Thomas Brasch (1945-2001)

Nach dreijähriger gemeinsamer Arbeit haben Martina Hanf, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Berliner Akademie der Künste und die Literaturwissenschaftlerin Kristin Schulz Thomas Braschs gesammelte Gedichte unter dem Titel »Die nennen das Schrei« herausgegeben. Jamal Tuschick hat mit den Herausgeberinnen gesprochen.

Editorisches Mammut

Thomas Brasch – Die nennen das Schrei

Die Wiederauferstehung eines Dichters aus dem Archiv

Von Jamal Tuschick

„Ein Gedicht braucht ganz wenige Menschen, um durchzukommen“.
Christoph Meckel

Die Ästhetik war „Außer Atem“. Thomas Brasch (1945 – 2001) trieb die Abgrenzung bis zur Pose und schrieb Gedichte für die Köchin im Ganymed bei Gelegenheit. Dann schrie er aus dem Fenster seinen Verdruss. Das hörte man nebenan, wo das Berliner Ensemble ist. Das Ende im Blick vor dem Anfang: das ist das erste Gesicht der Gedichte von Thomas Brasch. Der Fatalismus der Geschichte summt darin sein Lied vom Sozialismus. Der Kampf geht immer nur „um eine Niederlage“. „Wer unterliegen will, muss siegen“.

1998 übernahm die Berliner Akademie der Künste das private Archiv von Thomas Brasch einschließlich der Geburtsurkunde. Martina Hanf, wissenschaftliche Mitarbeiterin, organisierte die Prozesse der Einlagerung und betreut weiterhin die Sichtung in der Akademie. Nun hat sie, nach drei Jahren gemeinsamer Arbeit mit der Literaturwissenschaftlerin Kristin Schulz, Braschs gesammelte Gedichte unter dem Titel „Die nennen das Schrei“ im Suhrkamp Verlag herausgegeben.

„Die nennen das Schrei“ ist auch ein editorisches Mammut mit seinen tausend Seiten und rund fünfhundert Gedichten – etwa dreihundert aus dem Nachlass und hundertfünfundachtzig erstmals veröffentlichten. Wo kommt die Liebe zur Sache her und wie gegenwärtig ist Brasch in Ihren Augen?

Hanf: Die Braschsachen machen mich trunken. Darin steckt eine Kraft, die nur selten auftritt. Ich finde, Brasch als Dichter ist absolut gegenwärtig. Man darf sich aber auch nichts vormachen: Autoren überleben kaum je noch ihren Tod.

Frau Hanf, Sie sind Brasch persönlich begegnet?

Ja, zuerst auf Feten im Prenzlauer Berg. Das ist lang her, „da konnte man noch DDR zu uns sagen”. Als Brasch dann sein Archiv der Akademie gab, fingen wir an, uns zu unterhalten. Einmal sagte er: „Wehe, du lässt mich in den kleinen Särgen (Archivkästen) liegen“.

Er hat sich selbst immer wieder an einen Rand getrieben. Anders ging Kunst für ihn nicht. Er konnte einen in die Verzweiflung führen. Es war schwer, Ordnung in sein Werk zu bringen. Alle Frauen, die mit ihm zusammen waren, haben das wohl versucht, aber ab 1996 lebte er schließlich allein am Schiffbauerdamm, gleich neben dem Berliner Ensemble. Allein in einem Chaos. – Allein für das Brunke-Konvolut braucht es dreißig Archivkästen.

Es ist alles sofort da, schon im ersten Band, einem Poesiealbum aus dem Jahr 1975, die Graphik von Einar Schleef. (Das war monatliche Lyrik in der DDR, für neunzig Pfennig am Kiosk. Auch Hồ Chí Minh bekam sein Poesiealbum. Das Leben blutet aus Augen & Ohren, viel ist (wie) für das Theater geschrieben, es gibt Kursivschriftstellen, die sich als Regieanweisungen lesen lassen.)

Hanf: Ja, das Poesiealbum 89. Dafür wäre der Bernd Jentzsch (Herausgeber) beinah entlassen worden, da hat die Zensur geschlafen. Darin kommt die Stasi als Firma vor.

Frau Schulz, Sie sind Müller-Spezialistin, was haben Sie von Brasch?

Auch Braschs Krieg fand ohne Schlachten statt, Heiner Müller schrieb ihm einen Hass zu, „der in dieser Welt den Vätern zukommt“. In Müllers Besprechung von „Vor den Vätern sterben die Söhne“ und „Kargo“ erkennt der Rezensent die eigene Versteinerung. Außerdem sagt er: „Ich weiß nicht, was sie dort (in der Bundesrepublik) für Folgen haben werden, in der DDR wird nach dem Erscheinen seiner Bücher Vor den Vätern sterben die Söhne und Kargo niemand mehr so schreiben können, als ob er sie nicht geschrieben hätte. Wie es ist, bleibt es nicht.“ „Kargo“ ist übrigens viel Prosa, wir haben „Kargo“ im Band wie Konterbande untergebracht, damit diese Brasch-Prosa nicht verschwindet.

