Es gibt offenbar auch für das kommerzielle Denken ein Trägheitsgesetz. Seit vielen Jahren wird mit Maßnahmen operiert, die, nachprüfbar, nie funktionierten. Dazu gehört unter anderem die Idee, mit der Senkung des Anspruchs Publikum zu vermehren. Unter diese sogenannte Popularisierung ist längst auch die freie, improvisierte Musik geraten. Thomas Rothschild berichtet vom Glasgow Jazz Festival 2013.

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Georgie Fame und die Provinz

Eindrücke vom Glasgow Jazz Festival

Von Thomas Rothschild

Vor neun Jahren warf Olive Millen das Handtuch. Sechs Jahre lang hatte sie das Programm des Glasgow Jazz Festivals bestimmt und es zu einem der interessanten Festivals weltweit gemacht. In einem Rundschreiben nannte sie die Gründe für ihren Abschied vom Jazz: „Die Freude, die ich trotz ökonomischen und einflussreichen Einschränkungen bei der Zusammenstellung eines Jazzprogramms empfunden habe, hat sich in den vergangenen drei Jahren mehr und mehr verringert, und ich habe nun einen Punkt erreicht, an dem ich das Gefühl habe, dass ich mich weiter bewegen muss.“ Ihre Entscheidung, aufzugeben, verdanke sich „teils den Forderungen der Sponsoren, die das Programm in eine stärker populistische Richtung drängen mit dem Druck, die innovativeren Künstler zu verlieren, und teils Führungsproblemen“. Olive Millen, eine ausgewiesene Jazzkennerin schon vor ihrem Amtsantritt in Glasgow, erklärte: „Es war einige Jahre mein Leben und meine Arbeit, und es ist nicht immer leicht, sich zu solchen Veränderungen zu entschließen. Meine Leidenschaft gehört der Musik, die das Genre voran bewegt, und nicht der Suche nach zugänglicherer Musik, die die Menschen weder aufrütteln noch stimulieren will.“ Über die Zusammenarbeit im Führungsteam sagte Olive Millen: „Es gab viele Tagesordnungspunkte zur Frage, was das Festival erreichen soll. Mein Tagesordnungspunkt war die Qualität des Programms, und ich merkte, dass ich immer weniger kreative Kontrolle hatte.“

Wenn Jazzfestivals, aber auch andere kulturelle Einrichtungen unter ökonomischen und (meist eben deshalb) unter politischen Druck geraten, wählen sie in der Regel zwischen zwei Möglichkeiten: zwischen der Kommerzialisierung und dem Provinzialismus. Entweder versuchen sie die Einnahmen zu erhöhen, indem sie große Namen, eingeführte „Marken“, ein garantiert populäres Angebot einkaufen, oder sie bemühen sich um eine Verringerung der Kosten, indem sie Künstler aus der Region einladen, die keine Spesen verursachen und meist geringere Honorare erhalten. Manche Veranstalter vermischen diese beiden Strategien: spektakuläre „Acts“ für die Feiertage, Beschränkung auf lokale Ressourcen für den Alltag. Einem Jazz oder auch anderen Künsten, die „die das Genre voran bewegen“, ist in der Regel dies wie jenes kaum günstig.

Auch in Glasgow hat man diesen zweigleisigen Weg eingeschlagen, und die Ironie der Geschichte zeigt: es hat sich nicht einmal ökonomisch gelohnt. Die Konzerte sind deutlich schlechter besucht als zu Olive Millens Zeiten, das Festival ist zu einem mittelmäßigen Ereignis ohne überregionale Bedeutung abgesunken. Jenen Kulturveranstaltern aber, die mit den immer gleichen Ausreden (kein Geld, kein Geld, kein Geld) kommen, um ihre Kompromisse und ihren Verrat an den einstigen künstlerischen und politischen Idealen zu rechtfertigen, möchte man das Beispiel Olive Millen vor Augen halten, die sich verabschiedet hat, als sie einsehen musste, dass sie nicht realisieren konnte, wovon sie überzeugt war. Freilich: die anderen, die um jeden Preis (!) weiter machen, passen in eine Zeit, in der man nicht mehr kauft, was man benötigt, sondern was als Schnäppchen beworben wird, in der Wissenschaftler nicht nach Dingen forschen, die ihnen auf den Nägeln brennen, sondern nach solchen, für die sie Drittmittel erhalten, in der Journalisten nicht Themen aufgreifen, die ihnen wichtig oder interessant erscheinen, sondern solche, die ihnen die Medien abnehmen – und seien sie noch so belanglos und überflüssig.

