Aufklärung, Gesprächskultur und rationale Auseinandersetzung um die Prinzipien sozialer Gerechtigkeit gehören zu den schwindenden politischen Tugenden. Die Verlegerin Laura Di Gregorio fühlt sich in der Pflicht, dem Schwund eine Publikation entgegenzusetzen. Ihre Zeitschrift trägt den Titel „This Century’s Review“, mit der sie eine juristische Debatte entfachen will. Bernd Leukert hat mit ihr gesprochen.

reden über recht

Die Kraft der Argumentation

Ein Gespräch mit Laura Di Gregorio, der Verlegerin der Zeitschrift „This Century’s Review“

Wenn ich unsere Rechtspflege ansehe, das ganze juristische System, kommt es mir sehr hermetisch vor. Ich kann es als logisches System nicht begreifen. Ich kann es nur wahrnehmen als ein Zusammenspiel von internen Regeln von Juristen, die miteinander arbeiten und ihre eigenen Spielregeln entwerfen. Die Sachverhalte, die Gegenstände haben für mich oft befremdlich wenig mit der Realität zu tun. Meine Frage ist, ob das vielleicht ein Motiv war, die Zeitschrift „This Century’s Review“ zu machen?

Ja. Das war einer der wichtigsten Gründe, die mich dazu motiviert haben. Es ist nicht einfach, über Recht zu reden und die juristischen Fachbegriffe zu vermitteln. Aber ich halte es für notwendig, daß das gemacht wird, und man versucht, komplexe Themen auch für ein breiteres Publikum zur Verfügung zu stellen. Nur wenn wir uns bewusst sind, wie das Recht unser tägliches Leben beeinflusst, können wir auch bewusst entscheiden.

Es gibt ja den altrömischen Spruch „Auf hoher See und vor Gericht ist man in Gottes Hand“.

Wenn wir über Recht reden, haben wir einen Anspruch auf Richtigkeit. Das bedeutet, niemand von uns wünscht sich von einem Gericht eine willkürliche Entscheidung. Wenn ich sage, dass Moral mit Recht verbunden ist, bedeutet das nicht, daß jeder Richter nur nach seinem Gewissen entscheidet. Die rechtliche Fachdebatte beeinflußt unsere politischen Entscheidungen, unser kulturelles Leben, unsere Psychologie und Existenz.

Wie möchten Sie über Recht sprechen?

Die Auslegung des Rechtssystems ist nicht nur Aufgabe von Parlamentariern oder Richtern. Die einzelnen Individuen treffen täglich juristische Entscheidungen und bestimmen die politische Vision einer Gesellschaft. Das ist auch der Grund, daß die Erstausgabe meiner Zeitschrift sich diesem Konzept widmet, nämlich der legal awareness, also unserem juristischen Bewusstsein.
Wie man über Recht spricht oder sprechen sollte, ist eigentlich ein altes Thema. Schon in den 50er Jahren schrieb der Deutsche Jurist Karl Engisch: „Man wird ohne viel Besinnen ein archäologisches oder literarisches Buch auf den Geschenktisch legen, kaum je aber ein juristisches Buch, mag dieses auch an das Wissen des Lesers keine besonderen Anforderungen stellen“. Die Leute lesen über alles, über Philosophie, Psychologie, Architektur, sie sind an allem interessiert. Aber von rechtlichen Fachdebatten wollen sie wenig wissen.
Häufig wird das Recht entweder als kafkaeske Bürokratie oder auf einen Konflikt bezogen wahrgenommen. Wenn die Leute an das Recht denken, dann weil sie bereits ein Problem haben. Was fehlt, ist eine verbreitete juristische Reflektion. Mein Ziel ist es, die Begeisterung für die juristischen Fragen zu vermitteln. Wenn man mit den richtigen Autoren zusammenarbeitet, kann man auch komplexe Themen verständlich darstellen.

Können Sie uns konkrete Beispiele dafür geben?

Die zweite Ausgabe von TCR fokussiert die Beziehung zwischen Recht und Theater, die „mise-en-scène der Gesetze“. Es gibt beispielsweise Beiträge von Anna Cento Bull und Jean-Pierre Cassarino, in denen beide Autoren sich zu Themen äußern, die stark emotional aufgeladen sind. Anna Cento Bull schreibt über Terrorismus und die neuen Urteile dazu in Italien. Sie veröffentlicht zum ersten Mal die Abschnitte eines Interviews, in dem der Rechtsanwalt der Opfer Teile des Staates und der Polizei denunziert. Jean-Pierre Cassarino spricht über die Politik der Europäischen Union, darüber, wie sie – mit dem Nobelpreis ausgezeichnet – mit dem Thema Migration umgeht, wie die Medien darüber berichten, welche Prioritäten auf dem Gebiet der Sicherheit gesetzt werden. Ich erwähne die beiden Autoren, weil sie über sehr heikle Themen sprechen, die unsere Gefühle ansprechen und uns veranlassen, stark darauf zu reagieren. Aber ihre Art zu reden und zu schreiben ist nie aggressiv, nie umsonst polemisch. This Century’s Review bietet die Möglichkeit, die Phänomene in einer reflektierten Weise zu verstehen. Und wenn man Jean-Pierre Cassarino liest, versteht man mehr von der Agenda des Global Forums, versteht man, wie die Medien informiert werden, warum Sicherheit so wichtig in der Wahrnehmung der Gesellschaft wird, etc. Es werden komplexe Themen behandelt. Aber man kann an den Details sehen, wie das Ganze tatsächlich funktioniert, wie diese Konzepte angewandt und die politischen Ziele verfolgt werden.

