Wer Konzertangebote mit klassischer Musik anbietet, spielt ein Spiel mit vielen Bekannten. Wer sie attraktiv gestalten will, kann das Spiel um einige Unbekannte erweitern. Wichtig ist, dass dies intelligent geschieht. Thomas Rothschild beschreibt das Programmangebot im 2.Teil seines Berichts von den Ludwigsburger Schlossfestspielen.

Ludwigsburger Schlossfestspiele

Effekt und Substanz

Von den Ludwigsburger Schlossfestspielen, Teil 2

Von Thomas Rothschild

Auch die Ludwigsburger Schlossfestspiele kommen am Wagner-Jahr nicht vorbei. Sie feiern es freilich auf ihre Weise. Kein pathetischer „Tannhäuser“ und kein „Lohengrin“, sondern moderne Uminterpretation, ungefilterter Spaß. Dieter Ilg, einer der bedeutenden Kontrabassisten im deutschen Jazz, hat sich nicht zum ersten Mal an musikalisches Material aus dem „E-Bereich“ herangemacht. Es gibt zwar sogenannte „Standards“, die sich für Jazzimprovisationen besonders eignen, aber grundsätzlich kann der Jazzer jedes musikalische Motiv verwenden. Zusammen mit dem Pianisten Rainer Böhm und dem Schlagzeuger Patrice Héral hat sich Dieter Ilg diesmal aus gegebenem Anlass bei Richard Wagners „Parsifal“ bedient. Das Trio geht mit dem Material sehr frei um, wer seinen Wagner nicht gut kennt, mag auf die Idee kommen, dass die Musiker einfach vor sich hin improvisieren, denn rhythmisch ist das Ergebnis purer Jazz, der die Spuren einer Welt, in der es keine Blue Notes gibt, behände verwischt.

Mnozil Brass, das Bläserensemble von Musikkomödianten, das sich nach seinem Stammlokal in der Wiener Innenstadt benannt hat, ist nicht nur in Ludwigsburg und im Stuttgarter Raum ein gern gesehener Gast. Zur Zeit tourt es mit seinem Wagner-Programm „Hojotoho“ durch die Republik, und wer Mnozil Brass kennt, kann sich denken, dass Wagner eher als Running Gag denn als eigentliches Thema auftaucht. Wagners Figuren, seine Melodien und er selbst werden da munter durcheinander gemischt und mit allerlei Zutaten versehen, die mit Wagner so viel zu tun haben wie Mnozil Brass mit den Original Egerländer Musikanten oder der Blofeld aus dem vorausgegangenen Programm mit dem Namensgeber aus den James Bond-Filmen. Grundsätzlich unterscheidet sich das Blödeln des Septetts nicht von dem der früheren Programme, und darin liegt auch die Gefahr. Einen Kampf mit dem Drachen hatte Mnozil Brass bereits in „Irmingard“. Schade, er hätte gut zu Wagner gepasst. Der Witz, die bescheidenen choreographischen Einfälle, das bloße Sich-Blöd-Stellen erschöpfen sich mit der Zeit. Wären diese Blechbläser nicht auch hervorragende Musiker, bereitete es nicht Vergnügen, ihnen einfach zuzuhören, könnte sich mit den Jahren Überdruss einstellen.

Überdruss an Cecilia Bartoli zeichnet sich nicht ab. Jedenfalls nicht für ihre Fans. So präzise, so sauber in der Intonation, so differenziert in der Phrasierung, so suggestiv in den übermütigen oder tragischen Stimmungsvaleurs singt zurzeit kein Mezzosopran seine Melodiebögen und Koloraturen. Hier bilden Technik und musikalische Interpretation tatsächlich eine Einheit, wie man sie allenfalls von Plattenaufnahmen verstorbener Legenden kennt. Cecilia Bartoli gastierte diesmal, stilsicher begleitet von I Barocchisti unter Diego Fasolis, mit dem Programm ihrer jüngsten CD, die unter dem Titel „Mission“ den vergessenen Komponisten Agostino Steffani aus dem 17. Jahrhundert wiederentdeckt. Und welch ein Fund! Er lässt einen an der Vertrauenswürdigkeit des Repertoires zweifeln. Eine Arie ist schöner als die andere, und keine zwei klingen sich auch nur ähnlich. Wie zu erwarten, muss die Bartoli mehrere Zugaben liefern, darunter ihren Hit „Lascia la spina“ aus Händels „Il trionfo del tempo e del disinganno“. Wer da nicht hinschmilzt, dem ist nicht zu helfen. So viel Innigkeit stößt einfach an die Grenze des Erträglichen. Und versöhnt auch den Freund von Joe Cocker oder Tom Waits mit einer Schönheit, die manche für rettungslos anachronistisch halten.

