In ihrem neuen Buch stellt die Musikwissenschaftlerin Ute Jung-Kaiser die Korrespondenzen her zwischen den Gedichttexten, die Schubert in seinen Liedern vertont hat, und den Bildern, die diese wiederum hervorgebracht haben.

Bildende Kunst und Musik

Schuberts Lieder: Text, Musik, Bild

Von Stefana Sabin

Franz Schubert, so der renommierte Bariton Barry McDaniel, war ein Sänger, der Gefühle zu destillieren vermochte. Diese Gefühle werden nun in dem neuen Buch der Frankfurter Musikwissenschaftlerin Ute Jung-Kaiser auf besondere Weise destilliert – nämlich, indem die Korrespondenzen zwischen den Liedtexten, die Schubert vertont hat, und den Bildern, die diese Texte oder die Lieder inspiriert haben, ausgearbeitet werden.

In ihren Büchern – über Chopin, Mozart, Mahler – geht es Jung-Kaiser immer wieder um Wechselwirkungen zwischen Musik und anderen Künsten. Die Mischung aus musikalischer und musikhistorischer Analyse einerseits und aus Text- und Bildinterpretation andererseits ist inzwischen zu ihrem Markenzeichen geworden, und auch in ihrem nun neuen Buch sammelt und vergleicht sie mit ebenso viel Sachverstand wie ästhetischem Einfühlungsvermögen künstlerische Reaktionen auf Musik: Diesmal beschreibt sie Schuberts Lieder und die malerischen Verarbeitungen, die sie inspiriert haben, auch solche, die eigens für dieses Buch entstanden sind.

Jung-Kaiser führt vor, wie sehr Schuberts Lieder bildende Künstler zu weiterführenden „Übersetzungslösungen“ inspiriert haben. Diese künstlerischen Erfindungen sind Reaktionen auf die Dichtung und zugleich auf die Musik und sie ermöglichen neue Hörweisen – und sie eröffnen einen interdisziplinären Diskurs, der der Rezeptionsforschung Impulse verleiht. Die Lieder, die Jung-Kaiser für ihre Unternehmung ausgewählt hat, entstammen unterschiedlichen Entstehungsphasen und alle beschreiben emotionelle Urerfahrungen wie Liebe und Tod, Lebensglück und Lebensenttäuschung.

Die meisten Kapitel gehen von Goethe-Vertonungen aus: Opus 1 war Erlkönig des achtzehnjährigen Schubert, Opus 2 war Gretchen am Spinnrade, es folgen Schäfers Klagelied, Das Heidenröslein, Freudvoll und leidvoll, An den Mond, Der König von Thule, Mignons Sehnsuchtslied und Wanderers Nachtlied). Aber auch Vertonungen von Christian Daniel Friedrich Schubart (Die Forelle), von Matthias Claudius (Der Tod und das Mädchen) und auch Gedichte aus der Schönen Müllerin und der Winterreise von Wilhelm Müller werden besprochen. Die Müller-Gedichte hatte Schubert durch Auswahl und Umordnung zu Zyklen geformt und sie wurden erst durch seine Vertonungen kanonisiert. Und auch Vertonungen nach Gedichten von Heinrich Heine (Der Atlas, Still ist die Nacht) und Ludwig Rellstab (Ständchen), die heute zum Schwanengesang gezählt werden, beschreibt Jung-Kaiser.

Ihr Stil ist sachlich und ihre Musik-, Text- und Bilddeutungen sind nachvollziehbar – das Buch wendet sich trotz der Materialfülle an alle, die Schuberts Lieder kennen und mögen. Ihnen vermittelt Jung-Kaiser nicht nur neue Einsichten, sondern auch Bildungserlebnisse.

Franz Schubert: Schäfers Klagelied D121
Rafael Bruck, Bariton | Naomi Schmidt, Piano

Auszug: Beginn des IV. Kapitels

Schäfers Klagelied

Von Ute Jung-Kaiser

In den 1829 publizierten Randzeichnungen zu Goethes Balladen und Romanzen zur Ehre seiner „Exzellenz“, des weltberühmten Dichters Goethe, sucht Eugen Neureuther mit einfacher Nachzeichnung den Schäfer inmitten seiner Herde wiederzugeben. Wie im Gedicht dargelegt, hat er sich unter dem Schatten spendenden Baum sinnend an seinen Hirtenstab „gebogen“. Schubert wird später die trauernd-resignative Körperhaltung durch das erweiternde „Hingebogen“ überzeichnen, das die Blickrichtung der sehnsuchtsvoll in die Ferne gerichteten Augen gleichsam vorgibt. Während der Hund mitleidvoll zu ihm aufschaut, weidet die Schafherde teilnahmslos auf der Wiese, die „von schönen Blumen“ so voll ist. Im Tal unten sieht man das Haus, über dem „wohl ein Regenbogen stehet“; doch sein Leuchten übermittelt keine Hoffnung, da die Geliebte endgültig „weggezogen“ ist – Schubert ändert in: „fortgezogen“ –, „weit in das Land hinaus und weiter, vielleicht gar über die See“.