Zu den Attraktionen, die das Massenpublikum anlocken sollten, gehörten in diesem Jahr in Glasgow Burt Bacharach, den eine Tournee zufällig in die Gegend führte und tags darauf nach Edinburgh, ganz ohne Jazzfestival, ferner, nicht zum ersten Mal, Georgie Fame, berühmt geworden als Rockmusiker, aber seit einiger Zeit zum Jazz übergewechselt, und die Blind Boys of Alabama. Das 1939 (!) gegründete Ensemble, das in makelloser Perfektion Gospel, aber auch, nicht ohne sich dafür zu entschuldigen, Country Music liefert, behält, wie das noch berühmtere Golden Gate Quartet, bei wechselnder Besetzung seinen Namen: eine Marke eben. Und wenn die drei „Boys“ und ihre Begleitband ihre Version von „Way Down in the Hole“ von Tom Waits singen, mit der die Folgen der ersten Staffel der bemerkenswerten Fernsehserie „The Wire“ eingeleitet werden, braust im Old Fruitmarket heftiger Applaus auf. Diese viktorianische Markthalle ist übrigens bereits seit 20 Jahren ein idealer Ort für Jazzkonzerte. Wenn dann einer der Sänger ins Publikum geführt wird und sich von allen willigen Damen abbusseln lassen muss, wobei ihn seine Blindheit vor mancher Desillusionierung bewahrt, kennt der Jubel keine Grenzen.

Zu den „großen Namen“ zählt, jedenfalls in Glasgow, auch Carol Kidd, die 1945 in dieser Stadt von Rod Stewart und Mark Knopfler geboren wurde. Ihre Bekanntheit ist aber zugleich ihr Manko. Sie kokettiert mit dem Publikum, redet viel zu viel, und ehe sie zum nächsten Song kommt, ist man schon ziemlich enerviert. Aber sie kann immer noch gut singen. Den Rest erledigt die Routine.

Überhaupt: dieses Gequatsche, das in Mode gekommen ist, etwa bei der Sängerin Sarah Jane Morris (mit Jazz haben ihre Songs wenig zu tun): Wir erfahren alles Mögliche aus ihrem Privatleben, wie sie mit dem Auto von Italien nach England fuhr, dass sie zu Hause keinen Fernseher besitzt, wann und wo sie geheiratet hat. Würde sie weniger erzählen und weniger grimassieren, könnte man sich auf die Lieder konzentrieren. So aber achtet man lieber auf Tony Remy, der sie ohne Gefeixe und ohne Worte auf der Gitarre begleitet. Irgendwie ist er in seinem T-Shirt und den Jeans ein erfreulicherer Anblick als die Liedermacherin in ihrem pompösen Abendkleid mit den Kunstblumen auf den Brustspitzen. Diese Aufmachung zieht sogar ihre sympathische politische Haltung in Mitleidenschaft. Irgendwie passt das nicht zusammen.

