Das Geiseldrama von Gladbeck erschütterte vor fünfundzwanzig Jahren die Bundesrepublik. Um zu verstehen, was damals in Gladbeck – und mit ihm selbst geschah, unternahm der Schriftsteller Peter Henning umfangreiche Recherchen, die zur Grundlage für seinen neuen Roman „Ein deutscher Sommer“ wurden.

Reportage

Im Dickicht der Interessen

Über die Recherche zu meinem Roman „Ein deutscher Sommer“

Von Peter Henning

Meine schreckliche Faszination begann vor fünfundzwanzig Jahren. Am 16. August 1988.

Ich war damals 29, und wie die meisten noch davon überzeugt, dass Bilder nicht lügen. Ich schrieb erste Beiträge fürs Radio und las alles von Jurek Becker und Camus. Eine Hitzewelle hielt das Land seit Wochen fest im Griff, als sich in der nordrhein-westfälischen Stadt Gladbeck in den frühen Morgenstunden des 16. August zwei Männer anschickten, jenes Verbrechen zu begehen, das zum öffentlichsten der deutschen Nachkriegsgeschichte werden sollte.

Bis zu jenem unheilvollen Tag war der Name Gladbeck den meisten Westdeutschen eher unbekannt. Wie die Wasser der bei Holzwickede entspringenden Emscher, die auf ihrem gewundenen, 83 Kilometer langen Weg zu ihrer Mündung in den Rhein bei Dinslaken-Eppinghoven einen Bogen um Gladbeck macht, war auch sonst alles Dramatische bis dahin an dem 67 Tausend Einwohner zählenden Ort vorbeigezogen. Doch dann, gegen 7 Uhr 45 jenes abermals hochsommerliche Temperaturen versprechenden Tages, fiel das Dramatische mit lautloser Wucht in Gladbeck ein. Und was sich von dort ausgehend in den folgenden 54 Stunden ereignen sollte, sollten nicht nur jene, die direkt oder indirekt an den Geschehnissen beteiligt waren, anschließend für immer mit dem Namen Gladbeck verbinden.

Es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass die von jeher unter einer Art Minderwertigkeitskomplex gegenüber bedeutenderen Städten wie Essen, Dortmund oder Gelsenkirchen leidenden Menschen aus Gladbeck unter bestimmten Bedingungen zu mehr und ganz anderem fähig sind als der 1987 verstorbene ehemalige Fußballtorwart Gerhard Prokop, der es zwischen 1963 und 1976 auf 53 Bundesligaspiele für Alemannia Aachen brachte. So die beiden 31 beziehungsweise 32 Jahre alten und in Gladbeck aufgewachsenen Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski, die sich am Morgen des 16. August auf ein gestohlenes Motorrad setzten und von der City aus schwer bewaffnet in Richtung Nordwesten, nach Rentford-Nord fuhren, um die dortige Filiale der „Deutschen Bank“ zu überfallen. Was anschließend folgte, ging als das „Geiseldrama von Gladbeck“ sowohl in die europäische Kriminal- als auch in die bundesdeutsche Fernsehgeschichte ein: Zwei Berufskriminelle hielten das Land zweieinhalb Tage lang in Atem, nahmen Geiseln und kaperten einen Bus, töteten einen 15-jährigen Jungen und gaben ungezählte Radio- und TV-Interviews – und ein Millionenpublikum sah ihnen vor dem heimischen Fernseher sitzend live dabei zu: staunend und irritiert, erregt und ungläubig, abgestoßen und fasziniert. Ein ehemaliger Sonderschüler mutierte zum Feldherr im Bilderkrieg – Reporter wurden zu Handlagern oder sogar Regisseuren.

Auch ich saß damals gebannt vor dem Fernseher, schaltete schaulustig ruhelos von einem Sender zum nächsten um möglichst lückenlos mitzubekommen, was sich zwischen Gladbeck, Bremen und Köln bis zum blutigen Showdown auf der Autobahn A 3 ereignete. Das Geiseldrama hatte innerhalb von 54 Stunden ein ganzes Land verändert, hatte die bis dahin verborgene Fratze des Journalismus und der Medien ans Licht gezerrt, hatte mich erschüttert und verändert: meine Art zu sehen und zu fühlen, erschütterten mein naives Vertrauen in meine Wahrnehmungsfähigkeit. Journalisten machten sich mit Verbrechern auf irritierende Art und Weise gemein, holten ihnen in Köln Kaffee, Eis und Zigaretten, und die Polizei schaute ihnen tatenlos dabei zu.

