Eine neue Ausstellung im Frankfurter Kunstverein geht der Frage nach, inwiefern das in der Gegenwart verbreitete Gefühl der Ohnmacht zu einer gestaltbaren Situation werden kann. Der Kunstverein zeigt Arbeiten der spanischen Künstlergruppe Democracia (Madrid) sowie des rumänischen Künstlerduos Mona Vătămanu & Florin Tudor (Bukarest). Begleitend findet eine vom Frankfurter Philosophen Felix Trautmann konzipierte Reihe von Podiumsdiskussionen, Vorträgen, Performances und Konzerten zur gesellschaftlichen Rolle der Polizei statt.

Faust Kultur dokumentiert hier exklusiv die Rede, die Alexander Klose, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Kulturstiftung des Bundes, bei der Ausstellungseröffnung im Frankfurter Kunstverein gehalten hat. In seiner Rede geht Klose unter anderem auf die Aktualität des Ausstellungsprojekts angesichts der jüngsten Ereignisse in Frankfurt und der fortdauernden Proteste in der Türkei ein.

Rede zur Ausstellungseröffnung

Ohnmacht als Situation

Von Alexander Klose

Um den funktionalistischen Zwängen und den Ideologien der modernen Gesellschaft zu entgehen, sollten, so Guy Debord, der Chefdenker der Situationistischen Internationale, verschiedene Mittel einer revolutionären und poetischen Lebenskunst angewandt werden, die sich auf die einzelne, konkrete Situation bezieht bzw. sich aus dieser entwickelt:

die spontaneistische Aktion,

das Verweigern einer totalisierenden, einen herrschenden Sinn bestätigenden Perspektive,

die Aneignung und kreative Umdeutung.

Dieser Werkzeugkasten situationistischer Mittel kann als bis heute wirksames Vermächtnis begriffen werden. Sie gehören seit dem Mai 68 zum Kernrepertoire phantasievoller politischer wie politisch gemeinter künstlerischer Praxis. Sie waren so erfolgreich, dass sich schließlich das System, gegen das sie sich richteten, selbst ihrer bemächtigte:

den Fake und die subversive Affirmation beherrschen heute virtuos Werbeagenturen in ihren Guerilla Marketing-Kampagnen;

poetisch aufgeladene Momente verschafft die imaginäre, von den eigentlichen Produkten abgelöste Kraft der Marken;

das Leben als eine Abfolge von immer wieder zu erneuernden Momenten kreativer Selbstschöpfung zu leben, ist heute eine Aufgabe, der sich das durchschnittliche Arbeitnehmer-Subjekt zu stellen hat, um nicht aus der post-industriellen Verwertungskette herauszufallen. Stichwort: flexibler Mensch.

Liegt nicht genau hier der Kern des weithin vorherrschenden Gefühls der Ohnmacht:

dass alle Momente des Lebens und Arbeitens und Protestierens und Schöpfens nur noch als herausgelöste Situation begriffen werden können und nicht als Teil eines größeren, selbstgewählten Entwicklungszusammenhangs?

Jeder Protest, jede Form der Abweichung und des Widerstands kommt letztendlich dort an, wo sich die neo-liberale, alle Potenziale verwertende Gesellschaft längst schon hin entwickelt hat.

Es gibt kein Entrinnen aus dem Spektakel.

„Warum sind moderne Protestbewegungen so kurzatmig?“

fragten sich noch kürzlich mehrere Autoren in deutschen, bürgerlichen Leitmedien mit Blick auf Gruppierungen wie Attac, Anonymous oder die in vielen Ländern entstandenen Piratenparteien. Und der Journalist Wolfgang Michal fasste für alle auf dem politischen Online-Portal carta.info zwei der wichtigsten Antworten zusammen:

Weil sie im Unterschied zu ihren Vorgängerinnen aus den 60er-, 70er- und 80er-Jahren keine stabile theoretische Grundlage haben und keinen festen Glauben an ein besseres Lebensmodell.

Was also hat es auf sich mit dem Titel „Ohnmacht als Situation“? Besteht nicht die Ohnmacht gerade darin, nur noch in Situationen zu leben, die nicht mehr die eigenen sind? Zumindest mit dem Teil ihrer Diagnose, der sich auf Weltbild und Glauben bezieht, könnte die eben zitierte Analyse falscher nicht liegen. Energie, gemeinsame Perspektive und das Bewusstsein einer möglichen besseren Zukunft können sich durchaus wieder – oder immer noch – aus der spontanen Aktion, dem situativ begründeten widerständigen Akt entwickeln.

