Medienberichte aus Krisenregionen erreichen uns immer gefiltert. Geschrieben werden sie von Korrespondenten, die oft genug die Lage vor Ort nur aus der Ferne verfolgen. Ihr Blick ist westlich verzerrt, das können auch Kurzreisen in die Region nicht verhindern. So landen zur Zeit zuhauf abstrakte Informationen über die Gefechtslage in Syrien auf die Topstufe der Nachrichtenskala. Sie werden bestürzt konsumiert, ein tieferes Verständnis kann nicht entstehen.
Anders geht Navid Kermani auf diese Themen zu. Schon seine Kenntnisse über Besonderheiten der islamischen Kultur und die selbsterlebte Konfrontation mit Vorurteilen haben ihn für perspektivische Verzerrungen sensibel gemacht. Mehrfach ist er in die Krisenregion gereist, die sich von Kaschmir über Pakistan, Afghanistan und Iran bis in die Arabische Welt und bis an die Stacheldrahtgrenze Südeuropas erstreckt. Auch Kermani reist zum Teil „embedded“, bei seiner ersten Afghanistanreise ist er Gast der Bundeswehr. Diese Einbindung beeinflusst seine unabhängige Haltung jedoch nicht. Erkennbar bemüht sich der Islamwissenschaftler, Autor und Journalist, die ideologische Brille in keiner Blickrichtung zu dulden. Er spürt Vorurteilen nach, benennt den guten Willen des Einzelnen und die Systemfehler im Gesamten.
Im Gespräch mit Knut Wenzel, Professor für Systematische Theologie, Fundamentaltheologie und Dogmatik am Fachbereich Katholische Theologie der Goethe Universität Frankfurt, hat Navid Kermani in der Autorenbuchhandlung Marx & Co in Frankfurt sein Buch Ausnahmezustand. Reisen in eine beunruhigte Welt vorgestellt und zu aktuellen Fragen Position bezogen. Am heißesten Tag dieses Sommers drängten sich die Zuhörer in dicht gesetzten Reihen, um Kermanis Bericht zuzuhören. Als er seine Erlebnisse in einem syrischen Krankenhaus beschreibt, herrscht beklommene Stille. (pol)

NAVID KERMANI from Faust-Kultur on Vimeo.

Video: Alexander Paul Englert/Faust-Kultur

Reportage aus Syrien

Die Intensivstation

Von Navid Kermani

Kai und ich verabreden uns mit einem Fahrer, der uns an allen Checkpoints vorbei in eine der verwüsteten Gebiete rund um Damaskus zu schleusen verspricht. Auf einer mehrspurigen Straße, an der rechter Hand zerstörte Häuser zu sehen sind, fahren wir auf den Standstreifen und biegen auf ein müllübersätes Feld ab. Unser Taxi ist nicht das einzige Auto, das sich über das ziemlich unebene Gelände müht, und es ist auch nicht dunkel, sondern hellichter Tag. Der kleine Pendelverkehr zwischen Krieg und Frieden scheint also hingenommen zu werden.