Mit dieser Illustration entspricht er der Goetheschen Intention, das Gedicht wie ein Volkslied erscheinen zu lassen. Zitierte doch jener bereits mit den ersten Zeilen „Dort droben auf jenem Berg, da steh’ ich tausendmal“ nicht nur das alte Volkslied „Da droben auf jenem Berge, da steht ein hohes Haus“, sondern übernahm auch lyrische Parameter wie „Versbau, Metrik, Wort- und Bildwahl“(1), welche dem Volksliedton nahe kommen. Dank der einfachen Sprache, der plastischen Bilder und des lebensnahen Bezugs garantierte er „die konzentrierteste Tiefe der Empfindung“, wie einst Schiller lobend hervorhob.

Aus der Periode der drei Reiche und Dschin-Dynastie (220–420 n.Chr.) gibt es Verse eines unbekannten chinesischen Dichters, die genau jene Qualitäten wachrufen, derer sich Goethe bedient und die Schiller nachzuempfinden und Schubert nachzugestalten vermochten:

Das Volkslied
Berauschend hell mag mancher Laut erklingen
im Flötenspiel, im zarten Saitenschwingen.
Das Volkslied aber singt nicht nur der Mund –
wißt ihr, daß in ihm Menschenherzen singen?(2)

Auch das Lied des Schäfers singt „nicht nur der Mund“, in ihm singen „Menschenherzen“, stellvertretend für alle Leidenden, allein Gelassenen, Trauernden. So berührt es uns wie ein Volkslied.

Vielleicht hatte der Illustrator Neureuther auch Schuberts Vertonung im Ohr. Den eigentümlichen Pastoralton und die volksliednahe, natürliche Diktion des Goethe-Liedes hat auch Schubert wie selbstverständlich adaptiert. Einfach sind die Melodieführung, die Liedperiodik, die Strophengliederung, selbst die Begleitung mit ihren stützenden Akkorden oder gebrochenen Dreiklängen. Fast möchte man dem Sänger eine Laute oder Zither in die Hand geben.

Doch bestechen nicht nur der einfache und pastorale Liedton, sondern auch die kompositorische Zurückhaltung, die speziell bei diesem frühen Lied (aus dem Jahr 1814) so unmittelbar ins Auge fällt. Gerade hier sei kein „Komödiant“ am Werk, auch kein „Charlatan“, wie Johann Michael Vogl, Schuberts großer erster Liedersänger, intuitiv erkennt, hier „verschwende[t]“ ein Komponist seine „schönen Gedanken, ohne sie breit zu schlagen.“ So sein Kommentar über seine erste und (für beide Seiten) folgenreiche Begegnung mit Schubert:

Er [Vogl] trat um die bestimme Stunde ganz gravitätisch bei Schober ein, und als ihm der kleine unansehnliche Schubert einen etwas linkischen Kratzfuß machte und über die Ehre der Bekanntschaft in der Verlegenheit einige unzusammenhängende Worte stammelte, rümpfte Vogl etwas geringschätzig die Nase, und der Anfang der Bekanntschaft schien uns unheilvoll. Vogl sagte endlich:“ Nun, was haben Sie denn da? Begleiten Sie mich!“ und dabei nahm der das nächstliegende Blatt, enthaltend das Gedicht von Mayrhofer Augenlied, ein hübsches, melodiöses, aber nicht bedeutendes Lied. Vogl summte mehr, als er sang und sagte dann etwas kalt: „Nicht übel.“ Als ihm hierauf andere Lieder, auf die ich mich nicht mehr erinnere, ich glaube Schäfers Klage und Ganymed waren darunter, begleitet wurden, die er alle nur mit halber Stimme sang, wurde er immer freundlicher! Doch schied er ohne Zusage wiederzukommen. Bei dem Weggehen klopfte er Schubert auf die Schulter und sagte zu ihm: „Es steckt etwas in Ihnen, aber Sie sind zu wenig Komödiant, zu wenig Charlatan! Sie verschwenden Ihre schönen Gedanken, ohne sie breit zu schlagen.“(3)

In dem schlichten Klaviersatz wiedererkennt Wolfram Steinbeck tradierte „Typen einfacher Stegreifbegleitung.“

Text und Musik bestätigen: Alles Hoffen „ist leider nur Traum“ (4. Strophe).

1) Wolfram Steinbeck, Das Prinzip der Liedbegleitung bei Schubert, in: Musikforschung 42 (1989), S. 206–221, hier: S. 209f.

2) Chrysanthemen im Spiegel. Klassische chinesische Dichtungen, herausgegeben, aus dem Chinesischen übertragen u. nachgedichtet v. Ernst Schwarz, Berlin (1969), S. 165.

3) Joseph von Spaun, Memoiren, handschriftl. Auszug (Gesellschaft der Musikfreunde Wien). Zit. nach: Andreas Liess, Johann Michael Vogl. Hofoperist und Schubertsänger, Graz u. Köln 1954, S. 61.

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erstellt am 03.7.2013

Ute Jung-Kaiser
Der Sänger Franz Schubert. Seelische Virtuosität in Text, Musik und Bild
247 Seiten mit zahlreichen Abbildungen
ISBN: 978-3-643-11701-4
LIT Verlag (Musikwissenschaft Band 15) Berlin 2013

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Eugen Neureuther Randzeichnungen zu Goethes Balladen und Romanzen, Cotta: München u.a. 1829, o. S.
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