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Wilhelm Genazino: Der Zettel

Ein ungefähr zwölfjähriger, dunkelhaariger Junge geht von Tisch zu Tisch. In der linken Hand trägt er einen Zettel, den er den Leuten vor das Gesicht hält. Die meisten Gäste wollen nicht wissen, was auf dem Zettel steht. Es genügt ihnen der Anblick der schmutzigen Kinderhand mit dem abgefingerten Zettel, und sie wissen, daß sie nur angebettelt werden. Eine verscheuchende Handbewegung ist der Rest. Der Junge sieht auch die Angebettelten nicht an. Er weiß, daß er so gut wie keinen Erfolg hat. Er hält nur seine Hand hin und schaut über die Gäste wie über ein weites Meer, von dem nichts zu erwarten ist. Er kommt an meinen Tisch, ich beuge mich vor. Über vier engbeschriebene Zeilen ohne Punkt und Komma zieht sich der Text hin: Ich bin in Not Habe 3 Schwester und 2 Bruder Mutter tot Vater weg kein Geld Nicht zum Essen Sie helfen mit Spende Vielen Dank. Der Text gefällt mir so gut, daß ich den Zettel auf der Stelle besitzen möchte. Es wundert mich, daß nicht alle Menschen mit solchen Zetteln in der Hand durchs Leben gehen. Gelten die wichtigsten Mitteilungen nicht für jedermann? Ich gebe dem Jungen zwei Mark und sage ihm, daß ich ihm einen neuen Bettelzettel schreiben will: fehlerlos und auf weißem Papier. Der Junge nimmt das Geld, setzt sich an meinen Tisch und sieht mir dabei zu, wie ich mir ein Stück Papier zurechtlege. Er hält mir seinen alten Zettel als Vorlage hin. Aber ich brauche die Vorlage nicht und fange an zu schreiben: Seit unsere Mutter tot ist, sind wir in Not; jetzt hat uns auch noch der Vater verlassen. Schon nach diesem Satz höre ich auf zu schreiben; wie unglaubwürdig und erfunden der Satz klingt! Nun schaue ich doch auf die Vorlage; wahrscheinlich ist es das beste, wenn ich mich eng an den vorgegebenen Text halte. Ich bin in Not Habe 3 Schwester und 2 Bruder … nein, das geht auch nicht. Muß ich nicht wenigstens die Artikel und die Satzzeichen einfügen? Ich bin in Not, ich kann keinen Bettelzettel schreiben. Leider merkt der Junge, daß ich versage. Umschließt er nicht schon fester seinen Zettel, entschlossen, ihn auf keinen Fall herzugeben? Zum drittenmal lege ich mir ein neues Stück Papier zurecht. Aber es kommt zu keinem weiteren Versuch. Plötzlich entzieht mir der Junge seine Hand mit der Vorlage, erhebt sich und schaut über mich weg wie über ein Meer.

© Wilhelm Genazino

Kommentare


Richard K. - ( 16-07-2013 12:23:12 )
Kann ich nicht wenigstens meine Ohnmacht mit jemandem teilen, bevor ich den ersten Schritt zu Besserem setze? Viele Bettler sind ernsthaftere Zuhörer, die uns etwas geben können, ließe man sie vor, gäbe man ihnen etwas Freiheit wieder, die wir so finden könnten.

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erstellt am 09.7.2013