Der Komponist René Leibowitz, der 1972 in Paris starb, war auch Dirigent, Musikpädagoge, Schriftsteller. Er wird als geistreicher und charmanter Mensch geschildert, der die Franzosen einst mit der Methode einer „Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen” bekanntmachte. Zu seinem 100. Geburtstag ist nun eine Doppel-CD erschienen, die Hans-Klaus Jungheinrich zum Anlass nimmt, den fast vergessenen Künstler wieder ins Gedächtnis zu rufen.

zwölftonmusik

Arbeit am Unerledigten

Musik zum 100. Geburtstag von René Leibowitz

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Ein Herr im hellen Sportdress sitzt seitlich auf der Karosserie eines amerikanischen Straßenkreuzers und lässt die Beine lässig vom Coupérand herunterschlenkern. René Leibowitz posiert vor Pariser Alleebäumen playboymäßig mit seinem Ford Thunderbird – eine bis zu den Weißwandreifen und den weißen Schuhen blitzcool abgestimmte Selbstinszenierung. Stellt man sich so den offiziösen Botschafter der Zwölftonmusik in Paris vor, den strengen und ernsten (angeblichen) Schüler Schönbergs und Weberns, in der Szene der 1950er und 1960er Jahre eine für den musikalischen Zeitgeist vor allem in Frankreich mächtige Persönlichkeit, die denn auch in allen Kompendien figuriert, in denen es um Wirkungen und Nachwirkungen der Zweiten Wiener Schule geht?
Die Doppelrolle des Propheten und des Bonvivants versah Leibowitz offenbar mit Gusto. Eine andere machte ihm und insbesondere seinem Nachleben mehr zu schaffen. Es war dies die zwiefache Orientierung als Dirigent und als Komponist, wobei der Ruhm der letzteren Tätigkeit beträchtlich hinter dem Bekanntheitsgrad der ersteren zurücktrat, obwohl sich beides doch eigentlich hätte fördern müssen, zumal das eine wie das andere im Zeichen der Schönbergschule stand. Von dort (insbesondere dem Geiger Rudolf Kolisch) beeinflusst war Leibowitz auch als ein maßgeblicher Beethovendirigent seiner Zeit, dessen Wiedergaben der romantisch-philharmonischen Tradition absagten und eine kühlere, sachliche, zudem auf Beethovens originale Metronomangaben rekurrierende Lesart bevorzugten (was Jahrzehnte später von Dirigenten wie Harnoncourt, Norrington, Chailly aufgegriffen wurde). Niemals vergessen wurde der rührige Zwölftonapostel Leibowitz, wohl aber der fruchtbare und durchaus vielseitige Tonsetzer. Sein Fall – der eines posthum ungerecht eingeschätzten komponierenden Dirigenten und dirigierenden Komponisten – erinnert lebhaft an den seines Generationsgenossen Igor Markevitch, eine vergleichbare Musiker-Physiognomie, ebenfalls mit der familiären Herkunft aus Osteuropa und dem Wirkungsschwerpunkt Frankreich, allerdings mit Strawinsky- statt Schönberg-Affinität (Markevitch galt lange Zeit als der einzige adäquate „Sacre du printemps“-Dirigent). Auch Markevitch hinterließ eine Fülle eigener Werke, die nur unzureichend bekannt wurden. Waren er und Leibowitz mit der drängenden Vermittlung ihrer Hausgötter (Strawinsky beziehungsweise Schönberg oder auch Beethoven) so beschäftigt, dass sie als Agenten in eigener Sache keine Kapazität mehr hatten?

Hinzu mochte kommen, dass in den Kreisen der musikalischen Avantgarde in der Zeit nach der letzten Jahrhundertmitte eine rigide Lagermentalität sich misstrauisch beäugender und befehdender Gruppen und Grüppchen bestand, die sich desto erbitterter auswuchs, je näher die jeweiligen künstlerischen Intentionen sich zu stehen schienen. Als der unwirsche junge Pierre Boulez, der die Serialität auf Webern fixierte, den Satz „Schönberg est mort“ in die Welt setzte, traf er damit vor allem Leibowitz, von dem er selbst viel gelernt hatte. Kurioserweise war Boulez gegenüber Olivier Messiaen großmütiger, wenngleich er in den Stücken von ihm, anders als bei Leibowitz, viel mehr „Geschmacklosigkeiten“ hinnehmen musste. Um Leibowitz’ Kompositionsoeuvre hat sich Boulez nicht gekümmert.
Boulez, der sich in seiner lebenslangen (und schnell die kompositorische Aktivität weit überflügelnden) Dirigententätigkeit dann doch ausgiebig um Schönberg bemühte, betrachtete Leibowitz wohl als einen „orthodoxen“ Schönbergianer, der den Schritt über Webern hin zur auf alle kompositorischen Parameter angewendeten Serialität nicht mitvollziehen wollte und deshalb „Epigone“ blieb. Tatsächlich ließe sich Leibowitz’ ästhetische Position aber auch etwas anders beschreiben: Arbeit am Unerledigten. Er lotet innerhalb einer in sich konsistenten „Ordnung“ weitere Artikulationsmöglichkeiten aus. Anstatt eine „Ordnung“ zu zerstören, entdeckt er in ihr noch ausschöpfbares Potential. Das war (falls es so etwas überhaupt gab) wohl das „Programm“ des Tonsetzers Leibowitz. Er tat in Bezug auf die vor allem auf die Tonordnung und das Außerkraftsetzen der Tonalität gerichtete Zwölftonmethode (wie sie Schönberg in seiner „mittleren“ Schaffensphase konsequent anwendete, später weniger) dasselbe wie Theodor W. Adorno im Bezug auf die „freie Atonalität“, deren nach dem ersten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts fallen gelassenen Impetus er gewissermaßen (wider den Zeitgeist) festzuhalten trachtete. Oder, wenn man will, wie Richard Strauss, der mit den Mitteln der ausdifferenzierten Tonalität „anachronistische“ Stücke wie die Metamorphosen für 23 Solostreicher und die Vier letzten Lieder komponierte, Werke, die entgegen aller geschichtsphilosophischen „Logik“ zu den herausragenden des 20. Jahrhunderts gehören.

