Nähe und Distanz, emotionaler Ernst und mitleidloser Witz sind ihm geläufig. Otto A. Böhmer ist beides: erzählender Philosoph und philosophischer Erzähler. In beiden Fällen ist er auf hohem Niveau unterhaltsam. Seinen neuen Roman „Nächster Halt Himmelreich“ nennt Wend Kässens ein literarisches Ereignis.

buchkritik

Sommernachtstraum oder Wintermärchen?

Otto A. Böhmers Roman „Nächster Halt Himmelreich“

Von Wend Kässens

Eine witzig verspiegelte und hinreißend verspielte Reise in unsere Gegenwart! Und zwischen den Zeiten, früher, gestern und heute. Zugleich ein verzweifelt komisches Reha- und Romantisierungsprogramm um einen, der nicht richtig im Kopf ist, aber harmlos. Der Held und Ich-Erzähler, eine buchstäblich zwielichtige Gestalt, als geheilt entlassen. Er war sich als Lyriker abhandengekommen und aus der Wirklichkeit entfernt worden. Nur langsam kehrt Erinnerung zurück, an sein Philosophiestudium und Leben in Freiburg, an den erfüllten Augenblick im Schloss als Vorsitzender einer Stiftung zur Förderung der schönen Künste. Von Eichendorffs Gedicht „Mondnacht“ fallen ihm immerhin noch zwei Verse ein: „Und meine Seele spannte,/weit ihre Flügel aus“. In der romantischen Dichtung findet seine Seele aber wieder Heimat, sein Herz wieder Nahrung, sein Ich sich wieder selbst. Und mit Eichendorff, Brentano und Novalis zugleich in die heutige Realität zurück. Wo der Held mit den Träumen und Sehnsüchten der Schlegelschen Universalpoesie auf die Wirklichkeit und die „Ökonomie der Tatkräftigen“ stößt: Auf die alten Lieben Emily, Fernanda, Marie und Elenor, die auch nicht mehr die sind, die sie mal waren; auf inzwischen denaturierte Straßen- und Stadtlandschaften; einen eingeebneten Schlossberg, dem auch das Schloss verlorengegangen ist; und eine hektisch boomende Wirtschaft, für Philosophen und Dichter ganz ohne Perspektiven. Da kommt Wehmut auf! Und Müdigkeit, der der Held oft und gern erliegt, in Absencen, in Träumereien und Phantasien.

Es gibt kein Zurück, die Türen der Anstalt sind zu. Von Freiburg über Heidelberg bis Frankfurt und von „Schreian“ im Wendland bis zum Titisee am Schwarzwald spannt sich der Bogen der Reise im Licht der Erinnerungen, in den Schatten der Gegenwart und in den Höhen und Abgründen von Witz und Wahn, Phantasie und Bewusstsein.

Gegen eine Welt, in der Krankheit der Normalzustand ist, helfen Geschichten, die Fähigkeit, die eigenen Phantasien und Erlebnisse in grelle Abenteuer und spannende Begebenheiten umzumünzen und zum Besten zu geben. Der Autor erweist sich als famoser Erzähler! Sein Held erzählt als Schriftsteller mit romantischer Ironie wild drauflos, was Leben, Ge- und Erlesenes und der schöne Schein hergeben. Mancher begegnet hier manchem. Und manches ist nicht, was es scheint. Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung feiern fröhliche Urständ. Das hilft nicht nur seiner Zimmerwirtin aus ihrem Elend. Auch der Fernsehschaffende Dr. Obstler in der psychiatrischen Schwarzwaldklinik kann sich diesen literarischen Ergüssen nicht entziehen. Ein Gelächter aus Himmel und Hölle!

Otto A. Böhmer, Philosoph, Erzähler, Lyriker und Essayist, ist mit diesem Buch die Quadratur des Kreises geglückt: Die Leichtigkeit des Seins trotz ihrer Tragik, Melancholie, Verletzt- und Verzagtheit – hier wird sie humoristisch literarisches Ereignis! Wunderbar in Szene gesetzt, mit subtilen Bildern und skurrilen Geschichten, mit Wach-, Schlaf- und Albträumen, anspielungsreich und zitatschwanger, locker geschöpft aus Philosophischem, Romantischem, Abgründigem und Alltäglichem, Fernem und Eigenem. Ein Leben als Reisebericht, den der glänzend unterhaltende und sicher auf dem Weg der Genesung befindliche Leser lange nicht aus der Hand legt, während der Held zwar diesmal nicht eingeschlafen, aber doch längst verschwunden ist.

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erstellt am 08.7.2013

Otto A. Böhmer
Nächster Halt Himmelreich
Roman
Gebunden mit Schutzumschlag, 216 Seiten
ISBN 978-3-86351-055-8
Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2013

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