Filmkritik von Kai Mihm

Miral

In seinem neuen Spielfilm erzählt Julian Schnabel eine Geschichte aus dem Nahostkonflikt.

Für einen Film über den Nahostkonflikt ist die Situation hinter der Kamera hochspannend: Regisseur Julian Schnabel, Sohn amerikanischer Juden, verfilmt ein Drehbuch seiner Lebenspartnerin Rula Jebreal, einer palästinensischen Journalistin. Für den Zuschauer stellt sich da sofort die Frage, ob und auf welche Weise sich die unterschiedlichen Sozialisationen und die vermutlich auseinander driftenden politischen Prägungen von Regisseur und Drehbuchautorin bemerkbar machen werden. Die erste Überraschung besteht denn auch darin, dass „Miral“ auf eine jüdische Perspektive verzichtet und komplett aus der Sicht verschiedener Palästinenser erzählt ist – palästinensischer Frauen, um genau zu sein, denn Jebreal verarbeitete in dem Buch nach eigenem Bekunden zahlreiche Momente ihres eigenen, bewegten Lebens.

Die erzählerische Klammer bildet die wahre Geschichte der willensstarken Hind Husseini (Hiam Abbass), die 1948, dem Jahr der israelischen Unabhängigkeitserklärung, in Jerusalem ein Waisenhaus für arabische Mädchen gründet. Hier landet dreißig Jahre später auch die siebenjährige Miral, nachdem ihre psychisch labile Mutter Nadia, deren leidensvolle Geschichte zuvor erzählt wurde, die Familie verlassen hat und der Vater sich nicht mehr in der Lage sieht, alleine für das Mädchen zu sorgen. Mirals Geschichte nimmt fast die gesamte zweite Hälfte des Films ein und schildert ihre Entwicklung zu einer politisch engagierten jungen Frau und Journalistin.

Nach seiner Uraufführung bei den Filmfestspielen in Venedig wurde „Miral“ von zahlreichen Kritikern als palästinensischer Propagandafilm bezeichnet, in dem israelische Juden ausschließlich in Form brutaler Militärs oder rassistischer Richter vorkämen.

Dieser Vorwurf ist gleichermaßen nichtssagend und absurd. Denn zum Einen müsste nach dieser Logik fast jeder amerikanische Politfilm als Propaganda gegeisselt werden; und zum Anderen dürfte die Situation der Palästinenser in der Realität noch weitaus erschreckender sein. „Miral“ scheitert ganz im Gegenteil an seiner politischen Verzagtheit und einer biederen Inszenierung, die Emotionalisierungen scheut und fortwährend versucht, das Anliegen der Palästinenser für ein breites Publikum speziell in Amerika goutierbar zu machen. In Schnabels Palästina trägt keine Frau ein Kopftuch, die Menschen sind durchweg von hollywoodtauglicher Schönheit (Miral wird bezeichnenderweise von der Inderin Freida Pinto gespielt) und die Araber sprechen selbst untereinander in fließendem Englisch miteinander. Die Ressentiments durch rassistische Juden und die israelische Armee stehen eher symbolisch für den großen Konflikt zwischen den Völkern, und in regelmäßigen Abständen darf ein blendend aussehender PLO-Aktivist die Bedeutung des gewaltlosen Widerstands und die Sinnhaftigkeit einer Zwei-Staaten-Lösung betonen. Bei so viel politischer Vorsicht bleibt auch die Dramaturgie auf der Strecke. Keine der drei zentralen Frauenfiguren kommt einem nahe, ihre potentiell bewegenden Schicksale lassen einen seltsam gleichgültig. Zu sehr hat man das Gefühl, dass auch sie nur symbolhafte Gestalten sind, mit denen Schnabel die Facetten des palästinensischen Lebens und des friedlichen Widerstands anschaulich machen will. Am Ende wünscht man sich, er hätte wirklich einen Propagandafilm gedreht – darüber hätte man wenigstens streiten können.

Kinostart am 18. November 2010

Kai Mihm

erstellt am 02.11.2010

Miral – Trailer