicht eben zufällig die slawische Variante des Namens Paul, und Pan ist der Hirtengott aus der griechischen Mythologie, eine Gestalt aus Menschenoberkörper und vom Unterleib abwärts ein Ziegenbock. Dieser konnte begnadet Flöte spielen, und die lyrischen Darstellungen Griechenlands und der ägäischen Inseln, in denen Pan aus dem Gesang der Zikaden und dem Zusammenspiel von Mittagssonne und tiefstem Blau die Zeit zum Stillstand bringt, sind Legion. Aber natürlich sollte man nicht jedes Mal, wenn man einen Hering gegessen hat, Poseidon anrufen, und vielleicht wollte Sascha Juritz dem bereits vorhandenen Peter Pan nur ein Paulchen Pan entgegensetzen, womit wir dem Thema allerdings auch nicht entkommen. Denn Peter Pan und die Insel Neverland sind die immerwährende Metapher für den Wunsch, nicht erwachsen zu werden, eine Metapher mithin für die Stellung des kreativen Menschen in der Welt der Zwecke und des Rationalismus und ein Bekenntnis zum Eskapismus. Friedrich Nietzsche, durchaus ein Anhänger des Dionysos und ein Kritiker apollinischer und kantischer Erhabenheit, hat das das auf die berühmte Zeile gebracht: „Denn alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit.“

Kalligraphie von Sascha Juritz. Foto: Harry Oberländer
Kalligraphie von Sascha Juritz

1973 habe ich Sascha Juritz kennengelernt und zwar bei der Verleihung des Leonce-und-Lena Preises in Darmstadt durch Wolfgang Weyrauch. Wolfgang Weyrauch, der Erfinder dieses Preises, war damals noch alleiniger Juror. Er wohnte, was einem heute wie ein Kuriosum vorkommen mag, in einer Wohnung im Haus der Akademie für Sprache und Dichtung auf der Mathildenhöhe, und dort fand auch die Preisverleihungsparty statt. Jahre später traf ich in denselben Räumen den Präsidenten der Akademie, dem dort mittlerweile das Büro eingerichtet worden war. Er gehörte ebenfalls zu der Versammlung von Pawel Pans Autoren, und hieß Herbert Heckmann. Sascha und Hanne F. Juritz waren also an dem Abend bei Wolfgang Weyrauch anwesend, Sascha in einem ledernen Anzug, und luden mich gleich zu einer Lesung nach Dreieichenhain ein. Ich lernte außerdem Wolfgang Fienhold, Walter E. Richartz und Horst Bingel kennen, letzterer hatte die Aufgabe, mich sogleich in der Verband deutscher Schriftsteller aufzunehmen. Der Leonce-und-Lena- Preis 1973 war die Zeremonie meiner Aufnahme in die deutsche Literatur. An die anschließende Lesung in Dreieichenhain erinnere ich mich auch noch, dort hörte ich zum ersten Mal Franz Mon lesen. Ich verstand damals wirklich nicht so recht, was er da las, verteidigte ihn aber heftig gegen einen jungen Mann, der mich für meine sozialrevolutionären realistischen Gedichte lobte und Franz Mon dagegen niedermachte. Das war mir sehr peinlich. Franz Mon verstehe ich heute besser, und wir haben bis heute einen guten Draht zueinander. Ich bin damit mitten im Thema der weißen Magie, mit der es dem Krabat, dem Pawel Pan, dem Sascha Juritz gelungen ist, Menschen zu versammeln und ästhetisches, ein literarisch-bildnerisch Kraftfeld zu erzeugen, das sich in zahlreichen Werken niedergeschlagen hat, – vor allen Dingen in wunderbaren Büchern, in denen die Dichtung des Wortes sich mit der Dichtung der Zeichnung und der Graphik verbunden hat, die eben auch eine Dichtung ist. Darauf hat Jürgen Seuß einmal hingewiesen, als der der Frage nachgegangen ist, was sich im Dickicht der Juritzschen Linien verbirgt. Er sagte: „Was Du, lieber Freund anbietest, ist von bemerkenswerter Hoffnung durchdrungen. Deine Figuren, Landschaften und kalligraphischen Botschaften lösen auf andere Weise ein, was andernorts und bei anderen Manieren mit dem englischen „time space compression“ zum Motto modernen Wohlgefälligkeitsverhalten geworden ist. Was ist das, eine Verdichtung von Zeit und Raum?“

Es ist zunächst einmal, wie Wolfgang Weyrauch an die Adresse von Sascha Juritz formuliert hat, eine „notwendige Vermehrung des Originalen“. Jeder Künstler, der Objekte oder auch Texte schafft, von denen in seiner Generation, zu seiner Zeit gesagt werden kann: so macht das, so kann das kein anderer. Kein anderer kann diese Originalität für sich in Anspruch nehmen. Wenn diesen Werken dann noch Dauer innewohnt, dann hat die Verdichtung von Zeit und Raum auch eine Dimension erreicht, die sie über die lineare Zeit hinaushebt.