Das haben die Arabellionen und andere große internationale Protestbewegungen der letzten Jahre bis zu den aktuellen Geschehen in der Türkei gezeigt – mit ihren Zeltlagern und Platzbesetzungen, ihren Graffiti-Aktionen und Maskeraden, ihrem Sprachwitz und nicht zuletzt ihrem souveränen, situationistischen Spiel mit den elektronischen Medien. Das Ende der Geschichte ist zu Ende. Wir sind nicht gefangen in einer endlosen Dauer des totalen Verwertungszusammenhangs. Poetische Umdeutung und die angeeignete, selbst hergestellte Situation können noch revolutionäre Kraft entfalten! Dazu brauchen sie keine Geschichtsphilosophie.

Das Ausstellungsprojekt „Ohnmacht als Situation“ kommt in einem historischen Moment, da das Gefühl der Ohnmacht vielerorts zurück in die Situation kippt und der Glaube an die Kraft des Protestierens und des Widerstehens sich erneuert.

So nicht zuletzt auch in jüngster Zeit hier in Frankfurt.

Allerdings war der große mediale Erfolg der Aktionen wohl zu weiten Teilen dem gewalttätigen Auftreten der Polizei zu verdanken und weniger dem Programm der Blockupy-Aktivisten:

„Ohne Polizei keine Randale.“

Dieser Satz, der das manchmal nahezu dialektische Verhältnis zwischen Protest und Staatsgewalt zum Ausdruck bringt, hat mit den jüngsten Frankfurter Ereignissen neue Aktualität erhalten.

Es ist ein großes Verdienst dieser Ausstellung, dass sie der schwierigen, oftmals problematischen Rolle der Polizei im demokratischen Gemeinwesen eine eigene Sektion widmet. Die Kulturstiftung des Bundes dankt dem Kurator der Veranstaltungsreihe, Felix Trautmann, und dem Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ für die Sorgfalt und Sensibilität, mit der sie die Positionen zusammengetragen haben.

Derselbe Widerspruch wie im Verhältnis zwischen Polizisten und Aufrührern findet sich – wenn auch auf einer anderen Ebene – in einem Ausstellungsprojekt wie diesem: Mit den Mitteln staatlicher Förderung befragt es Grundlagen von Staatlichkeit und staatlichen Handelns und bricht dabei möglicherweise das eine oder andere Tabu.

Doch dazu ist die Freiheit der Kunst da, insofern ist es kein Problem. Diese Freiheit muss jedoch immer wieder von neuem erkämpft werden, wie jede andere Freiheit, indem man sie in Anspruch nimmt. Und dazu gehört bisweilen Mut und Entschlossenheit.

Die Kulturstiftung des Bundes dankt dem Direktor des Frankfurter Kunstvereins und Kurator dieser Ausstellung, Holger Kube Ventura, sowie den Künstlerinnen und Künstlern und allen an dem Projekt Beteiligten für diesen Mut, unbequeme Positionen zu beziehen.

Danke, dass sie das Überspringen des zugleich poetischen und kritischen Funkens der Kunst bewahren und erneuern. Die Situation „entsteht im Alltag und erhebt sich aus ihm“ schrieb der den Situationisten nahestehende Philosoph und Soziologe Henri Levebvre. In diesem Sinne wünsche ich allen Besuchern dieser Ausstellung im Namen der Kulturstiftung des Bundes viele erhebende und erhellende Situationen.

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erstellt am 18.6.2013

Vâtâmanu / Tudor, “riots”, 2009
Foto: Wolfgang Günzel, © Frankfurter Kunstverein

Ausstellung

Ohnmacht als Situation. Democracia, Revolutie & Polizey

Frankfurter Kunstverein
Steinernes Haus am Römerberg, Markt 44, Frankfurt am Main

Bis 4. August 2013

Democracia, “Victima”, 2008
Foto: Wolfgang Günzel, © Frankfurter Kunstverein

Democracia, “Ser y Durar”, 2011

Vâtâmanu / Tudor, “Dance on the Earth”, 2013
Foto: Wolfgang Günzel, © Frankfurter Kunstverein