Dass die Absicht, ein neues Publikum für die Ludwigsburger Schlossfestspiele zu akquirieren, durchaus Erfolg haben kann, bewies das ausverkaufte Konzert von Paco de Lucia. Hier sah und hörte man zahlreiche Spanier, die den bedeutendsten Flamenco-Gitarristen unserer Zeit erleben wollten, aber – nicht nur wegen der Preise – kaum zu Bartoli in das Ludwigsburger Forum kämen. Paco de Lucia ist für Flamenco, was Astor Piazzolla für den Tango war: der große Erneuerer. Mit seinem kleinen Ensemble, zu dem auch ein virtuoser Tänzer gehört, balanciert er auf dem schmalen Grat zwischen Show und Seriosität. Im Hintergrund stehen Palmen vor wechselnder farbiger Lichtregie, aber auf der Bühne wird, von den Tanzeinlagen abgesehen, auf Aktion verzichtet. Die ganze Aufmerksamkeit ist auf die Musik gerichtet, bei der wiederum Paco de Lucias Soli im Zentrum stehen. Man erinnert sich an seine Auftritte mit Al Di Meola, John McLaughlin und Larry Coryell. Den Flirt mit dem Jazz hat er hinter sich gelassen. Heute versöhnt er, technisch wie musikalisch, die Zigeunerfolklore des Flamenco mit der klassischen Gitarrenliteratur. Verstärker müssen dabei sein, mächtige Verstärker. Die Zeiten, da ein Andrés Segovia einen Saal dieser Größe ohne Mikrophon gefüllt hat, sind lange vorbei.

Ganz ohne Mikrophon kommen das Delian Quartett und der Pianist Anatol Ugorski aus. Genau genommen scheint kaum etwas logischer als die Kombination von Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“ mit den Präludien und Fugen von Dmitri Schostakowitsch, und doch gehört sie keineswegs zum Konzertalltag. Kaum ließe sich deutlicher demonstrieren, wie sich der Bogen formaler Konventionen über eine Zeitspanne von mehr als 200 Jahren spannt, wie tragfähig die Gattung der Fuge geblieben ist. Da die Werke für einen Abend allerdings zu umfangreich sind, wurde jeweils nur eine Auswahl präsentiert. Im barocken Ordenssaal des Ludwigsburger Schlosses hörte man acht Contrapuncte aus der „Kunst der Fuge“ in der Bearbeitung für Streichquartett, während drei der vierundzwanzig Präludien und Fugen von Schostakowitsch, die übrigens auch von Keith Jarrett eingespielt wurden, auf dem Klavier zu hören waren. Anatol Ugorski interpretiert die Stücke extrem trocken, fast mechanisch, als wolle er den russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts dem Vorbild und dem Klangbild des Barock annähern. Nach der Pause dann vereinigen sich das Delian Quartett und Ugorski für das Klavierquintett in g-Moll op. 57 von Schostakowitsch, das nun ganz den dramatischen, auch humorvollen Komponisten in Erinnerung ruft, dessen Kammermusik hinter seiner Sinfonik nicht zurücksteht. Dass das Scherzo als Zugabe wiederholt werden muss, ist fast voraussehbar: so überzeugend werden Effekt und Substanz selten zur Synthese gebracht.

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erstellt am 21.6.2013

Mnozil Brass: Hojotoho © T Bozi

Cecilia Bartoli © Uli Weber / Decca

Paco de Lucia © Curro Sanchez

Delian Quartett © Edith Held

Anatol Ugorsky