Karolingische Darstellung vom Heiligen Martin
Karolingische Darstellung vom Heiligen Martin, der seinen Mantel mit einem Bettler teilt
Essay über das Mitleid

Auf ein Lächeln

Von Pete Smith

»Zart wäre einzig das Gröbste: daß keiner mehr hungern soll.«
Theodor W. Adorno

I

Du sitzt in einem Café, in dem du der einzige Gast bist. Zwei gelangweilte Kellner, die raumschwere Stille und hinter der Scheibe die lautlose Stadt. Ein junger Mann serviert deinen Espresso, dazu ein Tellerchen mit zwei mandelbestückten Feigen als Geste des guten Willens. Ein leises Unbehagen trübt den Genuss, da du der einzige Gast bleibst, von deinen zwei Euro wird noch nicht einmal einer der Kellner satt, die Miete gar nicht eingerechnet, die bequemen, nach Leder duftenden Sessel, die schwarz lackierten Tische, die glänzende Edelstahltheke – alles neu, alles sauber, alles unbenutzt –wie könnte sich dein Aufenthalt da rechnen.

Du allein in einem Café mit zwei Kellnern und der Frage, ob das, was du empfindest, Mitleid oder Selbstmitleid ist, doch die Antwort bleibst du dir schuldig.

Den Ingwertee, den du später bestellst, serviert der junge Kellner mit demselben ausdruckslosen Lächeln wie vorhin, dazu zwei mandelbestückte Feigen und ein randvolles Gläschen Honig. Hinter der Scheibe die lautlose Stadt. Autos rasen, Menschen hasten vorüber. Ein alter Mann bremst den Verkehr. Still stehen die, die wahrgenommen werden wollen: der Krumme mit dem struppigen, grauen Haar, der nie aufsieht; der Beinlose im Rollstuhl, der dich immerfort anstrahlt, als sei er dein Freund; die Frau mit den winzigen Äuglein, die dir weismachen will, dass die Leute sich vor ihrem hässlichen Antlitz erschrecken und du der einzige bist, der ihr hilft.

Ob sie es nötig haben zu betteln oder ob sie Stütze bekommen oder ob sie nicht ebenso gut arbeiten könnten – bei jenen kommen dir solche Gedanken nicht, sie gehören zu deinem Viertel. Aber die Punker mit den verwahrlosten Hunden. Das aufdringliche Paar am Ticket-Automaten. Die Frau mit der bunt bemalten Pappe „Ich habe Hunger!“. Neben den Punkern sammeln sich leere Bierdosen, die Verliebten tragen Markenklamotten, die Hungernde raucht wie ein Schlot.

Ohne Skrupel gehst du auch an den hutzligen Mütterchen mit Kopftuch vorbei, den blutjungen Mädchen mit schreienden Babys im Arm und den Männern, die ihre wettergegerbten Stümpfe zur Schau stellen. Für sie wäre dein Almosen sowieso kein Gewinn, du bist gewarnt, dass in der Großstadt Banden ihr Unwesen treiben, die das Leid der uralten Mütterchen, blutjungen Mädchen und beinamputierten Männer ausnutzen, um sich an dir zu bereichern.

Bei den Straßenmusikern verweilst du gern. Den Iren mit dem seltsamen Gitarrenskelett hörst du ebenso gern spielen wie den glatzköpfigen Saxophonisten und die flötenden Mädchen. Ohne zu zögern fütterst du das Maul ihrer Koffer mit Münzen – warum? Weil sie dein Almosen verdient haben? Weil du für deine paar Kröten etwas bekommst? Eine Stimmung, ein Gefühl, die unerwartete Erinnerung an eine längst vergessene Begegnung…

II

Mitleid setzt Anteilnahme voraus, sticht aber tiefer als jene. Mitleid schmerzt. Jeder Schmerz, sofern nicht chronifiziert, alarmiert uns über eine leibliche Gefährdung. Ist Mitleid ein Warnsignal unserer Seele?

Wie unser Schmerz, ist auch unser Mitleid Empfindung. Mitleid fühlen wir, wenn wir das Leid eines anderen nicht ertragen. Mitleid setzt Identifikation voraus. Unser Einfühlungsvermögen indes verlangt ein moralisches Urteil. Nur wenn einem ein Übel widerfährt, „der es nicht verdient“ (Aristoteles), empfinden wir Mitleid: Die Rentnerin, die im Mülleimer nach Pfandflaschen wühlt, rührt uns mehr als der jugendliche Schnorrer. Ihr glauben wir, dass sie leidet, ihm nicht. Nah liegen die Attribute mitleidig und verächtlich beieinander. Mitleid setzt keinen Respekt voraus. Während wir Mitleid empfinden, ist unsere Achtung Ausdruck einer Haltung: Werfe ich dem Bedürftigen mein Almosen vor die Füße oder drücke ich es ihm in die Hand.

