Buchkritik

Von der Geschichte gezeichnet

Channah Trzebiners Debüt „Die Enkelin“

Von Eugen El

Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ist bunter, unübersichtlicher geworden. Seit den 1990er Jahren sind zehntausende jüdische Familien aus der ehemaligen Sowjetunion eingewandert. Die postsowjetischen Juden brachten eine anders geprägte Erinnerungskultur mit, andere Traditionen, ein zum Teil anderes Verständnis des Judentums. Dies alles fordert die alteingesessenen Gemeindemitglieder heraus. Die neue Heterogenität der jüdischen Community spiegelt sich auch in der Literatur wider. So erzählt zum Beispiel Lena Gorelik von der speziellen Migrationserfahrung, die eine doppelte ist: man muss sich in die Mehrheitsgesellschaft und in die jüdische Kultur zugleich integrieren. Channah Trzebiner hingegen spricht für die 'Dritte Generation' – als Enkelin von Holocaustüberlebenden, die sich nach Kriegsende im westlichen Teil Deutschlands niederließen. 1981 in Frankfurt geboren, ist Trzebiner in einer der bundesweit stärksten jüdischen Gemeinden aufgewachsen. Es waren Frankfurter wie Ignatz Bubis, die die jüdische Gemeinschaft der Bundesrepublik maßgeblich aufgebaut und selbstbewusst durch die Herausforderungen der Nachkriegszeit gebracht haben. Auf junge Menschen, exemplarisch vertreten durch Trzebiner und Gorelik, wird es ankommen, wenn auch zukünftig ein gelungenes Zusammenleben von Alteingesessenen und Einwanderern in den jüdischen Gemeinden – und außerhalb – gelingen soll.

Trzebiners schriftstellerisches Debüt „Die Enkelin“ ist autobiografisch gefärbt. Es erzählt vom Leben einer jungen Jüdin in Deutschland unter der Allgegenwart des Holocaust. Die Familie der Ich-Erzählerin ist emotional anstrengend. Nichts wird ausgespart, keine Belastung aus der Vergangenheit, keine Tragödie aus der Gegenwart. Inmitten all dieser Prüfungen versucht die Erzählerin die Fassung zu bewahren. Als prägend erweisen sich für sie vor allem ihre starke Bindung an die jüdische Tradition, Kultur und Geschichte sowie an ihre Familie. Sie identifiziert sich stark mit ihren weiblichen Verwandten, erzählt aber auch von ihrer intensiven Beziehung zu ihrem Großvater, mit dem sie Jiddisch spricht. Die jiddischen Passagen versteht man nur zum Teil. Durch ihre Verschrobenheit lockern sie aber die sonst sehr sachliche, manchmal gar hölzerne Sprache des Buchs auf.

Von Bedeutung ist die speziell weibliche Perspektive der Ich-Erzählerin, deren Reflexion Trzebiner viel Platz einräumt. Auch die Beziehung zu ihrem nichtjüdischen Freund beschäftigt sie sehr. Immer wieder zweifelt die Protagonistin (wie auch ihre jüdischen Freunde) an der Verbindung zu einem Deutschen, der so anders ist als die jüdischen Männer und vielleicht auch weniger Verständnis für manche kulturelle Eigenheiten aufbringt. Nicht selten scheint die Erzählerin an der deutschen, nichtjüdischen Umwelt zu verzweifeln. So beklagt sie deren Arbeitswut, Steifheit und familiäre Ungebundenheit. Dieses Unbehagen ist durchaus glaubwürdig, wenn auch ein wenig stereotypisch. Und doch berührt es die Grundfrage dieses Buchs nach der fortgesetzten Präsenz der Geschichte in der Gegenwart.

Zuhause in Frankfurt lässt die Vergangenheit die Ich-Erzählerin nicht los. Bezeichnend ist die Szene während eines Vorstellungsgesprächs bei einer Bank, als die Protagonistin sich damit beruhigt, dass ihre Großmutter im Holocaust weit Schlimmeres durchleiden musste. So gewinnt sie Distanz zur aufgesetzten Betriebsamkeit der Großbank. Hier grenzt die Gegenwart der Vergangenheit ans Absurde. Aber auch in Israel bleibt die Geschichte präsent, muss sich die Ich-Erzählerin doch dafür rechtfertigen, dass sie ausgerechnet im Land der Täter lebt. In New York, der Stadt mit der weltweit größten jüdischen Gemeinde, wird der Erzählerin deutlich bewusst, wie schwer es ist, als Jüdin in Deutschland zu leben. Die Selbstverständlichkeit der Juden in New York vermisst sie in Deutschland, das für sie ein „emotionales Gefängnis“ ist.

Alles in allem erscheint „Die Enkelin“ wie ein autobiografischer Bericht. Es ist weniger ein Roman, denn oral history. Und doch muss man Trzebiners Mut loben, Stellung zu beziehen, sich öffentlich zu äußern. Damit zählt sie zu den selbstbewussten, jungen Stimmen, die für die hochgradig dynamische jüdische Gemeinschaft in Deutschland sprechen. Es stellt sich die Frage, wie sich diese Gemeinschaft angesichts des gerade stattfindenden Generationswechsels und der kulturellen Pluralisierung positioniert. Geht es nach Dieter Graumann, dem derzeitigen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, so soll sie sich wieder positiv und weniger über die traumatische Geschichte definieren können. Channah Trzebiners Debüt zeigt, dass dies kein einfaches Unterfangen werden dürfte.

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erstellt am 25.6.2013

Channah Trzebiner, Foto: Harald Schröder

Channah Trzebiner, Diplom-Juristin, 1981 in Frankfurt am Main geboren, wo sie heute lebt und derzeit promoviert. »Die Enkelin« ist ihr erstes Buch.

Channah Trzebiner
Die Enkelin
Gebunden, 242 Seiten
ISBN 978-3-86337-028-2
weissbooks.w, Frankfurt am Main 2013

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