Sascha Juritz war nicht nur ein Meister der Linien und Farben (er hat das bedeutsame, das tiefe Blau auch am Atlantik gefunden), er war ein Meister der Freundschaften und des produktiven, fruchtbaren künstlerischen Gesprächs, des Feierns, des Festes und des Rauschs. Dazu wäre viel zu sagen, aber ich will es bei dem belassen, was Gerhard Nebel in einem wunderbaren Essay dargestellt hat, der den Titel Weinrausch und Unendlichkeit (1) trägt. (1970)

„Der Berauschte als Künstler, der Dichter als Berauschter – zwar kann im allgemeinen der Gestalter während der Trunkenheit nicht formen, aber er setzt in den Interregnen, die sich zwischen den Herrschaften des Dionysos dehnen, das Gold, das er mit Hilfe des Gottes gewann, in Werke um. Schöpfertum als Verein von Entrückung und Selbstzucht, von Widerfahrnissen, die den Augenblick füllen, und jener Folge kritischer Verwerfungen, die aus den Einfällen Poesie, Bild, Musik machen. Im Weinrausch dasselbe Gefüge wie in den drogischen Ekstasen, die Welt nicht als entgegenstehendes Objekt, sondern als heranströmendes, umfließendes und mitnehmendes Leben, also die Schließung des Spaltes, der Trinker nun aber nicht als Bewohner des Paradieses, sondern als ein Reisender, der gleich dem Künstler in der Archaik ankommt, der in seiner Identität mit dem Wahrgenommenen von diesem mit unendlicher Bedeutsamkeit überschüttet wird. Das Sein weigert sich nicht, es schiebt nicht, wie es sonst zu tun pflegt, eine Wolke von Nichts vor sich her, sondern es neigt sich leutselig zu, es singt und raunt, eben daher die Produktivität, aus der freilich das Werk erst entsteht, wenn die Ereignisse den Filter der Nüchternheit passiert haben.“

Mein Freund Werner Söllner hat über Sascha Juritz bei dessen Beerdigung vor zehn Jahren unter anderem Folgendes gesagt:

„Zeit seines Lebens hat Sascha Juritz anderen Menschen Mut gemacht. Oder er hat sie, wenn er sie gern gehabt hat oder von ihnen gern gehabt werden wollte, mit liebevollem Spott oder scharfem Sarkasmus (aber immer ohne Zynismus) insofern auch fertig gemacht, dass sie den Mut, den man zum Leben braucht, durch Widerspruch selbst entwickelt haben. Aber dieser Spott aus Freundschaft hat nie länger als einen Abend lang gedauert, und auch das nur, wenn der Wein zu gut geschmeckt hat. Und der Wein hat, Gott sei Dank, schon gut geschmeckt, denn dazu lässt der liebe Gott ihn wachsen, damit er denen gut schmeckt, die den Mut haben, das Leben zu genießen – so wie es ist: Mit Brüchen, Stürzen und Widersprüchen.“

Viele der anderen Menschen, die zum Kreis um Sascha Juritz gehörten und denen er Mut gemacht hat, sind, wie er selbst, bereits verstorben. Von Stephan Hermlin, auch ihn durfte ich durch Sascha kennenlernen, von Stephan Hermlin stammt der schöne Satz, der uns noch Lebende tröstet: „Man sah den Wegen am Abendlicht an, dass es Heimwege waren.“ Ich denke mit Dankbarkeit an Wolfgang Weyrauch, an Herbert Heckmann, an Peter O. Chotjewitz, an Sascha Juritz, ich erinnere mich gerne an Wilhelm Liefland, Horst Bingel, Ilse Braatz, Roderich Feldes, Wolfgang Fienhold, Klaus Schmidt-Macon, Heinrich Droege und an Karlhans Frank. Auf ihn habe ich anlässlich seiner Beerdigung 2007, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel:

Anmerkung zur Poetik

Es ist ein sonniger Tag im Dezember.
Hügel, verschlafenes Fachwerk,
verträumter Winter, Vulkangebirge.

Im Wirtshaussaal predigt der Pfarrer
von Gnade. Kein Werk, kein Gedicht,
nichts bleibe, wenn das Fleisch
zurückkehre ins Wort.

Mit der Asche des toten Poeten
ziehen wir still durch das Dorf,
bergauf zum Friedhof. Der hinter-

bliebene Himmel, so kalt, so klar,
hellt auf, augenblicklang leuchten
die weißen Kondensstreifen.

(1) Der Essay von Gerhard Nebel: „Weinrausch und Unendlichkeit” ist in dem von Gerald Zschorsch herausgegebenen Essayband enthalten:
Schmerz des Vermissens
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2000
ISBN 9783608934588
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erstellt am 14.7.2013

Blick in die Sascha-Juritz-Retrospektive im Alten Forsthaus Aschaffenburg. Foto: Harry Oberländer

Illustrationen zu Leonce und Lena von Sascha Juritz. Foto: Harry Oberländer

Gemälde von Sascha Juritz. Foto: Harry Oberländer

Illustration mit Kalligraphie von Sascha Juritz

Illustration von Sascha Juritz