Brasilien wird in diesem Jahr Ehrengastland der Buchmesse sein. Das nimmt Faust-Kultur zum Anlass, Autoren vorzustellen, die in portugiesischer Sprache schreiben. Michael Kegler betreut diesen Schwerpunkt und stellt die Autoren in einführenden Porträts, Gesprächen und Textauszügen vor. Den Auftakt der Reihe bildeten bereits der brasilianische Schriftsteller Luiz Ruffato und der angolanische Autor Ondjaki.
Hier folgt ein bisher noch nicht auf Deutsch publizierter und von Michael Kegler übersetzter Textauszug aus dem Roman A instalação do medo und ein Blick auf den portugiesischen Autor Rui Zink.

Rui Zink
Reihe: Lusophone Literatur III

Rui Zink – Die Einrichtung der Angst

Auf der Türschwelle zwei Männer. Der eine in Schlips und Kragen, gepflegt, schlank, feine Nase und Lippen, Technokratenkoffer in der Hand. Der andere untersetzt, grimmiges Gesicht, Overall, Werkzeugkoffer in einer bemerkenswerten Pranke.
„Ent … entschuldigen Sie, ich war an der Waschmaschine, ich habe Sie nicht gehört…“
Kaum gesagt, merkt die Frau, dass es die falsche Ausrede ist. Aus der Küche ist kein Laut einer Waschmaschine zu hören.
Die Männer schauen die Frau an, als schauten sie gar nicht die Frau an.
Eigenartig. Die Männer sehen gar nicht bedrohlich aus. Ganz im Gegenteil. Der im Anzug wirkt eloquent, der andere tatsächlich ein wenig grobschlächtig, schwer, abwesend.
„Guten Tag die Dame“, sagt der im Anzug mit seiner eloquenten Art, „Wir bringen die Angst ins Haus.“
„Angst?“
Der eloquente Anzugträger zeigt ein rhetorisches Staunen:
„Hat Ihnen niemand Bescheid gesagt?“ Die Augen des Mannes schauen, als würde er „Na?“ sagen.
Die Frau beißt sich auf die Lippen:
„Muss es heute sein? Ich hatte eigentlich vor…“
Der eloquente Anzugmann bleibt freundlich aber bestimmt:
„Meine Dame, der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. Es ist zum Wohl des ganzen Landes.“
„Schon. Aber ich wusste davon nichts…“
Der Anzugmann schaut enttäuscht:
„Sagen Sie nicht, dass Sie gegen das Wohl des Landes sind.“
„Ich…“
„Oder gegen den Fortschritt.“
„…“
„Oder gegen die Angst.“
Die Frau beißt sich auf die Lippen:
„Nein. Natürlich nicht…“
© Rui Zink, übersetzt von Michael Kegler

„A instalação do medo“ – Die „Einrichtung der Angst“ heißt der jüngste, im Oktober vergangenen Jahres erschienene Roman des portugiesischen Schriftstellers Rui Zink. Was wie ein humoriger Science-Fiction kafkaesker Prägung beginnt – zwei Monteure versuchen die Angst fest zu installieren -, entwickelt sich zu einem beklemmenden Kammerstück über alle möglichen Spielarten dessen von dem Rio Reiser einst – Marx paraphrasierend sang: „Wir haben nichts zu verlieren, außer unserer Angst.“

Rui Zink, der seine Karriere in den frühen 1980er Jahren als Provokateur begann und mit der Straßentheatergruppe „Felizes da Fé“ absurde Manifestationen auf Lissabons Straßen brachte, parodiert und beschreibt seit seinem ersten Roman „Hotel Lusitano“ (1986) Portugal als die ewige europäische Peripherie und ließ 2001 einen neuzeitlichen Camões per Internet-Roman nach Afghanistan reisen. Drei seiner Romane (Hotel Lusitano, Apokalüpse Nau und Afghanistan) wurden von Martin Amannshauser ins Deutsche übersetzt. In Portugal genießt Rui Zink bis heute den Ruf eines scharfzüngigen Lästerers, hat inzwischen 10 Romane, mindestens 5 Bände mit Kurzprosa, mehrere Graphic-Novel und zwei Kinderbücher verfasst und ist weiterhin nie um öffentliche Interventionen verlegen, engagiert sich in der portugiesischen Liga zur Verteidigung von Fußgängerrechten und lehrt wie nebenbei seit Jahren an der Universidade Nova in Lissabon portugiesische Literatur und kreatives Schreiben.

Es ist Krieg, einstweilen noch mit nur wenig Blut, doch ein Krieg. (…) Ein Krieg der Kulturen: Zwischen denen, die an die Märkte glauben und jenen, die glauben, dass wir nicht (immer) des Menschen Wolf sein müssen.