Als 1997 mein erster Roman „Tod eines Eisvogels“ erschien war ich inzwischen 38 – und fast zehn Jahre waren seit den Ereignissen von Gladbeck, Bremen und Köln vergangen. Die Bilder von damals aber hatten mich nie mehr losgelassen. Wann immer das Stichwort „Gladbeck“ fiel, durchfuhr mich der drängende Wunsch, irgendwann einmal ein Buch darüber zu schreiben, um zu verstehen, was damals in Gladbeck – und mit mir geschah. Trotzdem sollte es weitere vier Jahre dauern, bis ich endlich damit beginnen konnte, mein Vorhaben ernsthaft anzugehen.

Geiselnahme von Gladbeck 1988 DOKU ARD

Ich fing an, im Internet zum Thema „Gladbecker Geiseldrama“ zu recherchieren, trieb mich stundenlang in den Zeitungsarchiven des „Hessischen Rundfunks“ und des „WDR“ herum, kopierte mir Hunderte von Artikeln dazu und lud immer neue YouTube-Videos hoch. Einen Plan aber, wie der „Gladbeck“-Roman aussehen sollte, hatte ich noch nicht. Bis ich im Netz auf das knapp fünf Minuten lange Video des Kölner Filmemachers Florian Jung stieß, in welchem ich den ehemaligen Dortmunder SEK-Beamten Rainer Kesting unter Tränen den Satz sagen hörte: „Ich bin schuld, dass Silke Bischoff tot ist!“

Ich blickte in das Gesicht eines Mannes, der nicht fertig wurde mit seiner Schuld. Auch mehr als 20 Jahre nach den Ereignissen. Er, der am 18 August, gegen Mittag, in der Kölner Breite Straße am Geiselwagen zwischen den Journalisten, die den Gangstern und ihren Geiseln ihre Mikrophone hinstreckten, gestanden und seinen Arm um Rösners Schulter gelegt hatte. „Ich hätte bloß nicken müssen“, erzählte Kesting mir später, „und der auf dem Kofferraum sitzende Kollege hätte Degowski auf mein Zeichen hin per Kopfschuss eliminiert. Gleichzeitig hätte ich Rösner ausschalten und durchs offene Fenster aus dem Wagen ziehen können. Doch die Einsatzleitung in Recklinghausen hat es mir unter Androhung eines Disziplinarverfahrens strikt verboten. Ich habe nie verstanden, weshalb?“

Ich hatte Kontakt mit dem inzwischen aus dem Polizeidienst ausgeschiedenen ehemaligen SEK-Beamten aufgenommen und wir trafen uns zu mehreren Gesprächen in Köln und Dortmund. Und als ich wenig später eine Telefonnummer in Hamburg-Harburg wählte, um den Fotograf Peter Meyer ebenfalls um Mithilfe zu bitten, begann der geplante Roman vor meinem inneren Auge erste Konturen anzunehmen. Doch Meyer, der im August 1988 für „AP“ und den „Stern“ fotografierte und in seiner Funktion als freiwilliger Mittler zwischen Rösner und der Polizei als erster in den von den Gangstern in Bremen gekaperten Linienbus stieg, um Bilder zu machen, lehnte meine Anfrage kategorisch ab. Mit den Worten „Lassen Sie mich mit dem Scheiß in Ruhe!“ erteilte er meiner Bitte eine ebenso emotionale wie schroffe Absage. Doch ohne seine Zustimmung würde ich den Roman weder den Ereignissen entsprechend schreiben noch ihn veröffentlich können. Denn Meyer repräsentierte die erste und zweifellos wichtigste Verbindung zwischen den damals involvierten Journalisten und den Geiselnehmern. Er hatte eine wichtige Rolle gespielt. Trotzdem trieb ich mein Vorhaben unabhängig davon konsequent voran.

Als ich mich vier Jahre später wieder bei Meyer meldete und ihn bat, ihm das bislang Geschriebene vorlesen zu dürfen, willigste er zu meiner großen Erleichterung ein. Wir trafen uns zu unserem „Harburger Gespräch“ in dem Hamburger Vorort, zogen uns in ein Zimmer des Hotels „Lindner“ zurück, wo ich ihm aus dem Manuskript vorlas und er mir schließlich grünes Licht für die Veröffentlichung des Romans gab.

