Max Sessner ist ein Dichter, der immerzu Fragen stellt. Doch sind diese nicht so leicht auszumachen. Alexandru Bulucz hat sich der Trauer, dem Existentialismus, dem Zweifel, der Nostalgie und der Melancholie Sessners ausgesetzt.

Buchkritik

Satzzeichen

Zu Max Sessners Gedichtband Warum gerade heute

Von Alexandru Bulucz

Die Titelfrage von Max Sessners letztem Gedichtband, der im Literaturverlag Droschl erscheint, lautet Warum gerade heute. Kehrt man nach der Lektüre seiner Gedichte zu ihr zurück, wird man verstehen, weshalb im Titel wie in Sessners gesamtem Poesiereich nur Fragen Berechtigung haben. Man mag nun aufgrund von Sessners asketischer Verwendung von Satzzeichen den Einwand erheben, dass die Fragen ja gar nicht auszumachen seien, aber liest man seine Gedichte mit derjenigen Aufmerksamkeit, die sie verdienen und derer es bedarf, um die ganze Formkraft und Stimmung seiner Dichtung zu erkennen, wird man erschüttert sein, wenn man gewahr wird, dass jedes Gedicht von sich aus mindestens ein Fragezeichen herbeizitiert. So ist der Einwand in gewisser Hinsicht gar kein Einwand, denn die Fragen Sessners lassen sich in der Tat nicht ausmachen. Nicht auslöschen. Die Titelfrage, anders lässt sie sich nicht beschreiben, ist eine Frage des Lesens.

Unter den neunundsiebzig Gedichten Sessners zählt man insgesamt neun Gedichte, in denen ausdrücklich Satzzeichen auftauchen. Es sind derer einundzwanzig: drei Gedankenstriche, wobei zwei von ihnen eine Parenthese ergeben, fünf Doppelpunkte und dreizehn Fragezeichen. „Doppelpunkte sperren […] den Mund auf: weh dem Schriftsteller, der sie nicht nahrhaft füttert.“ So mahnt Adorno in seinem Aufsatz Satzzeichen den Dichter an dessen Schuld, in der er steht, wenn er den Doppelpunkt gebraucht. Glücklicherweise kommt Sessners Dichtung dieser Schuld nach, und so sperrt sie den Mund derer auf, die vielleicht keine Stimme haben oder der Sprache nicht mächtig sind: „Der Zwerg sagt:“, die an Demenz erkrankte Mutter „singt:“, „von weitem /denkt man:“, so „meldet /sich hier eine geheime /Sehnsucht zu Wort:“, „oder war es so:“. Diese Dichtung überlässt der Unmündigkeit das Wort: dem kindhaften Zwerg, der Krankheit, der Sehnsucht, der Möglichkeit, dem Denken selbst. Sie spricht zu uns für das Unmündige, sie spricht „zu dir mit meiner /Stimme“. Der Gesang der dementen Mutter entspricht dem Selbstverlust und der äußersten Zerrissenheit eines jeden Individuums, das nach sich selbst als einem Menschen fragt: „Hier bin ich /Hier bin ich nicht“. Diese Zerrissenheit, die sich aus der Endlichkeit alles Lebendigen speist, durchzieht alle Gedichte; sie zehrt an ihnen. Wie aussichtslos klagt Sessners „ach Gott“, das sich in der Abwesenheit der göttlichen Antwort erschöpft: „vielleicht auch /– doch komm mir nicht damit – /die kleine Freude sterblich zu sein“. Die Parenthese legt Zeugnis davon ab, dass Sessners Beziehung zur Endlichkeit eine Beziehung von Nähe und Ferne gleichermaßen ist. Und wenn man angesichts der Endlichkeit und des Todes „ach dieses Einsamkeitsgeräusch“ macht, dann stirbt man allein. Indem er feststellt, dass sein eigenes Gedicht „ein kleines sterbliches /Ding das niemand beachtet“ ist, distanziert er sich auf nüchterne Art und Weise von Shakespeares Zeile: „When in eternal lines to time thou grow’st.“ Das erschöpfte Beben seiner oft vorkommenden Ach-Laute findet seinesgleichen vielleicht nur in den zwei Seufzern Kleists aus dessen Brief an Wilhelmine von Zenge vom 22. März 1801, in dem er seine Kant-Krise beschreibt. Sessner geht sogar soweit, dass er das Schicksal der Sprache überhaupt bestimmt: „Seufzer der Mund“.