Müller erklärt außerdem Braschs „Land-Wechsel“ sehr effektiv: „Die Generation der heute Dreißigjährigen in der DDR hat den Sozialismus nicht als Hoffnung auf das Andere erfahren, sondern als deformierte Realität. Nicht das Drama des Zweiten Weltkriegs, sondern die Farce der Stellvertreterkriege (gegen Jazz und Ringelsocken). Nicht die wirklichen Klassenkämpfe, sondern ihr Pathos.”

Darin steckt ein Vorwurf der Uneinsichtigkeit, Müller überzieht damit auch „Kargo:“ Er schreibt: „Die Ungeduld, zu warten, bis der Schock Erfahrung wird“.

Schulz: Ja, Müllers Termine mit der Geschichte waren andere, folglich auch seine Reaktionen auf „die Geburtsfehler der sozialistischen Frühgeburt DDR“. Müller ist im Material geblieben. (Leben im Material: das ist die Verbindung einer Biografie mit der Geschichte eines Landes).

Für Müller war die DDR eine Baustelle, für Brasch ist sie eine Mischung aus Knast und Irrenhaus gewesen. Da ist ein Staat zerfallen: extremistisch gesprochen, wie eine Tonform für Literatur. Ihre überlegene Ästhetik formulierte sich im Widerstand gegen die Absurdität einer verordneten Literatur.

Schulz: Sie entstand unter einer Skulptur aus literarischem Schrott. Dieser Untergrund hatte in Pankow eine Anschrift, ein Wohnzimmer als Salon. Friedrich Christian Delius erzählt das gern: wie er fünfundsiebzig zum ersten Mal Brasch trifft, den Dichter des „Poesiealbum 89“. Delius besuchte Brasch und Katharina Thalbach auch in der Wilhelm-Pieck-Straße. Er sah die Manuskripte von „Vor den Vätern sterben die Söhne“ und von „Kargo“ und ist gleich begeistert. Der Text gelangte unter der Hand in den Westen, Brasch wurde zu Honecker gelassen, aber „Vor den Vätern sterben die Söhne“ und „Kargo“ konnte trotzdem so nicht in der DDR erscheinen wie es seinem Autor nötig erschien. Brasch drohte Gefängnis, das denkt man heute nicht mehr.

Gefängnis kennt er schon, das geht nicht mehr als neue Erfahrung. Er hat die Wahl zwischen Wiederholung und weg. Er überlässt anderen das Feld seiner Erfahrungen. Nicht, dass Westberlin ihm passen könnte. Nichts passt mehr richtig.

Hanf: Obwohl der Erfolg ihm auf dem Fuß folgt, eingeleitet von einem „Spiegel“-Gespräch, das eins vor allem anderen klarstellen soll: Thomas Brasch ist nicht als Dissident in den Westen gekommen. Er hätte plakative Kritik an der DDR auch als Verrat an seinem Vater empfunden. Biermanns Ausbürgerung hielt er für (vom Staat) abgesprochen mit Biermann.

Er redete immer von „seiner kleinen DDR“. Als es die nicht mehr gab, hat es ihm die Sprache verschlagen. Brasch, das war der Egomane im Kollektiv: eine Antinomie, aber so entsteht Kunst.

Was haben Sie ausgelassen?

Hanf: Unfertiges. Entwürfe. – Und das Gedicht, für das er 1961 den Gerhart Hauptmann-Preis bekommen hat. Da hat Brasch die Publikation selbst ausgeschlossen.

Das Gespräch führte Jamal Tuschick

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erstellt am 24.6.2013

Thomas Brasch
Die nennen das Schrei
Gesammelte Gedichte
Herausgegeben von Martina Hanf und Kristin Schulz
Gebunden, 1029 Seiten
ISBN: 978-3-518-42345-5
Suhrkamp Verlag Berlin 2013

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JIM MORISSON

Ich bin der Sänger nicht das Lied.
Ich zieh den Vorhang auf,
leer ist die Szene.
Nichts geschieht. Ich springe auf die Bühne
und schrei ins Dunkel meine kalten Zweifel.
Vier Hände plätschern lau Applaus.
Ich flüstere meine Liebe in den Saal.
Ein dürres Lachen hüpft zu mir.
Ich schlage Salto, verrenke Arme, Beine.
Nichts. Nur Dunkel und Geflüster.
Ich reiß die Kleider mir vom Leib und
zeig die Schrammen, Narben, Flecke vor,
die müde Trauer, den kleinen Haß –
sie leg ich aufs Tablett –
stolzier zur Rampe. Nichts.
»Alles, was ich in mir finde, zeig ich euch,
alles, was ich weiß von mir, will ich euch sagen…«
Wie ein Blitz fährt kaltes Licht in das Theater:
Alle Köpfe auf die Brust gesunken. Tief im Schlaf.
Durch die Reihen geh ich, seh Gesichter,
hör die Träume durch die Schädel schleichen.
Kriech zur Tür. Verschlossen.
Wieder auf die Bühne. Nehm das Messer und
zerschneide meine Sprache. Blut fällt auf die Bretter.
Mein Gesicht zieh ich vom Kopf wie eine Haut
und die Masken aus der Tasche.
Sprech mit fremder Stimme fremde Worte
geh mit fremden Schritten fremde Wege
wechsel Haut und Hemden
bin ein Bauer, bin ein Präsident
und vergesse, wer ich war.
Bin das Lied, bin nicht der Sänger.

Gedicht von Thomas Brasch. Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags, Berlin 2013