Ich erzählte darin die Geschichte von einem halben Dutzend Menschen, die direkt oder indirekt in die Ereignisse hineingezogen werden – und deren Leben sich dadurch innerhalb von 54 Stunden für immer verändern. Rainer Kesting, der in meinem Buch Rolf Kirchner heißt, war eine von ihnen, Peter Meyer, dem ich den Namen Peter Ahrens gab, eine weitere. Hinzu kamen ein junger RTL-Journalist, eine Kölner Schriftstellerin und eine Bremer Taxifahrerin sowie der Busfahrer, der den gekaperten Linienbus von Bremen bis nach Enschede steuerte, wo es zu einem Schusswechsel mit der holländischen Polizei kam. Komplettiert wird das bestehende Personal durch den jungen Abiturienten Marc Steiner, der die Ereignisse in Hanau am Fernseher mitverfolgt – und auf naive Art versucht, eine Position zu dem vor der Mattscheibe Erlebten zu beziehen.

Sicher: ich hatte den Stoff, vor dessen Hintergrund mein Roman spielen sollte. Es sollte ein Roman werden, der wenigstens einige der Fragen, die mich seit damals umtrieben, beantwortete. Ein Gladbeck-Roman – er musste medienkritisch sein, den Bildern von damals folgen und zugleich vollkommene Erfindung sein. Ein historischer Roman über die Gegenwart, sozusagen. Ein Buch, das aus der Vergangenheit in unsere Gegenwart herüber leuchtet und sich an die Quellen medialer Inszenierung von Gewalt zurück tastet.

Die Ereignisse jedenfalls ließen sich anhand der zahlreichen Bild-, Ton- und Printdokumente, die während der 54 Stunden entstanden waren, nahezu lückenlos rekonstruieren. Doch als ich versuchte, über das mir vorliegende Material hinaus Kontakt zu dem zu lebenslanger Haft plus anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilten, seit Jahren in der Justizvollzugsanstalt Bochum einsitzenden Hans-Jürgen Rösner aufzunehmen, begannen die Probleme, Ungereimtheiten und Widersprüche. Mit der Formulierung „Ich kann es rein juristisch betrachtet nicht verhindern, dass Sie Rösner besuchen, doch ich werde alles tun, damit es Ihnen nicht gelingt“, schmetterte der zuständige Gefängnispsychologe, der Rösner seit seinem 17-ten Lebensjahr kennt, mein Ansinnen, den inzwischen 56 Jahre alten Straftäter, der seit geraumer Zeit die interne Poststelle der Vollzugsanstalt leitet, zu besuchen, ab. Auf meine Frage, weshalb er mir den Zugang zu Rösner verweigere, erhielt ich von ihm zur Antwort: „Weil wir nicht wollen, dass der noch mehr überschnappt. Der macht hier drin sowieso schon den Molly. Außerdem ist der Typ eiskalt. Oder um es Ihnen mal zu illustrieren: Für den ist ein Menschenleben genauso viel wert wie eine Schnake, die Sie in den Arm sticht. Da haut man drauf und schnippt sie weg.“

Und auch mein Versuch, über Rösners Aachener Anwalt Rainer Dietz Kontakt zu seinem Mandanten zu bekommen, schlug fehl. Auf die Frage, welche Chance bestünde, über ihn mit Rösner Kontakt zu bekommen, antwortete Rainer Dietz unmissverständlich: „Keine! Die halten den total unter Verschluss. Außerdem gab es für Rösner in 25 Jahren nicht die geringste Hafterleichterung, nichts! Die behandeln den, als sei er gestern eingefahren. Warum wohl?“

Ja, warum wohl? Weil er es mit seiner bornierten Unnachgiebigkeit vermochte, in nur 54 Stunden ganze Zünfte – nämlich die der Polizei und jene der Journalisten – in bis heute anhaltende Krisen zu stürzen? Weil er einen ganzen Polizeiapparat an seine Grenzen führte, indem er dessen Schwachstellen aufdeckte?