Man kann gewiss sein, interessanter, spannender, ja mitunter großer Musik zu begegnen, wenn man die zwei den akustischen Bestandteil einer Jubiläums-Edition bildenden CDs hört, die zum diesjährigen 100. Geburtstag in Erinnerung an Leibowitz ediert wurde. Zugleich ist diese Veröffentlichung ein umfangreiches Lese- und Bilderbuch (dreisprachig) mit vielen Leibowitz-Dokumenten – es enthält natürlich auch das eingangs beschriebene Farbfoto -, die Einblick in ein reiches, buntes Leben bieten. Die deutschen Leser und Hörer registrieren dabei mit besonderer Anteilnahme die Würdigung des Frankfurter Pianisten Erich Itor Kahn, der, als er von den Nazis vertrieben wurde, in Paris mit Leibowitz zusammenkam und ihm entscheidende Impulse in Sachen Schönberg und Dodekaphonie vermittelte. Ohne Kahn wäre also auch Leibowitz kaum der wichtige „Präzeptor“ geworden, als den man ihn in der Pariser Szenerie der letzten Jahrhundertmitte sehen muss.

Leibowitz, der mitten in den Kunstströmungen seiner Zeit stehende Intellektuelle (Freund von Malern und Literaten), spiegelt sich auch in seinen Kompositionen. Die CDs (eine davon präsentiert Bausteine einer älteren Veröffentlichung) berücksichtigen zahlreiche Vokalwerke mit französischen, englischen und deutschen Gedichtvertonungen (Bataille, Leiris, Blake, Celan, Hölderlin u.a.). Geradezu bizarr in ihrer gestischen Frenesie muten Teile des einsätzigen Violinkonzerts (1958) an – besonders der Anfang –, das in einem vom Komponisten selbst dirigierten NDR-Mitschnitt aus Hannover von 1961 zu vernehmen ist. Nah an Schönbergs „Pierrot lunaire“ kommt die Dada-Adaptation („Chanson(s) Dada“, 1968) heran. Den Versuch einer „witzigen“ Dodekaphonie wagt das als „variations non serieuses“ bezeichnete Opus 54 „Marijuana“ von 1958. Eine faszinierende Wegstation zwischen Schönbergs intrikatem „Pierrot“-Melodram und dem komplexen Gewebe von Boulez’ „Pli selon pli“ ist Leibowitz’ „Explanation of Metaphors“, immerhin bereits 1948 komponiert. Ein Werk, das mit seinen delikaten Instrumentalfarben (zwei Klaviere, Harfe, Schlagzeug) jene spezifische Sphäre des „strukturellen Klangraffinements“, wie sie sich in den besten Werken von Boulez (vor allem im „Marteau sans maitre“) manifestiert, sozusagen ebenbürtig realisiert. Der ein wenig geisterhafte, aber auch antikisierend-marmorne Sound der späten Webern’schen Chorwerke bebt nach in der kleinen Chorkantate „Laboratoire central“ von 1970. Neu produziert und veröffentlicht sind vor allem zahlreiche Kammermusikwerke (darunter die größerformatige Klaviertoccata von 1964), alle realisiert unter der Aufsicht des eigentlichen künstlerischen spiritus rector, des Leiters der Schola Heidelberg und des ensembles aisthesis. Walter Nußbaum, geprägt von prononcierten Musikern wie Manfred Schreier, Peter Eötvös und Michael Gielen, motivierte eine Reihe hervorragender Solisten (darunter die Vokalisten Truike van der Poel, Julie Comparini, Ekkehard Abele, den Pianisten J. Marc Reichow, die Klarinettistin Susanne Heilig), die sämtlichen Einspielungen den Stempel der Kompetenz und der oft geradezu somnambulen Stilsicherheit aufdrücken. Im Zusammenhang gehört, hinterlassen die beiden CDs einen ähnlich subtil-spirituellen Eindruck wie ein in der Aufführungspraxis ja gelegentlich schon zum Ereignis gewordene Marathon sämtlicher mit Opuszeichen versehener Werke von Anton Webern. Der Komponist René Leibowitz: Zeuge für die Lebendigkeit der Dodekaphonie im 20. Jahrhundert, der beweist, dass man Schönbergs Prognose ihrer anstehenden „Vorherrschaft“ doch nicht allzu kleinmütig oder gar höhnisch beurteilen sollte.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 05.7.2013

René Leibowitz dirigiert das Royal Philharmonic Orchestra (1961)

René Leibowitz, compositeur
(Kammermusik, Lieder, Chorwerke, Violinkonzert u.a.)
Solisten der Schola Heidelberg, Leitung: Walter Nußbaum
Divox Excellence CDX-21103/4

CD bestellen

René LEIBOWITZ, 4 Bagatelles pour trombone et piano op. 61 (1961)