Wenn uns unser Mitleid auch schmerzt, so ist der Schmerz doch keiner, den wir selbst erleiden. Unser Mitleid bleibt unverbindlich, aus dem Gefühl keimt nicht notwendigerweise eine Tat. „Schlecht und unnütz“ sei unser Mitleid, befindet Spinoza und stellt ihm als tätige Schwester das Wohlwollen zur Seite: unser Streben, das Leid eines Unglücklichen zu beenden. Juden, Christen und Muslime nennen das Barmherzigkeit (Misericordia), für Gläubige ist sie sowohl eine Tugend als auch eine Pflicht.

Mitleid bedarf unserer Einbildungskraft, jene jedoch setzt Nähe oder Wahrnehmung voraus. Ein Blinder spaziert an einem erfrierenden Bettler mitleidslos vorbei. Verhungernde Menschen im Sahel gehen uns nichts an, solang wir von ihrem Schicksal nicht erfahren. In der globalisierten Welt müssen ferne Unglücke inszeniert werden, um unser Mitleid zu erregen – und über diesen Umweg unser Wohlwollen zu gewinnen.

Warum empfinden Menschen Mitleid und andere nicht? Müssen wir selbst einmal Schmerz gefühlt haben, um den Schmerz eines Mitmenschen nachzuempfinden? Ist unser Mitleid, wie Lessing glaubte, in Wahrheit eine verkleidete Angst – unsere Furcht, das Unglück des Opfers selbst zu erleiden? Sind wir, indem wir Mitleid empfinden, von uns selbst eingenommen oder selbstlos?

Nietzsche geht in seiner Betrachtung „Menschliches, Allzumenschliches“ noch einen Schritt weiter. Nicht wir sind es, die Mitleidigen, die selbstsüchtig sind, sondern jene, die ihr Unglück zur Schau tragen, um unser Mitleid zu erregen – schreiende Kinder, wimmernde Patienten, Bedürftige, die sich in ihrem Elend suhlen: Unser Mitleid sei den Leidenden eine Tröstung, da sie darin trotz all ihrer Schwäche Macht ausübten – „die Macht, wehe zu tun“. Der Unglückliche empfinde geradezu eine Lust dabei, unser Mitleid zu erwecken. Jene erwacht im Gefühl einer Überlegenheit – immer noch wichtig genug zu sein, um der Welt Schmerzen zu bereiten. „Somit ist der Durst nach Mitleid ein Durst nach Selbstgenuss“, folgert Nietzsche, „und zwar auf Unkosten der Mitmenschen; es zeigt den Menschen in der ganzen Rücksichtslosigkeit seines eigensten lieben Selbst.“

III

Mitleid schmerzt. Auslöser unseres Schmerzes ist ein Mangel, den wir anderen zuschreiben: der Mangel an Gesundheit, der Mangel an Glück, der Mangel an Fürsorge oder Aufmerksamkeit, der Mangel an materiellen Gütern. Im städtischen Alltag werden wir vor allem von jenen affiziert, deren Ressourcen offensichtlich nicht einmal dazu ausreichen, um ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen. Von denen, die wir als arm erachten.

Armut jedoch ist ein abstrakter Begriff, der erst im gesellschaftlichen Kontext Bedeutung erlangt. Arm ist ein Mensch im Vergleich zu anderen, egal ob wir Armut als ökonomisches oder soziologisches Phänomen betrachten. Wer arm ist, ist anderen gegenüber im Nachteil. In seinem (Überlebens-)Kampf steht er meistens allein da, worauf wohl schon der germanische Ursprung des Adjektivs hindeutet: armazverwaist und vereinsamt. Armut, so viel ist sicher, bedeutet Ausschluss. In aller Regel ist daran das Ende gesellschaftlicher Teilhabe geknüpft.

