Er produziert fleißig eine CD nach der anderen. Aber nach der bulimischen Schrumpfung des Tonträgermarktes und der Beschränkung auf den Vertriebsweg des weltweiten Netzes fehlt seiner Musik die öffentliche Präsenz. Alfred Harth, improvisierender Saxophonist seit den 60er Jahren, beteiligt am Sogenannten Linksradikalen Blasorchester, an Cassiber, dem Otomo Yoshihide New Jazz Orchestra und vielen anderen Ensembles der avancierten Liga, lebt und arbeitet seit der Jahrtausendwende als Komponist und Multimediakünstler im koreanischen Seoul.

jazz

Musik der Geräusche

Von Thomas Rothschild

Älteren Lesern ist er vielleicht noch in Erinnerung: Alfred Harth, der zusammen mit Heiner Goebbels, inzwischen unter anderem als Intendant der Ruhrtriennale erfinderisch, die deutsche Musikszene bereichert hat – im Duo oder auch im Sogenannten Linksradikalen Blasorchester sowie in späteren Formationen diversen Zuschnitts wie Cassiber oder Duck & Cover. Mittlerweile ist er mit einer Koreanerin verheiratet und lebt vorwiegend in Ostasien, hat aber, was im Jazz nicht ungewöhnlich ist, ständig internationale Kontakte. Dass Harth in Asien neue Anregungen erfahren hat, ist nicht zu überhören. Zugleich aber erweist sich die zeitgenössische Musik mehr und mehr als ein Esperanto, das universell funktioniert. Ursprünglich waren das Saxophon und andere Holzblasinstrumente Harths Domäne. Schon frühzeitig aber experimentierte er mit Möglichkeiten der Elektronik und des Sampling sowie mit der Überschreitung musikalischer Grenzen hin zu anderen Künsten.

Harths Musik ist gekennzeichnet durch die Sprengung überlieferter Formen, ohne deshalb formlos zu sein. In der Nachfolge des Bruitismus hat er im vergangenen Jahrzehnt Geräusche unterschiedlichster Provenienz und in reicher Fülle mehr und mehr als Material benützt, das der tonalen oder auch atonalen Musik „natürlicher“ Instrumente gleichrangig oder sogar vorherrschend eingesetzt wird. Dabei nimmt er Anregungen des Free Jazz auf, geht aber weit darüber hinaus. Wer in der Entwicklung des Materials eine politische Dimension erkennt wie der allzu früh auf tragische Weise ums Leben gekommene Kritiker der FR Wilhelm E. Liefland, würde Alfred Harth attestieren, dass er konsequenter als die meisten seiner deutschen Weggefährten von einst gegen reaktionäre Tendenzen ankämpft. Wenn man dieser These folgt, kann man behaupten, dass Alfred Harth innerhalb der Musikszene jene Ausnahme repräsentiert, die im politischen Bereich ebenso rar geworden ist. Der politische Anspruch wird auch in einzelnen, gerne auch wortspielerischen Titeln bekundet, die allerdings eher Erinnerungen abrufen als ein unmittelbares Programm signalisieren.

Für diese Rezension lag eine Auswahl von CDs vor, die Harth, der sich auch Alfred 23 Harth nennt, im vergangenen Jahrzehnt aufgenommen hat, teils im Alleingang, teils im Duo mit Carl Stone, sowie mit Hans Joachim Irmler und mit Günter Müller, die er mit sich als Drittem zu einem Trio abgemischt hat, oder im Quartett mit Carl Stone, Kazuhisa Uchihashi und Samm Bennett. Die CD „kr./.jp“ ist kombiniert mit einer DVD, die den Titel „T_error“ trägt. Es handelt sich um eine Folge von elektronisch verfremdeten Film- und Videoschnipseln und Einzelbildern, deren Zusammenhang sich nicht unmittelbar erschließt, aber jede Menge Assoziationen zulässt. Neben Homemovie-Einstellungen, in denen auch Harth selbst zu sehen ist, stehen Fernsehaufnahmen aus aller Welt, man erkennt verstorbene und aktive Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und politische Ereignisse, aber auch William Burroughs oder Szenen aus „Fahrenheit 451“. Auch hier legt der Titel eine Spur. Das Thema „Terror“ und Error“ („Irrtum“) zieht sich durch die quirlige Montage.

Wer in den Geräuschcollagen, die übrigens empfindliche Boxen strapazieren könnten, die Orientierung verliert, ist gut bedient mit der CD „ONJO“ von Otomo Yoshihide's New Jazz Orchestra, in dem Alfred Harth diverse Blasinstrumente spielt. Neben Eigenkompositionen des Bandleaders findet man hier auch Stücke von Ornette Coleman oder Charles Mingus. Wenn man einen Vergleich sucht, findet man ihn am ehesten in Lester Bowies Art Ensemble of Chicago. Die Sprache des Jazz wird eben in Japan ebenso verstanden wie in den USA.

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erstellt am 21.6.2013

Alfred Harth
Alfred Harth
Alfred Harth: nu:clear reactor

Alfred Harth: nu:clear reactor
Recorded at LaubhuetteStudio Seoul in 2004
with A23H / Phil Minton / Yi Soonjoo / Choi Sun Bae / Oliver Griem / Joe Foster a.o.
2CD on O BACK CD, Korea

Alfred Harth: T_error

Alfred Harth: T_error
recorded at LaubhuetteStudio Seoul in 2005
with A23H / Kang Taehwan / Choi Joonyong / Hong Chulki / Otomo Yoshihide / Sachiko M / Bulent Ates a.o.
CD+DVD on slowalk, Korea

Alfred Harth/Carl Stone: Gift Fig

Alfred Harth/Carl Stone: Gift Fig
Kendra Steiner Editions #207

weitere cd's

Harth/Irmler/Müller: Taste Tribes
For4ears CD 1970

Otomo Yoshihide's New Jazz Orchestra: ONJO
dmf-102

Bennett/Harth/Stone/Uchihashi: The Expats
Kendra Steiner Editions #233