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Seiner Bündner Trilogie hat der Schweizer Schriftsteller Arno Camenisch das Gespräch zweier Freunde hinterher geschickt: Fred und Franz. Der Tonfall, den der Autor so unverwechselbar etabliert hatte, ist darin in eine neue Fassung gebracht.

Arno Carmenisch, Foto: Yvonne Böhler
Arno Carmenisch, Foto: Yvonne Böhler
Buchkritik

Es könnte manchmal so einfach sein

»Fred und Franz« von Arno Camenisch

von Bernd Leukert

Für die Bündner Trilogie ist der Schweizer Schriftsteller Arno Camenisch zu Recht mit vielen Preisen bedacht worden. Da bekam man in hochkonzentriertem Zustand eine abgesonderte Kultur aufgeführt, die sich auflöst, in der aber noch das anekdotische Erzählen, das eine kleine, traditionelle Gemeinschaft zusammenhält, lebendig ist. Da lagen das schmerzlich Berührende und das komödiantisch Groteske stets dicht beieinander. Und wer solche Gemeinschaften über eine längere Zeit erlebt hat, weiß, dass das nicht weit von der Realität ist. Die große Leistung Camenischs aber besteht im geradezu weltläufigen Umgang mit der surselvischen Begrifflichkeit, die in den steten Wechsel von Dialog und markierender Kurzbeschreibung integriert ist. Mit den Worten, die aus dem Französischen und dem Italienischen in das (freilich ins Hochdeutsch gebrachte) schweizerische Heimatidiom gezogen werden, werden wir auch mit einem fremden Denken bekannt gemacht, dem eine Tendenz zum Phantastischen eignet.

Im vierten Buch, das Arno Camenisch im Engeler-Verlag auf Deutsch veröffentlicht hat, hat er eine szenische Umkehr vorgenommen. Was sich zuvor relativ ort- und zeitgebunden abspielte, wird in „Fred und Franz“ auf eine rasch zirkulierenden Drehbühne gebracht: Die Schauplätze wechseln also (Vor dem Casino, Beim Holzhacken hinterm Haus, In der Sauna, Im Café, Vor dem Kiosk etc.), und es wird auch gelegentlich darauf Bezug genommen, die dialogische Girlande aber zieht sich als fortgesetzte Unterhaltung durch alle Szenen. Sie wird ganz und gar von den beiden Personen Fred und Franz bestritten. Dem Fred ist die Maria davongelaufen, der leichtlebigere Franz kommt nicht von der wilden, aber verheirateten Magdalena los. In vielen Variationen werden diese Themen immer wieder angespielt, aber natürlich spielen auch andere Frauen ein Rolle. Die ist denn hübsch, die Bäckerin, sagt der Franz. Ich weiss, sagt der Fred. Schöne Schultern, sagt der Franz. Graziös, gell, sagt der Fred. Es könnte manchmal so einfach sein, sagt der Franz. Gell, sagt der Fred. Nach wie vor sind die Gespräche lakonisch, kompakt, eben verdichtet. Dennoch verläßt sich Camenisch in diesem Buch allzu sehr auf das minimalistische Kammerspiel, so dass auch der Sprachwitz unter dem reduktionistischen Stil flach gehalten scheint. Ein Lieferwagen hupt und rast an ihnen vorbei. Es staubt. Huara Sauhund, ruft der Franz ihm nach und hebt die Flinte, der hätte uns fast überfahren. Mit fünf hat mich einer mal überfahren, sagt der Fred. Grad so will ich denn nicht enden, sagt der Franz. Der Doktor hat mir den Blechkasten aber wieder zusammengeschweisst, sagt der Fred. Ganz alle Schrauben hat er aber doch nicht mehr gefunden, sagt der Franz. Die zuvor im gleichen Verlag unter dem Titel „Las flurs dil di“ erschienene rätoromanische Fassung des Buches mag möglicherweise ganz anders wirken und das, was in der hochdeutschen Version defizitär wirkt, darin umso effektvoller hervortreten. Das zyklische, melancholische Gespräch der beiden Freunde Fred und Franz jedenfalls verlangt eine neue Disziplin des Lesens und des Lesers. Ich habe geschlafen wie ein Brecheisen, sagt der Franz und kratzt sich am Oberarm. Mensch sein ermüdet, sagt der Fred.

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erstellt am 19.6.2013

Arno Camenisch
Fred und Franz
ISBN 978-3-906050-06-5
Gebunden, Schutzumschlag
18,5 × 12 cm, 80 Seiten

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