… schrieb Rui Zink vor wenigen Tagen und fasste damit eine Verbitterung zusammen, mit der er zunehmend ernsthaft und unmissverständlich die Krise in Portugal und Europa analysiert. Als einer der ersten Kulturschaffenden des Landes hat der auf ewig als Witzemacher missverstandene Rui Zink literarisch auf die Verschärfung der Verhältnisse aufmerksam gemacht. „O destino turístico“ beschrieb schon 2008, als „Krise“ noch abgehoben und leicht in den Feuilletons zerquatscht werden konnte, ein Europa, das verarmt zum artifiziellen Kriegs-Disneyland für reiche Desperados aus aufstrebenden Schwellenländern geworden ist. In seiner Erzählung „Amanhã chegam as águas“ (Morgen kommt das Wasser) von 2005 werden den Menschen in Europas Peripherie Kiemen eingepflanzt, um sie für ein Leben im Wasser tauglich zu machen, denn der Bau von Dämmen gegen den steigenden Meeresspiegel „rechnet“ sich nicht, und die Portugiesen haben ohnehin einen historischen Hang zum Meer.

„Morgen kommt das Wasser. Unser Dorf verschwindet. Es wird nicht das erste Dorf sein. Aber es ist unseres. Es wird verschwinden. Vom Wasser verschlungen. Und wir mit ihm.“

Mit den Jahren ist aus dem Lästerer ein Mahner geworden. Allerdings einer, der einem guten Witz selten widersteht, und deswegen gern missverstanden wird, wenn er wie in „O Suplente“ (2000) eindringlich den Tod eines Kindes beschreibt, oder in „Dádiva Divina“ (2004) den Helden durch die Blutspende einer HIV-positiven widerauferstehen lässt. Als ihn vor zwei Jahren eine portugiesische Wirtschaftszeitung zu Anlagestrategien interviewte, antwortete er stoisch und wahllos mit „Ja“, „Nein“ und „Vielleicht“, um dann, als das Interview aus „redaktionellen Gründen“ nicht gedruckt wurde, öffentlich den „Kampf gegen das Böse in der Welt, den Kampf gegen den „Diário Económico“, den von der Wirtschaft dominierter Alltag, auszurufen. Als „A instalação do medo“ veröffentlicht wurde, erklärte Rui Zink, sein Buch sei sehr wohl eine Waffe, denn dafür habe es der Verleger mit einem festen Einband versehen, und man müsse erkennen, dass eine explizite Kampagne im Gange sei, um Portugal um ein vielfaches ärmer zu machen, damit man den Preis der Arbeit senken könne. Und das beste Mittel, die Menschen zu disziplinieren, sei Angst.

In „A instalação do medo“ beschreibt Rui Zink in einem furiosen Monolog – denn eigentlich redet nur der eloquente Mann im Anzug – den Weg der Angst in die Seelen der Menschen, von den Urängsten über die Märchen, die Literatur, den Terrorismus, bis zur heutigen, allgegenwärtigen Angst vor dem Monster namens „Die Märkte“, denen zu huldigen scheinbar oberste Menschenpflicht ist. Und am Ende dieses grandiosen Versuchs über die Angst dreht sich die Situation: Aus den Tätern, die „nur ihre Pflicht“ tun, werden Gefangene. Die Frau, die ihr Kind Morpheus nennt, überwältigt den Eloquenten und den Monteur. Doch ein Happy End wird das nicht:

Sie sind zu spät, meine Herren, wie immer. Die Angst ist längst da. Morpheus möchte nur spielen.

„A instalação do medo“ ist nicht weniger als der täglich aktueller werdende Roman zur Zeit. Ein Jammer, dass es ihn noch nicht auf Deutsch gibt.

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erstellt am 02.7.2013

Rui Zink. In der Sprechblase steht: „Ich verrate dir ein Geheimnis: Gott liebt dich und nur dich. (Bei den anderen tut er nur so).“

Rui Zink
A instalação do medo
180 Seiten
Edições Teodolito 2012

Rui Zink
O destino turístico
Teorema 2008

Romane von Rui Zink auf Deutsch:

Hotel Lusitano
Aus dem Portugiesischen von Martin Amanshauser
Deuticke Verlag, Wien 1998

Apokalüpse Nau
Aus dem Portugiesischen von Martin Amanshauser
Deuticke Verlag, Wien 1999

Afghanistan
Aus dem Portugiesischen von Martin Amanshauser
Deuticke Verlag, Wien 2002

Rui Zink über seinen Roman „A instalação do medo“

Rui Zink über das zensierte Interview

Siehe auch:
Lusophone Literatur