Zum Urgestein des Jazz in Glasgow zählt der Saxophonist Bobby Wellins, für dessen erkrankten Partner Stan Tracey der Pianist Paul Harrison einspringen musste. Auch das Duo Paul Towndrow am Sopransaxophon und Steve Hamilton am Klavier, das als Vorgruppe zu Wellins' Quartett auftrat, „belong to Glasgow“, aber aufgewachsen ist es offenkundig mit Keith Jarett und Jan Garbarek, während für den älteren Bobby Wellins Thelonious Monk die Bezugsperson ist. Selbst bei den weniger bekannten lokalen Ensembles mangelt es nicht an Qualität und nicht an technischem Können. Eher fehlt es an Originalität. Das gilt für das Quartett der Saxophonistin Laura MacDonald ebenso wie für die Gruppe Grooveyard oder die allerdings sehr jungen Musiker des Peter Johnstone Trios. Das Dixieland-Quartett Nova Scotia Jazz Band gibt unumwunden zu, dass es die Arrangements der Standards abgekupfert hat. Brav nachgespielt, ausreichend für einen schönen Abend im Jazzclub – aber kann man damit ein Festival bestreiten? Erstaunlich talentiert auch die jungen Musiker des Strathclyde Youth Jazz Orchestra. Wenn es etwas zu bemängeln gibt, dann ist es der Akademismus. Der Pianistin zum Beispiel möchte man einen beherzteren Anschlag wünschen und dass sie sich frei macht von den Zwängen des ausgezählten Takts. Weg mit den Noten, her mit dem Feeling, dann kann dieses Orchester auf Reisen gehen und weit mehr sein als eine regionale Institution. Es trat übrigens im Ramshorn Theatre auf, einer ehemaligen Kirche, die für eine der Glasgower Universitäten zu einem hübschen kleinen Theater umgestaltet wurde. Das Amateurorchester hat hier seine Heimat: Jazz statt Predigt. (Als man in der Sowjetunion Kirchen zu Kulturzentren umwidmete, ging ein Aufschrei der Empörung durch die westliche Welt. Vielleicht sollte man sich angesichts der radikal verringerten Zahl von Kirchenbesuchern – nein, nicht das sowjetische – das Glasgower Beispiel zum Vorbild wählen. An Jazzclubs mangelt es auch anderswo.)

Seit die Vokalgruppen der dreißiger und vierziger Jahre wiederentdeckt wurden, häufen sich überall auf der Welt deren Kopien. Sie versuchen noch nicht einmal, das Original zu überbieten wie Remakes im Kino, sie bemühen sich um keine zeitgenössische Version wie Neuinszenierungen auf der Bühne. Sie sind reine Imitatoren, Abziehbilder mit Ton. Verglichen mit ihnen haben Elvis-Presley-Ähnlichkeitswettbewerbe den Vorzug der Komik. Die Swingcats sind die schottische Variante der geklonten Andrews Sisters. Und wenn schon bei ihnen die Synchronisation der läppischen Gesten gespenstisch wirkte, so wird der Parallelismus nicht nur zwischen den drei Sängerinnen, sondern, über die Jahrzehnte hinweg, zudem mit ihren Vorbildern, von denen das letzte vor fünf Monaten gestorben ist, zu einem Horrortrip des Maschinenzombies, des automatisierten Wiedergängers. Selbst das Lächeln scheint mechanisch erzeugt. Und Fluch der Technik: die Schallplattenaufnahmen beweisen, dass die originalen Andrews Sisters doch um einiges besser sangen.

Zu den wenigen Höhepunkten des Glasgow Jazz Festivals 2013 gehörte der Auftritt von Chris Dave & The Drumhedz. Der Saxophonist, der Gitarrist und der Elektrobassist, die mit dem Schlagzeuger Chris Dave aus Houston sein aktuelles Quartett bilden, spielen ohne Pause und mit rasantem Tempo, vital, einfallsreich. Insbesondere die Gitarre, die an Sonny Sharrock erinnert, ergänzt das virtuose Schlagzeug des Bandleaders ideal. Der muss sich nicht der Hochstapelei bezichtigen lassen, wenn er seinem Quartett in der Nachfolge von Art Blakey oder Max Roach seinen Namen gibt. Das hätte auch Olive Millen gefallen.

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erstellt am 01.7.2013

Blind Boys of Alabama

Glasgow Jazz Festival 2013
26.-30.06.2013

Informationen & Programm

Strathclyde Youth Jazz Orchestra (Foto: John Wood)
Bobby Wellins (Foto: William Ellis)
Chris Dave