„Sie werden für Ihr Buch Gegenwind bekommen“, prophezeite mir Rainer Dietz gegen Ende unseres letzten Telefonats. „Von der Polizei und aus der Politik. Man will dieses Thema nicht mehr in der Öffentlichkeit sehen! Machen Sie sich auf etwas gefasst!“ Auf meine Gegenfrage, aus welchem Grund die Behörden etwas gegen einen Roman zu diesem Thema haben sollten, erwiderte Dietz ebenso knapp wie düster-prophetisch: „Warten Sie es nur ab!“

Tatsächlich erweist sich das damalige Vorgehen der Polizei bei genauerer Betrachtung als eine Serie vermeidbarer Fehler und Pannen, die unverändert Fragen aufwirft: Weshalb etwa gewährte die Polizei den Geiselnehmern in Gladbeck freien Abzug aus der Bank, wo doch ein ungeschriebenes Polizeigesetz lautet: Geiselgangster dürfen den Ort der Geiselnahme nicht verlassen! Weshalb war kein Krankenwagen vor Ort als der 15-jährige Emanuele di Giorgi auf der Autobahnraststätte Grundbergsee bei Bremen durch eine Kugel aus Dieter Degowskis Colt lebensgefährlich verletzt wurde? Wieso verweigerte die Polizei den Geiselnehmern ab Bremen jeglichen Kontakt? Weshalb griff sie nicht zu, als Dieter Degowski sich minutenlang von dem nur noch mit den beiden Geiseln besetzten Fluchtfahrzeug zum Pinkeln entfernte, während Hans-Jürgen Rösner zeitgleich mit seiner Freundin Monika Löblich einen Einkaufsbummel durch die Stadt unternahm? Und warum stoppte das Mobile Einsatzkommando das Fluchtfahrzeug tags darauf bei Siegburg unter willentlicher Inkaufnahme der Tötung der beiden weiblichen Geiseln mit Dutzenden von scheinbar wahllos abgefeuerten Schüssen? Und zuletzt: Verschwand, wie Gerold Bischoff, der Onkel der getöteten Silke Bischoff später behauptete, das angebliche Projektil aus Rösners Waffe, mit dem sie getötet worden sein soll, tatsächlich im Zuge der Obduktion, ehe es Stunden später bis zur Unkenntlichkeit verformt wieder auftauchte?

Fragen an die Kölner Pressestelle dazu wurden jäh geblockt, und die beim SEK-Köln dazu vorliegenden Akten, die Antworten auf zumindest einige der hier gestellten Fragen geben könnten, sind bis auf den heutigen Tag nicht zugänglich für Zivilpersonen. Die Verlagsleitung des „Kölner Express“, der seinerzeit das Kunststück fertig brachte, in drei Tagen fast 40 Sonderseiten zum Thema zu produzieren, hat die entsprechenden Seiten hausintern gesperrt: Einsichtnahme nicht möglich! Warum? Allein aus Scham über die unrühmliche Rolle, die der damalige stellvertretende Chefredakteur des Blattes, Udo Röbel, spielte, indem er in der Breite Straße zu den Geiselgangstern ins Auto stieg und sie aus der Stadt auf die A 3 in Richtung Frankfurt lotste? Oder steckt womöglich mehr dahinter?

Fragen, auf die mein Roman – wenn überhaupt – nur über den Umweg der Fiktion Antworten liefern kann. Als ein künstlerischer, zeitlich stark verzögerter Reflex auf die Realität. So setzt sich mein Roman in einer erzählerischen Einholbewegung aus Bruchstücken reflektierter Realität zusammen, die entweder der Imagination entspringen oder ein Destillat der Wirklichkeit sind. Beides verbindet mein Buch. Dabei handelt es weniger von der Realität als von der Fiktion von Realität. Das Verbrechen forderte damals in einer zuvor nicht gekannten Weise die Phantasie der Berichterstatter heraus. Und ob Fernsehen, Rundfunk oder Presse: im elektrisierten, aufgeregten Eifer der Journalisten geriet das Verbrechen zur Tragödie, zur makabren Inszenierung, zur gefälschten Wirklichkeit. Kleinkriminelle wurden zu Archetypen stilisiert – durch Schlagzeilen verzerrt und aufgebläht ins Monströse; Wesen, die dem Wunsch der Angepassten nach Chaos, Anarchie und Zerstörung scheinbar ein Gesicht geben – tatsächlich aber nichts anderes waren als abgestumpfte Menschen hinter viel zu großen Masken.

Inzwischen bin ich 54, und habe die Bilder nie vergessen. Doch meine schreckliche Faszination für sie ist verflogen.

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erstellt am 12.7.2013

Peter Henning
Ein deutscher Sommer
Gebunden mit Schutzumschlag, 608 Seiten
ISBN: 978-3-351-03542-6
Aufbau Verlag, Berlin 2013

Erscheint am 22. Juli 2013

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