Wer arm ist, bestimmt die Gemeinschaft – bisweilen über Ländergrenzen hinweg. Definitionen von absoluter Armut (weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag) oder relativer Armut (weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens in einem Land) sind dürftig, ein Behelf. Das Absolute ist für die einen das Ganze (Gott), für die anderen das Nichts. Ein hungernder Mensch in Burundi oder Liberia ist zwar absolut, nicht aber relativ arm.
Wer in Afrika oder Asien täglich um sein nacktes Überleben kämpft, wer hungert, durstet, verwahrlost und seinen Kindern schlimmste Entbehrungen zuzumuten gezwungen ist, der verdient unser Mitleid ohne Wenn und Aber.

Wer in Deutschland ohne Arbeit ist, auf Sozialleistungen angewiesen, wer auf gesundes Essen, modische Kleidung, Besuche in Cafés, Eisdielen, Restaurants, Schwimmbäder, Kinos, Discotheken und Theater verzichten und dieses Opfer auch seinen Kindern abnötigen muss: Verdient auch er unser Mitleid? Verdient er es ohne Wenn und Aber?

Wenn wir unser Mitleid als Impuls für unser Wohlwollen und unser Wohlwollen wiederum als Impuls für nachhaltiges Handeln begreifen, so müssen wir unsere Handlungsoptionen hinterfragen. Können wir über die Linderung der Armut hinaus dazu beitragen, deren Ursachen zu beseitigen? Wie lässt sich gesellschaftliche Teilhabe sichern oder wiederherstellen?

Die Ursachen für Armut sind je nach Standpunkt absolut (gottgegeben) oder von Menschen verschuldet (relativ): Dürre, Überschwemmungen, Erdbeben, Ressourcenknappheit und regionale Abgeschiedenheit auf der einen Seite, Krieg, Korruption, Landraub, Diskriminierung, Überbevölkerung, Staatsverschuldung, ungenügende Infrastruktur, Familienzerfall, Bildungsmangel und der erschwerte Zugang zu den globalen Märkten andererseits. Sogar von einer sich selbst reproduzierenden Armut, von einer Armutskultur ist die Rede, versinnbildlicht durch den Neologismus Hartz-IV-Dynastie. Unberührt von aller Ursachenforschung bleibt die Frage, ob eine hoch entwickelte Gesellschaft wie die unsere auf ihre Bedürftigen möglicherweise sogar angewiesen ist: Sind sie doch die schwarzen Schafe, die Sündenböcke und die Schindmähren, die in Krisenzeiten als erste zur Schlachtbank geführt werden.

Angenehmer als die Bettler und Flaschensammler sind uns grundsätzlich jene, die unseres Mitleids trotz ihrer augenscheinlichen Mittellosigkeit nicht bedürfen. Die zwar arm, aber nicht ärmlich sind, die ihr Leben nicht aus der Hand geben wollen und auf jegliche Sozialleistungen verzichten. Anerkennend ehren wir ihren Mut, preisen ihre Sparsamkeit, loben ihre Bescheidenheit und wundern uns heimlich, wie bedürfnislos sie doch sind. Die Klaglosen verdienen unser Mitleid. Wer sein Elend bejammert, reizt uns zum Widerspruch. Oder zu wohlfeilen Ratschlägen.

Armut ist keine Schande, heißt es, aber das ist nicht wahr. Auch unser Mitleid macht Mittellose verächtlich, und eben jene, die ihre Armut vor anderen verbergen, schämen sich zu Tode. Ihre Scham wiederum erregt unser Mitleid mehr als die Tatsache, dass sie unserer Hilfe bedürfen. Auf unser Mitleid können sie verzichten, auf unser Wohlwollen nicht. Die größte Achtung gebührt dabei jenen, die, um den Bedürftigen zu helfen, selbst entbehren. Ein Kind, das sein Taschengeld einem Obdachlosen gibt, handelt barmherziger als ein Milliardär, der die Hälfte seines Vermögens für mildtätige Zwecke spendet.

IV

Hunger rührt unser Mitleid mehr als Armut, zumal wenn Kinder betroffen sind. Möglicherweise weckt das ungestillte Bedürfnis der Jüngsten unseren eigenen Überlebensinstinkt. Dennoch hungern weltweit 870 Millionen Menschen, sterben täglich 25.000 Menschen an Hunger, verhungert alle fünf Sekunden ein Kind. Noch nie in der Geschichte der Menschheit haben so viele Menschen gehungert wie in unserer Zeit, noch nie sind so viele an Entkräftung gestorben. Und das obwohl es heute, anders als noch vor 100 Jahren, keinen objektivierbaren Mangel an Lebensmitteln gibt. Aufgrund unseres technischen Fortschritts wäre die globale Landwirtschaft in der Lage, zwölf Milliarden Menschen zu ernähren. Zwanzig Cent pro Tag kostet es, um ein Kind mit allen wichtigen Nährstoffen und Vitaminen zu versorgen. Von den sieben leiblichen Werken der Barmherzigkeit, die die katholische Kirche ihren Mitgliedern abverlangt, steht die Speisung der Hungrigen an erster Stelle.

