Das Ballett kommt – sieht man von den Arbeiten William Forsythes ab – ohne das gesprochene Wort aus. Und weil Schwäne mit blutigen Zehen und Tänzer als Springböcke eine glorreiche Vergangenheit auf die Bühne bringen, muss seine Kunst heute also darin bestehen, die Körpersprache bis über die Deutungsgrenze hinaus zu differenzieren. Wenn aber ein bekanntes Drama in Tanz verwandelt wird, sieht das Problem wieder anders aus, wie Thomas Rothschild nach John Neumeiers „Othello“ in Stuttgart feststellt.

ballett

Die Schrecken des Krieges und der Eifersucht

John Neumeiers „Othello“ in Stuttgart

Von Thomas Rothschild

Handlungsballette kommen jenen entgegen, die, auch in der Kunstform des Tanzes, Geschichten erzählt bekommen wollen. Wer sich freilich eins der bekanntesten Dramen Shakespeares als Vorlage wählt, kann darauf vertrauen, dass sein Publikum die Story kennt. Es darf sich darauf konzentrieren, wie die bekannte Handlung in Tanz umgesetzt wird, wie bewegte Körper im Raum die gesprochene Sprache ersetzen.

„Othello“ ist unter allen Dramen Shakespeares dasjenige, das von den heftigsten Leidenschaften handelt. Der Mord, bei dem englischen Dramatiker kein ungewöhnliches Motiv, erfolgt hier nicht aus Machtgier, sondern eben aus Leidenschaft. Othello ist uns näher als Macbeth oder Richard III. Das Ballett vermag zu demonstrieren, wie unmittelbar, wie erschütternd menschliche Körper von Leidenschaften künden können. Dafür bedarf es keiner Worte. Und kaum einer versteht es, diese Umsetzung von Leidenschaften in Gesten und Bewegungen zu choreographieren wie John Neumeier.

Neumeier hat „Othello“ 1985 für sein Hamburger Ensemble kreiert. 2008 wurde das Ballett in Stuttgart einstudiert, wo man die Tradition John Crankos und damit des abendfüllenden Handlungsballetts gewissenhaft pflegt. Cranko und Stuttgart waren für Neumeiers Biographie auch eine maßgebliche Station. Jetzt wurde die Inszenierung wieder aufgenommen, mit der großartigen Alicia Amatriain im Rollendebüt der Desdemona. Sie lebt so sehr in der Rolle, dass sie tatsächlich weint, als sie sich mit Othellos Eifersucht konfrontiert sieht. Neumeier hebt aus dem Stoff den Aspekt des Rassenhasses und des Vorurteils hervor. Schon zu Beginn karikiert Othello selbst das Zerrbild, das die Weißen vom „Neger“ haben. Mehrfach wird er im Lauf der Handlung wegen seiner Hautfarbe und seiner Herkunft verspottet. Ein Höhepunkt ist jene Stelle, wo er sich von Desdemona verlacht fühlt und statt deren fantasierter Doppelgängerin Desdemona selbst schlägt.

Mehr und mehr vermischen sich äußeres Geschehen und Othellos Wahnvorstellungen. Die militärische Umgebung Othellos liefert den Vorwand für üppige Einlagen des Corps de ballet. Ihre wilden Tänze, insbesondere eine Moresca, die zugleich drastisch an das mörderische Gewerbe der Soldaten erinnern, liefern einen eindringlichen Kontrast zu den lyrischen Liebesszenen. Die stilisierte Kopulation mehrerer Soldaten mit der „Kurtisane“ Bianca gleicht mehr einer Vergewaltigung als einem bezahlten Liebesdienst. Da Emilia von der wie stets bezaubernden Koreanerin Sue Jin Kang getanzt wird, erinnert eine Position, in der sie ihr Mann Jago im Soldaten-Outfit mit einem Gewehr bedroht, erschreckend an ein berühmtes Foto aus dem Vietnam-Krieg.

Die Musik stammt unter anderem von Arvo Pärt und Alfred Schnittke und wird nach der Pause im oberen Teil eines überdimensionalen Zelts vom sichtbaren Kammerorchester und zwei Violinisten unter der Leitung von James Tuggle gespielt. Hinzu kommt, über Lautsprecher, Perkussion von Naná Vasconcelos, die insbesondere für die Massenszenen wie geschaffen erscheint. Mit Verdi hat das nichts zu tun. Der „Othello“-Stoff scheint, jedenfalls szenisch, unverwüstlich. Im Theater, im Film und eben auch im Ballett.

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erstellt am 08.7.2013

Alicia Amatriain (Desdemona) und Jason Reilly (Othello) in Othello (Choreographie: John Neumeier), Foto: Stuttgarter Ballett

Othello
Ballett von John Neumeier nach William Shakespeare

Choreographie und Inszenierung John Neumeier

Musikalische Leitung James Tuggle, Wolfgang Heinz

Stuttgarter Ballett

Alicia Amatriain (Desdemona) und Jason Reilly (Othello) in Othello (Choreographie: John Neumeier), Foto: Stuttgarter Ballett

Evan McKie (Jago) in Othello (Choreographie: John Neumeier), Foto: Stuttgarter Ballett

Jason Reilly (Othello) und Evan McKie (Jago) in Othello (Choreographie: John Neumeier), Foto: Stuttgarter Ballett