Untertitel Ihrer Zeitschrift ist „journal for rational legal debate“. Wie stellen Sie sich diese „rationale“ Fachdebatte vor?

Eines der Ziele von This Century’s Review ist es, Leute miteinander ins Gespräch zu bringen, die unterschiedliche Meinungen vertreten. Das ist eine der wichtigsten Voraussetzungen einer rationalen Debatte, und scheint mir heute besonders notwendig. Es passiert zu selten, daß Akademiker eine öffentliche Debatte auslösen können. Leute, die z.B. zu einer bestimmten professionellen Kategorie gehören, wie die Rechtsanwälte internationaler Kanzleien, sollten häufiger mit Professoren in Verbindung kommen. Das passiert leider zu selten. Die akademische Sprache ist nicht immer so verständlich, und viele können die Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeit nicht nachvollziehen. Deshalb ist es notwendig, daß die Medien – Zeitschriften, Radio, Fernsehen – eine größere Aufmerksamkeit für die juristischen Debatten aufwenden.

Und dazu hilft die Zeitschrift?

Ich hoffe es. Ich glaube an Bildung und an die Rolle, die die Medien dabei spielen können. Die Richter und Rechtsanwälte geraten immer mehr unter den Druck der öffentlichen Meinung, ihre Entscheidungen optimal zu motivieren. Das ist nichts Negatives, weil Gerichtsurteile die Meinung und Entscheidungsgründe der Richter klar zum Ausdruck bringen sollen. Es besteht allerdings das Risiko, daß wir dann zu sehr von dieser Vermittlungsrolle der Media abhängig werden. Wir sollten Show-Prozesse vermeiden.
Heutzutage kann es entscheidend sein, wie Angeklagte sich benehmen, ob sie extravagant, arrogant oder bescheiden auftreten. In der letzten Ausgabe von This Century’s Review gab es einen Comic über eine erfundene Arbeit: die personal shopper der Angeklagten. TCR ist nun keine satirische Zeitschrift, in der man sich über ernste Sachen lustig machen will. Man möchte eher den Lesern die Möglichkeit anbieten, darüber nachzudenken: Wollen wir, dass unsere Justiz vom äußerlichen Aussehen der Angeklagten so beeinflußt wird? Oder sollte man den Argumenten eines juristischen Verfahrens zuhören und diese verstehen?

Es gibt eine internationale Komponente in Ihrer Zeitschrift. Sie arbeiten mit Autoren aus allen Erdteilen zusammen.

Meine Zeitschrift wollte nicht national orientiert sein, obwohl natürlich die Mehrheit der Juristen, Rechtsanwälte, Richter usw. das nationale Recht anwenden. Die Leser, die ich mir vorstelle, sind Juristen, die an einer internationalen Perspektive interessiert sind. Das finde ich auch deshalb vernünftig, weil man heute nicht mehr ignorieren kann, was in anderen Ländern stattfindet, man kann nicht mehr nur an das eigene Rechtssystem denken. Auch eine Rechtsanwältin oder ein Rechtsanwalt, die in einer kleinen Stadt arbeiten, werden heute immer mehr Unternehmen betreuen, die zum Beispiel Verbindungen zu Brasilien oder zu Indien haben. Immer mehr werden von der Globalisierung beeinflusst. Und selbst wenn viele Juristen sich am nationalen Recht orientieren, ist die internationale Perspektive eine enorme Hilfe für die Entwicklung eigener Ideen.

Ihre Zeitschrift hat auch eine interdisziplinäre Dimension. Das heißt, es schreiben nicht nur Juristen, sondern auch Vertreter anderer Disziplinen.