Während du schreibend über den Hunger nachdenkst, suchst du Schutz in der Abstraktion. Zahlen und Fakten entziehen dem Hunger das ihm eigene Gefühl. Über Armut zu schreiben fällt dir leichter. Obgleich du dich selbst nie als arm wahrgenommen hast, kennst du das Gefühl des Mangels und die damit verbundene Scham.

Nein, Hunger hast du nie empfunden, Heißhunger und Begierde schon. Wenn deine Mitschüler in der Pause zum Bäcker liefen und danach ihre Amerikaner oder Rosinenschnecken vertilgten. Wenn dir dein Freund voller Stolz seine neue Schallplatte vorspielte, die du dir selbst schon lange wünschtest. Als deine Klasse auf Abschlussfahrt ging und du daheim bliebst. Nie hast du dir das anmerken lassen. Aus Stolz. Aber auch aus Loyalität. Das Eingeständnis deiner Sehnsucht wäre dir wie ein Verrat an deiner Mutter vorgekommen, deren Sparsamkeit und Selbstlosigkeit dich vor tatsächlichen Entbehrungen bewahrten. Der Opfer wegen, die sie dir und deinen Geschwistern brachte, hast du sie oft bemitleidet. Die Äpfel, die du vom Straßenrand aufsammeltest, die Pflaumen, die du von öffentlichen Bäumen pflücktest, das Gemüse, das du vom Bauern stahlst: Rückblickend betrachtet waren sie weniger Ausdruck deines Wohlwollens als Gesten des guten Willens.

V

Ist das Mitleid, das wir anderen gegenüber empfinden, tatsächlich Selbstmitleid, sind unsere Almosen in Wahrheit Ablasszahlungen zur Läuterung unserer Seele?

Schopenhauer definiert drei Triebfedern unseres Handelns: den Egoismus (der das eigene Wohl will), die Bosheit (die das fremde Wehe will) und das Mitleid (welches das fremde Wohl will). „Jede Liebe, die nicht Mitleid ist, ist Selbstsucht.“ Der beste aller denkbaren Menschen sei von Mitleid erfüllt. Er werde „zuverlässig keinen verletzen, keinen beeinträchtigen, keinem wehe tun, vielmehr mit jedem Nachsicht haben, jedem verzeihen, jedem helfen, so viel er vermag, und alle Handlungen werden das Gepräge der Gerechtigkeit und Menschenliebe tragen.“

Unsere Gegenwart wirkt unbarmherzig und mitleidlos, Gerechtigkeit und Menschenliebe sind geradezu die natürlichen Feinde des freien Markts. Mitleid stünde einem Investmentbanker schlecht zu Gesicht. Er investiert, um das ihm anvertraute Geld zu vermehren. Je höher seine Gewinne, desto größer sein Prestige, desto höher sein Rang. Geld schafft Macht. Macht fühlt sich gut an. Letztlich geht es ihm darum: sich gut zu fühlen. Gut fühlt sich der, der kraft seines Einsatzes, seiner Intelligenz, seiner Anpassungsfähigkeit, seiner Instinkte oder seiner Überredungskunst die Vorgaben seines Vorgesetzten erfüllt, von jenem gelobt oder belobigt wird, eigenen Wohlstand mehrt und eigenes Ansehen steigert. Eine Marge von 25 Prozent erreicht ein Investmentbanker nicht, wenn er darüber nachsinnt, wem sein Investment womöglich schadet. In diesem Punkte weiß er sich mit seinem Vorstand einig. Ein Firmenlenker kann sich Mitleid nicht leisten. Mitleid ist lästig. Er ersetzt es durch Verpflichtung – der eigenen Familie, seinen Aktionären und bestenfalls auch seinen Mitarbeitern gegenüber.