Die Stadt, in die wir gelangen, wirkt auf den ersten Blick menschenleer. Die Wände der mehrstöckigen Häuser sind von Einschußlöchern leichter und schwerer Geschütze übersät, kaum ein Fenster heil, auf dem Beton gesplittertes Glas, leere Patronen, die Spuren von Panzern und verstreute Abfälle, die Rolläden der Geschäfte heruntergelassen und teilweise umgebogen, so daß man hineinschauen kann, alles Inventar darinnen geplündert. Wahrscheinlich haben die streunenden Hunde auch ihren Anteil gehabt. Nach der vierten Kreuzung entdecken wir doch einzelne Menschen, eine Frau mit zwei Einkaufstüten zunächst, einen Straßenzug weiter auch Kinder. Wir passieren Häuserzeilen, die zum Teil noch bewohnt scheinen, Wäsche auf dem Balkon, eine Bäckerei, vor der sich eine kleine Schlange gebildet hat, hier und da Straßenhändler mit Obst oder Lebensmitteln. Dann wieder einige hundert Meter vollkommene Stille. Mit dem Strom ist es auch merkwürdig, größtenteils scheint er nicht zu funktionieren, aber dann fahren wir durch eine Straße, in der die Laternen am hellichten Tag leuchten. An einem abgebrannten Krankenhaus gehe ich entlang, um einen Einstieg zu suchen, und stoße in der Seitenstraße auf das Schild einer gynäkologischen Praxis. Ich steige einige Treppen hinab und stehe plötzlich einigen Männern und Frauen in grünen, staub- und rußbedeckten Kitteln gegenüber, die genauso erschrocken zu sein scheinen wie ich. Ich stelle mich vor und frage, ob ich mir das Krankenhaus anschauen dürfe. Eine Ärztin zögert einige Sekunden, blickt zu ihren Kollegen, bevor sie mit einem sehr traurigen Gesichtsausdruck nickt. Darf ich den Photographen holen? Frage ich. Wieder zögert die Ärztin und blickt sich um. In Ordnung, sagt sie schließlich und tritt mit mir auf die Straße, um dem Fahrer zu zeigen, wo er unauffällig parken kann. Dann führt sie uns durch die dunklen Flure, in denen das Wasser knöchelhoch steht und die Stromkabel von der Decke hängen. Sie seien erst vor drei Tagen zurückgekehrt, um so gut es geht aufzuräumen, erklärt die Ärztin. Offenbar sind die Angreifer durch die Flure gelaufen und haben in jedes einzelne Arzt-, Behandlungs- und Krankenzimmer Bomben oder etwas Ähnliches geworfen, keine Granaten scheint es, weil die rußgeschwärzten Wände nicht aufgerissen sind. Die Fensterscheiben sind zersplittert, sämtliche Einrichtungsgegenstände bis auf die Eisengestelle verkohlt, die Krankenbetten, die Rollstühle, die Liegen, alles nur noch Gerippe.
– Wer waren die Angreifer? frage ich.
Die Ärztin kann es nicht genau sagen, weil die gesamte Belegschaft mitsamt den Patienten geflohen sei, als die Armee in das Viertel einrückte. Aber sie vermute natürlich, daß es Milizen waren.
– Schabiha?
– Wer sonst? antwortet die Ärztin.
Dann führt sie mich zur Intensivstation, die im obersten Geschoß liegt. Drei Patienten hätten sie gehabt, die nicht aus dem Krankenhaus getragen werden konnten, zwei sehr alte Männer und einen Jungen, außerdem einen Pfleger, der sich geweigert habe, die Kranken zurückzulassen. Wir treten in die Intensivstation, die einmal aus vier Betten mit den dazugehörigen Apparaten bestand. Die Bettgestelle mit den hochgestellten Rückenlehnen sind noch vorhanden, auch die Gehäuse der Apparate. Die Ärztin muß uns nicht darauf hinweisen, wir sehen es selbst: An drei der Rückenlehnen, genau in Höhe der Köpfe, befinden sich die Einschußlöcher von zahlreichen Kugeln, die durch das Bettgestell gingen und in der Wand steckengelieben
sind, sowohl von Pistolen als auch von Gewehren, Kalaschnikows, um genau zu sein. Unter den Betten, ebenfalls in Kopfhöhe, sind die Blutlachen getrocknet. Es gibt keine anderen Einschußlöcher in dem Raum, es ist nicht gekämpft worden. Die Schüsse zielten einzig und allein auf die drei Rückenlehnen in Höhe der Köpfe. Nur an einer einzigen anderen Stelle sehen wir die Kugeln in der Wand und das getrocknete Blut auf dem Boden. Hier muß der Pfleger gestanden haben. Kann die Situation gestellt gewesen sein? Wir kamen zufällig an dem Krankenhaus vorbei, kein Mensch konnte mit unserem Besuch in dem abgesperrten Gebiet gerechnet haben. Erkennbar hatten die Ärzte, Schwestern und Pfleger gerade erst mit den Aufräumarbeiten begonnen. Und der Schock, der ihnen ins Gesicht geschrieben stand, wirkte erst recht nicht gespielt.
– Dürfen wir berichten, dürfen wir auch von der Intensivstation
Photos machen? frage ich noch einmal.
– Ich muß den Direktor fragen, sagt die Ärztin, die in ihrer Nervosität
niemanden findet, zu dem sie sich fragend umschauen kann.
– Er kommt, sagt sie, als sie mit dem Direktor telefoniert hat.
Doch der Krankenhausdirektor kommt auch nach dem zweiten Anruf nicht. Als die Ärztin zum dritten Mal angerufen hat, seufzt sie, er käme doch nicht: Ihm sei gesagt worden, daß sie alle tot seien, wenn von der Intensivstation jemand erführe. Die Ärztin berät sich mit ihren Kollegen, die in den Raum getreten sind, und erteilt am Ende Kai die Erlaubnis, auch von den Rückenlehnen Photos zu machen.
– Es wird einmal ein Gericht geben, vor dem Beweise vorzulegen
sind, erkläre ich.
– So Gott will, ist es nicht erst das Jüngste Gericht, sagt die Ärztin.
Kai hat die Photos nicht veröffentlicht, und an der Beschreibung des Ortes habe ich einige Details so verändert, daß das Krankenhaus nicht auf Anhieb zu identifizieren ist. Die genauen Angaben mitsamt den Bildern haben wir einer geeigneten Institution übergeben. Daß ich überhaupt davon schreibe, mag dadurch gerechtfertigt sein, daß Menschenrechtsorganisationen zahlreiche Berichte über beschossene, gestürmte, angezündete Krankenhäuser gesammelt haben, auch über Patienten, die im Krankenbett erschossen
wurden. Aber der Leser wird mir glauben, daß es ein Unterschied ist, ob man davon liest oder die Rückenlehnen mit eigenen Augen sieht.

Auszug aus: Navid Kermani, „Ausnahmezustand, Reisen in eine beunruhigte Welt”. © Verlag C.H. Beck, München

Die vorliegende Reportage entstand in Syrien im September 2012

Navid Kermani, geb. 1967, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Er ist habilitierter Orientalist und Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Für seine Romane, Reportagen und wissenschaftlichen Werke wurde er vielfach ausgezeichnet.

Kommentare


streese - ( 04-07-2013 09:18:54 )
"Ungeheuer ist viel, doch nichts
Ungeheuerer als der Mensch."
(Fr. Hölderlin, Antigone-Übersetzung, 1804)

Kommentar eintragen









erstellt am 30.6.2013

Navid Kermani bei seiner Lesung in der Autorenbuchhandlung Marx & Co, Frankfurt, 17. Juni 2013. Foto: Alexander Paul Englert

Navid Kermani
Ausnahmezustand
Reisen in eine beunruhigte Welt
Gebunden, 253 Seiten
ISBN 978-3-406-64664-5
Verlag C.H. Beck, München 2013

Buch bestellen

Audiomitschnitte aus dem Gespräch zwischen Navid Kermani und Knut Wenzel in der Autorenbuchhandlung Marx & Co., Juni 2013
Audios © Andrea Pollmeier

Ist der gute Wille in Afghanistan eher kontraproduktiv?
hier

Die einzigen Kräfte, die in Syrien für die Demokratie einstehen, sind gerade diejenigen, die von niemandem unterstützt werden. hier

Navid Kermani. Foto: Alexander Paul Englert

Siehe auch:
SCHWERPUNKT SYRIEN