Bei jeder Ausgabe arbeite ich mit Künstlern und Literaten zusammen. Ich habe mit dem Dirigent Paolo Manetti kooperiert, mit dem Künstler Clemens-Tobias Lange, mit der Schriftstellerin Simonetta Agnello Hornby, etc.
Die Entscheidung über Literatur, Kunst, Geschichte, Psychologie und satirische Themen zu sprechen, habe ich nicht mit der strategischen Absicht getroffen, die juristische Fachdebatte „leichter“ machen zu wollen, nach dem Motto: Kunst oder Musik bringen frische Luft in die schwer verdaulichen juristischen Themen. Ganz im Gegenteil: Ich möchte, daß die rechtliche Debatte in die literarische oder Kunstdebatte aufgenommen wird. Kunst, Literatur und Musik können nur bereichert werden, wenn Kulturschaffende und Kulturinteressierte einen Blick auf die juristische Diskussion haben. Sie können sich etwa fragen, in wie weit heute Programmkinos in Europa vertreten sind, welche Filme wir anschauen, welche Musik wir hören. Welche Gesetze stehen hinter dem Vertrieb der Kultur? Wie wird heutzutage Kulturmanagement durchgeführt? Und ich könnte viele ähnliche Beispiele aus den historischen oder psychologischen Bereichen bringen.

Ihr Zeitschrift „This Century’s Review“ erscheint zweimal im Jahr?

Ja, die dritte Ausgabe ist für Ende des Jahres geplant und wird sich der Beziehung zwischen Literatur und Recht widmen.

Gibt es neben dieser allgemeinen Problematik, die Sie geschildert haben, noch ein persönliches Motiv, diese Zeitschrift herauszubringen? Denn sie machen die Zeitschrift allein, so viel ich verstanden habe. Das ist sehr mutig.

Die Leidenschaft für rechtliche Themen und besonders für die Rechtsphilosophie hatte ich schon vor 20 Jahren. Nach dem Jurastudium habe ich über die Theorie der juristischen Argumentation promoviert. Es war für mich nie etwas Abstraktes, über Rechtsphilosophie zu reden. Es war immer ein Schlüssel, um die Wirklichkeit, die Existenz und die Gesellschaft zu verstehen. Die Ideale, die ich vertrete, sind natürlich keine persönlichen Bedürfnisse, sie beziehen sich auf Themen, über die ich geforscht habe, und die dort ihre Begründung finden. Meine Arbeit als Verlegerin in diesem wissenschaftlichen Bereich entspricht meiner Biografie; die verlegerischen Ziele, die ich erreichen möchte, haben mit der Gesellschaft zu tun. Ich vertrete weder meine persönliche Meinung noch die Vision einer bestimmten Partei oder die Thesen einer einzelnen Denkschule.

Wie vertreiben Sie Ihre Zeitschrift?

Die Zeitschrift wird direkt im Internet verkauft. Man kann auf der Webseite von This Century’s Review die Ausgaben weltweit bestellen. Und ich finde es hervorragend, was das Internet ermöglicht: Ich verkaufe meine Zeitschrift in Brasilien, Australien, England und überall in der Welt, unmittelbar über das Internet ohne Kosten für Zwischenhandel, Grossisten usw. Meine Selbstständigkeit war eigentlich eine notwendige Entscheidung, denn eine solche Zeitschrift lebt von der Unabhängigkeit. Ich wollte wenigstens für die ersten Jahre beweisen, daß diese Art der Vermittlung möglich ist, auch wenn man keinen Lehrstuhl an der Universität inne hat, einer besonderen Institution oder einem entsprechenden Verlag angehört. Ich glaube, für die Leser ist diese Unabhängigkeit wichtig.
Der Preis einer solchen Entscheidung ist, daß ich erst, nachdem die Inhalte für eine Ausgabe entschieden sind, mich auch um den Vertrieb kümmern kann. Die Zeit dafür ist daher knapp.

Vielleicht eine letzte Frage: Wenn Sie eine Zeitschrift mit einem so großen Aufwand herstellen und veröffentlichen, dann möchten Sie Einfluß nehmen. Die Frage ist: Wo kommt die Zeitschrift hin? Und wer wird beeinflußt?

Professoren weltweit kaufen This Century’s Review sowie auch die Bibliothek des Bundesverfassungsgerichts, Rechtsanwälte und Interessierte im allgemeinen. Ich werde auch weiterhin viel Pressearbeit leisten müssen, um This Century’s Review bekannter zu machen.
This Century’s Review hat keine Mittel für große Werbekampagne und Marketingstrategie. Allerdings: Ich finde es genau so wichtig, daß einzelne Individuen ohne den großen Markt eine öffentliche Debatte auslösen können. Und ich glaube an die Kraft der Argumentation. Die Leute können erkennen, ob ein Projekt eine gewisse Substanz hat oder nicht. Das funktioniert aber nur, weil sie merken, dass es kein spontanes, kurzlebiges Blatt ist. Sie werden auch erkennen, daß die Autoren, die für „This Century’s Review“ schreiben, hervorragende Experten auf ihrem Gebiet sind. Das macht die Qualität der Texte aus. Auf meine Einladung sagen die Autoren mit Begeisterung zu. Also, der Vertrieb ist wichtig, aber noch lange nicht alles.

Die Fragen stellte Bernd Leukert

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erstellt am 06.7.2013

Laura Di Gregorio. Foto: Uwe Dettmar

THIS CENTURY'S REVIEW
journal for rational legal debate

http://www.thiscenturysreview.com/