Filmkritik von Kai Mihm

Der letzte schöne Herbsttag

Julia Koschitz und Felix Hellmann in einer Beziehungskomödie von Ralf Westhoff

Die Bezeichnung „deutsche Beziehungskomödie“ ist spätestens seit dem großen Boom dieses Genres Mitte der neunziger Jahre eher ein Warnsignal, als ein Gütesiegel. Heute findet dieses Etikett eigentlich nur noch bei TV-Movies Verwendung. In diesem Format wäre allerdings auch Ralf Westhoffs „Der letzte schöne Herbsttag“ am besten aufgehoben. Die, nun ja, Beziehungskomödie über ein Münchner Pärchen um die dreißig ist von einer erzählerischen Biederkeit, die man im Kino ausgestorben wähnte. Vor vier Jahren hatte Westhoff mit seinem Langfilmdebüt, der Speed-Dating-Komödie „Shoppen“, zu Recht für Aufsehen gesorgt. Die Charaktere waren pointiert skizziert, die Dialoge hatten die richtige Mischung aus alltäglichem Irrsinn und satirischer Überzeichnung und der Kunstgriff, die Personen direkt in die Kamera sprechen zu lassen war zwar schon damals nicht neu, passte aber gut zum Thema.

In „Der letzte schöne Herbsttag“ kommt vor allem die Idee mit der Kamera erneut ausgiebig zum Einsatz. Wechselweise monologisiert diesmal ein Pärchen namens Claire und Leo seine Beziehungsfindlichkeiten direkt in Richtung Zuschauer. Wir erfahren, wie die beiden sich im Fahrradladen kennen lernten, wie gegensätzlich sie eigentlich sind und was für Macken der jeweils andere hat. Dabei sind die Schauspieler fast immer weit genug am Bildrand platziert, um den Blick auf das hippe antike Buffet im Hintergrund freizugegen – zumindest wissen die beiden, wie man heute wohnt: in den Neunzigern wars das cool gestylte Loft, heute ist es der heimelige Altbau. Dazwischen sehen wir Szenen einer Beziehung, die unaufhaltsam den Bach runtergeht, werden Zeuge von Eifersüchteleien nach der Trennung und den Versuchen, vielleicht doch wieder zusammenzukommen.

Die scheinbare Simplizität dieser Story ist dabei nicht das Problem. Vielmehr scheint Westhoff, der auch das Drehbuch geschrieben hat, der Simplizität nicht vertraut zu haben. Anstatt auf Lebensnähe setzt er auf angestrengt originelle Dialoge, was dazu führt, dass die Schauspieler allen Ernstes Sätze aufsagen müssen wie „Ich bin ein verlorener Stern im All und ich brauch' dich um mich rum. Aber ich habe Angst, dass meine Anziehungskraft nicht reicht. Und dann muss ich wieder allein durchs All fliegen“.
Nicht nur durch die Künstlichkeit solcher Dialogzeilen wirkt „Der letzte schöne Herbsttag“ wie ein bewusster Gegenentwurf zum lakonischen Naturalismus von Filmen wie „Alle Anderen“ oder „Mitte Ende August“, die auf sehr eigene Weise gezeigt haben, dass man lebensnah von Beziehungsproblemen erzählen kann, ohne dabei auf Humor zu verzichten. Auch in der bemühten Witzigkeit bei der Charakterzeichnung steckt eher provinzielles Drehbuchseminar als großstädtischer Kiez: Die mädchenhaft-niedliche Claire trägt lustige bunte Strumpfhosen und schicke Lederstiefel, spricht in Form von Poesiealbums-Weisheiten und steht auf viel Sex. Und von Zeitungen hält sie nicht allzu viel: „Ich hab mir so viele Gedanken gemacht und du hast Zeitung gelesen,“ sagt sie einmal ganz erschüttert, „In der Zeitung steht aber gar nicht drin, wie das Leben geht, da steht nur drin, wie das Leben nicht geht.“ Fragt sich, was ärgerlicher ist: eine solche Charakteriserung für eine Frau um die 30 im Jahr 2010 oder die Annahme, dass jemand sich damit identifizieren könnte. Claires Freund Leo hingegen wirkt in seiner pampig-mürrischen Art wie der Versuch einer Parodie auf die Protagonisten der „Berliner Schule“-Filme. Tatsächlich könnte der besserwisserische Ökospießer auch aus dem Prenzlauer Berg nach München gezogen sein – ob er wohl deshalb so unsympathisch wegkommt?

Kinostart am 11. November 2010

Kai Mihm

erstellt am 02.11.2010

Der letzte schöne Herbsttag – Trailer