Dass Sessner beinahe gänzlich auf die Interpunktion verzichtet, ist keine Idiosynkrasie gegen Satzzeichen, sondern ein Kniff, mit dem er sein Formbewusstsein zeigt: „die anderen scheinen / zu lauschen haben die Augen /geschlossen“. Schließt man vom Augenschließen auf den Grund des Lauschens, hat man es mit einer Opposition zu tun: dem Hörsinn und dem Sehsinn. Liest man nur „zu lauschen haben die Augen“, hat man es mit einer produktiven Synthese zweier antithetischen Möglichkeiten zu tun, in der die Fixierung auf nur einen der Sinne aufgehoben wird. Man darf diese Zeile zur Poetologie Sessners erheben. Zweifelsohne haben Sessners Gedichtsblöcke eher etwas Lauschendes als Ausstrahlung, aber sie nehmen den Aufmerksamen auf und ziehen ihn in ihren Bann. Auch darf Sessners Formbewusstsein nicht mit demjenigen Kafkas oder Celans verglichen werden, wenngleich er sich in einer Linie mit ihnen sieht: „die Amsel bin ich“. In Sessners Dichtung verbannt, lernen wir, die Dinge anders zu sehen; wir lernen, sie zu lieben, denn: „Wenn wir die Dinge nicht lieben /suchen sie uns heim“.„Am Ende sind wir was wir sehen“: ein Bett, etwas Aerisches wie der Wind, eine Aktentasche… Wir lernen, mit einem Wort Martin Bubers aus Ich und Du, „die Gelassenheit zu allen Dingen und die Berührung, die ihnen hilft“. Es ist das Verdienst Sessners, uns für eine Weile dazu gebracht zu haben, von Objektivierungen abzulassen und den Dingen ihren eigenen Ausdruck zu gewähren. Seit Francis Ponge ist es vielleicht niemandem mehr gelungen, ein wirkliches Gespräch mit den Dingen zu führen. So ist diese Fähigkeit Sessners unter anderem der Grund für „das Gelächter der Wohnung“. Eines der schönsten Bilder, die er den Dingen entrückt, findet man im Gedicht Niederländer: „Wäsche flattert im /Hof feuchte Zungen /die nach Worten suchen“. Die unscheinbarste Begegnung passiert in einem ruhelosen Ding: „Wenn mir die betrunkene /Rothaarige begegnet und mich um /Feuer bittet treffen wir uns /für ein paar Sekunden im Zentrum /der Flamme meines Feuerzeugs“. Zuweilen droht man, sich im „Durcheinander /von Stimmen“ zu verlieren, und zuweilen kann man „nicht lesen /ohne müde zu werden“. Man legt sich schlafen und möchte sich von all der Trauer, dem Existentialismus, dem Zweifel, der Nostalgie und der Melancholie Sessners erholen, aber „alles riecht bis in die Träume hinein“: Wir, so heißt ein Gedicht von Sessner, sind es, von denen er spricht. Und er spricht von einem unentwegt fragenden Wesen: „unsere Hände / sind Zweifler manchmal so scheint es /gehen sie ohne uns aus dem Haus“.

Nach dem letzten Gedicht, das den Titel Dinge trägt, wünscht man sich, dass Max Sessners Dichtung aufzuhören, aufzuhorchen, nicht aufhört.

Alexandru Bulucz

Kommentare


agaphia - ( 16-09-2013 06:08:40 )
mutig und großartig...es geht um das was ich verstehe...

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erstellt am 03.7.2013

Max Sessner, Foto © Michael Baumgartner

Max Sessner, 1959 in Fürth/Bayern geboren, lebt heute in Augsburg.

Er veröffentlichte mehrere Gedichtbände in kleinen Pressen. Beim Literaturverlag Droschl erschien 2005 der Gedichtband Küchen und Züge.

Max Sessner
Warum gerade heute
Gedichte
Gebunden, 104 Seiten
ISBN: 9783854207924
Literaturverlag Droschl, Graz 2012

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