Der freie Markt verträgt kein Mitleid und schon gar kein Gewissen. Den Staat verträgt er auch nicht, weil im Gemeinwesen ein gemeines Gewissen schlummert. Zum Besten aller soll sich der Staat aus den Märkten heraushalten. Doch in einer Demokratie übt das Volk die Staatsgewalt aus, kann der Staat nur funktionieren, wenn sich seine Bürger einmischen. Eine Ordnung, die auf Privatisierung, Deregulierung und Rückführung der Staatsquote gründet, die den Handel mit Waren wie auch die Verteilung der Güter den Handelspartnern überlässt, ist ihrem Wesen nach undemokratisch. Das libertäre Postulat, Überbau der neoliberalen Weltsicht, dient den Starken – die Armen schützt es nicht.

VI

Zwei Jahrzehnte Globalisierung haben ein Heilsversprechen der Neoliberalen als Illusion oder Lüge entlarvt: dass mit der ungehemmten Entwicklung der Märkte auch der weltweite Hunger abnehme und letztlich verschwinde. Das Gegenteil ist der Fall.

Als Reaktion auf die globale Finanzkrise 2007 sind die Großbanken und Hedgefonds aus dem Immobiliengeschäft ausgestiegen, um mit Rohstoffen zu spekulieren. Bereits im ersten Krisenjahr nahm der Handel mit Landwirtschaftsderivaten an den Börsen um mehr als 30 Prozent zu. Obwohl sich das Kapital im globalen Nahrungsmittelmarkt kräftig erhöhte, blieb die landwirtschaftliche Produktion gleich – mit der Folge, dass die Preise für Grundnahrungsmittel rasant anstiegen: der Welternährungsorganisation zu Folge allein bis März 2008 um 70 Prozent. Lagerung und Transport von 85 Prozent aller gehandelten Grundnahrungsmittel – vor allem Mais, Getreide und Reis – werden von zehn global agierenden Gesellschaften kontrolliert. Ebenso der Preis.

Während weltweit 870 Millionen Menschen hungern, werden allein in den Industrienationen jährlich 300 Millionen Tonnen Lebensmittel in den Müll geworfen (die allein ausreichen würden, um alle hungernden Menschen zu ernähren) und Hunderte Millionen Tonnen in Form von Bioethanol und Biodiesel verbrannt. Die Rettung der Banken nach der Finanzkrise war den Industriestaaten mehr als eine Billion Dollar wert. Drei Milliarden Dollar sind nötig, um weltweit alle hungernden Schulkinder ein Jahr lang zu sättigen.

„Es gibt keine Ohnmacht der Demokratie“, sagt der Schweizer Soziologe Jean Ziegler. „Alles, was es braucht, ist der Aufstand des Gewissens.“ Gewissenhafte Regierungen könnten den Börsenhandel mit Grundnahrungsmitteln verbieten, den Import von Agrartreibstoffen unterbinden und die Entschuldung der ärmsten Länder vorantreiben. Gewissenhafte Banken könnten in nachhaltige Entwicklungsprojekte investieren und das Geschäft mit Nahrungsmittelspekulationen ächten. Gewissenhafte Bürger könnten ihre Wahlstimme und ihr Konsumverhalten an ihr Wohlwollen binden.
„Jedes Kind, das heute an Hunger stirbt“, sagt Ziegler, „wird ermordet.“

VII

Ist der Mangel, einmal erduldet, eine Leerstelle, die bleibt? Ein Bedürfnis, das gestillt, eine Sehnsucht, die erfüllt werden will? Ist der erlebte Mangel Voraussetzung unseres Mitleids, unseres Wohlwollens, einer entschiedenen Tat?

Du allein in einem Café mit zwei Kellnern und der Frage, ob das, was du empfindest, ein Schmerz oder Phantomschmerz ist, doch die Antwort bleibst du dir schuldig. Wenn dein Schmerz eine Pein ist, ist er zugleich eine Strafe: egal ob dich der Anblick eines unglücklichen Menschen mitleidig stimmt oder peinlich berührt.

Der Kellner bringt dir die Rechnung. Du gibst ihm ein Trinkgeld, aber dadurch lässt dein Unbehagen nicht nach. Du trittst hinaus, tauchst ein in die Stadt, die dich aufnimmt wie einen der Ihren. Autos rasen vorbei, Menschen hasten vorüber. Wer still steht, wartet. Auf eine Zuwendung. Auf ein Lächeln. Darauf, dass etwas geschieht.

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erstellt am 01.7.2013

»Das Mitleid ist die wahre Quelle aller echten Gerechtigkeit und Menschenliebe.«
Arthur Schopenhauer

»Das Mitleid ist die letzte Weihe der Liebe, vielleicht die Liebe selbst.«
Heinrich Heine