Noch einmal neunzehn sein. Noch einmal im Jahr 1985 leben. Am Tag des Live-AID-Konzerts noch einmal die Chance bekommen, das Leben in die richtigen Bahnen zu lenken. Bruno Laberthier über Ralf Friedrichs' Zeitreise-Roman „The Lesson Today“.

Buchkritik

Back to the Future of 1985

The Lesson Today, ein Rockereignis-Zeitreiseroman von Ralf Friedrichs

Von Bruno Laberthier

Der 13. Juli 1985 war kein Tag wie jeder andere. Im Kollektivgedächtnis vieler heute Vierzig-, Fünfzig- und Sechzigjährigen beansprucht er trotz des eher nichtssagenden Datums sogar so etwas wie einen Ehrenplatz. Es war der Tag des Live-AID-Konzerts, das von Bob Geldof organisiert in London und Philadelphia über die sprichwörtliche Bühne ging, begleitet von weltweiter realzeitlicher Berichterstattung auf den Fernsehschirmen. Auch Mike Richter, der Protagonist aus Ralf Friedrichs‘ Roman The Lesson Today, verbindet Besonderes mit diesem Tag. Mike genießt sogar das Privileg, ihn in seiner Kölner Heimat nicht nur einmal zu erleben.

Mit dem Bewusstsein des Mittvierzigers – Typ Reihenhausbesitzer und von zu vielen zu faden Ehejahren geplagter Familienvater – kippt er nämlich im Jahre 2010 aus den Latschen und erwacht im Körper seines ehemaligen Selbst: als 19jähriger und gerade noch rechtzeitig vor dem Auftakt zum Live-AID-Konzert. Mike kriegt beim zweiten Durchlauf durch den 13. Juli 1985 die Chance, ein paar Dinge in andere Bahnen zu lenken, das Kennenlernen seiner späteren Gattin Manu zum Beispiel. „Back to the Future“ lässt grüßen, und diverse Zeitreiseromane.

Einer ausgeklügelten und souveränen Autorenregie ist es zu verdanken, dass man nach wenigen Seiten willig in den Modus der „Suspension of Disbelief“ schaltet, um sich an Mikes Fersen zu heften und neugierig auf eine eigentlich unmögliche Wiederbegegnung mit dem heißen Hochsommertag im Juli 1985 einzulassen. Und anlässlich des Jahrestags des Live-AID-Konzerts mitten im Sommerloch 2013 ist es durchaus lohnend, sich den Roman vorzunehmen. Zugegeben ist nicht alles formvollendet an diesem Stück Unterhaltungsliteratur; das Balzverhalten und Machogehabe Mikes und seiner Rollerskates-bewehrten Kumpels etwa zielt manchmal ein wenig zu deutlich ab auf die Lesegewohnheiten eines konventionellen (und heterosexuellen) Mainstreampublikums. Dennoch überwiegen die positiven Aspekte, und das bei weitem. The Lesson Today reüssiert auch, und nicht zuletzt, als minutiös erzählter Stadtroman über einen Tag in einer deutschen Metropole: Ulysses „op Kölsch“, wenn man so will.

Genau recherchiert ist die Geschichte auch. Auf dem Domvorplatz ging am 13. Juli 1985 um „etwa 17:25 Uhr“ der deutsche Beitrag des Live-AID-Spektakels auf Sendung und damit in Echtzeit um die Welt. Mit dabei: der fiktive Mike Richter und die faktischen Sangesgrößen deutscher Populartonkunst, von Grönemeyer und Nena bis Ina Deter und dem Mann mit der Nuschelstimme und dem Schlapphut.

„Janz winkt Udo Lindenberg zu sich heran, der sich beschwingt und voller Elan des Mikros bemächtigt. Ich muss ein wenig schmunzeln, wenn ich ihn jetzt so sehe. Auch er ist über Nacht hautgebügelt worden, jedenfalls wirkt das so auf mich, denn in meiner eigentlichen Gegenwart kann er seinen obligatorischen Hut wegen der tiefen Falten auf der Stirn oben draufschrauben. Hier und jetzt wirkt er schon fast wieder wie ein Jugendlicher, obwohl er 1985 auch schon auf die 40 zugeht. Alles eine Frage der Perspektive.

‚Hey Leute‘, begrüßt uns der Taktstockschwinger des nach ihm benannten Panikorchesters, verliest die gemeinsame Stellungnahme [und] fordert einen weltweiten Aufstand des Gewissens, schließlich sei die ganze Situation ein Exzess des Wahnsinns und die Herrschaften auf den Kommandobrücken in Washington und im Kreml hätten wegen der ganzen Rüstungs-Scheiße das totale Rad ab.

Damit ist Udo fertig, großer Jubel brandet auf, auch der altehrwürdige Kölner Dom, der im Hintergrund in der grellen Sonne bei blauem Himmel gut rüberkommt, scheint sein Einverständnis für die nun folgende Session zu geben. Die ersten Töne von ‚Nackt im Wind‘ sind zu hören. Ich konzentriere mich nun voll auf die Musik, auf die beteiligten Protagonisten und auf das, was sie uns darbieten werden. ‚Genieße das, Mike‘, sage ich mir, ‚genieße es, nimm‘ es mit. Wer weiß, wann dieser ganze Zeitsprung-Kram enden wird‘“. (217 f.)

Der „Zeitsprung-Kram“ endet natürlich (aber sehr effektiv) dort, wo man es erwartet: am Ende des Romans. Vorher regelt Mike die Sache mit Manu, seiner späteren Ehefrau, auf genau die Weise, die man von einem U-Roman erwartet: Er entreißt sie auf den letzten Drücker den Fängen seines US-amerikanischen Rivalen, des Meister-Rollschuhfahrers und Weiberhelden John Clark. Und es gibt eine Hommage, penibel nacherzählt und durch diese Vergrößerung erst so richtig unter die Haut gehend, an Freddie Mercury und den legendären Queen-Auftritt am frühen Abend des Live-AID-Tages im Sommer 1985. Ralf Friedrichs zieht hier nochmal ein anderes Register als das des Stadt- oder Zeitreiseromans. Er trifft den Nostalgienerv, und es rockt wie in guten Pop-Romanen.

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erstellt am 11.7.2013

Ralf Friedrichs
The Lesson Today.
Als ich in den 13. Juli 1985 zurückkehrte
Roman
Broschur, 336 Seiten
ISBN 978-3-9808820-6-4
Rheinlese Verlag, Ingelheim 2011

Zu bestellen beim Gardez Verlag

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