Buchkritik | Lyrik

Erinnerungen an Thomas Brasch

Von Rainer Weiss

In diesem nasskalten, lichtscheuen Frühjahr 2013 erschien bei Suhrkamp ein fast tausendseitiger Wälzer: „Die nennen das Schrei“ versammelt das gesamte lyrische Werk von Thomas Brasch (1945-2001). Ich muss auf diesen Autor, zwölf Jahre nach seinem Tod, aufmerksam machen, muss an ihn erinnern.

Thomas Brasch schrieb Gedichte, Prosa und Stücke, war genialer Übersetzer, besser: Nachdichter von Tschechow, übertrug, meist von Claus Peymann beauftragt, eine ganze Reihe von Stücken Shakespeares in ein wunderbar klares und robustes Deutsch, schrieb Drehbücher, drehte Filme (wie „Engel aus Eisen“ mit dem fabelhaften Hilmar Thate) … Brasch war getrieben von der Gier nach Leben, von Zorn und Wut, besessen von einem Brechtschen Arbeitsethos, ein Künstler, der sein Glück nicht fand, nicht in der DDR, wo er als Sohn eines hohen Funktionärs aufwuchs, und nicht im Westen, der damaligen Brandtschen Bundesrepublik, in die er 1976 wechselte. Trotz großer Erfolge, vor allem am Theater, trotz bedeutender Preise und Ehrungen, trotz Anerkennung, die er erfuhr, blieb er aber einer, der nicht dazugehörte, ein Rebell, der sich und seinen Ort zu suchen nicht aufgeben konnte.

Ich weiß nicht, ob ich sein Freund war. Aber wir waren uns nahe, zumal wir miteinander zu arbeiten hatten, und Arbeit war ihm das Wichtigste; ich war sein Lektor mehr als ein Jahrzehnt. Und ich behaupte: Als Lyriker war und ist Thomas Brasch einer der herausragenden, der bleibenden „Stimmen“ des 20. Jahrhunderts. Dieser Band, „Die nennen das Schrei“, beweist es nachdrücklich.

DER GLÜCKLICHSTE BIN ICH ALLER DIEBE

aus einer Weltenkammer voll Haß und Wut
hab ich mir gestohlen die Liebe
und zeige lachend mein Diebesgut
So mach es, Annette, mein Liebes, gut.

„Aus einer Weltenkammer voll Haß und Wut/ hab ich mir gestohlen die Liebe/ und zeige lachend mein Diebesgut“ – oder, an Heinrich Heine gewandt: „Das Lieben hat ihn krank gemacht/ Die Krankheit liebte ihn/ Hat ihm sein Lächeln ausgelacht/ Und ihn in den Tod geschrien“ – oder: „Tränen heute und Lieder/ Bäume verdunkeln den Mond/ Ich komme immer wieder/ Dorthin wo keiner mehr wohnt.“

An allen Ecken und Enden dieser Gesammelten Gedichte begegnet man dem Mann, der sich dem schmerzlichen Konflikt seines Denkens und Empfindens mit seiner Zeit und ihrem „Geist“ stellte, in der er fremd war und blieb, unbehaust, voller Sehnsucht nach Utopie(en), glücklich, wenn er arbeiten konnte an Projekten, die so groß waren, dass die Mühen, die sie brauchten, ihm oft den Atem zu nehmen drohten („Ich will doch nur das Atmen lernen …“, wie es in einem der späteren Gedichte heißt).

T.B. AN T.B.

Nein, jetzt geh nicht an einen fremden Ort:
Du würdest uns und uns die Zeit vertreiben:
Bevor wir schreiben dieses, welches Wort
bleibst du, denn Weggehn heißt jetzt Dazubleiben.

Wovon ist hier die Rede: fliehen oder such
Ich will doch nur das Atmen lernen
Bist du es? Ich? Den ich verlaß verfluch.
Dann komm zu dir statt mich so zu entfernen.

Ich erinnere mich an zahlreiche Begegnungen: an erste Gespräche in einer der vielen Berliner Kastanienalleen, bei denen er mir verdeutlichte, was er von mir und seinem Verlag erwartete, an viele Besuche in einer Schöneberger Altbauwohnung, in denen mir klar wurde, dass wir es miteinander aushalten mussten, er, der den Verlag Brechts als Resonanzraum seiner Bücher brauchte, und ich, der diesen Verlag liebte und seinen Verleger, an unzählige Ausbrüche eines Temperaments, das aus nichtigem Anlass eine biblische Anklage formulieren konnte, die dann wiederum – auf herumliegenden Zetteln, auf Briefpapier, in Faxen, umgehend verschickt – zu Gedichten, Notaten, bestechenden Aphorismen führte. Ich vergesse nicht seinen Humor, seine Intensität, sein Zuschnappen, wenn er einen falschen Ton hörte, ich vergesse nicht, wie zart er sein konnte und wie treu er war – zum Beispiel in seiner Beziehung zu seinem „Lebensmenschen“, zu Katharina Thalbach. Ich erinnere mich an meinen letzten Besuch in Braschs Wohnung am Schiffbauerdamm, als zu sehen war, dass dieses Genie nicht mehr lange zu leben hatte, und ich erinnere mich an eine todtraurige Beerdigung, die dennoch einen Glanzpunkt hatte: Fritz J. Raddatz‘ Rede auf einen Dichter, ein ergreifender Abschied von einem Freund – von einem, der gegeben hatte und dem doch selbst nur schwer zu helfen war. „Das Land, das ICH heißt, ist mir kalt,/ es ist mir leer und färbt mich alt./ Doch dort willst du geborgen sein,/ ja, geh dahin und bleib allein.“

Mit „Die nennen das Schrei“ liegt ein gewaltiges Buch vor, fabelhaft ediert von Martina Hanf und Kristin Schulz, ein poetischer Kosmos. „Wer in mein Leben will, muß in mein Zimmer“, schrieb Thomas Brasch einmal – und mit diesem Buch gelangt man zu ihm, ins Innerste eines singulären Schriftstellerlebens.

Gedichte von Thomas Brasch, mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags, Berlin 2013

Rainer Weiss ist Verleger in Frankfurt am Main (weissbooks.w)

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erstellt am 24.6.2013

Thomas Brasch. Foto: Harald Schröder

»Als Lyriker war und ist Thomas Brasch einer der herausragenden, der bleibenden ›Stimmen‹ des 20. Jahrhunderts.«

Thomas Brasch
Die nennen das Schrei
Gesammelte Gedichte
Herausgegeben von Martina Hanf und Kristin Schulz
Gebunden, 1029 Seiten
ISBN: 978-3-518-42345-5
Suhrkamp Verlag Berlin 2013

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