das halbe wort

Fouzia Taibi

„Ein Gedicht kennt keine Nationalität!“ sagt Fouzia zu mir am Telefon. Da hat sie selbstverständlich recht. Es wäre ein Missverständnis zu glauben, dass wer hier vorgestellt wird, in die Schublade „Migrantenliteratur“ geschoben werden soll. „Ich mache Migrationsliteratur. Ich schreibe Literatur, die wandert, die unterwegs ist. Obwohl ich gar keinen Migrationshintergrund habe. Interessant ist doch, wenn wir davon abkommen, ein deutscher oder polnischer Autor zu sein. Es sollte Aufgabe der Literatur sein, diese Festschreibungen zu zersetzen.“ So Martin Lechner bei „fernsprechende – Lesungen und Ortsgespräche auf der Suche nach der Literatur als Muttersprache“ in der Lettrétage am 6. bis 7.Oktober 2012. Meine Aufgabe ist es hier, deutsche Gegenwartsliteratur vorzustellen, die spannend und anders ist, die eine gewisse Qualität und vor allem Talent zeitigt.

Fouzia sagt: „Die Lyrik ist das Unglaublichste, das Wundervollste, das Kraftvollste. Durch Lyrik werden einzelne Worte zu Geschichten.“

Hätte sie „Thamazighirt inu“ geschrieben, wenn sie nicht andere „Wurzeln“ hätte? Ist das nicht, worüber wir reden? Wären ihre Worte andere, wenn sie „urdeutsch, ohne andere Wurzeln wäre“?

Trotzdem: „Bin a Frankfurter Mädsche“, sagt sie. Das ist sie! Und vor allem: sehr talentiert.

Jannis Plastargias

texte

Von Fouzia Taibi

Thamazighirt inu – Meine Heimat

Die Thamazighirt meines Herzens, der Raum in dem ich mich frei bewege.
Fliege.
Wandere.
Bin. Sonnenstrahlen erhitzen die Gemüter.
Trotzdem überall schallendes Gelächter.
Parkende Esel neben parkenden Autos.
Bettler, die ignoriert werden, neben Fleisch- und Gemüsekäufern. Verkäufern.
Sitzend. Bunte Gerüche, überall. Der Staub wirbelt.
Nimmt sich vieles heraus. Verschmutzt einiges.
Nicht schlimm, im ewigen Schatten ruhen einige.
Die Thamazighirt, in der ich wohne, ist schillernd und grell.
Atemberaubend familiär und gelegentlich verräterisch.
Selbstbewusst stolzieren die Bewohner
durch die kleinen, brüchigen, verstaubten Gassen. Sie lieben es.
Gelegentlich.
Wiederum hassen sie es.
In unserer Thamazighirt ist Routine der Auslöser jeden Übels.
Ewig sich wiederholende Worte
und Taten ohne die geringste Hoffnung auf Bewegung.
Meine Thamazighirt ist die Schönste.
Ich habe dich vor einer halben Ewigkeit verlassen.
Zurückkehren werde ich immer wieder.
Irgendwann für immer.
Meinen Seelengruß da lassend.
Dahin zurückkehrend
wo meiner Seele Leben eingehaucht wurde
und es ihr wann Gott will wieder genommen wird.
Mich und meine Thamazighirt verbindet großer Respekt und eine innige Liebe.
Sie besucht mich in meinen Träumen und freut sich über mein
Kommen, über mein
Dasein und über mein kurzes Bleiben.
Zur Begrüßung glänzt jede Lehmhütte in strahlendem Beige.
Selbst die kleinen Moscheen strahlen und strotzen vor Eleganz und freuen sich
über meine Anwesenheit.
Thamazighirt inu.
Ja Thamazighirt inu.
Ich bekenne mich zu dir voller Stolz und freue mich
ein Teil von dir zu sein.
Mein Ziel ist es, irgendwann in deinen Armen einzuschlafen.
Du bist meine Mutter in meinem Vaterland.
Hältst deine Arme stets offen.
Bittest mich ständig zu bleiben.
Doch, ich muss gehen.
Meine letzte Reise führt mich zu dir.
Thamazighirt meines Herzens.

Arbeitsalltag

Sie stellen mir Fragen
Ich antworte
Sie sind nervös
Ich beruhige Sie
Sie legen das Gepäck auf das Rollband
Ich lächele
Ich händige Ihnen ihre Bordkarten aus
Sie lächeln und gehen
Sie gehen
Ich bleibe
Sie gehen und ich bleibe
Ich stelle mir Fragen
Keiner antwortet
Ich bin nervös
Keiner beruhigt mich
Ich nehme das Gepäck entgegen
Sie lächeln
Sie gehen
Ich bleibe
Sie gehen und ich bleibe, bleibe …

Welch Melancholie

umkreist
mein Herz
Beschattet diese
graue Erscheinung
Die Bei lebendigem Leib begraben
wird
Trüb stimmen mich die schwarzen Tage
Welch wandelnde Melancholie
Zerplatzen meine Träume wie Seifenblasen
Lässt sie verschwinden
als wären sie nie existent gewesen.
Die Melancholie
ist die dunkle
Zone in meinem Leben
die Angst
und
Verluste vergegenwärtigt
Und um Freude mich beraubt.
Ihr Schatten
Gewaltig
Mein Körper
kraftlos
Möchte mich gegen sie auflehnen
Betrügen.
Welch Melancholie
umkreist
mein Herz …
Das frage ich mich jedes Mal
Wenn
sie mich heimsucht

Siehe auch:
DAS HALBE WORT

Kommentare


Fouad Mourabit - ( 04-01-2015 07:56:06 )
Salam Mo3aleikum Schwester Herz,

Sorry das ich dich wieder anschreiben muss, warst gerade in meine Gedanken, habe deinen Namen im Google eingegeben, und habe diese Schöne Thamazighirt inu – Meine Heimat gesehen... Mashalla Adeimig Arabi Albaraka afouzia....Sorry für mein Handeln in der Vergangenheit....Fouad

Salam Mo3aleikum Schwester.

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erstellt am 26.6.2013

Fouzia Taibi
Fouzia Taibi

Fouzia Taibi wurde 1984 in Benni Sadden/Marokko (Nähe der Königsstadt Fes) geboren. Seit 1990 lebt sie in Frankfurt am Main und ist gelernte Kauffrau für Bürokommunikation. Jedoch arbeitete sie nie in diesem Beruf, sondern wandte sich früh kulturellen und schriftstellerischen Tätigkeiten zu. Seit ihrem 12. Lebensjahr schreibt sie Poesie, Prosa und Kurzgeschichten.

Ihre Vorliebe gilt besonders der arabischen Lyrik und Literatur. Sie ist seit Januar 2008 Mitglied im Literaturclub der Frauen aus aller Welt e.V.
 
Veröffentlichungen:
Afrika Taschenkalender 2010, Brandes & Apsel Verlag, Gedicht „Wortlandschaften“